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Title: Der Fromme Tanz
Date of first publication: 1926
Author: Klaus Mann (1906-1949)
Date first posted: October 3, 2026
Date last updated: October 3, 2026
Faded Page eBook #20261007
This eBook was produced by: Delphine Lettau, John Routh, Mark Akrigg & the online Distributed Proofreaders Canada team at https://www.pgdpcanada.net
Alle Rechte vorbehalten.
Amerikanisches Copyright by Gebrüder Enoch 1926.
Printed in Germany
Gedruckt auf Alpha-Papier bei Hallberg & Büchting in Leipzig
Du kannst nicht sein, Du kannst Dich nur verschwenden,
Kannst bleiben nicht, die Erde wandert aller Enden,
Du kannst nicht sammeln, jedes Gold wird Blei,
Und nichts ergreifen, alles schwirrt vorbei,
Du kannst nicht wissen, denn es wird schon Trug —
Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.
Spruch von Ernst Bertram
Einer von uns muß das Lied singen, unser Lied.
Wie wird es sein?
„Anjar und Esther“
Einem Buche ein „Vorwort“ voransetzen, bedeutet ein Buch erklären wollen. Wer sein Werk und seine Bemühung zu erklären nötig hat, der gesteht damit auch die Notwendigkeit ein, seine Bemühung entschuldigen zu müssen.
Kein Buch vielleicht hat es nötiger, am Anfang gleich um Entschuldigung zu bitten, um seiner Wirrnis willen, als eines, das aus unserer Jugend kommt, von unserer Jugend handelt, und nichts sein, nichts bedeuten möchte, als Ausdruck, Darstellung und Geständnis dieser Jugend, ihrer Not, ihrer Verwirrung — und ihrer hohen Hoffnung vielleicht.
„Ich werde mich zahlreichen Vorwürfen aussetzen“, heißt der erste Satz eines erschütternden Romans, den ein Siebzehnjähriger drüben in Frankreich schrieb: „Aber was kann ich dafür? Ist es meine Schuld, daß ich einige Monate vor der Kriegserklärung zwölf Jahre alt war? Zweifellos waren die Verwirrungen, die diese außergewöhnliche Zeit für mich mit sich brachte, so, wie man sie sonst niemals in diesem Alter empfindet. Ich bin nicht der einzige.“ — Das schrieb Raymond Radiguet, dem es bestimmt war, mit zwanzig Jahren zu sterben.
Wir haben uns vor denen nicht zu verteidigen, die gehässig sind und uns übel wollen. An ihnen ist nichts mehr gelegen, obgleich sie so sehr in der Überzahl sind. Nichts auf der Welt könnte unwichtiger für uns sein, als die „zahlreichen Vorwürfe“ abzuwehren, oder sie gar zu widerlegen, denen wir uns „aussetzen“. Aber die, die mit-zu-denken, mit-zu-fühlen willens sind, dürfen wir bitten, Nachsicht zu haben mit unserer Bemühung, die sich immer bewußt ist, kein Werk sein zu können, weil die Klarheit, nach der sie so tastet, nie ganz voll erschaut und nie ganz gestaltet ist. Ich bin sicher, daß die meisten Mängel dieses Buches im Künstlerischen und Artistischen damit eben zusammenhängen: wie oft wurde geredet, angeklagt, diskutiert, wo nur Bild, nur Gestalt hätten stehen dürfen. Und wie jener Radiguet in Frankreich führe ich die große, historische Erklärung alles dieses an. Daß mein Held Andreas und seine Altersgenossen dreizehn Jahre alt waren, als die Revolution begann, der andere, zweite verhängnisvolle Aufstand: kann ich dafür?!
Zuweilen will es mir beinahe vorkommen, als sei es an sich und von vorneherein schon ein Zeichen von Rückständigkeit und Melancholie, als junger Mensch heute überhaupt noch Bücher zu schreiben. Das Interesse für Literatur bei der Jugend darf länger nicht überschätzt werden. Ich glaube, daß sich nur bei Vereinzelten noch Enthusiasmus für die Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Buches findet. Andere Dinge sind es, die im Vordergrund stehen.
Ich habe Zweifel, ob es möglich sein kann, diesen „anderen“ buchfeindlichen Dingen in einem Buche auf den Grund zu kommen und sie, gereinigt, darzustellen. Unter Zweifeln habe ich das Wagnis unternommen. Vielleicht soll das Pathos und das Problem dieser fragwürdigsten und hoffnungsseeligsten „Nach-Kriegs-Jugend“ überhaupt nicht gestaltet, nicht geformt und durch das Werk verewigt werden. Vielleicht hat diese Generation kein für sie eigentlich charakteristisches Werk bis heute hervorgebracht aus dem einfachen Grunde, weil, allem Anschein zum Trotz, kein Bedürfnis in ihr ist nach einem solchen Werk.
All dieser Fragestellungen, all dieser Gedanken ist mein „Abenteuerbuch“ voll, viel zu unmittelbar sind sie oft ausgesprochen, viel zu direkt und geständnishaft. Für das „Werk“ dieser Jugend, für ihre „Gestaltung“ darf ich also auch dieses Buch nicht halten. Als ein Dokument kann es vielleicht bestehen, finden doch die „Verwirrungen, die diese außerordentliche Zeit für uns mit sich brachte“, einen nur zu deutlichen Spiegel in ihm.
Darf ich aber auch hoffen, daß das, wofür ich kein Wort weiß und was ich dann die neue Unschuld, den neuen Glauben, die neue Frömmigkeit benenne, ein wenig durch diese Verwirrungen schimmert?
Wer in meinem „Dokument“ von diesem Leuchten und von dieser Klarheit nur einen Schein und Hauch verspüren kann — dem sollte ich dankbar sein, als wenn er mein Bestes erraten hätte.
| Klaus Mann | München, im Juli 1925 |
Ich sehe ein Hotelzimmer in irgendeiner fremden südlichen kleinen Stadt und in diesem Hotelzimmer sitzt ein junger Mensch und schreibt einen Brief — ich weiß aber noch nicht an wen. Er hat seinen Schreibtisch nahe ans Fenster gerückt, es ist gegen Abend. Das letzte Licht des Tages benützt der Schreibende, das letzte gläserne Licht.
Vor dem Fenster liegt noch ein kleiner Balkon und dann kommen Bäume. Aber hinter und zwischen den Wipfeln, die schon ganz schwarz gegen das durchsichtige Silber des Himmels stehen, schimmert das Meer und ist weiß. Man kann es beinahe nicht sehn, aber man fühlt seine Nähe, sein Atmen, sein rührend gewaltiges Eingeschlafensein.
Vor dem strengen Silber des beinahe abendlichen Himmels zeichnet fast schwarz sich das Gesicht des schreibenden jungen Menschen ab, wie eine geschnittene Silhouette. Die Nase springt etwas stark vor, das Haar fällt ihm dunkel und weich in die Stirn. Sein Blick ist über den Briefbogen, der weiß vor ihm ausgebreitet liegt, hinaus und, in einer wie abwesenden tiefverschleierten Sanftheit, auf ein paar Photographien gerichtet, die im schlichten Rahmen sonderbar gleichmäßig aufgestellt sind im Hintergrunde des Schreibtischs.
Es läßt sich nicht genau unterscheiden, was diese Photographien darstellen, dazu ist es zu dunkel.
Aber der junge Mensch wendet sich um auf seinem Hotelstuhl und sieht hinter sich ins Zimmer hinein. Gleich neben dem Bett, auf dem Nachttisch, steht nämlich noch eine vierte Photographie, aber auch diese läßt sich in der Dämmerung fast nicht erkennen. Ist es ein Kind oder ist es ein Knabe oder ist es ein junger Mann? Rührend ernst und gesammelt schaut sie in den verschwimmenden Raum, wie Kinder schauen, denen man Großes erzählt. Aber um die Photographie, soviel kann man noch sehen, ist eine schwarze Rosenkranzkette gelegt. Sonst ist es jetzt schon so dunkel im Zimmer, daß sich nicht einmal mehr sagen läßt, ob der am Schreibtisch, zu dem Bild mit dem Rosenkranz selbst hinübersieht, oder nur zum großen Bett, das weißlich, schweigsam und hoch getürmt, stattlich und voll Geheimnis auf etwas zu warten scheint. — Man kann seinem Blick nicht mehr folgen, er verliert sich im Zimmer.
Aber bald wendet er sich dem Briefbogen wieder zu und beginnt wieder zu schreiben. Vor längerer Zeit hat er augenscheinlich diesen Brief schon begonnen, mit anderer Tinte, vielleicht auch in einer anderen Stadt. Aber jetzt fährt er fort. Eifrig, eilig und doch ein wenig schwerfällig geht seine Hand übers Papier. Knabenhaft groß und gläubig reihen sich seine Worte. Und darüber ist sein Gesicht geneigt, ernst und voll Andacht, aber doch mit einem kleinen lächelnden Zug irgendwo um den Mund — sowie Kinder sich über ein Spiel beugen, das ihnen wohl wichtig ist, aber eben doch nur ein Spiel bleibt. — Einmal gleitet sogar sein Blick fort vom Papier und zu einer der Photographien hinüber, die vor ihm stehn. Dann ist es, als redete eine leise Stimme ihn an, deutlich, sanft und doch streng: „Was schreiben Sie denn da, mein Lieber, für hochgespanntes Gerede? Pathetisch und wirr?“ — Und der Knabe, mit der Jugend selbstverständlichem Hochmut, antwortet mit seinem geheimnisvollen, verschlagenlustigen Kinderspielblick: „Wundere Dich nur — die, der ich schreibe, wird’s schon verstehen. Heute bin ich ihr näher, als Du. Das Wort ist stets wirr, das Wort ist verwirrend. Aber unter dem Wort wird es klar, aber hinter dem guten Wort steht die Klarheit.“ — Damit neigt er die helle Stirn und schreibt andächtig weiter.
Aber plötzlich springt er dann auf, er läuft ein paar Schritte vom Schreibtisch weg und steht mitten im Zimmer. Er breitet die Arme aus, beinahe wie einer, der etwas umfangen will. Aber dann ist es nur, weil er sich dehnt, als sei er jetzt erst vom Schlaf erwacht. Da war also ein Zimmer um ihn, ein kleines dämmeriges Hotelzimmer — und an der Wand hing im hellen Holzrahmen ein kleines Gemälde, darstellend eine Dame, sowie ein sich bäumendes Pferd. Und ein Bett also stand schweigsam und hoch getürmt — was alles hatte es schon erlebt? — Und draußen, im fremden Gang, standen plaudernd die Stubenmädchen. Und ein kleiner, fremder Geruch wehte durchs Fenster — was im Süden nicht alles für Blumen gediehn! — Und Gesichter schauten verschwimmend vom Schreibtisch. Und einer, der abseits, am Bette stand, blickte so rührend ernst und gesammelt — war es ein Kind, ein Knabe oder ein junger Mann? Aber man hatte ihn mit der schwarzen Kette geschmückt. Und ein Brief lag angefangen da, ein weißer Brief, auf dem die Worte sich groß und gläubig aneinander reihten.
Und draußen lag eine fremde südliche Stadt ganz warm im Abend und rauschte mit ihren Brunnen. Und dann kam das Meer.
Er ließ die Arme sinken, er stand schmal, die Arme angelegt, schmal und geordnet. So sah er aus, wie ein frommer junger Kriegsmann, das Antlitz weiß im Dämmern über dem Schwarz des Anzugs — der Schildwacht hält für etwas Heiliges, Schildwacht in diesem fremden Zimmer. So sah er aus wie ein Tänzer, der seinen Leib noch einmal ganz anspannt, ganz sammelt, ehe er ihn festlich losläßt zum Tanze — zum großen Tanze durch diese fremden Zimmer, durch diese fremden Meere, durch diese fremde Welt.
Als Andreas Magnus noch im Hause seines Vaters lebte, hatte er eines Nachts einen Traum. Aber dieser Traum schmerzte so, tat so ungemein weh, daß Andreas, aus ihm erwachend, sein Kopfkissen in Tränen gebadet fand.
Der Traum begann in einer kleinen, halbdunklen Bude, die von oben bis unten angefüllt war mit Kreuzen und Kerzen, mit allerlei frommem Gerät aus Silber und Wachs. Zwischen all diesem stand, ganz undeutlich zwischen den vielen Schatten, die Verkäuferin hinter dem Ladentisch, seltsam frisiert das Haar — durch hellblaue Schleifchen gleichsam eingeteilt oder gerafft zu einzelnen Bündeln — und mit einem sonderbar wassergrünen Blick von unten schauend. Andreas aber erhandelte bei ihr für sein letztes Geld eine schwarze Rosenkranzkette. Sie sollte viel kosten — unverhältnismäßig viel, wie ihm schien — und seine Taschen waren ganz leer. Wahrhaftig, nicht leicht fiel es ihm, die letzte Barschaft über den Ladentisch dieser Dame da zuzuschieben. Aber sie, heiliginnenhaft lächelnd, nahm das Geld leis in Empfang. Behend verbarg sie es im schwarzledernen Täschchen, verwandte es vermutlich zu wohltätigem Zweck. — Er schickte sich also an, das Geschäft zu verlassen, und sie sagte ihm still zum Abschied ein „Behüte Sie Gott“ — wie man es Kindern gibt, die zu langen Wegen ausziehen.
Es mußte drinnen nach Weihrauch und Enge gerochen haben, er merkte es jetzt erst. Hier draußen war die Luft so klar und so rein. — Augenscheinlich befand er sich auf einem Hügel oberhalb einer großen Stadt. Aber er kannte die Stadt nicht, auch verschwamm sie formlos wie Wasser zu seinen Füßen im Dunkel. Hinter ihm, ein wenig höher gelegen, schimmerte eine Kirche, weiß und groß gewölbt in der Nacht. — Andreas ging ein Stück weiter, den Rosenkranz in der Hand. Wie ein fließender Bach rann der weiße Weg vor ihm her, er führte bergab, der Stadt zu, die aus der Ferne summte und rauschte. Im Gehen hatte er die Gebetkette sich zweifach um die Hand gewunden — wie kühl die Perlen über das Fleisch rannen. Nicht mit Unrecht war sie so teuer gewesen. — Er legte sich plötzlich die Frage vor, ob die Verkäuferin mit den Schleifen im Haar nicht etwa ein Engel gewesen sein könnte, ein Engel mit leerem, frommem und geheimnisvollem Blick, wie sie manchmal zu Seiten der Madonnen musizieren. Andreas hielt es für gar nicht unmöglich, daß ein Engel sein Geld eingestrichen und heiter im schwarzen Täschchen verwahrt habe. Denn was konnte nicht alles sein und geschehen, in der Nähe so weißer Kirchen? Welches Wunder war ausgeschlossen — fragte der Wandernde sich — über der Stadt?
Eine Frau saß am Wegsaum, Andreas sah sie von fern. Sie saß wie eine, die sich müde an einem Wasser gelagert hat und nun still, ohne Gedanken, den Wellen zusieht, die fließen. — Als er dann aber bei ihr stehenblieb, erkannte er gleich, wer sie war. Zwischen den starr und doch lieblich geordneten Falten ihres dunklen Mantels saß sie wie zwischen lauter Gold und Edelstein. Und doch war sie so, grau und schlicht — unscheinbar, wie ein Weibchen am Wege. Zwischen dem schwärzlichen Stoff ihres Kleides hingen ihre Hände so müde, als hätten sie den ganzen Tag Mildes getan und viel angefaßt.
Andreas erkannte sie wohl. Aber er wagte es nicht, ihr, auch im stillen nur, einen Namen zu geben. Alle Worte, die sie bezeichnen sollten und die andere Beter sich für sie ausgedacht hatten, kamen ihm zu gering und auch wieder zu pomphaft vor, für ihre zarteste Lieblichkeit. Da wollte er einen neuen Namen für sie erfinden, eine neue Formel für ihre Heiligkeit, den frommsten Laut. — Aber es fiel ihm nichts ein.
So stand er vor ihr, und da er kein Wort für sie wußte, mit dem er ihr hätte huldigen können, streckte er ihr seine Rosenkranzkette hin, die er sich doch fürs letzte Geld gekauft hatte. Er hielt sie ihr hin — aber da schüttelte die Mutter Gottes den Kopf. Und gleich begreift es Andreas: Sie wollte die Gabe nicht. Er begriff es, wie sie den Kopf schüttelte: Sie wollte kein Opfer von ihm.
Er ließ die Kette zu Boden fallen — leise klirrend, wie ein beleidigtes Schlänglein, ringelte sie sich auf dem weißen Weg. „Warum wollt Ihr sie nicht?“ fragte er leise. Und die Stimme der Mutter — klein und silbern, wie die Stimme von Andreas Schwester Marie Therèse — antwortete ihm: „Noch nicht. Du hast dir’s noch nicht verdient. Du hast dir’s noch nicht erlitten. Du hast mich noch niemals begriffen. Du bist noch jung und voll Hochmut. Du mußt erst das Große erlebt haben, daß ich mich deiner Huldigung neige. Hast du mich jemals begriffen? — Noch nicht — —“
Während sie aber noch sprach, war sie seinem Blicke immer weiter entschwunden. In eine weite Ferne entglitt ihr schmaler Körper im Mantel. Nur ihre letzten Worte hingen so sonderbar nach, wie eine silberne Wolke in der dunklen Luft: „Noch nicht — —“
Andreas wollte sich bücken um die Rosenkranzkette wieder aufzuheben, aber dann fehlte ihm dazu der Mut und er blieb aufrecht stehen.
Die weiße Kirche läutete ihre Glockenlieder über die unbekannte Stadt hin. Ihr gewaltiges Tönen vermischte sich mit den kleinen, entweichenden, letzten Worten der Maria, die wie ein fremder, gekräuselter Rauch davonzogen. Einen schweren, prunkenden Hintergrund bildete das Glockenlied gleichsam für dieses wehe Weinen: „Noch nicht — noch nicht — —“
Andreas hob den Blick, um nach den Sternen zu suchen. Doch waren keine zu sehen, die Nacht war verhüllt und glanzlos. Nur die Stadt rauschte, mahnend, befehlshaberisch fast, wie ein Wasser, das steigt und immer näher kommt.
Da erwachte Andreas und hatte im Schlafe geweint. Er richtete sich halb im Bette auf und schmeckte salzig die Tränen. Er wollte nach seinem Rosenkranz greifen, er dachte, daß er neben ihm auf dem Nachttisch liegen müßte. Aber er fand ihn nicht. Er faltete nur die Hände und legte sich, ohne die kühlen Perlen gefühlt zu haben, in die Kissen zurück.
Erst spät am Morgen wachte er auf. Er hob den Kopf, er stützte ihn in die Hand und blickte um sich. Das war sein Zimmer, hier war er aufgewachsen. War er hier nicht zu Haus? — Das waren doch Möbel, waren doch Wände, welche er kannte, seit Jahren schon. Er blickte, den Kopf aufgestützt, im Zimmer umher und sah es sich an — so wie man sich etwas, was man lange Zeit gesehen hat, aber niemals verstanden, plötzlich, mit einem Male genau und beinahe erschreckt besieht. So war es um ihn — so deutlich, so wunderlich fremd und vertraut.
Da aber lag er, lag inmitten allen dieses, lag zu Hause und sann. Da waren Bücher, welche er liebte — waren zu kleinen Stößen gestapelt, standen in langen Reihen. Nordische Bücher und französische Bücher und deutsche Bücher. Alle Form gewordenes Leid, Melodie gewordene Sehnsucht, Rhythmus gewordene Lebensbewegung, Klang gewordene Lebenstrauer. — Und Bilder standen da, auch Photographien und Reproduktionen von den großen Gemälden Frank Bischofs, der der Freund seines Vaters war. Sie blickten so streng und heiter aus ihren dunklen Hintergründen. — Und da drüben, da vor dem Schranke lagen die eigenen Skizzen, in wirren Haufen und ganz durcheinander geworfen. Er mochte nicht hinsehen, er wandte den Kopf ab. Tanzende Leiber und spitzige Landschaften und widerliche Karikaturen — — ein zum Krassen, Grotesken gesteigerter Naturalismus neben einer gläsernen, scheuen Romantik. Lauter Dokumente, Bleibsel, Gestaltungsversuche seiner unsicheren, immer tastenden, immer sehnsüchtig experimentierenden Jugend — rührend und peinlich für den, der sie selber gebildet hatte schon ganz kurze Zeit nach ihrer Entstehung. Aber diesem Bündel von Zeichnungen und Anfängen ganz nahe, stand schlicht und gerahmt die Photographie einer spätgotischen Madonna, halb abgewandt im heilig-künstlichen Faltenwurf ihrer Gewänder und gleichsam als sei ihr dies alles zu Füßen gelegt. Die Geste aber, mit der sie den Mantel raffte, der Ausdruck, mit dem sie den gebenedeiten Kopf beiseite wandte, war nicht der des Empfangens, sondern der des Ablehnens beinahe.
Da fiel Andreas sein Traum wieder ein. Wie ein Schmerz oder wie eine Krankheit stieg Nachdenklichkeit in ihm auf. Er legte den Kopf wieder zurück und schloß die Augen. — Sie hatte das Opfer nicht annehmen mögen, in lieblicher Ungnädigkeit hatte sie es zurückgewiesen, was er sich ihr darzubringen sehnte. Die anderen alle, die hatten ihr gedient, die, deren Bücher und Bilder da standen, hatten ihr gedient, jeder auf seine Art. Der eine weltlich, der andere geistlich, der eine in Hohn und Qual, der andere in Demut und Stille. Jeder hatte ihr sein Lied zu Füßen gelegt — sein Lebenslied. Er aber hatte noch keines. Überall waren Ansätze dazu, überall Bemühungen, überall Auftakte. Aber er hatte die Melodie noch nicht gefunden — er und seine Generation.
Aufgereckt plötzlich im Bette, emporgerichtet, wie einer der eine Vision hat, und die Brauen verzerrt im Nachdenken, sah er es vor sich, wie es um ihn stand. Mit einer beinahe erschreckend plötzlichen Eindringlichkeit und zusammenfassenden Deutlichkeit überschaute er seine Situation. So stand es — so war es um ihn bestellt. Wie in einer gewaltigen und heftigen Vereinfachung wurde ihm alles klar.
Die Generation der Väter, die hatte also ihr Teil getan und würde es weiterhin tun und weiter vollenden. In Würdigkeit und Haltung oder in Qual und Not war sie groß geworden — aber sie war groß geworden, war sie selbst geworden, hatte ihren Ausdruck gefunden. — Und dann kam der gräßliche Schlußstrich, der blutige Brand, das flammende Abreißen, dann kam der Krieg und die große, verzehrende Unruhe. In diesen Krieg hineingeboren war er — er, Andreas Magnus, der Einzelfall, der ihn in seiner einmaligen Verwirrung vor Augen stand, obwohl er zuinnerst begriff, daß diese Verwirrung die einer Generation sein mußte, die eines ganzen Geschlechtes, nicht die eines einzelnen, einen. Seine dumpfe, träumevolle Kindheit war also in die Aufbruchtage von 1914 gefallen, deren Größe, deren gewaltiges Pathos er aber noch nicht hatte verstehen können, sondern die eben nur als irgendeine große Erhebung, als ein klirrender dröhnender Lärm, als eine unerklärliche Stunde, nach der alles anders werden mußte wie vorher, seiner Seele sich eingeprägt und diese umgebildet hatten — und den Hintergrund, die Umgebung für die Jahre seines ersten Erwachens, seines ersten Sehens — Lernens — für die Jahre also zwischen 11 und 13 — war der andere zweifelhaftere, noch gefährlichere Aufbruch gewesen, jene verzweifelte Unruhe, die wohl ein Altes, Mürbes zerstören konnte, aber nicht fähig war, aus ihrer Zerrissenheit ein Neues zu gebären — der Aufbruch also von 1918.
Die Generation vor ihm — das hatte er damals wohl schon gefühlt — das Geschlecht, das vom Tage des Kriegsbeginnes etwa vierzigjährig angetroffen wurde, es erfuhr wohl auch Erregung und ungewohnte Verwirrung durch diese Katastrophe. Die große Unruhe warf sich auch über sie und mancher, der sich schon fertig und reif geglaubt hatte, mußte in Nöten umlernen, nach innen und außen. Aber diese mußten doch eben nur umlernen, aus etwas, was sie schon waren, sich, soweit es noch anging, hinüberverwandeln zu etwas anderem, was die Zeit forderte in ihrer hohen Unerbittlichkeit. — Wieviel schlimmer jedoch, ja, wieviel verzweifelter stand es für die, die aus dem Chaos heraus überhaupt erst irgend etwas zu werden hatten, die ihren Ton erst finden mußten aus diesem entzügelten Gerausch von Tönen, ihren Weg suchen, vorbei an allen Extremen, zwischen die sie gestellt waren.
Ganz starr saß Andreas im Bett, minutenlang. Noch niemals hatte er so deutlich — so überdeutlich dies alles gewußt: Daß er noch ohne Weg war, daß er noch ohne Melodie war — und an wie vielen Ecken waren ihm Wegweiser aufgestellt und verlockten, die Richtung zu wählen, nach der ihr seligmachendes Dogma wies.
Sein Vater aber saß drunten im Arbeitszimmer, sein guter Vater. Er war kein bevorzugter Mann, ein redlicher, kluger Bürger, Arzt gewesen vor Jahren, aber ziemlich vermögend und schon lange im Ruhestand. Der wußte doch, was er wollte. Auch ihn hatte die Erregung einstmals betroffen, aber er hatte sich aus ihr gefunden und war, verwandelt ein wenig, weitergegangen die Bahn, die ihm angemessen erschien. Seine wissenschaftliche Arbeit gedieh, gedieh stattlich sogar, wie es schien. Und seine Freundschaft mit dem großen Maler Frank Bischof gab seinem Leben höheren Inhalt, machte sicher sein vornehmstes Gut aus. Vielleicht war „Freundschaft“ ja ein zu schwerwiegendes Wort für dieses Verhältnis. Der Vater und Frank Bischof kannten sich schon von Jugend an. Und öfter schenkte dieser ihm die Ehre seines Besuches.
Aber der Sohn mußte, nach bitterlich traurigen Träumen, bei seinem Erwachen sich plötzlich aufrecken und, wie im Entsetzen, die Brauen verzerren, als hätte er ein schlimmes Gesicht — nur weil in erschreckender Überdeutlichkeit sich seine Lage ihm zeigte. — So war seine Jugend gewesen, die Jugend, die im Lärm des Aufstandes begann: vielfarbig und ungeordnet, befleckt und unrein, unschuldig doch, weil sie sich dauernd nach Reine, nach Klarheit und Licht sehnte. Umschwenkend von einer Orientierung zur anderen oder allen auf einmal in Wirrnis hingegeben — amüsant und peinigend zugleich. — So war sie gewesen: Weglos und in ihrer hilflosen Sucht nach Richtung kindisch — verderbt abenteuernd auf allen Gassen. Ausschweifend in Lustigkeit und in Pein. Der revolutionären Geste hatte man sich skeptisch enthalten, der Abgrund war ja an sich schon tief genug gezogen zwischen dem vorigen, man verzichtete lieber auf die schöne umstürzlerische Allüre oder man gebrauchte sie nur selten, wie als Maske und letzte Zuflucht. Eher war man schon froh, wenn sich irgendwo ein Halt einem bot, eine Richtlinie, an die man sich klammern konnte. Oft allerdings war man scherzhaft gewesen, sonderbar witzig gestimmt, als sei vorher nie das Geringste auf Erden geschehen, als werde nachher vermutlich auch nichts recht Wesentliches mehr vorkommen — scherzhaft auf eine radikale maßlose Art, die gleichsam jeglichen Ernst verleugnet, das Würdigste noch verzerrte, mit dem Sachlichsten Fangball spielte. — Aber öfter noch hatte man sich einer Trauer hingegeben, einer schweren Hoffnungslosigkeit, gegen die es kein Sich-Wehren mehr gab, und die nichts mehr meinte, nichts mehr empfand, als daß alles vorüber sei und daß jetzt nichts etwas nützen könne und daß das Ende nun da sei und diese ganze fragwürdige Nach-Kriegs-Generation nur geboren, nur von Gott erdacht um den klaffenden Schlund dieses Untergangs zu umrahmen — ein nutzloser Zierrat des großen Ruins, ein nicht mehr zum Leben bestimmtes Geschlecht.
Er trug keine Schuld und sein Vater trug keine Schuld. Schuld gab es nicht. Aber so war alles gewesen. — Sein Vater hatte wohl helfen wollen und hatte gesagt: „Siehst du, mein Sohn, das haben wir alle mal mitgemacht — das ist die Pubertät — das sind die Nöte der Jugend —.“ Und dann hatte der Sohn den Blick wohl gesenkt und nichts geantwortet und nichts gesagt, daß das etwas anderes sei, nicht die psychisch-physische Krisis der Übergangsjahre, sondern eine Gefährdung, eine Entgleisung tieferer, einschneidenderer, schicksalshafterer Art. — Er hatte neben diesem Vater gelebt und hatte ihm nichts gesagt. Seine liebe Mutter war tot. Sorgenvoll und in Güte sah ihr Bildnis prüfend, mahnend, beobachtend von allen Kommoden. „Die Eltern sind gut,“ dachte Andreas plötzlich, „Sie sind so gut zu uns gewesen. — Aber sie können nicht, helfen. Sie schauen sorgenvoll, wie auf Bildern, aber ihr Blick kommt niemals ganz bis zu uns.“
Er legte sich in die Kissen zurück. Seine Hände strichen immerfort über die Kissen — als wollten sie etwas glatt streichen. Aber er dachte bei dieser Bewegung nur: Und nun hat die Mutter Gottes die Kette nicht angenommen — das kleine Opfer nicht angenommen, — mich nicht würdig befunden, nach allem, was ich gelitten. — Oder hatte er das Eigentliche noch gar nicht erlitten? Stand das Eigentliche ihm noch bevor? — Und das Bild, um das er sich jetzt bemühte, seit Wochen schon? War auch das noch nichts — Eigentliches? Das große Bild, von dem er so sehr, so ungemein gehofft hatte, es möge endlich Gestaltung, Formwerdung, Gebetwerdung all dieser letzten Jahre sein? Würde sie denn auch dieses Opfer mit der unnahbaren, unabänderlichen Zierlichkeit ihrer abwehrenden Geste zurückweisen?
Er schloß die Augen, mit aller Innigkeit, beschwor er das Bild vor sich, ließ seine hellen, wie gläsernen Farben, seine leidenschaftlichen, verzogenen Konturen vor sich aufsteigen. Da stand es im Nebenzimmer, halb fertig auf seiner Holztafel: Der liebe Gott um den die Kinder tanzten. Wie hellrot das Mäuerlein war, vor dem ihre Gruppe sich abhob. Und wie hinter dem Mäuerlein golden und blau, schimmernd und übergossen vom heiligen Abendlicht in kuriosen Zacken das Gebirge sich hinzog. Das Mäuerlein war wie mit Blut bespritzt, mit hellrotem Kinderblut. — Seltsam behindert allerdings war die Bewegung der Kinder, ihr Tanz war steif und verkrampft, als tanzten sie gleichsam in Schmerzen. Marie Therèse tanzte leichter — — Seine Kinder hatten ein ernstes Gesicht über den grellen Kitteln, ernst und verzückt. Diese Gesichter atmeten nicht, beinahe lebten sie nicht. Sie waren wie fromme und doch witzige Masken, bunt bemalte Masken aus Glas. — Das Antlitz Gottes selbst war noch nicht ganz aus dem Dunklen erstanden, da galt es nun noch zu arbeiten, die nächste Zeit. Aber schon begann es Form und Blick zu gewinnen, aus all dem Nebel heraus, das große Antlitz des alten Mannes mit grauschwarzem Bart, mit unnatürlich erweiterten, starren, leeren und doch ganz mit Wissen angefüllten Augen. So sollte es werden, so mußte Gottes Antlitz wohl sein: Starr und leer und doch ganz voll Wissen, so wie ein Brunnen voll Dunkelheit ist. Grausam und unberührbar umrauscht vom schwarzen Bart, zwischen dessen Gestrüpp der Mund blutete, aber doch Wissen um alle Qual in den Nachtaugen — und Mitwissen ist ja schon Mitleid und Gnade.
Der junge Maler Andreas lächelte wie in geheimer Freude in seinem Bett. So sollte das Bild werden: Vorm blutbespritzten Mäuerlein tanzten verzückt und ungelenk die Kinder. In der Mitte erwuchs aus dem Dunkel Gottes Gesicht: starr, leer und doch gnädig. Und weit hinten waren die Berge vom blauen Gold begossen. Das sollte sein Gebild und das „Eigentliche“ sein. —
Dann dachte er, daß er aufstehen müsse, er habe reichlich genug gelegen, und im raschen Entschluß sprang er schon aus dem Bett. — Gleich aber, nachdem er das Bett nun verlassen, ging er, ernüchtert plötzlich durch die Kälte des Tags, barfuß und mit verwirrtem Haare durchs Zimmer. Er hatte den Spiegel als Ziel ins Auge gefaßt. Ein weiter Weg — Barfuß ging er über den roten Fußboden hin, als wäre er heißer Sand. Sonderbar hob er die nackten Füße, wie ein mühselig Wandernder. Barfuß stand er vorm Glas. Lange sah er sich an — todernst am Anfang. Er zog die Brauen zusammen, unter ernsten Vorwürfen verhandelte er gleichsam mit dem schlaftrunkenen Pilger da vor ihm im weißen Gewand. „Ja, ja,“ sagte er streng und drohte dem demütig Lauschenden gleichsam mit dem Finger, „heut nacht hast du’s schon erfahren, wie weit du’s gebracht hast mit all deiner Verwirrung. Jetzt willst du ja einen verwunschenen Gott malen, ließ ich mir sagen, und Kindermasken, die tanzen. Nun, wollen mal zusehen — —“
Aber plötzlich stieg ein Lächeln in ihm auf — und er wußte es nicht, woher. Es ergriff ganz Besitz von ihm, legte sich um ihn. „Das also bin ich — — —“ dachte er lächelnd. „So jung, so vierzehnjährig jung. So wirr das Haar, so kurz das Hemd, so nackt die Füße.“ — War die Kindheit unruhig und befleckt gewesen? — Ach, aber er fand sich ja heute so rein im Glas. Galt es noch viel zu bestehen? Und war auch dieses also das „Eigentliche“ noch nicht, das da angefangen im Nebenraum stand? Stand ihm noch alles bevor? — So würde sich’s schon noch wenden.
Und, lachend plötzlich im Übermut, streifte er sich das Hemd ab und reckte sich nackt. Er schlang sich das Badetuch um, lachend in Eitelkeit, dekorativ als sei es ein seiden Gewand. So sah er wie ein griechischer Gymnasionknabe drin aus — und wenn er es so schlang, fast wie ein junger Mönch.
Lachend rannte er den Korridor hinunter, hinüber zum Badezimmer. „So jung,“ dachte er immerfort im Laufen, „so jung also.“
Es war ziemlich spät geworden, als er zum Frühstück hinunterkam — etwas nach 11 Uhr. Marie Therèse war schon von der Schule zurück — ja, von neun bis elf hatte sie Unterricht. Sie lief ihm gleich zwitschernd und plaudernd bis zum Fuße der Treppe entgegen, und er mußte sie bis ins Eßzimmer tragen. Ihr Freund Peter sei da, berichtete sie geschwind — und das Wort „Freund“ war rührend und viel zu groß für ihre helle, kleine Stimme. Wie klein sie überhaupt war, wie überraschend, ja märchenhaft klein auf Andreas Arm. Ihr Gesichtchen, um das fein, wie gesponnene Seide, ganz glatt das hellbraune Haar hing, war nah an dem seinen, und sie hatte ihm auch die Arme um den Hals geschlungen, damit sie nicht hinunterfallen könne. Und ihr Gesichtchen war süß und witzig. Ihr Mund war ein bißchen zu groß und außerdem war er zahnlückig — fast alle Zähne waren ihr ausgefallen, das gab ihr ein so rührendes und zugleich scherzhaftes Ansehen. Aber die bräunlich schimmernden Augen redeten, während der Mund von allerlei Abenteuern auf dem Schulweg erzählte, ihre so kluge und unschuldige Sprache.
Im Eßzimmer saß auch schon Peterchen und stand artig auf, um den großen Bruder seiner Freundin zu begrüßen. „Guten Tag“, sagte er und dienerte, und er reichte ihm seine kleine, etwas feuchte Hand. Er hatte einen gestreiften Matrosenanzug an und sein Haar, das er wie Marie Therèse geschnitten trug, war immer ein bißchen verwirrt und verklebt. Klein war er auch, kaum größer als seine Dame — auch er hatte nicht viele Zähne: ein kleiner, zahnloser Kavalier. Aber ein Kavalier eben doch, keck, artig und mit hellen Augen. „Guten Tag“, sagte er und dienerte. — Marie Therèse stand schelmisch in ihrem Schürzchen beiseite.
Andreas trank Tee, während die Kinder in beiden Händen viel zu große Butterbrote hatten, in die es Mühe machte hineinzubeißen. Dazwischen sprachen sie, den Mund noch voll, von Fräulein Amtmann, ihrer Lehrerin, und daß sie ihnen Malzbonbons geschenkt hätte, wozu Andreas versonnen nickte. Und ob er’s auch nicht vergessen habe, fragte Marie Therèse und blinzelte schelmisch, daß ihr Herr Papa heute Geburtstag feiere — den 51. — Da blickte Andreas auf. Doch — ja — das hatte er wirklich vergessen. — —
Sie nahmen rasch Abschied und liefen, über die Terrasse, in den Garten hinunter. Sie waren ein kleines Paar auf der Wiese — ein kleines, süßes, laufendes Paar. Marie Therèse wandte noch einmal den Kopf und lachte zu ihrem Bruder zurück, der allein am Tisch aß und ihnen nachsah. Sie wandte, schon weit draußen im Grün, ihr Gesichtchen nach ihm, aus dem schimmernd die Augen sprachen. „Willst du nicht kommen?“ rief ihr hohes, feines, verlockendes Stimmchen. — Aber der Bruder schüttelte nur den Kopf.
Er stand langsam auf. Jetzt mußte er arbeiten.
Auf der Diele begegnete er seinem Vater. Er kam im Kamelhaarschlafrock aus seinem Arbeitszimmer, wo er bis um diese Stunde ein wenig zu schreiben pflegte, ein paar Zeilen jeden Tag am spezial-wissenschaftlichen Werk, das langsam — langsam fortschritt, es näherte sich schon seinem Ende. Oben zog er sich um und auch ein älterer Friseurgehilfe erwartete ihn, der ihn täglich rasierte. Dann ging er spazieren.
Andreas blieb einen Augenblick stehen. „Guten Morgen“, sagte er und senkte den Blick. Er sah fast niemals den Vater an. „Guten Morgen — gehst du jetzt also spazieren? Ich hätte ja wirklich beinahe vergessen, daß du heute Geburtstag hast. Ich gratuliere auch schön. —“ Und er lächelte, höflich und flüchtig. Es wäre aber nicht richtig gewesen, diese Höflichkeit, obwohl sie nicht eben herzlich zu nennen war, als kalt zu bezeichnen. In ihr zitterte eine gewisse Ergebenheit, ja, beinahe etwas wie eine melancholisch versteckte Verehrung, die sein Benehmen, kühl und fremd auf den ersten Blick, geradezu innig werden ließ. „Danke, danke“, erwiderte der Vater, die Zigarre im Munde. Und dann, den Blick hinter den Brillengläsern durchs Fenster gleiten lassend: „Das Wetter ist ja ganz schön geworden. Am Morgen schien es fast regnen zu wollen.“
„Ja, aber Wolken sind immer noch da“, sagte Andreas und ging schon die Treppe hinauf. Das war ihre Unterhaltung gewesen.
Der Vater sah hinter ihm drein. Da ging sein Sohn. — — Oben arbeitete er. Aber der Vater hatte Zweifel an seinem Talent. Frank Bischof, soviel war sicher, schien seine Studien und skizzierten Versuche fast vollkommen abzulehnen. Ablehnen, überlegte der Vater, im Schlafrock mitten auf der Diele stehend, ist ja vielleicht ein zu hartes Wort. Er pflegte sie sich anzusehen mit einem Lächeln, das etwas verächtlich und beinahe mitleidig war. „Ja, ja,“ schien so ein Lächeln zu sagen, „viel ist das nicht — —“
Da ging sein Sohn, stieg schlank die Treppe hinauf wie einer, der für immer davongeht. Und da stand er, der Vater. — Aber plötzlich dachte er — und er faltete in einer warm aufwallenden Zärtlichkeit die Hände —: „Marie Therèse soll es besser haben. Mit ihm ist es ein bißchen seltsam bestellt, ich verstehe ihn wirklich nicht ganz, und kann es nicht wissen, wohin sein Weg ihn noch führt. Aber Marie Therèse ist mein Kind. — —“ Und, die Hände noch immer gefaltet, ging er gleichfalls nach oben, aber viel langsamer als vorher sein Sohn — Stufe für Stufe — —
Jetzt saß Andreas schon vor dem großen Bild. Freilich lagen seine Hände im Schoß, so müßig, als könnten sie niemals mehr einen Pinsel anfassen. Ja, arbeiten — bilden — fertigmachen — —
Das Gesicht Gottes war noch immer ziemlich verwischt, die Kinderfiguren freilich schon plastisch und bunt. Weiterarbeiten also — — Der Himmel war noch nicht durchsichtig genug, zu schwer noch das Blau, wie Glas mußte es sein. — Aber seine Hände waren müde und hoben sich nicht.
Heute morgen noch hatte er vorm Spiegel gelacht, das war wie ein Rausch in seinem Herzen gewesen. Wo aber war jetzt denn sein großer Mut? — In seinem Kopf, in seinem ganzen Leib wie eine ständige, nagende, unerträgliche Qual nur der eine Gedanke: So viele haben ihren Ausdruck gefunden und haben’s gebildet, was ihres Herzens Qual und Freude war. Ich werde es nicht können. Ich weiß nicht was fehlt, aber ich werde es nicht können. Zu wie unerbittlich strenger Stellung müssen die Planeten sich geordnet haben, in der Stunde, da ich geboren wurde. Wie grausam, ja wie unverständlich grausam von diesem Gott, einem Menschen, die nicht zu unterdrückende Sehnsucht danach mitzugeben, ein Kunstwerk zu schaffen, ihn aber unter so unentwirrbar schwierigen Umständen aufwachsen und leben zu lassen, daß er die Kraft nicht findet, aus ihnen heraus etwas zu vollenden. Und so sitzt er vor seiner Staffelei.
Alles, was heute morgen sich ihm in einer erschreckenden Überklarheit gezeigt hatte, empfand er jetzt noch einmal als dumpfe Qual, als beinahe lähmende Not — angesichts seiner Arbeit. Er hatte, vor der Staffelei sitzend, das Antlitz ganz tief gesenkt. Ihm war, als würde er es nie wieder aufrichten können. Ihn ekelte so vor seinen Händen — er mochte sie nicht heben und mit ihnen schaffen. Der da — der andere, der hatte es ja gekonnt — Frank Bischof hatte es gekonnt. Dem huldigte man heute, und sein Herz war satt. Satt, dachte Andreas in einer Art von machtloser Wut, satt ist der heute. — Und er erblickte sein Gesicht vor sich, das lange, schmale Gesicht mit der gebogenen Nase, der etwas langen Oberlippe, vornehm gerahmt von einem ergrauten, kurzgehaltenem Spitzbart, die Augen etwas matt, aber doch schimmernd in einem Licht, das der arme Andreas vor seinem Bild nicht verstand. Der dachte nur — und bewegte sich gar nicht auf seinem Stuhl, aber um seinen Mund verzerrte sich etwas, als müßte er Bitteres schmecken —: Der ist jetzt also Vorbild, der ist jetzt Repräsentant. Muß doch auch einmal sehnsüchtig gewesen sein, gespalten, unruhig und zweiflerisch. Aber der hat sich also gefunden. — — Und er übersah die stillen, tief eingegrabenen Leidenszüge, die in diesem Gesicht um die Augen lagen und um den schmalen, geschlossenen Mund. Er konnte sie gar nicht sehen.
Aber fast jedes einzelne Bildnis Frank Bischofs stieg vor ihm auf. Der „Ratsherr in Schwarz“, und die „Frauen auf dem Spaziergang“ und das „Porträt der Mutter“. Die Bilder aus seiner frühesten Zeit wurden ihm gegenwärtig, die noch so verspielt und traurig und spöttisch waren. Bis sein Werk sich dann ausreifte zu immer stärkeren, menschlicheren und zugleich strengeren Formen. Sein letztes Gemälde — und sein größtes vielleicht — wie war es braun und dunkel klar, würdig ernst, ja, herb in den schlichten Konturen und doch auf eine so reife, so köstliche Art humoristisch. — In Gehässigkeit und Verehrung hielt der mit den kraftlosen Händen sich’s vor.
Da saß also er. — Und wenn nun auch diese Bemühung mißlang? Wenn auch in dieser Komposition das wieder nicht atmete und lebte, was er sich seit Wochen in sie zu legen und durch sie zu formen sehnte?
Aber plötzlich schloß er die Augen, die sich in die Abendlandschaft des unfertigen Bildes verloren hatten, so daß es fast schmerzte. Ja — und wenn nun auch dieses mißlang — — Er dachte keinen Gedanken, nichts Genaues, nichts Festumrissenes. Aber irgendwo wußte er schon, warum sich jetzt ein so seliges und ein so erlöstes Lächeln um seine Züge legte. — So wollte er’s davon abhängig machen.
Durch das offene Fenster trug der Wind die kleinen Schreie der Kinder, die im herbstlichen Garten spielten: Marie Therèse und ihr Edelknecht. Da trat Andreas ans Fenster. Mitten auf der Wiese sah er die kleine Schwester kauern inmitten eines Haufen gelblichen Laubes, die zarten und immer etwas unsauberen Hände vorm Gesicht. Um sie herum lief Peter im Kreis und sprach, halb singend, ein Gesidht. — Das war ihr Spiel.
Andreas rief ihnen etwas zu. Da nahm Marie Therèse die Hände von ihrem Gesicht und lachte zu ihm hinauf. Peter hielt inne im vorgeschriebenen Kreislauf — er stand breitbeinig mitten im Gras, im gestreiften Matrosenanzug, das Haar ganz verklebt und beide Hände geballt in den Taschen. — Marie Therèse hatte ihr weißes Schürzchen jetzt abgetan. Sie kauerte auf der Wiese im blutroten Kittel. Beiden schien die Sonne direkt ins Gesicht. Sie blinzelten gegen die Sonne.
Andreas am Fenster dachte über die Kinder nach und was mit denen der liebe Gott nun vorhatte. Aber dazwischen fiel ihm ganz plötzlich ein, daß Frank Bischof heute zu Abend bei ihnen essen würde, zur Feier des 51. — Und seine Tochter mit ihm. Heute kam Ursula Bischof.
Und, während er lachend zu den Kindern hinuntersprach, beschloß er, ihr heute sein großes Bild zu zeigen, sein Bild vom bärtigen Gott. Ursula sollte ihm sagen, wie ihr sein Bild gefiel.
Als erste saßen Peterchen und Marie Therèse natürlich am Abendtisch. Sie hatten sich schon die großen, weißen Servietten umgebunden und neckten sich, am unteren Tischende nebeneinander sitzend, mit Puffen und Zwicken, während das säuerliche Fräulein Zimmermädchen noch achtsam Suppe in die Tassen goß. Aber Peterchens verklebte Haare waren jetzt ganz glatt gebürstet — so schienen sie beinahe so seidenfein, wie die von Marie Therèse — und saubere Hände hatten sie alle beide, ein bißchen verkratzt vom Spielen zwischen den Büschen, aber sonst appetitlich, lagen sie auf dem Tischtuch.
Das Fräulein Zimmermädchen hatte den Platz des Herrn Doktor mit kleinen und harten roten Blümchen bekränzt, dem Wiegenfeste zu Ehren. Jetzt ging sie spitznäsig umher und ließ ein Knödelchen in jede Tasse plumpsen, so daß die Bouillon leise aufplätscherte. — Dann klopfte sie an der Türe des Nebenzimmers und bat die Herrschaften knicksend zu Tisch.
In plaudernder Gruppe kam man herein: Frank Bischof, seine Tochter Ursula, Dr. Magnus und seine ältliche Schwester. Die Schwester, verwitwete Baronin Geldern, fragte, während man sich schon setzte, Frank Bischof dürftig und voll Wißbegier: „Ich wollte Sie schon so oft fragen, Meister, warum Sie nicht ein oder das andere Mal Gelegenheit nehmen, den Angriffen zu widersprechen, oder besser noch, sie einfach zu widerlegen, die die unverschämteren unter den jungen Literaten und Kunstkritikern so häufig gegen Sie richten.“ — Frank Bischof antwortete mit einer ganz leisen, ganz zugedeckten Stimme, während er unter dem ergrauten Bart sanft und fast traurig lächelte. „Warum soll ich mich wehren?“ sagte er nur — und unterbrach sich im Suppenlöffeln dabei nicht — „Vielleicht haben sie recht.“ Aber die verwitwete Geldern begehrte auf. „Ich bitte Sie, Meister,“ rief sie und schaute entsetzt zur Decke, während sie die Tasse auf den Teller zurückstellte, „aber ich bitte Sie —.“ Ursulas Blick ruhte voll auf dem Vater, der mit geneigtem Gesichte aß. Ihr Blick war ganz schwarz, mit einem kleinen Schimmer ins Rötliche.
Etwas verspätet betrat Andreas das Zimmer. Er errötete leicht, während er sich vor Frank Bischof, der Tante und Ursula verneigte. Sein Platz war an der Ecke, zwischen Ursula und der kleinen Marie Therèse. Mit einer flüchtigen und unruhigen Zärtlichkeit streichelte er Marie Therèse das Haar. Dann begann er hastig zu essen. Aber die Schwester drohte ihm schelmisch und sagte, daß er jetzt eigentlich keine Mehlspeise bekommen dürfte, worüber Peterchen versteckt hinter der Riesenserviette hell kicherte. Doktor Magnus lachte recht herzlich und hob, lachend, das Glas zum Toast gegen die kleine Tochter. „Auf dein Wohl!“ sagte er und nickte.
Es war ein intimes, aber wohl gelungenes kleines Festessen. Die Speisen waren samt und sonders vortrefflich geraten, das Fräulein Zimmermädchen servierte säuerlich, aber mit Anstand. Die verwitwete Baronin, die einst in guten, ja beinah glänzenden Verhältnissen gelebt hatte und die erstaunte Miene der Prinzessinnen zur Schau trug, die nicht begreifen, warum alles so anders geworden ist, sprach ein wenig zu preziös und reichlich, aber nicht ohne rührend vergilbte Wohlgesetztheit. An ihrem billigen schwarzen Taffetkleid raschelten überall gelbliche Spitzen, ihr Haar, schon leise ergraut, war künstlich frisiert und gewellt. Um ihren mageren Hals schimmerten kleine Perlen, sie zog den schmalen Mund zusammen und sagte verziert: „Es ist ja vielleicht rückständig, daß wir es noch immer nicht gelernt haben einzusehen, häßliche Kunst sei besser als schöne. Mir will es nicht in den Kopf,“ gestand sie und lächelte müde, „daß Gustav Mahler mehr wert sein soll als mein Mendelsohn-Bartholdy.“ — Frank Bischof hielt das schmale Gesicht gern über den Teller geneigt. Nur selten berührte sein grauer Blick, wissend und doch nicht hart, den, der zu ihm gesprochen hatte. Aber auf alle Fragen gab er genau formulierte Antwort, exakt und sanft. „Wer will entscheiden, was schön ist?“ fragte er zweiflerisch, und plötzlich ruhte sein Blick auf Frau von Gelderns welkem Gesicht, dessen weißes, überzartes Oval noch immer nicht ohne angespannte Lieblichkeit war. „Ich habe mir nie eingebildet, etwas wahrhaft Schönes geschaffen zu haben —“, fügte der Ergraute hinzu, leiser und wie zu sich selbst. „Aber Sie haben doch für uns alle geschaffen!“ redete die Baronin-Witwe eifrig und hob die Hände, so daß das Spitzenzeug raschelte, „Sie sind doch der große Bildner, der große Repräsentant unserer Generation, der bürgerlichen Epoche!“ Ihre blasse Miene hatte sich erhitzt, hektisches Rot stieg ihr in die Wangenknochen. — Aber er, der große Maler, er, den ein ganzes Geschlecht als seinen Stellvertreter anerkannte und feierte, wandte plötzlich den Kopf beiseite, sein Blick entglitt ins Ferne, ins Vage, und um seinen Mund lag ein stilles Lächeln. „Wer weiß, was jetzt kommen soll?“ sagte er nur und schüttelte den Kopf. — Da kam ein Schrecken Andreas an und ein tiefes Verwundern ergriff sein Herz. So war jene Frage in diesen Gedanken, wie in den seinen. — Ursulas ruhiger Blick ging zwischen den beiden still und forschend hin und wider, zwischen Andreas und ihrem Vater. Aber die saßen beide mit gesenktem Gesicht.
Nach dem Braten klopfte Frank Bischof ans Glas und hielt eine kleine Tischrede. „Mein lieber Freund,“ sagte er und wandte Dr. Magnus das lange Gesicht zu, während er leise aber überdeutlich sprach mit genauester Betonung der Endsilben, „schon heute vor einem Jahr habe ich zu deinen Ehren gesprochen, als du deinen fünfzigsten Geburtstag begingst. Wenn ich erst aber zurückdenke, wie oft du meiner, bei heiteren wie bei ernsten Anlässen, im Trinkspruch gedacht hast, will es mir beinahe vorkommen, als seien wir beide alte vergessene Herren, die nichts mehr haben, als einer den anderen, so daß sie gegenseitig sich feiern müssen, um doch ein wenig gefeiert zu sein.“ Frank Bischof lächelte, aber auf diesem Lächeln ruhte der dunkle Blick seiner Tochter. Über so viel Selbstverkleinerung von seiten des Weltberühmten schüttelte die verwitwete Geldern amüsiert und entsetzt den Kopf und Andreas lauschte, ohne den Blick zu heben. „Lieber Freund,“ fuhr der Redner sanft fort, „wir wollen die Anhänglichkeit derer nicht verleugnen, die jung sind und uns nahe stehen trotzdem, wir wollen heute unsere Kinder nicht verleugnen. Aber es liegt so vieles dazwischen, und alle Jugend muß weiter. Mögen beide Teile sich noch so bemühen im Sich-Anpassen und im Sich-Verstehen: der Tag wird kommen, da sie uns alle verleugnen. Dann soll es vielleicht wirklich so sein, daß nur ein paar Alte noch Verständnis haben füreinander, damit sie doch nicht völlig unverstanden seien auf dieser großen Welt. — Wir haben so vieles gemeinsam gehabt, die erste Liebe sogar, das Mädchen von nebenan, und unsere Mütter haben beim Einkaufen zusammen geplaudert. Aber unsere lieben Frauen, die Gott beide zu sich berief, hat innige Freundschaft geeint. Und wenn uns nichts anderes verbinden würde: schon um ihretwillen könnten wir uns nie vergessen. — Ich will auch noch zu deinem siebzigsten Geburtstag sprechen, Georg Paul, und wenn ich ganz runzlig und vergessen bin, dann sollst du, zu meinem achtzigsten, das Weinglas heben.“ — Anstoßen gab es kreuz und quer und warme Blicke. Andreas hatte zwischen all der herzlichen Verwirrung nur den einen Gedanken: Er hat ihn beim Vornamen genannt — wie sonderbar — Georg Paul hat er ihn angeredet. — —
Die Augen des Vaters waren feucht geworden. Immer wieder fragte er über den ganzen Tisch hin Marie Therèse: „Hast du auch alles verstanden, mein Kindchen? Hast du auch alles gut verstanden?“ Und Marie Therèse lachte ihm mit schimmernden Augen zu. Auch Peterchen, von seiner großen Serviette beinah erdrückt, hatte einen tiefernsten Blick bekommen und schaute verwundert. So wunderlich hatte der Herr gesprochen, so leise und traurig, und dennoch lächelnd. — Die verwitwete Geldern inzwischen klatschte mit zarten und erhobenen Händen wie im Theater. „Wie entzückend!“ flüsterte sie immer wieder, „Nein, nein — wie ergreifend!“ Und leise raschelten Kleid und Spitzenwerk. — Aber jetzt gab es Torte.
Nachher, bei Mokka und Zigaretten, wurde Dr. Magnus aufgeräumt und lustig. Er saß festlich im Gehrock und erzählte, die Zigarre im Mund, große Anekdoten, die, obwohl etwas gedehnt und pointelos, allgemeine Heiterkeit erregten. „Fritz und Kurt, zwei echte Dräsdener Gassenjungen —“, begann er in etwas zweifelhaftem Sächsisch, und seine ältliche Schwester lachte hell wie ein junges Mädchen, wobei sich aber ihr magerer Mund so sehr verzerrte, daß sie ihn mit dem Taschentuch bedecken mußte.
Plötzlich wollte der Vater ein weniges tanzen. Marie Therèse ritt auf seinen Knien, er schaukelte sie schon nach dem Takte einer flotten Melodie, und er bat seine Schwester, einen kleinen Walzer am Flügel zum besten zu geben, er wolle Fräulein Ursula bitten. — Fräulein Ursula saß schweigsam und blies Zigarettenrauch von sich, als sei es ein Spiel, wie das mit den Seifenblasen. Aber als sie der Freund ihres Vaters zum Tanzen bat, sagte sie, das wäre nett und stand auch schon auf.
Er bot ihr schelmisch den Arm und führte sie in die Diele hinüber, während die Baronin schon mit schräggehaltenem Kopf am Flügel präludierte. — Ein wenig steifbeinig drehte der Doktor sich mit ihr über den Teppich, aber sie tanzte schön und ihr Kopf war leicht in den Nacken gesunken. Für ihn war es wohl ziemlich anstrengend, auf seiner Stirn standen schon kleine Schweißtröpfchen. Aber er lächelte doch.
Frank Bischof und Andreas standen an der Wand und sahen zu. Einmal wandte der Vater sich an den jungen Menschen zu seiner Seite. „An was arbeiten Sie jetzt, wenn ich fragen darf?“ sagte er und einen Augenblick ruhten seine klugen Augen auf Andreas’ Gesicht. Aber Andreas fühlte nur dumpfe Wut. „Warum nennt er mich nicht gleich ‚junger Mann‘?“ dachte er und biß die Zähne zusammen. Er entgegnete nur: „Oh — nichts Besonderes —“, und sah auf seine Schuhe hinunter. Da wandte auch der Meister den Blick von ihm ab. — Frank Bischof schaute dem tanzenden Paare zu, aber Andreas sah dunkel und trotzig zur Erde. Er war unbürgerlich gekleidet, er hatte einen blauen, russisch geschnittenen Anzug an, bis zum Kinn hinauf geschlossen. — Darüber stand sein Gesicht, weich und doch in Ingrimm verzerrt. „Genau so gut hätte er mich in der Tat ‚junger Mann‘ nennen können!“ dachte er in den Fußboden hinein. — Am Flügel spielte die Witwe mit eiligen, schmalen Händen von Wien und der grünen Donau.
Später sagte Ursula zu ihrem Vater, dem die Baronin preziös und ausführlich von ihren beschränkten Verhältnissen erzählte: „Du weißt, daß du heute abend noch einen Schimmy mit mir tanzen mußt, Dr. Magnus hat überhaupt noch gar nicht gesehen, wie glänzend ich dir das beigebracht habe.“ Andreas mußte diesmal zum Musikanten herhalten, da die Baronin Geldern, ihren Grundsätzen und ihren Fähigkeiten nach, zum Schimmyspielen für ungeeignet gehalten werden mußte. Andreas dagegen saß, wie das Mitglied einer Russenkapelle, am Klavier, das Haar fiel ihm in die Stirn und, wie in zornigem Enthusiasmus, spielte er darauf los. In dumpfem Rhythmus jammerten die Tasten unter seinen Händen, es war ein Schimmy von der wuchtigen und melancholisch-kriegerischen Sorte. Aber dann kam von oben eine Melodie dahergeschwebt, kindisch vergnügt, jenseits der Schwere, gewichtslos hüpfend. Sie girrte und kicherte in den Baß hinein, der im Takte stöhnte, wie Pferdegetrappel.
Einmal während des Spiels wandte Andreas sich um. Da tanzte Ursula also mit ihrem Vater. — Er hoffte es sehen zu können, wie peinlich der Meister sich bei solch moderner Tanzbemühung blamierte. Aber nicht ohne Anmut schritt der über den Teppich, wenngleich eine gewisse Besorgnis, ja Angst in seinen Augen stand. In seinen Armen lächelte die Tochter ihm entgegen. Ein wunderbares weißes Kleid hatte sie an, bemerkte Andreas erst jetzt, von oben bis unten war es mit kleinen Perlen bestickt, die klirrten leise beim Tanzen.
Die Baronin Geldern sagte in ihrem Sesselchen: „Ich muß gestehn: es wundert mich, daß Frank Bischof zu solchen Negertänzen sich hergibt. Gerade er, als Vertreter unserer Generation.“ — Aber Dr. Magnus schmunzelte nur. — An der Türe standen Peterchen und Marie Therèse und beobachteten ernst und mit Andacht. —
Als Ursula nachher wieder im großen Lehnstuhl saß, sagte Andreas hinter ihr: „Wollen Sie nicht vielleicht mit mir nach oben kommen? Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen —.“
Als sie nebeneinander die Treppe hinaufgingen, bemerkte Ursula leise und ein paar Stufen vor ihm, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte: „Ich habe Sie in letzter Zeit so wenig gesehen —.“ Aber hinter ihr antwortete Andreas’ Stimme nur: „Ich habe gearbeitet.“ — Früher waren sie beinahe jeden Tag zusammen gewesen.
Unten erzählte die Baronin den Herren von ihrer traurigen Lebenslage. „Mein Töchterchen Elsbeth hat jetzt als Tippmamsell eine Stellung gefunden,“ berichtete sie schmerzlich, „ach, ihr Chef nützt sie natürlich entsetzlich aus.“
Um ihren mageren Mund und um den armen Hals, an dem, ein Zeichen einstiger Pracht, die Perlen schimmerten, zuckte es leicht und in ihren beängstigten Augen lag die Not einer ganzen, aussterbenden Klasse.
Er öffnete die Türe zu dem hellen und kahlen Zimmer, in welchem er arbeitete. Er zögerte einen Augenblick, ehe er Licht anzündete, gleichsam als habe er Angst. Bei der Türe standen sie nahe nebeneinander im Dunkeln, aber doch wieder nicht so nahe, daß auch nur ihre Hände sich hätten berühren können.
Dann wurde es hell. Geblendet blinzelten sie in das weiße Licht, das plötzlich, wie mit einem bösartigen Zittern und Flimmern, das Zimmer erfüllte. Beinah unter dem Licht der elektrischen Birne stand das Bild, unbarmherzig, unvorteilhaft beschienen — und Andreas dachte nur: „Wer hat es dahin gerückt?“ — Mit einer kurz und obenhin einladenden Geste wies er darauf hin, aber sie übersah seine Bewegung, die hochmütig und unsicher war, sie stand schon, ohne sich zu bewegen, und schaute.
Andreas dachte: „So können nur Frauen blicken. Den Kopf so geneigt und so durchaus, so ohne Widerstand dem Sehen, dem Aufnehmen hingegeben. Da steht eine Frau,“ dachte er plötzlich und freute sich, als kenne er sie noch gar nicht und als begegnete sie ihm jetzt zum ersten Mal, „und sieht sich’s an, was ich gearbeitet habe. So sieht sie sich’s an: den Kopf etwas vorgestreckt, die Haare schwarz, ganz schwarz, aber ins Rötliche, nicht ins Bläuliche schimmernd, und die Augen desgleichen: schwarz, mit einem rötlichen Glanz. So heißt sie Ursula. So steht sie, ein wenig starr, vielleicht beinah ein wenig hölzern, — steht und schaut —“.
Sie wandte ihm ihr Gesicht wieder zu, aber um ihren Mund war kein Lächeln. Mitten unterm Licht stand sie in ihrem weißen Kleid vor der Staffelei mit zusammengezogenen Brauen. „Jetzt sollte sie etwas sprechen,“ flehte Andreas bei sich, „ein Wort sagen. Jetzt soll sie mir Auskunft geben, ich mache doch so viel davon abhängig. Sie weiß doch so viel, wie sie dasteht,“ dachte er wirr, „sie weiß es wohl nicht mit dem Kopf — aber mit dem Körper, wie sie so dasteht. Mit der Stimme weiß sie es, ich könnte ja alles aus ihrer Stimme erraten, wenn sie auch inhaltlich etwas ganz Gleichgültiges sagt — —.“ Und, als könne er unter der Last dieses Schweigens das Stehen einfach nicht länger ertragen, ging er durchs ganze Zimmer und setzte sich schwer vor dem kleinen Piano nieder, das ihn, bräunlich und unscheinbar an die Wand gerückt, erwartet hatte, wie eine schlichte kleine Kinderfrau ihren Zögling erwartet, der sonderbar ist und Sorgen macht.
Da kam das erste Wort des Mädchens vor der Staffelei — es fiel singend und schwer, wie der erste Regentropfen über die Bäume hinunter zur Erde gleitet, wenn die Luft lange Zeit schwül war und gewitterstill. „Ja,“ sagte das Mädchen, „ja — aber kann man dran glauben?“ — Und sie wandte das Antlitz, dessen Lächeln sanft war und zweiflerisch und so fremd, daß man es gar nicht anzureden wagte, dem Bilde selbst wieder zu. „Wenn man nämlich an etwas glauben kann,“ sagte sie zu dem Bild — und sie suchte nach jedem Wort und fand jedes, wie man, sich bückend, eine Beere findet, „dann wird man schwer und fromm davon, daß man es ansieht.“
Aber er, am Piano drüben, begann zu sprechen, knabenhaft heftig, kindlich schamlos, rhetorisch und wirr zugleich. „Sie sind streng,“ sagte er und seine Augen standen ganz voller Tränen, „Ihr Urteil ist streng gegen mich. Das, was schwer und fromm macht, kann nur aus der Klarheit kommen — Sie wissen es doch. Ihr Vater, ja, das glaube ich schon, daß der das Lebensvolle, das Glaubwürdige schafft.“ Und sein Gesicht — dieses Gesicht des Achtzehnjährigen mit dem tränenerfüllten Blick und der arbeitenden Stirne — verzerrte sich wieder in schmerzvoller Gehässigkeit. „Aber trotzdem,“ redete er weiter und wies plötzlich mit der Hand auf sein Bild, das, künstlich und qualvoll bunt, seinen Worten zu lauschen schien, „trotzdem müssen Sie andererseits doch fühlen, was ich vor Ihrem Vater voraus habe. Voraus habe ich vor ihm, daß er der Ausdruck, der Stellvertreter seiner Zeit war, als Bildender — aber diese Zeit ist doch trotz allem vorüber — und daß ich der Ausdruck meiner Zeit, meiner neueren, frömmeren, leidenschaftlicheren Zeit —, nicht bin, verstehen Sie mich wohl — aber sein möchte, aber doch einmal werden möchte. Sie sagen: Sie glauben nicht daran. Aber an die Bemühung müssen Sie doch wenigstens glauben. Sie sind doch auch jung — —“ sagte er plötzlich ganz leise und wagte sie kaum anzusehen, wie sie so still in seiner Nähe stand.
„Ja,“ sagte sie, und sah jetzt weder ihn an noch sein Bild, sondern blickte über beide hinaus ins Leere, „jung sind wir schon. — —“ Und doch hob sie die Schulter, als zweifelte sie gleichzeitig daran. „Aber wie ist es denn mit unserer Jugend?“ fragte sie weiter — und er wußte, daß sie alles, was er heute morgen wie in einer Angstvision erfahren hatte, ihm jetzt ganz still deuten und erklären würde, denn sie war ja klüger als er und war eine Frau. „Wir sind doch zusammen aufgewachsen, Andreas, haben zusammen gespielt und gelitten, ohne zu wissen, wohin uns dies alles führen werde. Nun ist wie ein Fieber über dich plötzlich die Idee gekommen, du möchtest dies alles gestalten. Unser Spiel war wohl sehnsüchtig, unser Leiden wohl fromm, und wir müßten verächtlicher denken von uns, als recht ist, wenn wir glauben wollten, es sei nicht eine Ahnung und ein Traum, von dem was in der Zeit liegt, und was unsere Zeit will, in diesem Leiden und in diesem Spiel gewesen. — Aber unsere Jugend, unsere große, andere Jugend — wie ist es denn eigentlich mit ihr? Ach, so einfache Auswege scheint sie aus der Wirrnis gefunden zu haben, durch deren Labyrinth wir uns ratlos und sehnsuchtsvoll zu tasten mühen. Ein bißchen Sport, ein bißchen Politik und sie ist schon zufrieden. Unbewußt ihrer tiefinnersten Entgleisung setzt sie ihren Stolz darein, so flach und leidenschaftslos zu werden wie immer nur möglich. Ach, Andreas, Gestaltung gibt es nur da, wo dadurch, daß man das eigene Leid, das eigene Pathos zum Gebilde formt, das Pathos und Leiden der ganzen Zeit, der ganzen Generation mitgebildet, mitgeformt werden kann. Unsere Jugend hat gar kein Pathos, unsere Jugend verleugnet feige ihr Leid und will nichts von ihm wissen. Was willst du formen, Andreas? Nur immer deine eine, vereinzelte Seele wird aus deinen Bildern und Versuchen sprechen, und niemand wird dir danken dafür, daß du sie klagen läßt — von den Alten keiner und keiner von den Jungen.“
Und der Knabe hörte sie reden, hörte wieder, was er schon immer gewußt hatte. Aber er fand keinen Ausweg aus ihren Worten. Die Trauer, die aus ihnen klang, legte sich so dicht um sein Herz und um all seine Glieder, daß er sich nicht regen konnte.
Sie aber, immer noch vor der Staffelei, begann wieder zu sprechen. „Du hast mich vorhin gefragt, ob ich jung wäre,“ sagte sie, „und es lag beinahe ein Vorwurf in deiner Frage. Ich weiß: du glaubst, ich wäre ungetreu unserer Frage, setzte mich über unser Problem einfach hinweg, weil ich so ernst zu meinem Vater halte. Und das ist auch wahr: ich liebe meinen Vater mehr als eine Jugend, die beinahe nichts hat als ein wenig Lärm und noch nicht einmal den Mut zu ihrer eigenen Verzweiflung. Aber mein Vater hat in seiner feierlichen Einsamkeit beinahe alles vollendet, vielleicht ist mein Vater ein Held.“
Sie sprach wie eine, die selten redet, ausführlich und klar. Aber sie hatte noch nicht bemerkt, daß der, für den sie erklärte, nicht mehr zuhörte, sondern das Gesicht schon lange abgewendet hatte. Da ging sie zu ihm hin — und bei jedem Schritt klirrten leise die vielen Perlen an ihrem Kleid. „Wie soll ich dich trösten,“ sagte sie dicht hinter ihm, „ich habe am wenigsten einen Trost für dich. Ich weiß keinen Ausweg für dich, Andreas — ich bin ja nur eine Frau. Soll ich dir heute sagen: ich glaube, daß du einen finden wirst? Das wage ich nicht, denn die Verwirrung ist groß. Aber ich wünsche es so, Andreas, ich wünsche es mir so — um deinetwillen — um meinetwillen — —“
Aber er verstand nicht den süßen Sinn dieses „um meinetwillen“, er sah ja auch nicht den Blick, mit dem sie sein Haar und seinen Nacken streichelte. Er saß in seinem Trotz und in seiner Not, er saß in Hochmut und Verzweiflung und sah das Mädchen nicht, das sich über ihn beugte. Er hatte nur gehört: „Ich weiß keinen Ausweg für dich —“
Da er ihr sein Gesicht nicht zuwandte, nahm sie es sanft zwischen beide Hände und beugte sich von hinten darüber, um es sehen zu können. Aber aus seinen Augen, die tief geschlossen waren, flossen unaufhaltsam Tränen, gebadet in Tränen war schon das ganze Gesicht. Ein Antlitz sah sie, wie vielleicht kein anderer es hätte sehen können, ohne es zu verachten, ohne es angewidert beiseite zu schieben. Aber sie ließ ihren Blick darauf ruhen und redete zu ihm und seinen Tränen. „Mein lieber Andreas,“ sagte sie — und jedes Wort fiel so sanft zu ihm — „jetzt weine nicht mehr — in irgendeiner Stunde ist alles gut. Bist du denn so verletzt? Ist es so hart? — Mein lieber Andreas — —“
Und so war ihr Gesicht über seinem: gütig, wie das der Mutter, sanft, wie das der Geliebten nach der ersten Nacht, geheimnisvoll wie das Gesicht der Schwestern.
Da flüsterte er ihr entgegen, der unter ihrem Blicke weinte — ohne Fassung und ohne Scham, wie ein Kind:
„Meine liebe Braut — — —“
Ganz sachte betrat Andreas das Schlafzimmer der kleinen Marie Therèse — er wagte kaum aufzutreten. Spielzeug lag auf dem Fußboden. Sorgsam, um nicht irgendwo anzustoßen, fand er, zwischen Pferdchen und Schächtelchen hindurch, den Weg zum Bett, wo sie schlief.
Es waren grüne Läden gelegt vor die Fenster, aber durch ihre Spalten kam kühl und dunkel die Nacht, denn die Fenster selbst waren offen. — Da hingen ja auch ihre kleinen Kleider über dem Stuhl, ihr Kittelchen, ihr Leibchen und ihr gestricktes Höschen. Da standen auch ihre Schuhe — kleine Schuhe. Da atmete sie selbst zwischen den Kissen.
Der Bruder beugte sich über sie. Tiefste Scham hinderte ihn ihren ruhigen Schlaf anzureden, sie zu streicheln oder ihr Adieu zu sagen. Er sah nur, wie ihr Kopf seitlich ein bißchen vom Kissen geglitten war und wie ihr Haar in die Stirne hing. Und wie ihre Händchen, die zarten und tagsüber leicht beschmutzten, nahe beim Gesicht gefaltet lagen. Und wie sie atmete.
Leise ging er zurück, leise aus ihrem Zimmer und die Treppe hinunter und zum Hause hinaus. — So klein waren sie gewesen, die Kleider über dem Stuhl. Das war das einzige, das er jetzt noch empfand. Hatten tags ihrer Herrin gedient, waren für sie ja auch reichlich groß genug. Hatten ihr in Unschuld gedient. Und jetzt warteten sie in Demut, bis der neue Tag wieder begann und sie wieder nützlich sein konnten der süßen Gebieterin.
So war der Tag dieser Kleider: unschuldig. Und so war ihre friedliche Nacht.
Es regnete leise, er merkte es jetzt erst. Er hatte gar keinen Mantel an. Der Regen war wie ein gedämpftes Rauschen in den Pappeln, die hoch und schwarz in dieser glanzlosen Nacht standen. Die Wege waren kaum zu erkennen.
Aber plötzlich fiel es ihm wieder ein, welchen Weg er gehen mußte. Er hatte es ganz vergessen, er war in Gedanken verloren gewesen. Aber er erschrak nicht, als er dann wieder daran dachte. — Freilich — er war ja zum Abschiednehmen bei der kleinen Marie Therèse gewesen. — Er blieb nicht stehen, er fing nicht aus Angst an zu laufen. Er ging weiter, langsam im Regen. Sein Haar hing schon ganz schwer und vollgesogen, und es rann Wasser über sein Gesicht. — Aber jetzt war er bald am Ziel. Er hörte schon, wie die Wellen des Flusses an die steinernen Ufer schlugen.
Jetzt lief er den Abhang hinunter oder vielmehr: er gab seiner Neigung sich hin, wie ein rollender Gegenstand. Jetzt stand er am Fluß.
Er empfand keine Angst, als er sein schwarzes, eiskaltes, gleichmäßiges Fließen und Vorüberziehen sah — beinahe kam ihn selbst darüber ein Verwundern an. Es war, als sei sein Herz viel zu müde, um irgendein Gefühl, wie Angst oder wie wahre Not es ist, überhaupt noch festzuhalten. Daß er müde sei, war das einzige, was er empfand. — Wozu noch weiter? Wozu sich immer wieder bemühen —? Und auch Angst war Bemühung. Warum nicht Heimkehren dürfen in diese süße Unschuld, die da vor ihm rann und floß?
So war also einer zu schwach gewesen, um aus der Verwirrung die Form zu bannen, die Form des Lebens und die Form des Werkes. So war also einer zu müde gewesen, um aus der Not der Zeit und der eigenen, einmaligen Not, die sich unlösbar ineinanderverschlangen, das erlösende Gebild zu schaffen. So hatte einer die Unschuld der Nacht mehr geliebt als diese böse Unruhe der Zeit und welche Zeit wäre unruhiger, gefährlicher, weniger unschuldig gewesen als die unsere? — Ein wenig getastet hatte er, sich suchend verstrickt in Mühsal und Schmutz, aber jetzt ließ er sich fallen, schloß schon die Augen, neigte den Oberkörper schwankend nach vorne, wie ein Betrunkener, hatte keine Worte mehr im Herzen, keine Gedanken mehr im Sinn — Worte waren ihm schon zur Sünde, Gedanken zum Frevel geworden — wußte nichts mehr, als daß jetzt die süße, rauschende Stille ihn gnädig wieder aufnehmen müsse, seine schuldlose, fröhliche Heimat, der er sich immer zutiefst verbunden gewußt hatte, obgleich sie ihn, ihren ergebenen Ritter, zu so unbestehbar schwierigem Kampfe hatte ausgesendet. —
Aber in diesem Augenblicke, da er, die Augen schon ganz fest geschlossen, den ganzen Körper schon geneigt zum seligen Sich-fallen-lassen, der dunklen Heimat so nahe gewesen war, schien aus dieser Heimat eine große Stimme zu ihm geredet zu haben. Ich glaube nicht, daß sie in Worten zu ihm gesprochen hat. Aber sie mußte einen Befehl vor ihm aufgerichtet haben, wie man eine Fahne hinstellt vor einen Soldaten, der schwören soll.
Andreas sprach keinen Schwur. Aber er richtete sich wieder auf, ganz gerade. Er löste den Blick von der schwarzen, fließenden Stille vor sich, die Unschuld war und doch auch Verführung, eine süße Verführung zur Unschuld. Und ganz fest, ganz ohne zu zittern schaute sein Blick, der sich also vom Dunkel getrennt hatte, in eine andere Ferne, die irgendwo, hinter der Nacht, zu liegen schien. Voll Abenteuer war diese, voll Lust und Not und Gefahr. Aber seinem Blicke, der nicht bebte in dieser Minute, da er den „Befehl“ vernommen hatte, schien es, als sei sie der Unschuld seiner geliebten Heimat doch wieder verbunden durch etwas, das er noch nicht wußte, und das es also zu erkennen galt.
Langsam, Schritt für Schritt, ging er den Abhang wieder hinauf, den er, wie willenlos, vorher hinuntergeglitten war. Einmal allerdings wandte er sich um und sah zum Wasser zurück — ganz rasch, fast flüchtig und mit einer kleinen hilflosen Geste, die, wie nach einem Halt, ins Leere griff. Aber dann lächelte er schon wieder, vielleicht über sich selbst und über seine schwache vage Bewegung.
Lächelnd stieg er weiter.
Die ganze Nacht hindurch hatte er Briefe geordnet, Bücher, kleine schon halb vergessene Andenken aus der fragwürdigen, schmerzensreichen und doch verspielten Zeit seines Lebens, die mit diesen Stunden zu Ende ging.
Jetzt galt es noch zu packen, ein paar Kleidungsstücke, ein paar Bücher, Photographien und noch zwei Briefe zu schreiben, zwei kurz gehaltene Abschiedsbriefe. — Der eine war an seinen Vater gerichtet und in ihm stand nur, daß man nicht nach ihm suchen sollte, er hätte ja noch Geld für die erste Zeit, er würde es schon irgendwie gut machen und als sein getreuer Sohn verbliebe er, für immer. — Die Zeilen waren ungeschickt, fast linkisch abgefaßt, stolz und zärtlich zugleich, wie die Briefe der Gymnasiasten sind, die nach Amerika durchbrennen. — Der andere Brief war an Ursula Bischof.
Den Brief für den Vater legte er ihm auf den Frühstückstisch, der schon gedeckt im noch dunklen Eßzimmer stand. Persönlich Abschied zu nehmen war ihm ja leider verwehrt. Aber der Vater würde ihm keine Korrektionspolizei auf den Hals schicken, oder ihn durch drohende Schreiben zurückbeordern. Sein Vater war gut und klug. So würde er weiterhin seiner Wege gehen, in zufriedener Schwermut die Tage vollenden. An seiner Seite blieb ja Marie Therèse, die sein Kind war.
Aber ihr wollte er doch Aufwiedersehen sagen, ja, Marie Therèse wollte er unbedingt aufwecken und ihr erzählen, daß er jetzt verreisen müsse.
Er lief wieder zu ihrem Zimmer hinauf, und ihm fiel ein, daß er ja gestern abend schon einmal zum „Abschiednehmen“ bei ihr gewesen war. Aber diesmal ging er nicht mehr so sachte. Das war ein Abschied lauterer und morgendlicherer Art. Das kleinere Kind schläft noch in seinem Bettchen, aber das größere zieht schon zu seinen Streichen aus: — so war es.
Er zupfte sie am Hemd, er kitzelte sie auch unterm Kinn. Da wachte sie schnell auf. „Ist es denn Morgen?“ sagte sie und lächelte ihm schon entgegen, trotzdem sie noch so schlaftrunken mit den Lidern blinzeln mußte. Und er, mit einer Stimme, so hell, wie sie sie noch niemals von ihm gehört hatte: „Siehst du nicht? Der Himmel ist doch schon ganz blau —“, und sie lachten beide zum Himmel hinauf, der graublau und morgenkalt zwischen den Bäumen des Gartens schimmerte.
Dann erzählte er ihr, hastig, sich verwirrend und über ihr Bett gebückt. „Ich muß nämlich jetzt verreisen — ja, denke dir nur, in aller Herrgottsfrühe — auf längere Zeit — für ziemlich lange zunächst — ich weiß noch nicht genau, wie lange es sein wird.“ — — Sie hatte sich schon in ihrem Bettchen aufgerichtet, sie kniete im Nachthemdchen zwischen den Kissen. „Ach,“ sagte sie scherzend und wandte das seidenfein umsponnene Gesichtchen schräggestellt zu ihm hinauf, „reist kleiner Andreas weg? Da muß ich weinen“ — — sie ließ den Kopf sinken, fast bis auf die gefalteten Händchen hinunter, sie kauerte in der gespielten Pose des Schmerzes in ihrem Bett, zärtlich und neckend, wie die lieben Engel es sind. „Grüß Peterchen von mir,“ sagte der Bruder noch und legte seinen Mund auf ihre kleinen, warmen Händchen, „vergiß es nicht,“ — — und er war schon hinaus.
Marie Therèse lugte ein paar Augenblicke noch, schlau und versonnen, in den hellgrauen Morgen, bis sie sich wieder zum Schlafen zurechtlegte. —
Als Andreas schon unten im Garten stand, lief er noch einmal zurück, die Treppen hinauf, bis in den zweiten Stock, bis in sein Arbeitszimmer. Er hatte etwas vergessen.
Ganz außer Atem kam er oben an. In allen Winkeln suchte er etwas, schnaufend, eilig, konfus. Er fand es endlich: ein großes graues Tuch, einen alten Lumpen aus Sackleinwand. Und er warf das Tuch über sein Bild, warf es über die unfertige Darstellung des lieben Gottes, die, kalt und schmerzlich, im Morgenlicht stand. Jetzt war sie also verhüllt, wie ein Toter mit einer gnädigen Decke.
Auch Ursula Bischof fand auf dem Frühstückstisch erst den Brief, den Andreas frühmorgens abgegeben hatte für sie. Der Diener hatte gesagt: „Der junge Herr hat den Brief selber eingesteckt, vom Küchenfenster aus habe ich es gesehen. Er schien ziemlich aufgeregt — —“
Ursula zögerte einen Augenblick, ihn zu erbrechen. Eine tiefe Angst war in ihren Augen, ihre Hände zitterten auch. Aber dann las sie ihn doch.
Sie hob den Kopf nicht gleich, nachdem sie zu Ende war. Sie hielt ihn still übers Papier gesenkt. Erst als der Vater eintrat, sah sie dann auf. Sie sagte „guten Morgen“ zu ihm und schenkte ihm Tee ein. Aber er sah sie rasch an und erkannte, daß ihre Augen voll Tränen standen. Er hatte seine Tochter noch niemals weinen sehen.
Als sie wieder zu ihrem Brief zurückkehrte und ihn noch einmal las, konnte sie lächeln. Und der Vater erkannte dies Lächeln auch, obwohl es so schwer und undurchdringlich auf ihrem Gesichte stand.
Sie saßen einander beim Frühstückstisch gegenüber, er, der Vater, der schon alles erlebt hatte in seiner Einsamkeit, und sie, die Tochter, bei ihm und doch nur wartend auf den, der in Übermut, Stolz und Trauer ausgezogen war, um, auf seine Art, die großen Dinge zu bestehn.
Und so ließ das Mädchen ihren Blick schweifen vom Gesicht des Vaters, das ihr mit wissensvollen und doch nicht starren Augen gegenüberstand, zu ihrem kleinen Brief hinüber, der so schroff, so schamhaft abrupt, so beinah hochmütig geschrieben war und den sie sich doch hätte mögen an die Lippen reißen.
Und so segnete ihr schweres Lächeln den Brief und den, der ihn geschrieben hatte. Segen goß dieses Lächeln über ihn aus, Segen über sein ernstes Spiel, Segen über den frommen Tanz.
Als er in Berlin ankam, war es schon gegen Abend und ziemlich dunkel. Er fand keine Gelegenheit, einen Gepäckträger zu rufen und ihm seinen Handkoffer zu übergeben — viel zu wenig Träger, fand er, waren hier aufgestellt in Anbetracht der großen Anzahl von Reisenden, es war ja ein peinliches Laufen und Schreien nach diesen Männern — und so trug er denn das ziemlich schwere Stück allein zum Auto. Etwas seitlich nach unten gezerrt von der Last, ging er, leicht wankend, durch den Perron. Etwas schief betrat er die Stadt.
Dem Chauffeur, der streng und mit Schnauzbart in seiner Lederjacke saß, legte Andreas die schüchterne Frage vor, ob er nicht vielleicht ein Zimmer für ihn wisse — ein möbliertes Zimmer — nicht zu teuer, auch nicht zu schäbig andrerseits. Der Bärtige musterte ihn etwas erstaunt von oben bis unten. Andreas mußte die Augen schließen unter diesem unerbittlich prüfenden Blick. So also wurde man angesehen. Und er hielt diesem Manne sein Gesicht hin, diesem Manne als erstem in dieser unbarmherzigen Stadt. Sein Gesicht war vom Reisen so grau und müde, mit heißen, überanstrengten Augen. Um den Mund lag es sogar wie ein Zittern, als müsse er eigentlich weinen.
Die Musterung schien nicht ganz ungünstig auszufallen. Der Chauffeur sagte: „Na, dann steigen Sie mal ein — Zimmer sind ja zwar knapp zur Zeit. — Aber ich glaube, meine Frau selbst hat noch eins zu vergeben, die vermietet auch nämlich.“ — Und Andreas stieg ein, schief unter der Last des Koffers, denn dem Manne in der Lederjacke, obwohl verhältnismäßig entgegenkommend gestimmt, konnte selbstverständlich auf der weiten Welt nichts ferner liegen, als diesem etwas verdächtig aussehenden Kind im langen, gelben Mantel mit dem verwirrten Haar und den überanstrengten Augen beim Tragen zu helfen. Aber dann saß er also im rüttelnden Wagen — ganz allein mit seinem Koffer.
Seine Gedanken waren so qualvoll an Sachliches gebunden, konnten von diesen naheliegenden peinlichsten Dingen sich nicht einen Augenblick lösen. Er dachte nur immer: ja — ein Zimmer soll ich nun also bekommen — aber wieviel wird es wohl kosten? Eine Woche reiche ich ja bestimmt mit dem Geld, das ich noch habe. Und dann muß ich eben verdienen. Wie allerdings — wie ich das mache? — Ja, deshalb bin ich ja eben ausgezogen, um das zu erlernen. — Ja, dann muß ich eben verdienen. —
Sein Kopf, den er ohne Widerstand der Bewegung des Wagens hingab, wurde gleichmäßig geschüttelt. Mit wackelndem Kopfe fuhr er durch diese fremde Stadt und hatte nur einen müden, schweren, lähmenden Gedanken: „Ja, dann muß ich eben verdienen — verdienen — —“
Aber draußen glitt mit Bogenlampen und flimmernden Lichtreklamen die Stadt vorbei. Die Stadt hatte nicht acht auf den, der da allein im Wagen saß. Nur zuweilen sandte sie, durchs Fenster, ein kleines, grelles, elektrisches Streiflicht über ihn hin — von einer Bogenlampe aus fuhr es über sein in Müdigkeit verfallenes Gesicht — gleichsam als wenn sie ihn flüchtig prüfen wolle auf seine Verwendbarkeit hin, so wie der Chauffeur ihn vorher geprüft hatte.
Sie fuhren lange, schien es Andreas, stundenlang. Sie hielten erst an, als die Straßen enger und dunkler wurden. „Ja,“ sagte der Chauffeur rauh und öffnete schon den Wagenschlag, „hier wäre ein Zimmer für Sie — das kann ich empfehlen.“ — Und er lachte sogar.
Wie unappetitlich es im Treppenhaus roch. Nach Honig halb und halb nach faulen Eiern. — Andreas vermochte es kaum einzuatmen. Aber Flucht war natürlich nicht möglich. Der Chauffeur stapfte ja, einen Schritt nur entfernt, breitrückig vor ihm her.
Die Gattin des Chauffeurs, ergraut und starkknochig, trat unliebenswürdig aus ihrer Küche. Doch, meinte sie, die Hände vorm Leib gefaltet, das Zimmer sei schon noch frei. Sie hatte sich plötzlich einen Zwicker aufgesetzt und musterte seitlich und böse diesen sonderbaren Jungen, der da so blaß bei seinem Köfferchen stand. „Aber Sie müssen anzahlen“, sagte sie und schüttelte unbarmherzig den Kopf, während sie ihren Zwicker umständlich wieder von der Nase tat. „10 Mark zum mindesten.“ — Und Andreas, der doch das Zimmer noch gar nicht gesehn hatte, kramte auch schon errötend in seiner Brieftasche.
Der Chauffeur selbst hatte inzwischen das Zimmer schon aufgeschlossen und stand breit am Eingang. Andreas dachte, daß er ja immerhin ansprechender sei als seine Gemahlin, obwohl ihm sein Geruch nach Schweiß und Tabak sehr peinlich auffallen mußte, als er an ihm vorbei das Zimmer betrat. Ja, luxuriös war das nun eben nicht. Das große Bild des stattlichen Exkaisers Wilhelm würde er ja wahrscheinlich wegstellen dürfen, sollte er länger hier bleiben, und etwas Eigenes hinhängen dafür. Der Waschtisch allerdings blieb mager und schmutzig, der Fußbelag speckig.
Aber da fragte die Wirtin auch schon, während sie sich in die Küche zurückzog, ob sie ihm nicht vielleicht die Tochter schicken solle, damit sie ihm beim Auspacken helfen könnte. Ehe er antworten konnte, war auch die Tochter schon da. Andreas errötete wieder und sagte, daß er allein fertig zu werden hoffe. Aber sie hatte eine grünseidene Bluse an, trug ihren Busen wie einen hübschen Schatz vor sich her und lachte ihm zwinkernd aus verquollenen, hellblauen Augen zu. „Ach,“ sagte sie und er erschrak, weil ihre Stimme quetschiger noch war, als er es hatte erwarten können — „das werden wir zusammen machen.“ Und sie kam auch schon, verlockenden Ganges, ein paar Schritte näher herangestiegen. „Oder wollten Sie vielleicht gar noch ausgehen? Ausfliegen, Großstadtabenteuer suchen — was?“ neckte sie ihn und schüttelte lustig die fetten manikürten Hände. „Aber das haben wir doch wirklich nicht nötig —“
Plötzlich hatte sie sich gesetzt und begann zu erzählen, daß sie tagsüber als Friseuse tätig sei. — „Ja,“ berichtete sie ernst, „bei angenehm situierten Herrschaften,“ — aber abends wäre sie frei, ihre eigene Herrin. —
Andreas, vorm Schwarz des Fensters, hatte die Augen geschlossen, als komme große Übelkeit, großes Elend ihn an. Aber plötzlich wandte er sich mit einer überraschend heftigen, ja harten Bewegung ab und der Straße zu. „Gute Nacht“, sagte er und seine Stimme hatte einen anderen Klang bekommen.
Beim Klang dieser Stimme stand das Fräulein natürlich sofort auf. Mit pikierten Bewegungen ordnete sie ihr rötliches Haar. Sie kniff den Mund zusammen, sie sagte mehrmals: „Bitte sehr — bitte sehr — —“, und ging fett und hochmütig zur Türe.
„Ich bin nämlich müde,“ sagte Andreas leise hinter ihr drein, „entschuldigen Sie, ich wollte nur gern schlafen.“ — Aber sie hatte, mit einem letzten, entscheidenden „Bitte sehr“, die Türe hinter sich zugeworfen.
Der am Fenster wandte sein Gesicht wieder der Straße zu. Er öffnete das Fenster sogar und hielt sein Gesicht dem kühlen Dunkel hin. Die Laternen schwankten in langer Reihe. Aber die Häuser gegenüber waren fast dunkel. Viele fremde dunkle Häuser, Andreas sah sie an und fror ein wenig dabei. Alle voll Leben, alle voller Geheimnis. — —
Ein Hund schlug plötzlich irgendwo an, es klang wie ein gräßliches Heulen und Hohngelächter. Darüber erschrak er. Er zog sich verängstigt ins Zimmer zurück. Nachdenklich ging er dann auf und ab. — Vielleicht war er doch ein bißchen zu unfreundlich gegen die junge Dame gewesen, fragte er sich voll Sorgen. Sie hatte ja auch nichts Unmenschliches vorgehabt. Er war doch so eine Art „junger Herr“ für sie. — Und da hieß es wohl die Gelegenheit nutzen. Aber warum war ihr Busen auch so unangenehm stramm unter der ordinären Seide?
Draußen hörte er sie schon schimpfen. „Der ist auch noch nicht ganz trocken hinter den Ohren“, sagte sie schrill und die Eltern brummten dazu von irgendwoher. Übrigens schien sie noch ausgehen zu wollen. Sie forderte wütend ihren Mantel und ihren besseren Hut.
Darüber mußte Andreas lächeln. Es rührte ihn so, daß sie den besseren Hut wählte. Als wenn der mittlere nicht auch hätte ausreichen können. Und wie verlockend sie das Staatsstück nun tragen würde unter den schwankenden Laternen.
Er beschloß, daß er heute nicht mehr auspacken wollte. Besser war es, gleich schlafen zu gehen. So sollte auch sein Zimmer dann dunkel sein, nicht länger auffallen in der schwarzen Reihe der Häuser. Der Nachdenkliche, der vorüberging, würde bei sich überlegen: da schläft einer. — — Und es war doch er, er, Andreas Magnus, der Einzelfall, der ausgezogen war, ohne zu wissen wohin — nur weil er’s gelobt hatte in einer Stunde, die jetzt schon, unergründlich wie ein Märchen, als Vergangenheit hinter ihm stand.
Darüber, daß er da war — ein komischer Abenteurer vor Gott — mußte er wiederum lächeln, wie er vorhin über den besseren Hut des unternehmungslustigen Fräuleins gelächelt hatte. Lächelnd kleidete er sich aus und legte sich lächelnd ins Bett.
Obwohl die Kissen sich schmierig anfühlten und, leise aber durchdringend, nach allerlei wenig Vertrauenswürdigem rochen, schmiegte er sich doch an sie, voll guten Glaubens.
Er schlief auch gleich ein, kaum daß er das Licht gelöscht hatte.
Sein Kopf war seitlich ein wenig vom Kissen geglitten. Nahe bei seinem Gesicht lagen gefaltet die Hände.
Sein Schlaf war unruhig, was er sonst beinahe nicht kannte. Öfters wachte er auf, er fühlte sich schlecht und heiß, und es ekelte ihn vor seinem Lager.
Auch am Morgen erwachte er viel früher als er’s gewohnt war, der Tag stand noch ganz grau hinter den Fenstern. Aber sofort, schon im allerersten Augenblicke des Erwachens erkannte er klar, was ihn nachts als dumpfes Übelbefinden gepeinigt hatte. Er brauchte nur seine Hände anzusehen, sie waren rot und verschwollen. Seinen Körper brauchte er nur anzusehen: den ganzen Rücken hinunter, die Beine entlang, bis zu den Füßen, die brannten: einzelne Stiche waren kaum mehr zu unterscheiden, alles rot, alles hart, juckend, geschwollen.
Er sprang aus dem Bett, aber seine Füße ekelten sich so vor dem speckigen Fußboden. Er lief zum Spiegel, der trübe und fleckig war. Ein Gefühl des Geschmähtseins, des zutiefst Beleidigtund Entwürdigtseins kam so würgend, ja, so betäubend über ihn, daß er, das Gesicht gegen das kühle Spiegelglas gepreßt, weinen mußte — empört und bitterlich, ganz allein, zuckend und nackt in diesem Zimmer. Hinter den Ohren hatte er ja Stiche sogar, und über den Hals und einen großen mitten auf der Stirn, der auch das rechte Auge noch häßlich in Mitleidenschaft zog.
Immer noch weinend zog er sich an. Wütende Lust kam über ihn, das Porträt des Exkaisers, das in unmotiviertem Triumph von der Wand lächelte, herunterzureißen und es an seinem Bett zu zerschmettern. Aber er brachte die Tatkraft nicht auf.
Er zog gleich den Mantel an, frühstücken wollte er hier doch unter keinen Umständen. Dann klingelte er.
Die Chauffeursgattin erschien, unliebenswürdig in ihrer Schürze, die Hände vorm Leib gefaltet, als sei sie niemals zu Bett gewesen. Mit mürrischem Seitenblick maß sie das verschwollene Gesicht ihres Gastes, der da im Paletot auf dem Bett saß und verzweifelt Zigaretten rauchte.
„Ich muß selbstverständlich sofort ausziehen,“ sagte Andreas ruhig, mit leicht zitternder Stimme, „Sie sehen ja selbst, ich bin ganz verstochen.“ Und plötzlich ein wenig lauter, und während sich etwas in seinem Gesichte verzerrte, als müßte er gleich wieder losweinen: „Hier sind ja Wanzen im Bett — —“
Die Chauffeursgattin horchte kaum auf. Mürrisch war sie schon wieder beim Ausgang. „Ja,“ sagte sie nur — und löste nicht die Hände vom Leib — „wenn es Ihnen bei uns nicht gefällt — —“
Andreas saß, da sie das Zimmer verlassen hatte, noch ein paar Minuten regungslos auf dem Bett — regungslos im Mantel auf diesem fremden Bett, das ihm so sehr geschadet hatte. Jetzt hieß es also ein anderes Zimmer suchen — zehn Mark hatte er nebenbei auch eingebüßt — —
Er stand schwerfällig auf, ergriff den Koffer, verließ langsam das Zimmer.
Er war nicht gefaßt gewesen auf das, was ihm draußen bevorstand. An der Türe zur Küche standen zu dritt nebeneinander, als hätten sie sich aufgestellt zu einer ingrimmigen Parade, Vater, Mutter und Tochter — der Chauffeur massig und in Hemdsärmeln, die Gattin den blitzenden Zwicker auf der Nase, die Tochter üppig und erregt in einem geflammten Satinschlafrock. — Kaum, daß Andreas sein Zimmer verlassen hatte und also, ein einzelner, ihnen gegenüberstand, als auch schon ihr leidenschaftlich vereintes Schimpfen begann.
„So etwas,“ wütete der Baß des Vaters, „so etwas ist mir doch überhaupt noch nicht vorgekommen! Wanzen, sagt er — Wanzen —“ Und dazwischen die Mutter, keifend in der Mittellage: „Wanzen in meinem Haus!! In meinem Haus Wanzen! Wer weiß, wo der sich die Nacht herumgetrieben hat!!“ Und die Tochter mittenhinein, aufgelöst das gefärbte Haar, das dicke rote Gesicht nur flüchtig gepudert: „Überhaupt ist der ja noch ganz jung! Ganz jung ist der ja überhaupt noch!!“ — so als wäre dies ein Vorwurf unerhörter, ja, alles andere ganz in den Schatten stellender Art. Dieses Thema nahm die ganze Familie auf, sie schrien es, in allen Stimmlagen, jammernd zur Decke: „So eine Frechheit — dabei ist er überhaupt noch ganz jung —!! Wanzen!! Und dabei ist er ganz jung!!“
An ihnen vorbei stolperte Andreas zur Tür. Er wollte sich dort noch einmal umwenden, irgend etwas noch sagen, vielleicht eine Art Erklärung. Aber der Chauffeur, ein paar Schritte beängstigend näher auf ihn zutretend, kam ihm schrecklich zuvor. „Wir wollen gar nicht mit Ihnen diskutieren!“ wetterte er und hob schon die Arme. „Sie sind uns ja noch viel zu jung! Passen Sie auf, daß Sie nicht zum Schluß eine tüchtige Ohrfeige bekommen! So eine Frechheit!!“
Ganz benommen wankte Andreas die Treppe hinunter. Bösartig verklang hinter ihm diese Anklage, dieser erbitterte, leidenschaftliche Vorwurf, daß er ja überhaupt noch jung sei — überhaupt noch ganz jung.
Die Straße draußen war grau und sah nicht angenehm aus. Sie war so lang und liniengerade, daß man ihr Ende gar nicht mehr absehen konnte. Eine Vorstadtstraße wohl nur, aber wahrscheinlich eine wichtige ihrer Art, eine Hauptvorstadtstraße.
Ein Mann kam pfeifend die Straße hinunter, man sah ihn von weitem. Er trug etwas in der Hand, etwas, das sich leise bewegte, aber Andreas erkannte im letzten Augenblick erst, was es war. Der pfeifende Mann trug ein Huhn am Hals, ließ es so leichthin herabhängen, als sei es ein verschnürtes Paket, obwohl es noch lebte und zuckte. — Das machte, daß Andreas den Koffer niedersetzen mußte, als habe ihn irgendwer mit einem kleinen, abscheulich wohlgezielten Stich alle Nerven auf einmal verletzt.
Er stand auf der langen Vorstadtstraße und dachte, während das große Weinen wieder in ihm aufstieg und schon seinen Mund verzerrte: Warum ist denn die Welt so häßlich? Nun bin ich ausgezogen, guten Glaubens an sie und obwohl ein anderer Weg, ein stillerer Gang weit mehr mich verlockt hätte. Aber gleich zu Anfang stellt sie sich in so unbarmherziger Scheußlichkeit vor mir auf, daß ich es schon wieder bereuen muß, ihr nicht ferngeblieben zu sein.
Dann dachte er, daß er jetzt zum Friseur gehen müsse, unrasiert war er auch. Dort hinten hatte einer sein Schild ausgehängt. Hoffentlich wählte der Mann mit dem zuckenden Huhn nicht denselben.
Auch beim Friseur erlebte er wenig Gutes. Der Mann, der ihn zu bedienen hatte, erwies sich als klein, ja, beinahe verkrüppelt. Er hatte kalte und harte Hände wie ein Orang-Utan und bediente sich außerdem eines Zwickers während seiner verantwortungsvollen Arbeit, was etwas Verdächtiges hatte, denn also mußte er wohl kurzsichtig sein. Der andere Gehilfe — der, mit rotem kurzgeschorenem Haar und wimperlosen Augen übrigens noch fataler wirkte — redete ihn zudem „Professor“ an — und man wußte nicht recht, warum.
Andreas saß, eingeseiften Gesichtes, auf seinem Sessel und sah traurig aus. Als der „Professor“, unheimlich kurzsichtig mit seinem Messer hantierend, ihn wegen der Wanzenstiche knärzend necken wollte, hatte er nur ein wehes Lächeln zur Antwort. Ihm tat alles so weh, die Stiche hinter dem Ohr waren am schlimmsten, die brannten ja wie Geschwür. Und wenn sein Blick, aus Versehen beinah, sein Gesicht im Spiegel traf, war es ihm, als müßte er vor übergroßer Scham gleich in den Fußboden versinken, wegen des so lächerlich verschwollenen Auges.
Andererseits verlockte die nähere Umgebung auch nicht gerade dazu, sie liebevoll — genau zu betrachten. Direkt vor ihm, auf der Marmorplatte des Tisches, stand da ein kleines Schälchen, angefüllt mit fast blutroter Flüssigkeit, worin ein kleines, gelbliches Gebilde schwamm. Es sah wahrhaftig aus, wie ein künstlich herausoperierter Menschenteil, ein Herz etwa oder gar eine Milz, den man, in seinem eigenen Blute, beiseite gestellt hatte. — Andreas schloß wieder die Augen — — So also war diese Welt. Ob dieses Dingchen wohl auch noch zucken mußte, wie vorhin das Huhn? — Einen schwachen Trost und nur eine oberflächliche Beruhigung bedeutete es für ihn, wenn er sich sagte, daß es sich hier wohl nur um ein gelbes Schwämmchen handeln dürfte, das in einer, aus Koketterie blutrot gefärbten, Flüssigkeit sich badete.
Wie froh er doch war, als er den kleinen, peinlichen Friseurladen endlich verlassen konnte und das nicht endenwollende Grau der Straße wieder vor sich hatte. Eine Weite war das doch immerhin, wenn auch trübseliger Art, aber doch eine Weite, nach dieser verzwickten, schlecht parfümierten Engheit.
Jetzt wollte er frühstücken gehen, ja, hungerig war er jetzt auch. Eine Art Speisekeller fand er gleich nebenan. Praktisch war ja hier alles eingerichtet — —
Die Kellner mochte er sich kaum ansehen. Sie waren unausgeschlafen und hatten so fleckige Jacken an. Sie freilich musterten ihn dafür nur um so eingehender. — Er bestellte irgend etwas. Dann saß er an seinem Holztisch, das Gesicht zwischen den Händen. Ihm war, als sei sein Gesicht ganz verwundet.
Er fühlte nichts als einen leisen, nicht einmal sehr intensiven, sondern beinah wehmütigen Zweifel, ob er dies alles werde zu Ende führen können. Es ließ sich so hart an. Und er hatte ja beinahe kein Ziel. — Den Gedanken an Heimkehr freilich berührte er überhaupt nicht einmal. Dann war es seinem Stolze immer noch lieber, hier, ein Unfähiger, ein an der großen Unbarmherzigkeit Zerbrochener am Wegsaum zu bleiben, als zu Hause die verzweifelt qualvolle und doch hochmütige Bemühung wieder aufzunehmen, der er um ihrer Hoffnungslosigkeit willen, durch jenen Gang in die Stille hatte entfliehen wollen und dann, danach, durch diesen anderen, harten, abenteuervollen Ausweg entflohen war. Daß Abenteuer so schlimm sein mußten — — —
Übrigens hatte er jetzt keine Anklage mehr in seinem Herzen darüber, daß alles so war, so häßlich und ohne Barmherzigkeit, keinen Vorwurf gegen irgendeinen, der es sich unergründlicher Weise ebenso ausgedacht. Nur ein Staunen war in ihm, nur ein großes und bitteres Staunen. Dieses Staunen allerdings tat so weh, daß ihm war, als müsse er unter seiner Last den Kopf auf die Tischplatte legen. — Aber da ein zweiter Gast noch im Hintergrunde des Kellers saß und ihn sogar zu beobachten schien, zog er es vor, ganz reglos zu sitzen, gleichsam um nichts zu verraten.
Übrigens kam dieser Gast jetzt auf ihn zu, kam, etwas breitbeinigen Ganges, durchs ganze Lokal geschritten. Es war eine Dame, sie trug einen kleinen Filzhut von trübem Rot tief in die Stirn gezogen und ihr Kinn war in einen großen, weißen Pelz vergraben, den sie um den Hals geschlungen trug. Sie hatte ganz schwarze Augen, die sie sonderbar zusammenkniff, als seien sie kurzsichtig. Mit einer rauhen Stimme und mit einem etwas fremdländischen Tonfall sprach sie Andreas an. „Sie sind wohl noch nicht lang in Berlin?“ sagte sie und hatte einen düster-gründlichen Blick, mit dem sie ihn maß.
Die Dame hieß Fräulein Franziska und war gut gesinnt, wie sich zeigte. „Ich erkenne gleich alle, die fremd sind in dieser Stadt“ — sagte sie und lachte dunkel, „ihr habt alle so einen sonderbaren Blick —“ und sie faßte die, die fremd waren und sonderbar blickten also zu einem geheimnisvollen „ihr“ zusammen. Sie selbst war auch nicht von hier, sie war Russin von Geburt, aber in Frankreich erzogen und noch anderswo war sie beheimatet. Mehr sagte sie nicht über sich. Aber von ihm wollte sie wissen, welchen Beruf er habe, welche Beschäftigung. Da er wirre und undeutliche Auskunft gab, sagte sie plötzlich — ganz ohne zu lächeln, eine große Sachlichkeit vielmehr in der rauhen Stimme: „Haben Sie Geld?“ — worauf der andere, wie vor einem plötzlich und unüberwindlich vor ihm hingestellten Hindernis den Blick senkte. Aber er antwortete doch — mit einer Stimme, die zitterte —: „Ja — für die nächste Zeit —“ und saß dann ganz still, und ließ sie nur weiterforschen. Noch nie war die Frage so vor ihm aufgestanden, so groß, so unmittelbar. Den Blick gesenkt und Schrecken im Herzen, begriff er, daß sich in ihr, wie in einem scheußlichen Riesensymbol, alle Gefahr und Schmutzigkeit dieses zweifelhaften Lebens verdichtete. Da fühlte er jenes Zucken, jenes Würgen des Ekels schon wieder durch seinen Körper gehen, das ihn, im Zimmer der Chauffeursgattin, ganz alleine vorm Spiegel geschüttelt hatte. — Auch über die Wanzenstiche übrigens wollte Fräulein Franziska Bescheid wissen.
Sie wurden bald einig. Da sich erwies, daß er noch ohne Unterkommen sei, empfahl ihm die Dame, immer den forschenden, tiefen, etwas zusammengezogenen Blick in sein Gesicht gerichtet, das ihr offen zu stehen schien wie ein Buch, ihr gleich in die Pension Meyerstein zu folgen, wo ein Zimmer gerade noch frei war — die kleine Petra war ausgezogen, Geldmangels wegen — und wo er anregende Gesellschaft finden werde. „Ich wohne auch dort“, sagte die Dame und hatte ihr kurzes, tiefes, sachliches und doch geheimnisvolles Lachen.
Sie war eine Schurkin womöglich, Andreas überlegte bei sich, schon ein wenig gewitzigt durch das, was ihm bis jetzt widerfahren. Sie hatte merkwürdig unreine Haut, ganz rauh und zerstört. Sie war stark, aber willkürlich, ja unordentlich geschminkt, ihr Mund war ziegelrot bestrichen und sogar die Zähne hatten etwas abbekommen: ihr einer Eckzahn war rot, wie in Blut getaucht, was ihr sogar ein gefährliches Ansehen gab. — Zwecks raffinierter Prüfung und um ihr endlich auf die Fährte kommen zu können, fragte Andreas sie — und fühlte sich eingeweiht in alle Ränke der Welt —: „Welchen Zweck verfolgen Sie wohl, denke ich mir, wenn Sie mich in diese mir unbekannte Pension locken? Wollen Sie mir, bitte, das nun auch noch mitteilen?“ — Aber sie ließ ihren Blick nicht von ihm, nur daß er beinah noch wärmer wurde — er fühlte es förmlich auf seiner Stirn. „Kindchen!“ sagte sie nur. Da sah er, daß ihr Gesicht streng war, aber bunt und gut.
So stand er auf und ging mit ihr. —
Pension Meyerstein war im dritten Stockwerk eines nicht unsympathischen, hellgrauen Mietshauses gelegen. Die Straße war etwas belebt mit Trambahn und Autobus, aber in besserer Gegend und durchaus nicht unelegant.
Frau Meyerstein, mit Rostbeafgesicht und weißer Bluse empfing den neuen Mieter im eigenen Wohnzimmer. „Ein alter Freund von mir“, erklärte Fräulein Franziska düster und stand mit Pelz und rotem Hütchen beiseite. Witwe Meyerstein sprach einen etwas peinlichen Dialekt, es fiel Andreas gleich auf. Sie war aus Würzburg gebürtig und das schwäbische Element herrschte vor. Aber ihr Seliger war ein englischer Ingenieur gewesen und mit ihm hatte sie Jahre in London verbracht. Schwäbisch und Englisch — zwei fatale Mundarten an sich — kreuzten sich bei ihr bis zum Unerträglichen. „Herzlich willkommen“, sagte sie und lachte dauernd mit rotem Gesicht. — Plötzlich stellte sie ihre Mutter vor, sie hatte die ganze Zeit schon, unbemerkt, irgendwo gesessen. Sie nickte mit einem starren, großen Kopf vom Nähtisch herüber, sie hatte weißes, aufgekämmtes Haar und schlagflüssig blaue Backen. Auch Frau Meyersteins Töchterlein war mit einem Male zur Hand, kroch hinter ihrem Rock hervor, als hätte es sich stets zwischen seinen Falten versteckt gehalten, hieß Henriette und hatte ein kleines, weißes Großstadtkindergesicht mit zu rotem Mund und entzündeten Augen. Mit überscharfem, grauem Blick maß es Andreas. „Mein Spielpferdchen!“ sagte die Witwe und lachte barbarisch mit Fleischgesicht und blitzenden Augen.
Zu dritt so beisammen — die starre Urahne, die lachende Mutter, das böse Kind — hatten sie etwas Furchteinflössendes ohne Zweifel — und etwas Rührendes trotzdem. —
Er wurde später mit Fräulein Franziska in seinem neuen Zimmer allein gelassen. Es war auffallend groß, ehemals mußte es Speisezimmer oder Empfangsraum gewesen sein. Wahrscheinlich, bemerkte Andreas, war es laut, die drei großen Fenster gingen auf die Straße hinaus.
Fräulein Franziska, rasch ermüdbar, saß schon schwer auf dem Bett, die Zigarette im Mund. Andreas bemerkte erst jetzt, daß sie sonderbar schlampig gekleidet war, Rock und Strümpfe hingen so seltsam. Aber die Farbenzusammenstellung und auch die Qualität der Stoffe war gut. Übrigens erinnerte sie ihn an jemanden, aber er konnte nicht sagen an wen.
„Wieviel Geld hast du denn jetzt eigentlich?“ fragte sie plötzlich und richtete den Blick wieder auf ihn. Und er — im Mantel immer noch an der Tür — gestand leise: „Fünfundachtzig Mark sind es jetzt noch.“ Sie ließ den Blick nicht von ihm, sie sagte nur: „Nun, wir werden schon etwas für dich finden. Wenn deine Wanzenstiche erst weg sind. — Setz dich zu mir aufs Bett.“ Und Andreas ging durch das ganze große Zimmer auf sie zu und setzte sich neben sie.
„Henriette ist nicht gut,“ sagte sie nach einer langen Pause und schüttelte ernst den Kopf, „ein böses Kind.“ — Aber darüber lächelte Andreas. „Ach,“ sagte er, „Kinder sind niemals schlimm — mit denen wird man fertig.“ Und ihm war, als sähe er Marie Therèse vor sich mit ihrem winzigen Kavalier. „Ja,“ hörte er wie von Ferne die Fremde an seiner Seite sagen, „das ist eigentlich wahr“ —
Im Laufe des Tages lernte er dann die übrigen Pensionäre kennen, es waren ausschließlich junge Leute. In kurzem, sachlichem Abriß erzählte ihm Fräulein Franziska von jedem das Notwendigste.
Das da war Fräulein Barbara, dick und männlich in ihrem blauen Kostüm, mit einem großen Kindergesicht über dem humoristisch eine Art Zylinderhut saß. „Gott grüße dich, mein Kleiner!“ sagte sie und streckte Andreas vergnügt ihre breite Hand im braunen Lederhandschuh hin. — Sie war ihrem kleinen, reichen, jüdischen Adoptivvater glattweg durchgebrannt, berichtete Fräulein Franziska kurz, trotzdem er sie in seinem Palais zu Nürnberg komfortabel, ja luxuriös gehalten hatte. Voll Undank hatte sie sich davongemacht, der Vater konnte ihren Aufenthalt nicht erforschen. Was sie tagsüber trieb, konnte selbst Fräulein Franziska nicht genau sagen. Womöglich ging sie dunklen Spekulationen nach, sie verkehrte mit viel jungen Herren von der Börse, aber vielleicht arbeitete sie auch einfach in einem Modegeschäft. Übrigens hegte sie, obwohl ostentativ mit einem blassen Ballettmädchen liiert, das oft bei ihr übernachtete, eine gewisse schwärmerische Zuneigung für Paulchen, den Tänzer, der Franziskas Kollege war. — Kollege? — Andreas wußte nicht, wie sie das meinte. Aber seine Freundin entgegnete ruhig: „Ja, wir arbeiten gemeinsam am Kabarett und auch nachher öfters zusammen.“
Auch Paulchen ließ nicht lange auf sich warten. Er kam, die Schultern nervös zusammengezogen, mit kleinen Schritten aus seinem hellmöblierten Stübchen und hatte den hellgelb wattierten Hausanzug an, die rote Nelke im Knopfloch. Rasch und ein wenig seitlich verneigte er sich vor Fräulein Franziskas neuem Freund, und die Hand, die er ihm gab, war kühl und leicht. „Sehr nett“, sagte er mit einer hohen, fast quiekenden Stimme und zog den sorgfältig geschminkten Damenmund ängstlich zusammen. Sein Gesicht, säuberlich gepflegt mit allen Wässerchen und Essenzen, war weißlich wie Milch und so leer, wie Andreas noch niemals ein Gesicht gesehen hatte. Glanzlos und beängstigend matt sahen aus diesem Gesicht die Augen Andreas an. „Da wären wir ja alle drei sehr gemütlich beieinander“, sagte Paulchen und rückte die Schulter.
Auch Fräulein Lisa stellte sich ein, die Kunstgewerblerin. Schlank und blond, mit etwas harten, brennenden Augen lächelte sie Andreas zu. Sie hatte die Hände in den tief sitzenden Taschen ihrer grünen Wolljacke, und sie bewegte sich wie die eitlen Frauen, die viel Sport treiben — affektiert und burschenhaft zugleich. Übrigens durfte das nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sich, heißhungrig geradezu, mit den hohen Lehren theosophischer und anthroposophischer Schulrichtungen beschäftigte. Tagsüber stellte sie tanzende Mohren aus Wollstoff und schiefe, bemalte Fläschchen her.
Das Abendessen nahmen alle gemeinsam in Frau Meyersteins Zimmer. Der Tisch war ein bißchen klein für so viele Personen, man saß ziemlich eng. Aber Frau Meyerstein, barbarisch lachend, präsidierte am oberen Tischende. Sie hatte auch einen Gast, Professor Sonn, der neben ihr saß. Der Herr war unterrichtender Professor am Realgymnasium, aber munter und leutselig, mit dichtem Haar, kariertem Anzug und weißem Schnurrbärtchen. Es ging das Gerücht um, daß er sich um Frau Meyersteins verwitwete Hand bemühe, was niemandem unglaubwürdig vorkommen konnte. Aber er hatte trotz all seiner herrenhaften Lustigkeit unangenehme und falsche Augen, die es niemals gut meinen konnten.
Auch Fräulein Anna erschien, die tagsüber stumm und fleißig auf ihrer Kammer arbeitete mit Bast, mit Leinwand und Metall. Sie kam dick und kurz, im rauhen Leinenkittel, aber ihr breites Buddhagesicht, das irgendwie berußt aussah, obwohl frisch gewaschen, war von allen das ruhigste.
Die Lampe beschien ihre Gesichter alle so hell, als wollte sie sie ganz enthüllen und gleichsam jedes ohne Maske sichtbar machen. Über den ganzen Tisch sagte der Professor, der viel gereist war: „Ja, ja — London muß man ergründen, in London muß man monatelang sein — Paris liegt im Schaukasten.“ — Und Frau Meyerstein lachte, bis ihre Augen ganz im Rostbeafgesicht verschwanden und sie husten mußte.
Aber keiner von den jungen Leuten sah zu ihnen hinauf. Unter-dessen sprach Fräulein Barbara laut und mit breiter Stimme von Trabrennen, zog auch die Chancen gewisser Boxer in Erwägung. „Es ist furchtbar aufregend,“ sagte sie und es arbeitete in ihrem großen, dickgepuderten Kindergesicht, „aber ich glaube doch immer — —“
Inzwischen erzählte Paulchen Franziskas neuem Freund Andreas, an dessen Gesicht er mit glanzlosen Augen hing, pikante Klatschgeschichten, über die er selbst quiekend lachte. „Dir sag’ ich’s“, rief er, als sollte jetzt eine besondere geheimnisvolle Pointe kommen, aber dann konstatierte er nur immer wieder: „dieser Doktor Dorfbaum — nein! Dieser Doktor Dorfbaum!“
Mit brennenden Augen erzählte Fräulein Lisa dem fleißigen Fräulein Anna von den Geheimlehren, die ihr Herz erfüllten. „Was wäre der Mensch denn sonst?“ sagte sie und lächelte irr. Aber Fräulein Anna, rußig und breit, war die Stillste von allen. „Sie antworten mir nicht,“ sagte Fräulein Lisa predigerhaft, „aber bedenken Sie doch: die Stufenleiter der Reinigungen — —“ Fräulein Barbara legte ihr den Arm um die Schulter. „Lise — Kind,“ sagte sie und lachte ihr gewinnend zu, wie ein junger Mann, „das Trabrennen gestern — — Aber mit Dempsy hast du dich doch geirrt —“ Und Fräulein Lisa, für dieses Problem plötzlich ebenso brennend interessiert, erwiderte, während sie sich dem Druck dieses Armes hingab wie einer Umarmung: „Ich konnte es nicht wissen, Schatz — es sprach alles dagegen —“
Drüben legte Paulchen die leichte Hand auf die schwerere Fräulein Franziskas, die sich nur mit Messer und Gabel beschäftigte. „Schwester,“ tuschelte er, „dir sag’ ich’s — und unserem Andreas hab’ ich’s auch schon verraten: dieser Doktor Dorfbaum — nein!“ Und er hob entsetzt Augen und Brauen.
Aber plötzlich beugte Witwe Meyerstein auf ihrem Platz sich ein wenig vor und sagte so laut in alle Gespräche hinein, daß diese verstummten: „Fräulein Barbara, ich habe heute morgen vergessen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie nicht bis morgen früh mir die 40 Mark gezahlt haben, Sie erstens meine Pension verlassen müssen und ich zweitens Ihrem Herrn Vater nach Nürnberg um die mir zustehende Summe schreiben muß.“
Mit einem Schlage waren alle ernst geworden. Alle Gesichter waren, die Münder fest geschlossen, Schreck in den Augen, der Witwe zugewendet, die in ihrer weißen Bluse thronte, fett und in Majestät. Mit einer gewissen strengen Höflichkeit wandte sie sich jetzt an Andreas — wie sicher sie war, wie bewußt ihrer Macht, kam nur auf diesen einen Punkt die Rede —: „Hier wird nämlich wöchentlich gezahlt, lieber Herr Magnus, damit Sie es nur gleich wissen. Fräulein Barbara hat schon die letzte Woche ihre Schuldigkeit nicht ganz erledigt, diese aber noch gar nicht. Ich kann das nicht dulden.“ Und sie schüttelte hart den Kopf, während sie mit den Fingern taktfest auf der Tischplatte trommelte. — Andreas sah zu ihr hin und fühlte in seinen Augen die Angst, die er in denen der anderen vorher gelesen hatte. Das große Symbol stand vor ihm, die große Herrschaft, die häßliche, unbarmherzige Majestät, in deren brutalem Gewaltgesicht sich alles verdichtete, was es an äußerer Not zu bestehen galt. „Ich kann es nicht dulden!“ sagte sie mit dem Rostbeafgesicht. — Und wie noch nie fühlte Andreas den Zweifel: werde ich es bestehen können? Es läßt sich hart an — — —
Hinter Zwickergläsern beobachtete Professor Sonn die Szene mit unsympathischem Blick. Am Ende wurde man doch noch fertig mit diesen Kindern, die im Grunde kein Plus hatten als ihre Aufsässigkeit. — Starr und aufmerksam blickte die schlagflüssige Mutter um sich. — Henriette saß verkniffen, verkümmert beinahe in ihrem hellblauen Schürzchen und ließ sich alles gesagt sein. — Die Witwe selbst jedoch trommelte.
Aber Andreas sah die jungen Leute an, seine Altersgenossen, einen nach dem anderen. Und er sah es, wie um ihren Mund schon kleine, nicht gleich bemerkbare Fältchen lagen, und begriff, daß frühes Abenteuer, überstürzte Not, hastige Erfahrungen sie eingegraben hatten. Ihm kam es vor, als hätten alle sie sich, im Grunde weltfremd, im Grunde kindisch sogar, wie kaum eine Jugend vorher, vorschnell in einen Kampf gewagt, den ihr Ehrgeiz, den ihre Not sie zu bestehen zwang und der doch fast zu streng für sie war. Sie preßten die Münder zusammen: das Symbol des Kampfes, das gehaßte, gefürchtete, geliebte Symbol stand vor ihnen — vom Geld war die Rede. Auch ihre Augen waren verschlossen. Aber Andreas wißbegierige Sehnsucht mühte sich, auch in diesen Augen zu lesen, die nichts verraten wollten. Vielleicht hoffte er aus ihnen etwas zu erfahren, eine Art Geheimnis, eine Art Talisman, das auch ihm dann helfen, auch ihn dann fähig machen würde, im Kampf nicht zu versagen. Er sah sie sich alle an.
Fräulein Lisa, sportlich einerseits und dennoch okkulten Wissens voll, hielt den brennenden Blick scheu niedergeschlagen. Aber Andreas wußte, daß die engen und sonderbaren Dogmen, an denen sich dieser Blick erhitzte, das Geheimnis nicht sein durften, nach dem er suchte. Fräulein Barbara, immer noch stattlich, aber doch am meisten bedrückt, begreiflicherweise, nagte an ihrem Mund wie ein gescholtenes Kind, das nachdenklich geworden ist — und doch war dieser Mund so unbedenklich geschminkt. — Fräulein Franziska, bunt und sachlich, kniff die Augen zusammen und forschte. — Paulchen, milchig bleich und nervös, roch ängstlich an seinen leichten, parfümierten Händen.
Aber dann setzte ihr Gespräch wieder ein. Über fernliegende, krasse Dinge sprachen sie plötzlich, blutige Begebenheiten in China wurden geschildert. Einem fetten Minister hatte man den Bauch aufgeschlitzt und ihn mit lebenden Ratten gefüllt. — — Wie sein gellender Ministerschrei durch das ganze Land gefahren sein mochte. Die Nagetiere hatten ihn ja auch von innen heraus verzehrt. — Barbara brachte den Namen Karl May aufs Tapet, hob ihn rednerisch in alle Himmel. „Das ist das Wahre,“ sagte sie immer wieder, „Kinder! Da fängt es an!“
Andreas dachte an Worte, die er einstmals gehört, anzweiflerische und stolze. „Aber unsere Jugend,“ hatte ein Mädchen gesagt, „wie ist es denn eigentlich mit ihr? Unsere Jugend hat gar kein Pathos,“ hörte er ihre Stimme, „sie verleugnet feige ihr Leid und will nichts von ihm wissen. Ach, so einfache Auswege scheint sie aus der Wirrnis gefunden zu haben — —“ Sie aber hielt zu dem Vater, der ein Held war, weil er das Große erfahren hatte in der Einsamkeit und daraus das Werk geschaffen.
Unter denen, die diese Stimme verachtet hatten, saß er nun, ein hilfloser, nachdenklicher Abenteurer, — er saß unter ihnen und sann. Vielleicht würden diese da niemals das Werk schaffen. Vielleicht sollte das gar nicht so sein. Zu Hause stand ja auch seine Qual und Bemühung, zugedeckt mit dem Tuch wie ein Toter. Vielleicht waren dazu erst wieder die Kinder berufen, die ja schon da waren, eine neue Macht, nachrückend. — Aber Andreas war es, als ahnte er bald, nach so vielem qualvollen Nachdenken, was mit dieser Generation sich Neues begeben würde auf Erden.
Die „Erwachsenen“ sprachen am oberen Tischende von Literatur. Frau Meyerstein konstatierte, sie schwärmte für ihren Dickens, aber Professor Sonn klärte sie auf, er wäre veraltet. Abschließend sagte die Witwe: „Wie dem auch sei — Bücher sind meine Leibspeise —“, worüber sie bis zum Hustenkrampf lachte. Auch Professor Sonn lachte mit und, was unheimlich wirkte, auch die rachitische Henriette, bitter und verkniffen, als habe man sie geschädigt. — Aber in das Gelächter hinein hörte Andreas Fräulein Lisas leicht girrende Stimme: „Der Christus ist der einmalige Fall, wo eben diese Überwindung —“
Somit hob man die Tafel auf.
Nach dem Essen mußten Fräulein Franziska und Paulchen ins Kabarett fahren, wo sie arbeiteten. Andreas begleitete sie, aber er war müde und sah nicht mehr viel.
Er saß in einer kleinen roten Loge, die man ihm angewiesen hatte, halbgeschlossen die Augen und die Zigarette zwischen den Fingern. Während seine Freunde hinten sich umzogen, sah er der vorhergehenden Nummer zu. Es war Alma Zeiserich, der Vorstand und die Direktion des Ganzen. Sie stand mager und tückisch in einem goldenen Brokatkleid und sang, eiskalt mit wegwerfendem Mienenspiel, ihre unanständigen Lieder. Das eine handelte von einer Reise an den Po, was viel Anlaß zu Scherzen gab. „Das sowieso“, war der Refrain, mit dem Frau Zeiserich ihre amüsanten Strophen endigte, „na, Wichtigkeit — man sagt nur so“ — und ihre Stimme war kalt wie Blech.
Andreas schloß lieber die Augen, bis Franziska die Bühne betrat. Aber auch dann kannte er sie kaum wieder, wie durch Schleier sah er eine Art Apachenmädchen zwischen den schwarzen Vorhängen stehen, die Laute umgehängt, den roten Schal um den Hals. Wie durch Schleier kam ihre Stimme zu ihm, ihre rauhe, schwere, unbeschwingte Stimme. „Seit jenem Tag lieb’ ich sie alle,“ sang sie und ihr Gesicht stand bunt, sachlich und streng über dem roten Tuch, „des Lebens schönster Lenz ist mein. Und wenn ich keinem mehr gefalle, dann will ich gern begraben sein — —“ Ganz ohne Klage, in einem unerbittlich harten Wissen nur rief die Stimme des Mädchens solche Worte zu ihm. Beim Vortrag fiel es erst auf, wie unrein ihr Deutsch war. Aber sie war ja auch Russin und in Paris erzogen. — Und dazu sang die Laute ihre gezogene, schwingende, bebende Melodie.
Aber dann kniff sie die Augen zusammen, die erst groß und schwarz geöffnet gewesen waren, und den Mund ein wenig verzerrt, aber sonst starr im Gesicht, trug sie eine lange Ballade vor, viele litaneienhaft gleichmäßige Strophen komischen und schaurigen Inhalts. Viel groteskes Leid kam darin vor, ein lahmer Hund, ein alter Dichter und eine Jungfrau. Und nun sah man beinahe, wie Fräulein Franziska der Bart sproß — ein schwarzer, wirrer Mörderbart um ihr bemaltes Gesicht — wenn sie mit ihrer rauhen Stimme unbewegt erzählte:
„Ein Mädchen zählte vierzig Jahr
derweil sie stets noch Jungfrau war,
noch keusche Jungfrau war.
Um sie dafür zu strafen hart
Schuf Gott ihr einen Knebelbart,
Ihr einen Knebelbart.“
Und Andreas mußte es im Halbschlaf beobachten, wie um dieses sonderbaren Mägdeleins Miene der große Knebelbart hing. — Aber dann schüttelte sie ihn ab, sang die strenge und höhnische Moral des Liedes, verneigte sich bitterernst und ging ab in ihrer lächerlichen Kabarettvermummung.
Paulchen tanzte nach ihr. Eine kleine, süße, sentimentale Zaubermelodie wehte aus dem Orchester, und Paulchen, in violetter Seide bis zum Kinn, flog, gewichtslos, beschwingt, ohne Gedanken wie ein sich neigendes Blatt, hingegeben den Biegungen, den schwärmerischen Neigungen seines Körpers, zwischen den Vorhängen, vor zu der Rampe, glitt, wie vergehend, zur Erde, hob sich wieder, reckte sich, spannte sich ganz aus, verzückt, selbst hingerissen von der Bewegung, mit der er die Arme hob, ausstreckte, dehnte, auf den Zehenspitzen hoch oben, wippend, zitternd, vibrierend, als wolle er abfliegen in den Raum, sich steigend lösen ins Nichts — den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, den leeren, leichten Kopf, den Mund halb geöffnet, die schwarz bemalten Augen wie im Rausche gebrochen. — Dieser Tanz hieß: „Abendgebet des Vogels“. Er hatte den Titel selber sich ausgedacht.
Er verneigte sich, plötzlich schwach und geblendet im Licht, und mit einem Male fühlte Andreas, das Gesicht aufgestützt, von einer tiefen Rührung ergriffen, die er selbst nicht verstand, wie aus diesem milchweißen, gehirnlos frierenden Antlitz der undurchsichtig glanzlose Blick auf ihn zukam, ihm traf und streichelte. —
Franziska und Paulchen kamen später in seine Loge, sagten, daß sie noch ausgehen müßten und ob er nicht mitkommen wollte. Aber er war zu müde und dankte. Er sah übrigens jetzt erst, wie stark und sonderbar sich Franziska geputzt hatte. Ihr Cape war kaiserinnenhaft aus weißem Hermelin und hohe Reiherfedern nickten über ihrem Gesicht. Aber an ihrem Arm klirrten hart die vielen Armbänder. — Neben ihr stand Paulchen ängstlich, mit kleingefältetem Damenmantel und großem, hellgrauen Filzhut. — Erst beim Hinausgehen bemerkte Andreas, daß das Kabarett, in welchem Franziska sang, schlechthin „Die Pfütze“ hieß. Das war ihm vorher noch gar nicht aufgefallen.
In seinem großen Zimmer schlief er schnell ein, wie am Abend zuvor — augenblicklich, als habe er ein Mittel genommen. Zu Anfang allerdings fürchtete er sich ein wenig vor diesem neuen Bett, dessen Gefahren er doch noch nicht kannte. Aber auch an diesem Abend falteten sich im Einschlafen seine Hände.
Spät in der Nacht wachte er noch einmal auf — oder war es schon gegen Morgen? — Ein Gesicht neigte sich über sein Bett. Es war bunt und streng und doch wieder ganz voll warmen Trostes. Er erkannte es nicht mehr. Er fühlte nur, wie es ein paar Worte zu ihm hinunter sprach — es sagte: „Du schläfst schon? Schlaf nur gut, mein kleiner Andreas —“ und daß es sich immer näher zu ihm hinunter, vielleicht bis zu seinem Munde, beugte. Es war gütig wie das Gesicht der Mutter, sanft wie das der Geliebten nach der ersten Nacht, geheimnisvoll wie das Gesicht der Schwestern. Es war voll Widerspruch wie das Angesicht des Lebens selbst. Der Schläfer sah es an, verstand es noch nicht, lag aber da mit gefalteten Händen wie ein Glaubender, der weiß, daß er es eines Tages begreifen wird. —
Nebenan saß währenddem Witwe Meyerstein immer noch wach, allein, nachdem alle fort waren. Der Blick, der sonst so lustig und grausam blitzte, schien ausgelöscht. Es war, als seien in ihr breites Frauengesicht die Augen hellblau und gläsern eingesetzt worden. In ihrer Nähe saß starr und immer verstört die Mutter. „Jetzt muß Fräulein Barbara doch noch bezahlen“, sagte die Witwe. Aber sie bekam keine Antwort. Die Mutter, mit der sie doch reden wollte, blickte nur verwirrt, sehr aufmerksam und blau im Gesicht im ganzen Zimmer umher. Da hob die Tochter plötzlich beide Hände, als sei es zu einer jähen Geste des Entsetzens. Aber es geschah nur, um ihre Frisur zu ordnen. Hart langten ihre roten und doch mühselig gepflegten Finger ins Haar. —
Draußen im stockfinsteren Korridor begegneten Fräulein Barbara und Fräulein Franziska sich. Fräulein Franziska sagte — ganz ohne Anlaß, und ihre Stimme war weicher als sonst —: „Andreas schläft schon.“ — Und Fräulein Barbara fragte hastig dagegen: „Ist Paulchen zu Hause?“ Worauf Fräulein Franziska erwiderte: „Nein — er ist bei Bekannten —“ Da senkte das dicke Mädchen nur das Gesicht. Als sei sie erlahmt, ging sie davon mit ihrem schweren Körper. Sie hatte den ganzen Abend so viel Aufregung gehabt, sich das Geld zu verschaffen. —
Drinnen neigte Frau Meyerstein sich über das eiskalte Gitterbett, in dem ihr Kind, verkniffen und feindlich, schlummerte. „Wie reizend sie ist“, sagte sie mit einer mühseligen, hölzernen Rührung und wandte sich zu ihrer Mutter zurück. Aber die starrte und schwieg.
Zwischen den beiden Frauen wollte kein rechtes Gespräch aufkommen.
Am Morgen weckte Henriette ihn. Sie rührte ihn freilich nicht an, stand vielmehr stumm mit dem Frühstück über dem Schlafenden. Aber er bewegte sich unter ihrem grauen und scharfen Blick, er wandte den Kopf in den Kissen, er seufzte, wollte lächeln — aber das Lächeln verging wieder auf seinem Gesicht — und schlug die Augen auf. Er sah Henriette an, durchforschte kurz ihr weißes, kleines, kränkliches Gesicht, ihr verschlossenes und verkniffenes Mienchen mit dem zu rot vorspringenden Mund, der großen Stirne, dem mit Wasser angeklebten Haar — aber dann glitt sein Blick von ihr ab und müde in das fremde, große Pensionszimmer hinein. Jeden Morgen war es ihm wieder, als wenn er in einem Hotelzimmer erwachte, in dem er erst eine einzige dumpfe und traumlose Nacht hatte zubringen müssen und das ihm beim Erwachen fremd war — fremd durchaus mit billigem Teppich, mit Waschtisch und kleinem Bücherregal. Von seinem Bett aus, das schmal und weiß, dürftig geziert mit einem seltsamen Spitzenhimmel, an die Wand gepreßt stand, übersah er, nicht mißmutig eigentlich, aber betrübt die Sachlage. Vor ihm, halb ins Plumeau versunken, stand auf rundem Tablette das Frühstück. Aber er sah es nicht an, denn schon seit langem war ihm bekannt, daß die Witwe den Tee nicht zu bereiten verstünde. Eine Woche wohnte er jetzt hier. Wie waren die Tage vergangen? — Er wußte es nicht mehr, wollte sich gar nicht erinnern. Eine süße Neigung obwaltete nur in ihm: die Augen wieder zu schließen. Vom Teppich weg und von Henriette weg und vom Waschtisch weg ins Dunkle zu schauen, das ihn drinnen erwartete.
Aber die Stimme Henriettens, klein und rauh wie ein wohlfeiles Instrument, schreckte ihn auf. „Frau Meyerstein verlangt heute Zahlung von Ihnen,“ sagte sie, mager im Waschkleidchen vor ihm stehend — und sprach von ihrer Mutter, wie eine gemietete Zwergenmagd von der Herrin, welche sie verehrungsvoll fürchtet, „die Witwe läßt sich bestimmt nicht hinhalten.“ — Und leise war sie hinaus.
Andreas ging später zu Fräulein Franziska hinüber, die gesammelt vor einem Marmortischchen saß und ausführlich frühstückte. Von neuem mußte man jedes Mal wieder erschrecken, wie unordentlich ihr Zimmer war. Strümpfe, Röcke, Likörflaschen, Zeitungspapier lagen in Haufen hier durcheinander. Der weiße Pelz hing wie ein Badetuch über einem Ständer. Als klapperiges Schmuckstück baumelte von der Wand ein Tamburin, rot und spanisch. Kastagnetten hingen daneben. Fräulein Franziska hatte ja auch Jahre in Madrid verbracht und war sogar Staatsangehörige im spanischen Reiche.
Sie war aufgeräumt heute Morgen. Sie schnitt sich große, rosa Schinkenstücke zurecht, und als Andreas, aufgeregt mit der Zigarette spielend, bemerkte, sein Geld sei zu Ende, kaum könne er diese Wochenmiete noch begleichen, und „was nun?“ sagte, erwiderte sie nur: „Püh, püh“ und frühstückte weiter. Dann fing sie an zu erklären. Das hatte sie kommen sehen, ja, die 85 Mark, das kleine Vermögen, die liebe Barschaft — sie waren nun also dahin. Aber sie hatte sich etwas Neues schon ausgedacht. Sie lachte ihm geheimnisvoll zu, die große Serviette noch über den Knien. Sie war auch am Morgen schon stark geschminkt, unnötig stark. — Nun sollte er raten, was sie in petto habe. „Na, na,“ freute sich Fräulein Franziska, „nicht viel Erfindungsgeist“ — dann kam es heraus: er sollte mit ihr in der „Pfütze“ singen. Er erstaunte, er lächelte ungläubig, aber sie machte ihm alles klar. Lautenspiel war ja überhaupt nicht nötig, er sprach, nachdem sie die Ballade vom Bartmädchen vorgetragen hatte, ein Gedicht halb zur Musik — oh, sie wußte ein reizendes, das würde ihm auch Freude machen — und dann würde sie wieder erscheinen, wieder von hinten hereinkommen mit ihrem roten Schal, und zusammen sangen sie ein Duett. Mit diesem Duett, berichtete Franziska eifrig, hatte es seine eigene Bewandtnis — sie hatte es selbst gedichtet, gestand sie und errötete ein bißchen bis zum wirren, schwarzen Haar hinauf. Diese Woche mußte zum Üben verwandt werden, das reichte bequem, Anfang der nächsten Woche war sowieso Monatsbeginn — der erste Oktober — bis dahin würde man mit Alma Zeiserich einig sein. „Und überhaupt“, sagte sie plötzlich ohne zu lachen und hatte wieder den düsteren und doch warm forschenden Blick, mit dem sie ihn gleich zu Anfang geprüft hatte, „kommt es auf das Gesinge ja weniger an — du hast gute Beine, und wenn du geschminkt bist —.“ Ihre Augen begegneten sich, und lange hielt einer den Blick des anderen aus. Sie fühlten keinen Anlaß ihn zu senken.
Paulchen kam hinzu, und sie berieten zu dritt. Paulchen jubelte vor Vergnügen, er hatte seinen besten rosa Schlafrock an. „Wir machen’s,“ triumphierte er ein über das andere Mal, „wir schmeißen die Geschichte!“ Als Matrose mußte Andreas sich selbstverständlich anziehen, Paulchen konnte ihm sogar einen Anzug zur Verfügung stellen. „Er wird dir besser stehen, als mir“, sagte Paulchen und der andere fühlte wieder diesen glanzlosen Blick auf sich, der selbst nicht wissen konnte, was in ihm vorging. Dazu lachte vorm Toilettentisch Fräulein Franziska rauh.
Paulchen ging rasch zu Klatschgeschichten über diese Alma Zeiserich über. „Euch sag ich’s,“ kicherte er, „sie lebt seit dreißig Jahren von ihren drei Liedern — nein! Diese Person! Aber das mit dem Po ist ja allerdings sehr witzig“, sagte er und schüttelte sich. Es fehlte nicht viel, und er wäre auf Herrn Dorfbaum zurückgekommen.
Man führte alles aus, wie man’s geplant hatte. Fräulein Franziskas Tatkraft garantierte die Verwirklichung des praktisch so nötigen Abenteuers.
Frau Zeiserich wurde aufgesucht, man traf sie in ihrer niedlich eingerichteten Damenwohnung. Für vierzehn Tage zunächst schloß man ab. Die Gage war nicht hoch, aber immerhin ausreichend. „Außerdem gibt es ja Nebenverdienst“, erwähnte die erfahrene Direktrice, am Schreibtisch über den Vertrag gebückt. Im übrigen war sie außerordentlich unfreundlich zu Andreas. „Ich schätze Ihren Typ ja eigentlich nicht“, sagte sie sogar und sah ihn boshaft an. Aber als Partner der geschätzten Franziska — — Und außerdem hatte sie eine Lücke im Programm.
Andreas war die Blicke ja inzwischen gewöhnt, vom Chauffeur her schon und von seiner unliebenswürdigen Gemahlin. Er lächelte all diesen prüfenden, abwägenden, bösartig taxierenden Blicken nicht abwehrend eigentlich, sondern matt und liebenswürdig entgegen, als wollte er sagen: „Ja — bitte — ich verstehe das schon: Sie müssen natürlich alles erfahren.“
Der Abend kam, wo Henriette die Matrosenkleidung sorglich in Fräulein Franziskas Handtäschchen verpackte und Witwe Meyerstein, ohne Anlaß lachend, Hals- und Knochenbruch wünschte. Barbara kam vom dunklen Tageslauf nach Hause, im Herrenmantel und den Filzhut tief in der Stirne. Sie schüttelte dem Anfänger munter die Rechte, während ihr Blick auf Paulchen lag. Auch von Fräulein Anna ließ Andreas sich Glück wünschen, er trat in ihr halbverdunkeltes Zimmer, wo sie rußig über Bast- und Metallarbeiten saß, und sie wandte ihm ihr stilles, breites Gesicht entgegen. „Sie gehen jetzt arbeiten?“, sagte sie — und tat als machte er sich zum Holzhacken auf — „Viel Glück dazu.“ Und im Hinausgehen überlegte Andreas, ob diese nicht die beste wäre von allen. Fräulein Lisa hoffte brennenden Blickes, sein Dämon möge ihm gut gesinnt sein und nur die Alte, nur Großmutter sagte kein Wort, beobachtete ihn aber, vielleicht noch ein wenig starrer als sonst. — Auch Henriette schwieg, nagte an ihrer Lippe und sah ihn an. Es war, als begriffen diese beiden alles und hätten es nicht nötig zu reden.
Die Stunde kam, wo er zwischen den schwarzen Vorhängen wartete, bis Fräulein Franziska die strenge und höhnische Moral der Ballade gesungen hatte, bitter ernst zurücktrat im roten Schal und ihm den Platz freigab. Einen Augenblick stand sie neben ihm, sagte aber nichts, forschte nur in seinem Gesicht. Er jedoch philosophierte flüchtig, während der Conférencier draußen erzählte, daß ein reizender junger Mann aus prima Familie jetzt ein paar pikante Kleinigkeiten von sich geben werde: „So wird das Abenteuer zur Wirklichkeit — oder ist Wirklichkeit überhaupt erst Abenteuer?“ — und er begriff nicht, auf welche Weise er dann plötzlich herausgekommen war und, während das Klavier schon präludierte, mitten auf der Bühne stand. Aber wie das Rampenlicht blendete. Es tat den Augen weh, er fürchtete sie schließen zu müssen. Vor ihm lag die „Pfütze“, rot und rund, wie ein Karussell, stilvoll beleuchtet mit violett gedämpften Lämpchen. Er unterschied nichts Einzelnes. Nur Frau Zeiserich sah er sehr deutlich und genau in ihrer Loge sitzen, ein schwarzes Cape über dem stolzen Brokatgewand, damit das Publikum nicht zu früh den ihm zugedachten Feenluxus sähe. Er beobachtete es, wie ihr Hals mager war, und er sah auch ihr onduliertes Haar. Sie ihrerseits mochte seinen Typ ja nicht. —
Zur Klaviermusik, die unten schwelgte, schwoll und sich wieder, gefühlszitternd, abdämpfte, sprach er das Lied, das Fräulein Franziska ihm empfohlen und einstudiert hatte. Seine Stimme war belegt, ihm war, als könnte sie niemals die Kraft für den Aufschwung finden, die der Schluß doch verlangte. Denn das Gedicht, das melancholisch und zynisch begann, schwang sich am Schluß, in übertriebener Steigerung, zu einer zugleich hymnischen und schlagerhaften, religiös ergriffenen und doch irgendwie nicht ganz ernst gemeinten Erhebung auf.
„Wir haben so schöne Beine,“ begann seine unsichere zugedeckte Stimme, und sie fragte weiter, schüchtern, in das rote Karussell hinein, „ob niemand uns mitnehmen mag? Wir sind doch so alleine — den ganzen langen Tag.“
Unten sagte jemand ganz laut: „Das mußte kommen —“ Andreas hörte es und senkte tiefer den Blick. Er hörte auch, wie die Gabeln klirrten und das leise Glucksen entging ihm nicht, mit dem der Wein aus den Flaschen floß. In aller Verwirrung waren seine Sinne schmerzhaft geschärft. Aber er lieferte sich weiter aus, erzählte, auf seiner Bühne da oben, weiter:
„Wir schliefen in warmen Betten
Und träumten von Wollust und Mord,
Wir wohnten in kleinen Städten —
Es trieb uns fort —.“
Bei dieser letzten Zeile warf er den Kopf schon ein wenig zurück. Der Rhythmus des Liedes, der faszinierende Takt, den er liebte: Jetzt kam er, jetzt setzte er ein. Mochten die drunten bei ihren Beefsteaks spötteln. Er wußte schon, daß das literarisch nicht auf der Höhe war. Es hieß aber auch: „Auf der Straße gesungen.“ — Aber jetzt rief das Klavier seinen Rhythmus zwingend, befehlshaberisch zu ihm hinauf. Ohne mehr an den Inhalt zu denken, schrie er mit einer Stimme, von der plötzlich die Hülle genommen war, den Leuten zu:
„Jetzt gehen wir den Strich entlang
Mit einem roten Schal —
Wir gehen — wir gehen den Strich entlang
Und uns ist alles egal —
Wir müssen doch bald sterben,
Lang treibt man das ja nicht,
Wir gehen kaputt und verderben,
Es naht ein großes Gericht. —“
Obacht jetzt, alles hergeben jetzt, die große Strafe, die große Barmherzigkeit jetzt mit der Stimme malen:
„Wir nahen uns alle Gottes Thron,
Gewaltig dräut sein Gesicht,
Wir neigen das Haupt vor des Ewigen Sohn —
Und siehe, man zürnt uns nicht.
*
Wir können — wir können doch nichts dafür,
Wir sind ja so alleine —
Es trieb uns fort, es trieb uns fort —
Wir haben so schöne Beine. — —“
Wie leise am Schluß seine Stimme geworden war. Ganz erschöpft kamen die letzten Worte, diese todmüde, letzte, hilfeflehende Erwähnung der Beine. Diese ermattete Stimme tat ja, als seien sie an allem Schuld gewesen, mit ihrer Schönheit. — Aber sie hatte es gut gemacht, seine Stimme.
Der Beifall war klein, fast peinlich gering. Man hatte das Straßenlied gar zu zynisch gefunden im Gegensatz zu Almas lustigem Po-Chanson.
Fräulein Franziska war plötzlich neben ihm in ihrer Apachentracht. Wirr und hart stand das schwarze Haar um ihr strenges Gesicht. Jetzt kam also ihr gemeinsames Stück, ihr wunderliches Duett. Sie hatten es sich sehr nett einstudiert, Fräulein Franziska hielt ja auf Ordnung. Es war ein etwas sonderbarer musikalischer kleiner Sketch, eine aufgeregte, ja verzweifelte Unterredung zwischen diesem Apachenmädchen und diesem geschminkten Matrosen. Alles endete damit, daß sie, die Röcke im Galgenhumor gerafft, Zorn und Leidenschaft in den bunten Mienen, um ihn herum und durch die ganze Bühne tanzte, stampfend tanzte und mit emporgeworfenen Armen, während er, die Mütze tief in der Stirn, die Augen geschlossen, im Zentrum stand und dazu klatschte. Die Schlußpointe mußte es wohl sein, wenn sie sich mit einem gräßlichen Aufschrei und mit verwildertem Haar zu seinen Füßen stürzte.
Dieses krasse Räuberstückchen, das Fräulein Franziska sich so finster und praktisch zurechtgelegt hatte, sagte dem Publikum der „Pfütze“ weit besser zu. Der Applaus war herzlich, und als Andreas dann schon im Verschlage seiner Garderobe vor der Abschminke saß, trat Fräulein Zeiserich sogar zu ihm und sagte, geringschätziger als jemals — ach, die war nicht mehr zu täuschen, was dies bißchen Händeklatschen betraf —: „Gehen Sie doch hinaus und zeigen Sie Ihre makelhafte Schönheit den Herrschaften — hören Sie: man hat Sehnsucht nach Ihnen —“. Und er ging hinaus, gehorsam jedem Befehl, hatte das Karussell wieder vor seinen müden Augen, hatte den Beifall, der nichts bedeutete, im Ohr, wie ein dummes Geräusch, stand da im Matrosenanzug und verneigte sich vor denen, die beim Rotwein saßen. Aber Paulchen, schon ganz schmal und zerbrechlich in seiner lila Seidentracht, stand zwischen den Kulissen und sah ihn an. Er winkte ihm schwach zu und flüsterte ausdrucksvoll mit den Lippen: „Es war himmlisch — du hast es entzückend gemacht —“, stand zwischen den Gerüsten, winkte, lächelte, flüsterte, als wäre er völlig von Sinnen.
Als Andreas wieder in der Garderobe saß, mußte er die Stirne gegen das Spiegelglas legen. Das also war sein Gesicht. Die, die von drei gemeinen Liedern und einem billig glitzernden Brokatkleid lebte, hatte seine Schönheit „makelhaft“ genannt. Und ihm war, als sähe er selbst schon Züge eines frühen Welkens um diesen blutrot aufgesetzten Mund, der mit seiner Künstlichkeit alles beflecken mußte, was er berührte, um diese viel zu weiß geschminkten Wangen. Makelhaft? Hatte die Dame aber nicht recht? — Seine Augen blickten so krank aus den schwarzroten Rändern, die Fräulein Franziska mit vorsorglicher Hand gemalt hatte um sie herum. — „Was ist es eigentlich mit dieser Jugend?“ hörte er die Mädchenstimme zweifeln. Aber wie immer, wenn es am schlimmsten war, siegte in diesem Gesicht wieder das Lächeln, das es irgendwie besser wußte. Oh, süße Gefahr, sagte dies Lächeln diesem Gesicht, oh, geheimnisvolle Gefährdung — fromme Hoffnung auf Klarheit — seligstes, verstecktestes Wissen, daß die Klarheit schon nahe ist — —
Und am Abend betrank er sich da, wo es lärmend war. Da, wo die Jazzmusik pfiff und schrie, da, wo die Kokotten üppig ihre Reize in den kleinen Logen spielen ließen, saß Andreas mit fremden Leuten, den Zigarettenrauch vorm Gesicht, lachte, erzählte Unsinn, der sich in alle Weiten verlor, schwätzte benommen und trank. —
Aber als er am Abend nach Hause kam, fand er eine kleine, stachelige Kaktee auf seinem Nachttisch stehen. Dabei lag eine rosa ordinäre Karte. „Von Henriette. Mit herzlichem Glückwunsch zum ersten Auftreten.“ — Und er, Rausch in den Sinnen, sah stumm und plötzlich keiner Bewegung fähig, auf die zaghafte und immer noch stachelige Huldigung dieses verkniffensten Herzens.
Als er an dem zweiten Abend gesungen hatte, streckte Alma Zeiserich das magere Gesicht in seine kleine Garderobe, wo er halb angezogen vorm Spiegel saß und zu müd war, sich abzuschminken. „Ein Herr hat Interesse für Sie,“ sagte sie frech durch die Türspalte und verzog den häßlichen Mund, „vermutlich werden Sie ihn empfangen wollen — —“
Der Herr schien gleich hinter ihr gestanden zu haben. Kaum hatte sie sich zurückgezogen, betrat er schon fett und geputzt den Verschlag. Er hatte auch ein Monokel eingeklemmt und blickte recht säuerlich umher, weil alles so voll Kleider und Schminke und Zigarettenstummel lag. Aber dann lächelte er schon mit dem quallenhaften Mund und plauderte wienerisch: „Dorfbaum mein Name. Eigentlich bin ich Schriftsteller.“
Andreas begriff nicht, warum er „eigentlich“ sagte. Er war, dem Gast halb zugewendet vor seinem schmierigen Toilettetisch, weiß geworden wie die Kalkwand vor ihm. „Ja“, sagte er nur, und brachte kein Wort weiter über die Lippen.
Aber der geputzte Herr Dorfbaum, lächelnd und blinzelnd dicht hinter ihm, — er hatte ja sogar einen Fliederstrauß in der Hand, bemerkte Andreas erst jetzt — aber Herr Dorfbaum sagte charmant und gleichsam ihm in den Hals hinein: „Sehr lustig haben Sie aber gesungen — sehr amüsant wirklich — —“
Und Andreas dagegen, immer noch weiß im Gesicht, ein Würgen im Hals, zitternd am ganzen Körper: „Wollen Sie nicht vielleicht Platz nehmen?“
Obwohl ihm beinahe die Stimme versagte — er hatte doch eine so seltsam, fast traumwandlerisch gewandte Handbewegung, mit der er, die Augen abgewendet, auf den einzig zur Verfügung stehenden Stuhl verwies.
Berlin war groß.
Wenn Andreas es aus tiefster Seele gehaßt, ja verabscheut hatte, gleich von jenem Morgen an, da es ihn mit seiner unbarmherzigen Häßlichkeit fast wie eine Angstvision bedrängte — ging es trotzdem, jeden Tag und jede Nacht wieder, voll Ehrfurcht und voll Demut in ihm umher, um dieser seiner unergründlichen, geheimnisreichen, niemals zu erschöpfenden Größe willen.
Er hatte keine Anklage für seine Verderbtheit, er fand keinen Vorwurf für seinen Schmutz, wegen dessen so viele ihm das katastrophale Ende prophezeihen zu müssen glaubten. Er ging nur darin umher und schaute — weil doch so viele Menschen da lebten und sich mühten und sich zu vollenden trachteten — solche, die täglich und immer wieder ihr kleines Werk taten und im guten Fleiße ihr Genüge fanden und solche, die sich extravagant bemühten, im Ehrgeiz Außerordentliches, ja Entscheidendes zu vollbringen dachten, verzweifelt rednerisch oder verbissen stumm umhergingen und wahrscheinlich eines Tages die armen Waffen dennoch strecken mußten. Oder solche wiederum, die sich schon ganz hatten fallen gelassen — vielleicht sogar ohne vorher gekämpft zu haben — und die man dann die „Verlorenen“ nannte. Andreas kam mit so vielen ja in Berührung. Die einen machten ihm länger, die anderen kürzer zu schaffen. Auf der Straße begegnete er ihnen oder in den Kaffeehäusern oder in der Pension Meyerstein, wo sie den oder jenen zu besuchen kamen. Er sprach mit ihnen, er sah sie sich an, er suchte aus ihnen klug zu werden.
Die jungen Leute, die jene Anna aufsuchten, die emsig und berußt über ihrer Arbeit saß, waren schlicht und fleißig, ja fleißig auf eine fast mönchische und leidenschaftliche Art. Sie gingen unbürgerlich gekleidet, sie hatten Leinenkutten an und weite Lodenmäntel darüber. Sie hatten undurchsichtige, aber warme Augen und traten schwer auf.
Auch Fräulein Barbara hatte viel Besuch, aber das waren wieder ganz andere Typen. Sie selbst war kindlich im Grunde und gut, aber sie liebte die jungen Börsianer, die die kurzen Gehpelze trugen, die wegwerfend durch die Nase lachten, wenn auf Kunst und Literatur die Rede kam und lieber stolz waren auf ihre elegante und unbedingte Sportlichkeit, über die hinaus nichts von Interesse mehr für sie sein konnte.
Bei Fräulein Lisa, der Kunstgewerblerin, hinwiederum gingen dunkel gekleidete, priesterlich hochmütige Herrschaften aus und ein, strenge, geistige Damen, zugeknöpfte, schrägblickende Jünglinge. Das waren, wußte Andreas, Eingeweihte jener tiefgeheimnisvollen, religiös-philosophischen Sekten, die blaß umhergingen und um alles wußten. Aber diese mochte Andreas von allen am wenigsten. Die alle waren ihm nicht sympathisch, die hochmütig glaubten einen Ausweg gefunden zu haben, wo es sich doch nur um eine Sackgasse handelte. — Da hatte er Paulchen freilich immer noch lieber, der dumm war bis zur Gehirnlosigkeit, aber in dessen milchig inhaltsleerem Gesicht der wehe, dünne kleine Schmerzenszug sich um den Mund herum immer mehr vertiefte — und Andreas wußte beinahe warum.
Zwischen all diesen ging Andreas, horchend, schauend, ganz voll Demut und gewandt auf eine gewisse sonderbar traumwandlerische Art.
Wie groß war Berlin bei Tag. Andreas bekam ja beinahe nichts zu Gesichte, von dem was hier geschafft, von dem, was hier gelebt und gelitten wurde. Aber er ahnte es in der Luft, er atmete es ein, und es machte sein Herz zittern.
Er sah die Kinder an, die häßlich und bleich wie seine Freundin Henriette hinter den Bretterzäunen im Unrat spielten, und er erschrak darüber, weil also jedes, mager und unschuldig, zu seinem eigenen geheimnisvollen Schicksal, zu seiner eigenen Schuld erwuchs. Und die Knaben, die in ausgewachsenen Anzügen ernst und schweigsam zur Schule gingen, hatten dann schon ihre eigene Frage im Blick. — Das Gesicht eines jeden Vorübergehenden sah er sich an, und in jedem las er ein neues Abenteuer. Er horchte sogar auf die kalten Geräusche der Straße, die scheinbar sachlich waren, schneidend und unbarmherzig; aber für ihn, der, ein hörendes und gedankenvolles Kind, durch sie hindurchging, einigten sie sich wie zum großen menschlichen Lied.
Aber wie groß war die Stadt erst bei Nacht, dann steigerte sie sich gleichsam selbst zu einem flammenden Riesentraum, der plötzlich, durch den hohen, unbarmherzigen Willen eines Gottes, Blut und leidensfähige Wirklichkeit werden mußte. Wie über die Maßen groß war die Stadt, wenn sie abends den ausschweifenden Prunk ihrer Lichtreklamen, all ihrer kreisenden, auf und ab flammenden Beleuchtungen wie zu einem großen Feste entzündete, wenn sie also, sachlich und berauscht in einem, wie ein in Leidenschaft brennendes Tier zu Gottes Füßen lag.
Dann ging Andreas wohl, nachdem er in der „Pfütze“ gesungen hatte, blaß über seinem hellen Kamelhaarmantel, durch all die Straßen, und Paulchen und Fräulein Franziska waren bei ihm.
Sie sprachen wenig, die drei. Franziska, den trübroten Hut tief in der Stirne, sah mit schwarz zusammengekniffenen Augen düster geradeaus oder manchmal mit einem schweren und doch flüchtigen Seitenblick zu Andreas hinüber. Paulchen trippelte bleich in seinen hellgelben Halbschuhen, ein lilaseidenes Taschentuch in der Brusttasche des damenhaften Mantels, den sorgsam bemalten Mund ängstlich zusammengezogen. — Andreas war zwischen ihnen, ohne Hut meist und mit verschleierten Augen.
Gelbgrau und langgestreckt glitten die Autos an ihnen vorbei, in eiligen Zügen. Zwischen dem Schwarz der Nacht und dem wütenden Gelb der Lichtreklamen stolzierten die alten Kokotten, mißgestimmt Geschäftliches miteinander beredend, ganz verdorrt und bunt wie die Mumien in ihrem schäbigen Pelzwerk und den abscheulich roten Stiefeletten. Aber die heiseren Stimmen der Zeitungsausschreier, die schmerzlich kippten und sich überschlugen, klangen, als wollten Irre und Weise, in geheimnisvoll knarrenden Zauberformeln jammernd und groß anklagend die Legende dieser Stadt erzählen.
Am allermeisten liebte es Andreas, wenn Franziska an solchen Abenden gedämpft in Vorschlag brachte, eines der „einschlägigen“ Lokale aufzusuchen.
In der Nähe der Hauptstraßen, wenn auch natürlich in dezenter Abgelegenheit, waren diejenigen zu suchen, die sich immerhin auf ihre Eleganz noch etwas zugute taten, wo neckisch übertriebene Fröhlichkeit zu herrschen hatte und die Jungen in koketter Tracht Luftschlangen durch die Räume warfen. Mit damenhaftem Charme hieß der Wirt sie willkommen, weißlich-fett und stark parfümiert. Die jungen Herren stießen hohe Jubeltöne aus, wenn so alte Bekannte wie Andreas, Paul und Franziska das Lokal betraten, sie machten kleine, schleudernde Bewegungen mit der Hand, als würfen sie den lieben Gästen Blumen oder Seidenbällchen entgegen, sie riefen: „Du Sonnenschein! Ach, seht doch, die drei charmanten Schwestern!“ — und schüttelten sich tänzerisch auf den hohen, unbequemen Barstühlen, die sie zum Kauern benutzten. Aber bald kamen sie zu den dreien an den Tisch, die sie als wohlgesinnt kannten, scherzten erst ein wenig, trieben viel Unfug mit einer seidenen Schleppe, die sie, als große Damen, die sie nun einmal waren, zu tragen vorgaben, nippten wohl auch vom Weine, den man ihnen kredenzte. Doch dann wurden ihre Augen plötzlich ernst, ihr sorglich bemaltes Gesicht verfiel zusehends unter der Schminkschicht, sie setzten sich, mit ganz ungezierten Bewegungen jetzt, und begannen von Geld zu sprechen.
Die Unterhaltung wurde bald sachlich und konzentriert. Paulchen, im Grunde ganz ihresgleichen, wollte über ihre Einkünfte genau Bescheid wissen, mußte erfahren, wieviel der, wieviel jener gegeben hatte. Mit ganz kleinen, schüchternen Stimmen gaben sie Auskunft. Sie hatten so sanfte Gesichter, wenn man sie nur genauer ansah, sanfte Gesichter mit glanzlosen Augen darin. Andreas sah sie genauer an. Er fand, daß sie alle ein bißchen an Paulchen erinnerten. Sie hatten alle denselben Blick und auch den wehen Zug um den Mund erkannte er wieder. Bei jedem hatte ein anderes Schicksal ihn eingegraben. Es ging ihnen allen nicht gar zu gut.
Während Fräulein Franziska, mütterlich zwischen einer Knabengruppe sitzend, sachlich errechnete, wieviel Geld man ungefähr dem oder jenem, der es besonders nötig hatte, geben könnte, ließ Paulchen sich, den Kopf aufgestützt, leichte Erregung in den Augen, mit seinen früheren Kollegen in Klatschgeschichten ein. „Dir sag’ ich’s,“ tuschelte er und zog verzweifelnd die Augenbrauen hoch, „dieser Herr Dorfbaum — nein, dieser fette Herr Dorfbaum!! — —“ Aber plötzlich, beinahe vergnügt abreißend, schlug er seinem Gegenüber herzlich auf die Schulter. „Ach, weißt du,“ sagte er — und noch nie hatte Andreas ihn so herzlich, so frohgemut lachen sehen — „wir sind ja zwei arme Irre!“ Und der Junge, dem er dies Geständnis zugelacht hatte, freute sich mit. Sie lachten alle, auch von der Bar her und vom Tanzbassin, wo sie einander schief umschlungen hielten und künstlich nach der Musik schritten. Sie hoben ihre Sektkelche und die Limonadengläser, sie tranken sich gegenseitig durch das ganze Lokal zu, alle lachend mit den künstlich hergerichteten Mienen, haltlos, sonderbar wie in einem tiefen Einverständnis. — Paulchen zwischen ihnen mit dem Milchhautgesicht wurde als erster wieder ernst. Das Gelächter riß ab, sie saßen wieder mit angstvollen Augen da und sprachen von ihrer Not.
Von diesen Lokalen liebte Andreas das „Paradiesgärtlein“ am meisten, es war im ersten Stock eines eleganten Hauses gelegen, man stieg eine rot ausgeschlagene Treppe hinauf und wurde oben mit besonders neckischem Jubel empfangen. Hier war „Rosenblättchen“ zu finden, alternd schon, aber tannenschlank. Wenngleich er um Mund und Wange schon ein wenig zu welken begann, er tänzelte um so biegsamer und trug seinen rotbraun gefärbten Lockenkopf immer charmant wie eine Operettendiva. Er hielt Andreas sein parfümiertes Tüchlein unter die Nase, er jubelte: „Husch, husch — du Auserwählter!“ und stieß drohend nach ihm mit ringgeschmücktem Finger. — Aber in einer Ecke saß der kleine Boris, sanft und benommen vom Gifte, das er dauernd nahm, das zarte Gesicht müde aufgestützt, die Augen rührend verdunkelt von innen heraus. Zu ihm setzte sich dann Andreas, während Paulchen mit Rosenblättchen tanzen mußte, und sprach leise mit ihm. Boris richtete die wie erblindeten Augen — und es schien doch, als könnten sie gar nichts mehr sehen — auf diesen seinen einzigen Freund, der immer wieder kam und fragte, wie es ihm ginge — und er sagte: „Danke, es geht mir ganz gut — meine Wirtin will mir kündigen — danke, daß Sie danach fragen — —“ Aber wie rührend war das flüchtige und schmerzliche Lächeln, mit dem er das Geld in Empfang nahm, das Andreas ihm gab. — Inzwischen war dann der kleine brünette Herr im Smoking drüben im Tanzbassin erschienen, übertrieben jubelnder Beifall begrüßte ihn, er stemmte den Arm anmutsvoll in die Hüfte und sang sein Liedchen. „Willst du einen Freier haben, mußt du auf Tauentzien traben — —“ Und die Strichjungen traten den Takt dazu mit den Lackschuhen. — Aber Boris, allein an seinem Tischchen, nahm, halb der Wand zugewendet, eilig eine jener kleinen weißen Prisen, die so appetitlich wirkten wie Schnupftabak, die kühl in der Nase waren wie Pfefferminz — und am Ende so seltsame Folgen zeitigten.
Wenn die Nacht dann weiter vorgeschritten war, wenn es 2 Uhr wurde oder 3 Uhr, fuhren sie hinaus in die unwirtlicheren Gegenden der Stadt, zum Fluß hinunter, wo die Gaslaternen trüber flammten. Vorm „Sankt-Margaretenkeller“ ließen sie halten und auch hier wurden sie herzlich begrüßt. Aber die Herzlichkeit war hier dumpfer, weniger sprudelnd, lang nicht so hüpfend wie drüben im Westen. Der Raum, zu dem man ein paar Stufen hinuntersteigen mußte, war niedrig und die Luft so dicht, daß es fast schwer fiel, sie einzuatmen. Der Wirt mit hängendem weißen Schnauzbart ging schwerhörig und gedrungen hin und her, strich den Burschen mürrisch-liebevoll über das Haar, wenn sie ihm wohlgefielen, schlug nach ihnen, wenn sie ihn ärgerten.
Das Piano jammerte etwas Schwerverständliches, aber Paulchen tanzte schon in der Mitte des Raumes mit dem Neger, der den großen Wollkopf, ganz hingegeben der Bewegung, barbarisch-schwärmerisch zurücklegte und seinem schmalen Partner das große Gesicht mit dem blutrot aufgeworfenen Mund hinhielt, als sei es zum Kusse. Während Andreas Wichtiges mit einem wild aussehenden Matrosen zu verhandeln hatte, der, eine Pfeife im Mund, blondes Haar in der unreinen Stirne, ihm plattdeutsch ausführlich etwas klarzumachen suchte, saß Fräulein Franziska ganz allein an der Wand, reglos wie eine Maske.
Die Transvestiten begannen Streit. Sie erhoben sich, — lange Burschen in Damentracht — zornig an ihren Tischen, rauh und grölend klangen ihre Stimmen unter den schwarzseidenen Hüten. Der Wirt mit dem Schnauzbart mischte sich tatkräftig hinein, er schlug einer der Damen sogar direkt ins Gesicht, so daß sie in ihr großes, blaugewürfeltes Tuch bluten mußte. — Der Neger verschwand herausfordernd auf der Toilette. Zu Fräulein Franziska hatte sich ein halbwüchsiger Junge gesetzt, sein verwüstetes Kindergesicht war ganz ungewaschen, aber er hielt Fräulein Franziska gleichfalls für einen Mann in Frauenkleidung und fragte, das Gesicht abgewandt, plötzlich mit einem letzten Rest von Scham, ob der Herr für heute abend schon besetzt wäre. Ein anderer, ganz allein an seinem Holztisch, war vor seinem Biere eingeschlafen. Laut schnarchte er, den Kopf auf die Arme gelegt.
Die Luft war so dick, daß es fast schwer fiel, sie einzuatmen. Aber Andreas saß ganz still an der Bar, wo des Schnauzbärtigen verfallene Gattin Schnaps feilbot, — saß still und atmete sie. Drüben, halb im Hintergrunde des Raumes, lag Paulchen, den Mund ängstlich zusammengezogen, schon halb in den Armen des gierigen Negers. Die Transvestiten schickten sich an, pikiert mit Handtäschchen und Regenschirm hantierend, den Raum zu verlassen. Sie drohten alle zusammen dem Wirt mit Anzeige und eilten selbander zur Tür. Fräulein Franziska suchte in ihrem Portemonnaie, ob sie nicht auch für den Fünfzehnjährigen, der sie für einen „Freier“ gehalten hatte, ein wenig Kleingeld noch finde. Ernst und ausführlich suchte sie nach, und das schmutzige Kind verfolgte angstvoll jede ihrer Bewegungen.
Andreas fiel plötzlich ein, daß der kleine Boris nun immer noch im „Paradiesgärtlein“ sitze, zart und benommen — und wartete, bis einer ihn mitnähme. Dieser Gedanke bestürmte plötzlich sein Herz so sehr, daß er dachte, es müsse auf der Stelle zerspringen. Er setzte sich zu Franziska und streichelte dem Fünfzehnjährigen das ganz verwüstete Haar. „Wie heißt du?“ sagte er, über ihn gebeugt und fühlte plötzlich, wie Fräulein Franziska ihren ernsten, starr fragenden Blick auf ihn heftete. Der Junge sagte: „Hans“ — und mehr nicht. Aber Franziska fügte hinzu, als sei das eine Erläuterung: „Er hat nämlich überhaupt keine Wohnung —“ und sie ließ ihren schwarzen Blick nicht los von Andreas, der seine dunkle Rede doch nicht verstand. Er strich diesem Kind nur das Haar glatt und seines Herzens Gedanken gingen verschleiert und leise. „Ich habe einmal geträumt,“ sann er im Streicheln, „daß die Weihe der großen Unschuld über mich kommen werde, auch auf dem Wege, den ich nun eingeschlagen habe. Jetzt weiß ich schon beinahe, wie das zugehen wird.“ —
Oben wurde die Tür noch einmal aufgemacht. Ein rasierter Schauspieler im Pelz kam, um sich für die Nacht noch etwas zu suchen. Die Geräusche der Straße klangen von ferne herein. Da waren die heiseren Stimmen der Zeitungsausschreier noch immer zu hören, ganz weit weg. Immer noch erzählten sie die Legende dieser Stadt, — in Zauberformeln, die niemand verstand — weit weg — bis ans Ende der Welt.
Der Neger war mit Paulchen irgendwohin verschwunden.
Franziska saß, wie Frauen nur sitzen können, ruhig, wartend, ein kleines mitwisserisches Lächeln um den Mund. So saß sie und sah diesen Andreas an.
Aber der streichelte und sann. Der streichelte nur und sann.
Sonderbar waren die Käuze, mit denen Andreas zu tun bekam, im Laufe der Abende. Kuriose Herren gab es — in dieser Stadt.
Es zeigte sich, daß man da unten in der karussellrunden „Pfütze“ nicht nur auf seine Beine achtete, auch ein gewisses pädagogisches Interesse schien dieser geschminkte Junge wachzurufen. Man wußte nicht, ob seine hilflose und behinderte Anmut solches Interesse erweckte, seine irgendwie gefährdete, ja schon beschädigte Schönheit oder ob man bei den schwermütigen, leidenschaftlichen Texten seiner Gedichte aufhorchte mit dem Gedanken, hinter dem müsse auch etwas stecken, der dieses sprach. Mancher fühlte den Wunsch, hier zu helfen, mancher die Sehnsucht, einen zu „retten“ hier, den er dem Untergange nahe sah. Sie kamen zu ihm und redeten, sie griffen ihn an, warnten ihn, machten ihm liebevoll die Gefahr deutlich, in der seine Unbefestigtkeit schwebte. Er widersprach nicht, besann sich vielmehr über ihren Worten, hörte ernst und nachdenklich zu, nahm sich’s zu Herzen und gab ihnen in vielen Einzelheiten Recht. Aber am Ende scheiterte alles an seinem kleinen geheimnisvollen Knabenlächeln, das es, trotz allem, „besser wußte“.
Wenn er, mit Abschmink-Fett und Puder beschäftigt, im Garderobenverschlag vorm Spiegel saß, hatte Frau Zeiserich des öfteren Gelegenheit, den mageren Damenhals durch die Türspalte zu strecken und zischelnd zu bemerken: „Ein Herr mal wieder für unseren Andreas — man wird ihn vermutlich empfangen wollen —“
Den schwersten Kampf gab es mit dem, der mit schwarzen, wild abstehenden Haaren kam und mit feuerheißen Augen. Er sagte kühl und korrekt, in gräßlicher Stille vor dem Sturm: „Entschuldigen Sie, daß ich störe —“, er verneigte sich und sein großer Mund zuckte vor Nervosität. „Ich bin ganz durch Zufall in diesem Lokal“, sagte er und blickte nicht angeekelt eigentlich, aber zornig um sich. „Ein Bekannter hat mich dazu verleitet und studienhalber war es mir interessant.“ Er war schlecht angezogen, bemerkte Andreas, er hatte grobe schwarze Stiefel an, er hatte die Beine übereinandergeschlagen und an dem freihängenden Fuß lastete der Stiefel wie ein Eisengewicht. „Aber ich bemerkte es gleich: Sie gehörten niemals hierher!“ redete er weiter. Seine Worte kamen scharf akzentuiert, vibrierend in ihrer glühenden Angespanntheit. „Sie sind ein junger Mensch und gewiß durch Zufall allein in dieses unwürdige Milieu gekommen.“ Er legte den großen Kopf, um den das schwarze, unfrisierte Haar rund wie eine kriegerische Glorie stand, leicht in den Nacken, er schloß beinahe die Augen und sprach ganz leise, aber so leidenschaftlich im Tonfall, als wäre solch Flüstern nur Steigerung jedwelchen Gebrülls. „Ich nehme an, daß Sie sich über Ihr Tun und seine Konsequenzen nicht im allergeringsten im klaren sind. Sie stehen dort drüben auf einer grellroten Bühne und treiben ein wenig Kunst. Sie machen sich zum Narren damit vor einer Gesellschaft von Schiebern und Schädlingen an der Kultur. Kein Mensch nimmt Sie ernst. Man spottet über Sie, als ob Sie auf eine Liaison, auf einen kleinen erotischen Nebenverdienst erpicht, ja angewiesen seien. Möglicherweise hat es damit auch seine Richtigkeit — sei es darum. Aber Sie sind ein anständiger Junge, ich sehe es an Ihren Augen und an jeder Ihrer Bewegungen. Sie sind zwar schwach, aber nachdenklich. Ihr Körper liebt das Sich-fallen-lassen und Sich-entwürdigen, aber Sie haben eine Haltung in Ihrem Herzen. — Ich nehme nicht an, daß die Kunst, die Sie in dieser Pfütze zum besten geben, die einzige ist, die Sie betreiben. Zu Hause malen Sie oder dichten Sie ein wenig. Heute bleiben diese Ihre häuslichen Bemühungen noch unbeachtet. Sollten Sie in ein paar Jahren mit denselben vor die Öffentlichkeit treten und dieser sogar Beifall abnötigen: an Ihrer Situation hätte sich deshalb nichts verändert: Sie blieben der Narr, das nicht-ernst-genommene Spielzeug einer satten, unnützen Bourgeoisie und müßten mit ihr zugrunde gehen.“
Er stand auf, gedrungen von Bau, aber flammenden Angesichts stand er mitten im Zimmer. Er hob die Fäuste, bebend redete er zu Andreas: „Die jungen Leute müssen einsehen, daß es auf Kunst heute nicht ankommt. Kunst wurde nebensächlich. Die gesamte Bourgeoisie täuscht sich seit Jahren in einem Leichtsinn ohnegleichen darüber hinweg, daß die einzige Frage, die es heute im Grunde wert ist, diskutiert zu werden, die soziale Frage sein kann. Die Bourgeoisie scheint nicht zu ahnen, daß in zehn bis spätestens zwanzig Jahren eine Katastrophe ungeheuerlichster Art über sie und ihre alte Kultur hereinbrechen wird, wenn diese Frage, diese eine Frage nicht vorher gelöst ist. — Aber sie mag sich an zarter Kammermusik, hübschen Landschaften, ethischen Romanen ergötzen, während die Katastrophe sich unabwendlich naht!“ Im Höhnen war er mit großen Schritten auf und ab gegangen, aber jetzt setzte er sich schon wieder. Andreas, blaß im Gesicht, hörte nur zu. „Ich habe einen Verein für junge Menschen gegründet,“ sagte der Mann im Stuhl, „die sich leidenschaftlich einig sind darin, daß nur von diesem Punkte aus eine Rettung zu hoffen sei. Meine Freunde sind im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren. Sie arbeiten tags in Fabriken oder auf Bauplätzen. Uns verbindet alle untereinander Freundschaft und Liebe, die jene Bourgeoisie, die wir hassen, vielleicht als unsittlich bezeichnen würde.“
Er ging zu Andreas hin, mit glühenden Augen und beredtem Mund stand er an seiner Seite. Er beugte sich zu ihm und legte ihm beide Arme um die Schultern. Er drückte den Knaben an sich, so daß es ihn schmerzte wie eine Umdrosselung, ihm wohltat wie eine große Umarmung. „Von der ersten Sekunde an, da ich dich gesehen hatte,“ sprach der Mann zuckend in dies weiße, junge und undurchdringliche Gesicht hinein, „wußte ich, daß du zu unserem Kreis gehören mußtest. Verstehst du denn, was ich meine? Verstehst du jetzt schon, was unser Ziel ist?“ — Und Andreas nickte nur, während die Stimmen und Gedanken sich in ihm kreuzten und durcheinander drängten: „Ja — ich versteh’ schon —.“ „Wir wollen zusammenhalten — bis der große Tag kommt,“ flüsterte die heiße Stimme über ihm, „zusammen warten, aus Liebe, zusammen schaffen aus Liebe, bis der große Tag da ist.“ Die Arme umklammerten ihn noch fester. „Komm!“ forderte die Stimme.
Aber plötzlich entgegnete Andreas und begriff es selbst nicht warum —: „Ich kann nicht.“ „Warum?“ fragte der über ihn gebeugte Mann, „warum kannst du nicht?! Hast du denn nichts gehört von dem, was ich dir gesagt habe? So still bist du dagesessen — hast du denn nichts verstanden?! Ist dir denn kein Wort nahe gekommen?!“ — Da lächelte das Knabengesicht unter ihm: „Ich habe schon alles verstanden, was du gesagt hast — danke für alles — aber ich kann nicht mit — —“
Der Mann ließ ihn los, ging von ihm weg zur Türe. „So ist dir nicht mehr zu helfen“, sagte er, den großen Kopf gesenkt — seine Stimme war weicher und Finsternis ging wie eine Wolke über seine Stirn.
„Grüße deine Freunde!“ sagte der Knabe vorm Spiegel. Und der Mann: „Danke. Gemeinsam werden wir deiner gedenken.“ „Auf Wiedersehen also“, sagte der Knabe. Und der Mann entgegnete: „Auf Wiedersehen — ja — ich grüße meine Freunde von dir — auf Wiedersehen, mein Kind — —“
Später kam Paulchen noch leise in seine Garderobe.
„Du hattest Besuch?“ fragte er mißtrauisch. „Es war wieder ein Kerl da?“ „Ja,“ sagte Andreas, „ein alter Freund“ —
„Du hast viel Erfolg bei den Leuten“, sagte Paulchen und lächelte etwas mühsam. „Kommst du jetzt heim?“ „Nein,“ sagte Andreas, totmüde an die Wand gelehnt, „ich gehe noch aus —“ Aber Paulchen meinte und hob ängstlich abwehrend die Hand: „Du gehst zu viel aus — du gehst wirklich zu viel aus — ich übrigens auch“, fügte er hinzu und senkte, wie schamhaft, den glanzlosen Blick.
Auch Doktor Dorfbaum, wenngleich ein Snob von Natur und aristokratischem Klatsch bis zur Passion ergeben, meinte es ernst mit Andreas. Er empfing ihn mit einer pikanten kleinen Anekdote, und er hatte einen wattierten, rosenroten Schlafrock an. „Ja, weißt du denn schon, die Gräfin Donnerstal?“ fragte er selig. „Also erstens ist sie überhaupt keine Gräfin —“
Die Wohnung, in welcher er hauste, hatte sehr niedrige und beengte Zimmer, war aber reichlich, ja luxuriös ausgestattet mit seidenen Kissen und Lampenschirmen. Niedliche Kunstgegenstände standen wie in Damenboudoirs umher. Aus silbernen Miniaturkelchen trank man Orangenlikör. Dorfbaum erzählte Lustiges vom Grafen Pritzlewitz. —
Aber im Laufe des Abends veränderte sich manches. Dorfbaums fettes Gesicht wurde verstört, Not stand in seinen kleinen Augen, und er klagte. „Ich verstehe dich nicht,“ jammerte er vor Andreas, „ich kann deine Stille nicht fassen. Du mußt doch fühlen, wie ernst es mir ist. Ich tue doch alles, was du nur willst.“ Hilflos rang er die kleinen Hände. „Ich gebe dir Geld“, sagte er leise und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Da sitzt du und bist mir im Grunde fremd, wie am ersten Tag. Du mußt doch fühlen, wie ernst es mir ist — —“
Aber Andreas tröstete ihn, leise und mit abgewandtem Blick. „Sei ruhig,“ sagte er, „das geht alles vorbei — —“
Doktor Dorfbaum wußte sich gar nicht zu helfen. „Vielleicht liegt es an dem Unterschied der Generationen,“ klagte er im Schlafrock, „vielleicht seid ihr alle unnahbar für uns. Euch fehlt beinahe irgend etwas, was wir als junge Leute doch hatten — eine Weichheit, ein Stilgefühl. Bei aller Sensibilität: du bist hart. Aber es muß doch so schön sein, geliebt zu werden —“
Da sagte Andreas, ganz rauh und plötzlich der Dunkelheit zugewendet — Doktor Dorfbaum verstand seine Worte nicht ganz: „Ich glaube dir nichts, was du sagst — ich bin dir gleichgültig im Grund — mich liebt keiner. Es kommt aufs Geliebtwerden nicht an. Ich bin allein wie ein Tier.“
Eines Vormittags — es war noch ziemlich früh und beinahe alle schliefen — ereignete etwas sehr Gräßliches sich.
Auf dem Korridor begann plötzlich ein keifender, durchdringender Wortwechsel. Man erkannte die etwas heisere Stimme Fräulein Barbaras, und ihr antwortete zeternd die Stimme eines Herrn. „Unter keinen Umständen!“ schrie Barbara — und man konnte noch deutlich hören, wie sie mit dem Fuße aufstampfte — „tu’ was du willst — ich komme nicht mit —.“ „Du weigerst dich?“ kreischte der Herr in so rhetorisch übersteigerter Gegenfrage, daß ihm die Stimme auf dem Höhepunkt barst und brach, „so sehe ich mich genötigt, Gewalt anzuwenden!!“ Und das Wort „Gewalt“ erfüllte mit seinem Klirren die ganze Wohnung, als hätte man ein Porzellanservice am Fußboden zerschmettert.
Fräulein Barbara lachte — ganz rauh und im Baß. Jetzt ergriff er sie wohl am Handgelenk, man hörte Geräusche des Packens, des Sich-sträubens. „Laß mich los,“ keuchte Barbara — wie rasch ihr Gelächter wieder still geworden war — „geh fort — tu was du magst — —“
Alle, die lauschend an den Türen standen, oder, durch Lärm aus dem Schlaf geweckt, den Kopf aufgestützt, leidenschaftlich zuhörend, in ihren Betten saßen, hatten schon lange begriffen, worum es sich handelte. Barbaras Adoptivvater, der kleine, reiche und cholerische Herr, der das jetzt so mißratene Mädchen als Baby einst aufgelesen und in seinem Haus zu Nürnberg dann fürstlich erzogen hatte, war also eingetroffen, hatte ihre Adresse, ihren Zufluchtsort, ihr kleines Versteck also doch und trotz allem erfahren und war da, sie zu holen, sie ohne viel Federlesens, nach Hause zu schaffen. „Laß mich los“, keuchte Barbara. Er aber packte sie am Handgelenk. — Die anderen lauschten in ihren Zimmern. —
Da geschah der gräßliche Lärm. Ein Gepolter wurde laut, ein unterdrückter Schrei, jemand stürzte zur Erde.
Aus allen Türen kamen sie herbei, von allen Seiten zeigten sich Gesichter, die sehen wollten, was es da gäbe. Was gab es denn? — o peinliches Schauspiel — — da lag Barbaras Vater, der Herr, der sie für so vieles Geld hatte großziehen lassen, ganz zusammengekrümmt auf dem Teppich und sein Melonenhütchen lag ein paar Meter von ihm entfernt. Als er sie am Handgelenk hatte packen wollen, mußte die Tochter ihn mit einer solchen Wut abgeschüttelt und zurückgestoßen haben, daß er keuchend gegen die Wand geflogen war und dann auf den Fußboden. Er blutete dick aus der Nase, sein Blut rann in trüben Streifen über den Estrich. Seine Hände in braunledernen Handschuhen lagen im Blut. Seine Tochter war ja so stark und groß — — —
In allen Türrahmen waren die Gesichter, verschlafen und doch mit so weit aufgerissenen Augen. Das Gesicht Andreas rührte sich gar nicht, es stand ein paar Sekunden unbeweglich und wie gelähmt in der schwarzen Türspalte, dann zog es sich, ohne den Blick vom blutenden Vater zu lassen, rückwärts ins Zimmer zurück und war verschwunden. Aber Fräulein Lisas Gesicht hatte heiße, furchtsame Augen, es war blaß geworden und wunderte sich erregt. In Paulchens Gesicht stand ein bleicher, verständnisloser Schrecken, es zog auch Augen und Brauen hoch, mit demselben Ausdruck, den es annahm, wenn es sich mit Herrn Dorfbaums fetter Wesensart beschäftigte. — Viele Gesichter erschienen noch in vielen Winkeln. Es war, wie in einem Maskengeschäft, wo plötzlich, nachdem alles ausgeräumt gewesen, die vielen bunten Masken herausgehängt und in ihrer sonderbaren Buntheit dem Beschauer präsentiert werden. Fräulein Franziskas schwarzer Blick, der sich über nichts mehr wundern konnte und doch für alles dunkles Interesse hatte, kam finster — neugierig — unter dem abstehenden Haar. — Henriettens verkniffene Miene tauchte irgendwo auf, boshaft und klein aus einer Ecke. — Mit blauen Backen und aufgebürstetem grauen Haar darüber ragte der Großmutter großer Kopf aus der Wohnstube. — Aus dem Hintergrund schaute still und breit Fräulein Annas lehmgelb-indisches Antlitz. — Gott mußte man danken, daß die Witwe selber nicht zugegen war, sondern mit Einkäufen unterwegs. Wie schrecklich tatkräftig sie eingegriffen haben würde.
Aber Barbara lehnte, das Gesicht in die Arme vergraben, an der Wand, immer noch in der Stellung, aus der heraus sie den zerrenden Vater zurückgestoßen hatte. Gurgelnd und würgend war ihr Weinen, so daß der ganze große, dicke Leib unterm Schlafrock davon erschüttert wurde.
Ganz langsam und ächzend richtete der Vater sich auf. Ein großes, weißseidenes Taschentuch zog er hervor und dahinein ließ er sein trübes Blut jetzt rinnen. Gebückt, die Nase ins Tuch vergraben, stolperte er zur Tür. Nahe bei der Tür mußte er aber nochmals sich bücken, um sein bestaubtes Hütchen aufzulesen. Das machte ihm Qual — seine Knochen taten so weh. Und plötzlich — vielleicht aus einem wütenden Ärger über diese neue Mühseligkeit hinaus — schüttelte er seine magere rötliche Faust, schüttelte sie bebend gegen sein Kind, gegen die jungen Leute alle, gegen die ganze Pension. — Dann krachte die Tür hinter ihm zu.
Fräulein Barbara, immer noch schluchzend gegen die kalte Wand, hatte diese letzte, zuckende Racheschwurpantomime gar nicht beobachten können. Aber unter dem knallenden Geräusch der zuschlagenden Türe, bog sie sich, wie unterm Peitschenhieb, und jetzt wurde ihr Schluchzen zum Krampf, der sie schüttelte und krümmte.
Paulchen, mit hochgezogenen Schultern und ängstlich zusammengekniffenem Mund, ging leise im gelben Seidenanzug zu ihr hin, streichelte ihr gleichmäßig den bebenden Rücken entlang mit seinen leichten Händen. „Dicke,“ sprach er ihr zu, „sei doch brav, meine Dicke — na, na, na — sein wir doch still — —“
Barbara wandte ihm das Gesicht zu, ein großes, in Tränen aufgelöstes und zerflossenes Kindergesicht, mit ganz verzweifelten Augen. Sie heulte dem ängstlich Tröstenden stoßweise entgegen, ihr Weinen kam wie in Nöten und Wehen. „Es kann ja nicht wahr sein,“ klagte sie ringend, „ich glaub’ nicht, daß es wahr ist — s’ muß ne Vision gewesen sein — —“ Und weinte diesem weißen, inhaltsleeren Gesicht entgegen, das sie so liebte, und das ihr in seiner milchigen Gepflegtheit gegenüberstand und keinen Trost wußte, als dieses hilflose: „na, na, na — —“
„Sie ist anstrengend, diese Stadt,“ sagte Andreas später zu seiner Freundin Franziska, während sie untätig zwischen der Unordnung ihres Zimmers saß, „ich erschrecke schon beinahe, wenn ich mein Gesicht im Spiegel sehe. Die Backenknochen treten so deutlich hervor — —“. Nachdenklich blies er den Zigarettenrauch von sich. Wie rasch man sich an diese scharfen kleinen Dinger hier gewöhnte, es fehlte einem schon etwas, wenn man ihre anregende Leichtigkeit nicht zwischen den Fingern, ihren anmutigen Rauch nicht vorm Gesichte hatte. Man mußte ja immer noch froh sein, wenn man nicht zu den appetitlich weißen Prisen Zuflucht nahm. „Anstrengend ist es —“ wiederholte er, kopfschüttelnd gleichsam, in den Rauch hinein, als wundere es ihn, daß seine neugierige Unermüdbarkeit Symptome der Erschöpfung spüren könne.
Aber Fräulein Franziska, über der Laute klimpernd, sagte langsam, als spräche sie einen schlichten Text zu einer verschwommenen Melodie: „Wir nehmen Urlaub bei Alma Zeiserich — wir fahren aufs Land, Andreas, wir fahren zusammen aufs Land. Ich habe eine Freundin in Mitteldeutschland, sie nennt sich Hofrätin Gartner — in ihrer Villa besuchen wir sie — wir wohnen ein paar Tage bei ihr.“
Und während sie sprach, streichelte sie Andreas’ Hände. Ihre Hände fühlten sich rauh an, obwohl sie lange, manikürte Fingernägel hatten, die rosa gleißten, als seien sie lackiert. — Aber seine Hände — breite Hände mit stark modellierten, etwas langen Fingern — waren auch nicht mehr weich.
Zusammen wollten sie sich erholen, soweit ihnen dies möglich war.
Am selben Nachmittag saßen sie schon im Zug. Fräulein Franziska, in grauer, praktischer Reisetracht, hatte den Kopf ruhig gegen das Wagenfenster gelegt. Aber Andreas hielt sein Gesicht der vorbeiziehenden Landschaft hin und dem Wind. „Eisenbahnfahren ist schön“, sagte er halb zu ihr zurück — aber der Wind hielt sein Haar noch erfaßt.
Und sie entgegnete, als wäre das eine Antwort: „Bei meiner Freundin wirst du auch Niels treffen — den hat sie jetzt, glaube ich, schon adoptiert — —.“ Und lächelte vor ihrem Polster, als wüßte sie alles voraus.
Die Hofrätin Gartner bewohnte ein altes Stift, das ehemals Kloster gewesen war und malerisch oberhalb des Flusses lag.
Während der Fahrt mit dem Einspänner durch das Universitätsstädtchen und später, am Flusse entlang, erzählte Fräulein Franziska ausführlich und sachlich, wie das ihre Art, aus dem Vorleben der Freundin. Ehemals hatte dieselbe — durfte man Fräulein Franziskas ernstem Bericht Glauben schenken — unter dem Namen Gertrud von Trautening das ausgelassenste Leben geführt. In der Operette hatte man sie als Star und Wunderding gefeiert, sie war in Paris, London und Neuyork beliebt, ja vergöttert gewesen. Auch auf der seriösen Opernbühne hatte sie sich versucht, freilich unter nicht so enthusiastischem Beifall. „Aber ihre größten Triumphe feierte sie im Schlafzimmer“, konstatierte Fräulein Franziska finster.
Zwischen der etwas weichen und gewellten Lieblichkeit des Landes schlängelte sich der Fluß. Eine Bergruine winkte malerisch, ja kokett von jedem Hügel. Aber das Laub der Bäume färbte sich schon gelblich. — Andreas lauschte nur halb dem Roman, den Fräulein Franziska an seiner Seite zum besten gab. Diese Spätsommerstimmung verklärte ja alle Bäume und jedes Ding. Die Luft zitterte und schimmerte in ihrer blauen Ruhe.
„Mit achtunddreißig Jahren ehelichte Gertrud den Hofrat Gartner, da sie sich müde fühlte“, berichtete die rauhe, langsame Stimme. „Dieser war ein sehr seltsamer Kauz. Er war sehr reich, wollte aber nichtsdestoweniger unbedingt Gold machen, und hatte sich zu diesem Zwecke eine sonderbare Alchimistenstube in einem alten Stifte einrichten lassen, das er von einem bankerotten Grafen erstand. Er trug Gertrud, deren Schönheit er leider bis zum Wahnsinn verfallen war, auf Händen, bis er, nach einjähriger Ehe, verschied. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die Hofrätin dabei ihre Hand im Spiele hatte.“
Man fuhr eine mit Obstbäumen eingefaßte Allee steil bergauf, oben sah man das graue Tor zum Stiftgarten schon. Eine starre Madonna schaute zwischen den Apfelbaumzweigen hervor.
„Ich war mit Gertrud jahrelang innig befreundet“, sagte Franziska und schaute starr geradeaus. „Wir fühlten uns, in manchen Punkten, glaube ich, immer einander verwandt. Auch als sie schon das alte Stift bewohnte, sah sie mich oft als ihren Gast. Du wirst sehen, wie schön sie ist. — Ich habe immer bedauert, daß sie kein Kind bekommen hat, weder vom Hofrat noch von einem ihrer Freunde. Nun hat sich all ihre pädagogische Leidenschaft auf diesen Niels geworfen, den sie sich irgendwo auflas. Ich weiß nicht, wohin dieses Verhältnis noch führen soll.“
Auf knirschendem Kiesweg fuhren sie durch den Park, wo die hohen, roten Buchen ein geheimnisvolles Schirmdach bildeten. Ein Truthahn stolzierte bösartig in ihrer Dämmerung. Ein angeketteter Hund mit gelben Augen schlug heulend an in ohnmächtiger Wut. Seitwärts gediehen hohe, blaue, etwas fahle Blumen. — In die verzauberten Geräusche des Stiftgartens hinein sagte Fräulein Franziska: „In diesen Tagen geht sie nun noch, wie ich gehört habe, mit dem unsinnigen Plan um, diesen Jungen zu adoptieren.“
Das Stift selbst lag niedrig und langgestreckt zwischen den Bäumen, grau und verwittert war es anzusehen, nur die großen Fenster gleißten und schimmerten wie feinstes Kristall.
Ein schwarzer, untersetzter Hausknecht öffnete ihnen den Wagenschlag. Er hatte zwar ein Glasauge, aber das lebendige blickte dafür intensiv und dunkel. Fräulein Franziska kannte er von früher, er verneigte sich sklavenhaft und diensteifrig geleitete er die Gäste durch viele kühle, nach Feuchtigkeit riechende Gänge zu ihren Zimmern, die nebeneinander lagen. „Gnädige Frau hoffen die Herrschaften zum Tee noch auf der Veranda zu sehen“, redete er, während er die Türen öffnete, und die Handtaschen umständlich auf ihren Platz stellte.
Andreas’ Zimmer war klein, streng und vornehm eingerichtet. Die hellbraunen Möbel hatten lange, dünne Beine, man dachte, sie müßten zerbrechen, wollte man sich auf sie setzen. Von der Wand schaute kindlich und süß eine Madonna des Botticelli.
Andreas trat an das Fenster. Er hatte die Aussicht über den Fluß. Ein Glück, daß er selber nicht begreifen konnte, fühlte er im Herzen, als er die reine Luft dieser Landschaft tief einatmete.
Unten auf der Terrasse erwartete die Hofrätin ihre Gäste vor silbernem Teegeschirr. Sie stand auf und streckte Fräulein Franziska die beringte Hand entgegen. „Es ist nett, daß ihr gekommen seid!“ sagte sie und ihre Stimme war schön, aber merkwürdig unbeseelt, so daß sie einen metallenen, beinahe blechernen Klang hatte. Fräulein Franziska sah die Freundin schwarz an und stellte Andreas Magnus vor. Die Hofrätin war sofort sehr liebenswürdig zu ihm, sie sah ihn schelmisch von unten an, bekam Grübchen und sagte, er müsse etwa Niels’ Alter haben. — Übrigens war noch ein kleiner behender Herr anwesend mit einer großen Nase und witzigen Augen. „Doktor Zäuberlin,“ sagte die Hofrätin, „der Hauslehrer meines Adoptivsohnes —“
Während man sich setzte, fragte Fräulein Franziska langsam, wo denn Niels sei. Aber Frau Gartner erwiderte etwas hastig, während sie Tee eingoß: „Er muß im Garten sein — oder spazieren — —“
Man sah über den Fluß hin, wo die langgestreckten Boote vorüberglitten. Da trainierten die Studenten in weißen Trikots.
Die Unterhaltung am Teetisch ging über das alte Stift und seine einzigartige Atmosphäre. Doktor Zäuberlin sprach am meisten, in etwas ausgefallenen, ja grotesken Redensarten. Seine Galanterie gegen die Damen war stilisiert und mittelalterlich-höfisch. „Nehmen Sie, meine Holde“, sagte er und reichte Fräulein Franziska, die ihn gründlich prüfte, die zierliche Zuckerdose. Aber vor der Hofrätin senkte er die geschwinden Mäuseaugen. „Meine Sanfte —“ sagte er, und seine Stimme erstarb im Minnedienst.
Das Gespräch ging über Baukunst und alte Kultur bald auf Niels über, als ertrage die Hofrätin es nicht anders. „Ich bemühe mich so, von alledem Niels ein wenig beizubringen,“ sagte sie mit ihrer klingenden Stimme, „oder vielmehr ich bitte Doktor Zäuberlin täglich, was nur irgend möglich für seine Bildung zu tun, denn ich selber weiß ja nicht viel —“ „Die Hofrätin weiß von allen Dingen mehr als wir“, sagte Doktor Zäuberlin leise, aber überdeutlich artikuliert, während er sein Vogelgesicht mit dem scharfgeschnittenen Mund tiefer über den Teller neigte. Aber die Hofrätin redete weiter, als gehöre das wichtig zur Sache: „Doktor Zäuberlin war noch ein Freund meines verstorbenen Gatten. Sie haben zusammen im Laboratorium gearbeitet —“
Andreas sah, daß die Hofrätin heute noch schön war. Sie hatte die wunderbar ebenmäßigen, ein ganz klein wenig üppigen Formen der Frauen, die noch vor zwanzig Jahren das Ideal des Ästheten waren. Ihr Profil war edel und griechisch und ihr blaugrauer Blick schimmerte, wenngleich in seinem Glanze etwas von der Leere und Unbeseeltheit war, die ihre tönende Stimme metallen machte. Aber am schönsten war sicher ihr rotbraunes Haar, das sie in dicken Zöpfen um den Kopf geflochten trug, so daß es ihn reich bekrönte wie ein kostbarer Putz.
„Wir lassen ihn nichts Unnötiges lernen,“ sagte sie und schüttelte hilflos den Kopf, „nichts Langweiliges lesen, wenig Mathematik betreiben. Es kommt mir auch darauf an, daß er die Allgemeinbildung ein wenig erwirbt, ich will ihm nur helfen, er ist ein gefährdetes Kind.“
Andreas sah sie plötzlich vor sich, wie sie einst im Schmucke der nickenden Straußenfedern als Einzelne, Strahlende vor einem Chor von eifrigen Balletteusen gestanden haben mochte im Operettentheater. Das Publikum jubelte, Rosen fielen ihr zu. In der Kulisse erwartete ihr Liebhaber sie, ihr Galan, ihr Leutnant. Die letzten Töne ihrer wundervollen Stimme klangen angestaunt und beklatscht übers Parkett hin, waren wie silberne und goldene Kugeln, die sie ausstreute und üppig verschenkte. Im trunkenen, schweren Leichtsinn der gefeierten Frau hob sie die Arme. Um ihren Körper floß weiße Seide. Um ihr buntes Gesicht schwankte die Riesenglorie der Federn.
Jetzt sagte sie — und um ihren Mund zuckte es rührend —: „Im Grunde ist er vollkommen unzugänglich. Den ganzen Tag ist er draußen, ich weiß nicht mit wem, und wir bemühen uns fast umsonst. — Verzeihen Sie, daß ich von Ihnen unbekannten Dingen spreche,“ wandte sie sich an Andreas plötzlich, und in ihrem Gesichte entstanden die Grübchen, ein kleines Bleibsel ehemaliger erlesener Koketterie, „aber Sie sind ja sein Altersgenosse —“
Zwischen den Büschen rief eine Stimme. Sie war ganz hell und doch ein wenig verschleiert, schimmernd in einem unaussprechlich herben Glanz. Sie rief: „Gertrud — hör’ doch, Gertrud!“ — Und die Dame am Teetisch hob das Gesicht, während sie plötzlich die weißen, ringbeladenen Hände auf dem Tischtuch faltete: „Ja!“ antwortete ihre Stimme, deren metallische Unbeseeltheit rührend zu leben begann. „Ja, ja!“ — Und die andere, die Stimme aus dem Garten, dagegen: „Sind Gäste da? — Komm doch in den Garten mit ihnen — hinunter zum Weiher —“
Leichtfüßig stand die Hofrätin auf. Sie eilte schon über die Terrasse während sie sagte: „Ich hoffe, die Herrschaften sind fertig mit dem Tee — es ist ja vielleicht sehr interessant für Sie, den Park bei dieser Gelegenheit zu betrachten —“ Ihre edelgeformten Beine liefen behend zwischen den Falten des Rockes. — Lächelnd kamen Fräulein Franziska, der Doktor Zäuberlin und Andreas hinter ihr her.
Zwischen den Büschen sahen sie den schwarzen Weiher liegen, in dessen Moorwasser sich die Weiden melancholisch spiegelten. Mitten im Weiher ruderte Niels in einem kleinen, blauen Kahn. Er lachte und winkte der Gruppe am Ufer zu. „Hallo! Hallo!“ rief er und schaukelte sich in seinem Nachen.
Die Hofrätin hatte ein Spitzentüchlein hervorgeholt und schwenkte es, als ob es gelte, einem im Ozeandampfer Davonreisenden den letzten Gruß nachzuschicken. „Hallo! Hallo!“ rief der Junge im Boot und lachte übers ganze Gesicht. „Da ist ja Franziska! Guten Tag, alte Franziska! Soll ich kommen und Sie im Boot abholen?!“ — Und er ruderte direkt auf sie zu, mit ein paar Schlägen würde er am Ufer sein. Fräulein Franziska lachte ihm finster entgegen.
Andreas streichelte plötzlich die Bäume, fuhr liebkosend über ihre harte Rinde. Ihm war, als erlebe er irgend etwas zum allerersten Mal, doch was es war wußte er nicht. „Bäume,“ sagte er vor sich hin, „Gras — Gras — —“ Noch nie hatte er so den Boden, so die Erde unter seinen Füßen gespürt, ihm war, als müsse er die Wangen gegen die Baumrinde oder das Gesicht gegen die weiche Erde legen.
Fräulein Franziska, die vielleicht sein Flüstern gehört hatte, wandte sich plötzlich um und sah ihn an.
Verstimmt stand Doktor Zäuberlin im Hintergrund.
Aber die Hofrätin winkte, Grübchen in den Wangen, mit flatterndem Tüchlein dem rudernden Knaben entgegen.
Beim Abendessen im gotischen Speisesaal ging es höchst angeregt zu. Die Hofrätin war in großer Abendtoilette erschienen, über ihren Formen glitzerte Silberbrokat und ihre weißen vollen Arme waren nackt. Sie hatte auch Silber im Haar, etwas altmodisches Blumenwerk und Augenlider, Lippen und Wangen hatte sie sich dezent geschminkt. — Fräulein Franziska ihr gegenüber in starrem Weiß war von heftigerer, grellerer Pracht.
Doktor Zäuberlin war von unheimlicher Heiterkeit, er quiekte wie Mäuse, krähte wie alle Gockelhähne der Welt auf einmal, bekam dazwischen eine schnarrende, böhmische Stimme und erzählte Scherze mit ihr. Die Damen nannte er: „Meine Sanfte — meine Gute —“ und er schenkte ihnen mit plötzlich ehrfurchtsvoll gesenktem Vogelkopf vom Rotwein in ihre Gläser. So sah er aus wie ein Hexenmeister, der zwischen viel Unfug und nicht geheurem Gewitzel mit flüchtigem, aber intensivem Ernst einen Liebestrank braut für die schönen Damen.
Aber Niels hatte einen blauen Anzug an mit einem kleinen, weißen Umlegekragen, in dem er halb wie ein junger Seeoffizier wirkte und halb wie der Zögling eines englischen Internats. Über den ganzen Tisch hin flirtete er mit Fräulein Franziska. Er fragte sie nach gemeinsamen Berliner Bekannten, er lachte laut über das, was sie von ihnen erzählte, und seine Stimme ging hell durch den Raum. — Aber plötzlich hob er, noch lachend über etwas, was Fräulein Franziska sachlich geäußert hatte, das Weinglas gegen Andreas: „Prost, Kleiner —“ rief er und lachte noch herzlicher, weil dieser erschrak. — Das Glas, das Andreas ihm entgegenhielt, zitterte so sehr in seiner Hand, daß Wein verspritzt wurde über das Tischtuch. Niels’ Lachen war ansteckend. Die Hofrätin, den Kopf mit dem schweren Haar ein wenig zur Seite geneigt, lachte schelmisch und mit Grübchen in beiden Wangen. Das Lachen widerhallte sonderbar an der gewölbten Decke. Doktor Zäuberlin allein saß bitterernst, sein Mund war ein messerschmaler, böser Strich in seinem Gesichte. Sein kleiner, schwarzer Blick lief rasch, gehässig und ohne daß es jemand hätte merken können zu Niels hinüber, der in seinen Stuhl zurückgelehnt Tränen lachte. —
Nach aufgehobener Tafel saßen beim Mokka Andreas und die Hofrätin ein wenig beiseite. Mit leisem Eifer sprach die Dame auf ihren jungen Gast ein. „Sie werden sich vielleicht über manches wundern, was Sie hier sehen,“ sagte sie und neigte sorgenvoll das schöne Gesicht, „und es wird Ihnen zum Beispiel vielleicht nicht klar sein, wie ich mit Niels stehe —“ Sie hatte sich ein schwarzes Seidencape umgelegt und fröstelte, obwohl sie sich tief in seine Falten schmiegte. „Mein einziger Wunsch ist es ja, ihn nun wirklich zu adoptieren, so daß unser Verhältnis nicht länger dem bösartigen Mißverhältnis der Leute ausgesetzt ist. Die Bauern reden so“, sagte sie geheimnisvoll und erschauerte in den Falten ihres Mantels. „Ach — die Bauern der Umgegend —“
Drüben unterhielt Doktor Zäuberlin Fräulein Franziska, indem er klein, gebückt und o-beinig im Seemannsgang einherwatschelte. Dazu redete er, die Pfeife im Mund, plattdeutschen Dialekt und stellte volkstümlich-derbe Forderungen an Fräulein Franziska, die darüber rauh lachen mußte.
„Auch Doktor Zäuberlin macht mir so häufig Vorwürfe,“ sagte die Hofrätin zu Andreas, und um ihren Mund zuckte es rührend, „er sagt, ich wäre zu schwach gegen den Jungen — wenn ich mich seiner schon annehmen wolle.“ Sie hob die weiße, makellose Stirne, die leer war wie ihre Augen und wie ihre Stimme. „Ich weiß ja selbst so wenig,“ klagte sie und faltete wie flehend die mit Edelstein belasteten Hände, „oft weiß ich gar nicht, wie ich ihm helfen kann, obwohl ich doch schon so schrecklich viel erlebt habe in all den Jahren. — Aber sie können es gar nicht ermessen, wie ernst es mir ist. Sonst habe ich doch immer nur Menschen geliebt, um sie zu besitzen. Diesmal liebe ich einen Menschen, um ihm zu helfen: da ist doch ein Unterschied. Ich weiß nicht, ob Sie mich ganz verstehen. Aber Sie sind doch sein Altersgenosse — —“ Und sie schüttelte ratlos den Kopf.
Andreas, der sein Gesicht hinterm Zigarettenrauch verbarg, erwiderte nur: „Ich verstehe Sie schon — doch, — ich verstehe Sie schon — —“
Plötzlich stand Niels bei ihnen. „Ihr plaudert?“ sagte er und lachte über sie hinaus. Er stand bei ihnen, Hände in den Hosentaschen und blondes Haar in der Stirn. Sein Gesicht war ein wenig breit, aber die Augen waren hell in diesem Gesicht. „Ich störe doch nicht?“ fragte er und stand breitbeinig da.
Die Hofrätin sah zu ihm auf und lächelte mühsam. „Ich glaube, du mußt dir nächstens die Haare schneiden lassen“, sagte sie plötzlich. Da wandte Andreas schnell das Gesicht, als habe er ein Weinen zu verbergen.
Aber während Niels über den Kopf der Hofrätin hinweg in das Dunkel des Raums schaute, küßte sie seine Hand, die er ihr ruhig überließ. Sie legte ihr Gesicht gegen seine Hand und bedeckte sie ganz mit Küssen.
Später saß Andreas in seinem kleinen Zimmer auf dem Bett, wie in Nachdenken versunken. Draußen mischte sich das Rauschen des Flusses mit dem unbegreiflichen Rauschen der Nacht. Die Studenten sangen, daß sie sich freuen wollten. „Gaudeamus —“ riefen sie drüben im Wald.
Andreas dachte, jetzt müsse Doktor Zäuberlin demnächst auf dem Besenstiel reitend aus dem Schornstein fahren. Um die Madonna, die in starrem Liebreiz durch die Zweige des Apfelbaums lugte, mußte er dann einen weiten Umweg machen, damit sie seine Hexenkunst nicht breche.
Der zauberisch tiefe Reiz des Ortes umfing Andreas. Welche Nonne mochte in seinem Zimmerchen gehaust und gebetet haben? — Andächtig betrachtete er sich die junge Mutter Gottes, die in zarten Farben an der Tapete hing. Kindlich war das süße Oval ihres Gesichtes und fremd verschleiert in silbriger Lieblichkeit. Aber eines rührenden Schmerzes war es ganz voll, der still und sanft in den Augen lag, die Brauen, so schmal und empfindsam, leise verzog. — Der schauende Andreas fand, daß dies Frauengesicht ein wenig Ähnlichkeit habe mit dem stillen, hilflosen Gesicht der Hofrätin, das nicht mehr jung war, aber doch von geheimnisvoll unversehrter Schönheit. — Sie liebte einen Menschen, nicht um ihn zu besitzen, sondern um ihm zu helfen. „Aber er ist im Grunde kaum zugängig“, hatte sie gesagt. Und Andreas dachte an Worte plötzlich, die ihm gesagt worden waren, von einem Mann in einer Garderobe — —
Er ging zu Fräulein Franziska hinüber, die auch noch angekleidet saß. Ob sie auch nicht schlafen könne, fragte er sie. — Dann gingen sie Arm in Arm die hallende Treppe hinunter, da sie beschlossen hatten, noch im Parke zu promenieren. Die Gänge lagen schwarz und gewölbt. Aber Franziska hatte sich die Kerze aus ihrem Schlafzimmer mitgenommen. Eng aneinandergeschmiegt gingen sie in ihrem schwankenden, flackernden Schein. Franziskas Gesicht vergrößerte sich phantastisch im unruhigen Licht. Andreas an ihrer Seite flüsterte: „Du siehst aus wie die Äbtissin in diesem Kloster, die strenge Äbtissin.“ „Dann hast du dich meiner Führung anvertraut, du junger Mönch —“ antwortete die rauhe Stimme der geistlichen Frau. „Was hast du für eine große Haube an,“ fürchtete sich der Knabe, „oh — was für steife Falten im Kleid — oh, welch ein Glitzerkreuz um den Hals —“ Er lief voran, denn durch den Spitzbogen einer Ausgangstüre sah er schon in den schwarzen Park.
Sie standen draußen im Park neben dem Brunnen, der seinen Strahl weiß und schimmernd ins Dunkel hob, und Fräulein Franziska pflückte sich von den fahlen Blumen einen großen Strauß.
In einem Zimmer im Erdgeschoß brannte noch Licht. Hinter den herabgelassenen weißen Gardinen hörte man Stimmen, denn das Fenster selbst stand offen. — Fräulein Franziska und Andreas gingen Arm in Arm zu diesem Fenster hin, stillschweigend waren sich beide darin einig, daß sie diese Stimmen belauschen müßten.
Die unbeseelt tönende Stimme der schönen Hofrätin redete lange und in großem Jammer. „Warum quälst du mich jetzt wieder, indem du sagst, du wolltest mich verlassen, gerade in dieser Stunde da du weißt, ich will dich für immer an mich binden?!“ rief sie und der Schmerz gab ihrer Stimme ein hartes Zittern, es war, wie wenn ein Wasserwesen zu leiden hat und ist doch ohne leidfähiges Herz. „Du weißt doch, daß ich nicht leben kann ohne dich!“ — Aber die Stimme des Knaben, heller, grausamer, schimmernder, entgegnete: „Warum solltest du ohne mich gerade nicht leben können? Suche dir einen anderen, mit dem du experimentierst. Ich habe es satt und bin es so überdrüssig, dein Versuchsobjekt in pädagogischen Problemen zu sein. Wenn ich noch dein Geliebter wäre —.“ „Du bist doch mein Geliebter,“ widersprach in unendlicher Sanftmut die Frauenstimme, „mein einzig Geliebter bist du ja doch —.“ „Dein Interesse für mich ist das des Lehrers an einem Schüler — —.“ Und sie dazwischen: „Wie falsch du das alles verstehst!“ Er aber, mit der Unbarmherzigkeit seiner achtzehn Jahre: „Jedes weitere Wort ist überflüssig: morgen früh reise ich ab! Ich reise nach Berlin, mit Fräulein Franziska werde ich mich schon besser vertragen und mit dem hübschen Jungen, der mich heute die ganze Zeit so angeschaut hat, vertrage ich mich schon auch —.“
Erschütternd war es zu hören, wie die Stimme der Hofrätin einen letzten Anlauf zu bebender Strenge nahm. „Das tust du nicht!!“ rief sie und reckte sich gleichsam auf. „Das könnte dir niemals verziehen werden vor Gott und den Menschen — eine Undankbarkeit wäre das ohnegleichen! — Oh, so gemein kannst du nicht sein! Nach allem, was ich für dich getan habe, mich skrupellos zu verlassen! Mich abzuschütteln, nachdem ich dich aus der Gosse aufgelesen habe! Weiß Gott, wohin man dich verschachert hätte, ohne mein Eingreifen! So gemein kannst du nicht sein!“ Aber seine Stimme fuhr noch höher auf, stieg wie ein hochgeschossener Pfeil kerzengrad, leuchtend gegen den Himmel. „Wenn du wüßtest, wie sehr ich deine altjüngferlichen Redensarten verachte! Und wolltest du mir alle Wohltaten aufzählen, die du mir jemals getan hast — mit nichts könntest du mich mehr halten! Ich bin deiner und deiner Machereien so müde —.“ Und ihre Stimme noch einmal, aber sich hinsenkend schon wieder und von Tränen verschleiert: „Diese Undankbarkeit — diese furchtbare Gemeinheit —.“
Andreas sah plötzlich, als könne er durch die weiße Gardine schauen, ihre beiden Gesichter: sein Gesicht, in das blondes Haar hing, erfüllt von der Leidenschaft des Trotzes, mit hart leuchtenden Augen, mit zusammengebissenem Mund. Und ihr Gesicht, ziemlich weit von dem seinen entfernt, mit tiefgesenkter, makelloser Stirne, mit leeren Augen, vom Weinen verhangen.
Jetzt ging er zur Türe. Ohne sich noch einmal umzuwenden, sagte er: „Adieu!“ und die Türe krachte hinter ihm zu. — Sie richtete sich vor ihrem Tischchen auf, und während sie die beiden Arme steif in die Luft reckte, schrie sie ihren klirrenden Jammer in die Luft hinaus mit einer geborstenen Stimme. In ihrem Gesicht waren die Augen erstarrt und erloschen. Ihr Mund war weit und schmerzlich aufgerissen wie bei den tragischen Masken. — Sie war die Frau, der man das Letzte genommen.
Von diesem Schrei getrieben, eilten die beiden im Garten davon, weiter in den Park hinein zu den Büschen — als müßten sie fliehen.
Als sie hinten, schon nahe der Mauer, endlich stehenblieben, sagte Andreas nur leise: „Jetzt will er zu uns kommen.“
Aber Franziska antwortete nicht. Sie lauschte angestrengt den Geräuschen der Nacht.
Vor dem ersten Frühstück noch klopfte Doktor Zäuberlin am nächsten Morgen bei Andreas. Er hatte einen weißen Laboratoriumskittel an, in dem er putzig wirkte, wie ein dressiertes Äfflein. „Entschuldigen Sie, daß ich störe,“ sagte er mit schmalem Mund, „außerdem ist mein Auftrag peinlicher Natur.“ — Klein, witzig und bitterernst stand er da, und Andreas wußte schon, was er sagen würde. Er dachte nur: „Einen spukhaftereren Abgesandten hätte sie sich auch nicht ausdenken können. Sie möchte, daß man ihr Schloß für immer in verzaubertem Angedenken behält — —.“ Der Doktor aber sagte korrekt:
„Die gnädigste Frau bat mich, Ihnen zu übermitteln, daß Sie besser täten, mit Ihrer Freundin das Stift zu verlassen, was nicht etwa einen Affront bedeuten sollte, sondern besagen will, daß die Hofrätin einen ihrer schwersten Zustände auszustehen hat, sich in vollkommener Apathie befindet und keinen Menschen um sich sehen kann. Die Hofrätin ist öfter nicht ganz gesund,“ sagte Zäuberlin kurz und senkte die große Nase, „sie neigt zu periodischen Störungen, darunter hatte auch ihr Herr Gemahl viel zu leiden.“
Andreas, in seinem Stuhle, dachte: „Was sich in diesem Stift schon alles zugetragen haben mag. — Hier mußte ich ihn finden — —.“
Aber laut sagte er, als habe er des Doktors Meldung kommen sehen und erwartet: „Ich lasse der Frau Hofrätin meine Empfehlungen sagen sowie meine besten Wünsche zur Besserung. Es ist selbstverständlich, daß wir unter diesen Umständen das Stift noch heute morgen verlassen.“
Aber da Zäuberlin sich zum Gehen wandte, fragte Andreas noch höflich: „Entschuldigen Sie, wenn ich unzart bin: darf ich fragen, ob Sie sich jetzt mit Goldsuchen beschäftigen?“
Der Doktor hob mit einer zuckenden, grotesken Bewegung beide Hände zur Abwehr. „Ich bitte Sie,“ sagte er und schnitt eine Grimasse, „ich suche den Stein des Weisen.“
Am nächsten Nachmittage, als Fräulein Franziska, Paulchen und Andreas im großen ehemaligen Eßzimmer den Tee tranken, klopfte es und die kleine Henriette geleitete Niels herein. „Der Herr wünscht Sie zu sprechen“, sagte sie, bleich im Türrahmen knixend.
Draußen floß Regen in Strömen, Wasser lief die Fensterscheiben hinunter, aber Niels hatte keinen Mantel an. Sein Haar klebte am Kopf und Wasser rann ihm übers Gesicht und über die Hände. Paulchen bemerkte verängstigt: „Er sieht aus wie ein aus dem Flusse gezogener Soldat — euch sag ich’s.“ Er zog furchtsam den feinen Mund zusammen und niemand wußte ganz, was er meinte.
Aber Niels schüttelte sich schon wie ein Hund. „Da bin ich“, sagte er lachend. „Ich bin da — ich hatte kein Geld mehr für die Untergrundbahn, vom Anhalter Bahnhof bin ich hierher gelaufen.“
Andreas sah ihn nur an, die Teetasse starr in der Hand. Er dachte benommen: da ist er — jetzt ist er da — jetzt ist es da. — Aber er war froh, daß Niels so derangiert und hilfsbedürftig wirkte. So konnte er ihm helfen und eilig Gutes tun. „Sie sind ja ganz naß“, sagte er sinnlos. Um Niels hatte sich schon eine Pfütze gebildet, so floß das Wasser aus seinem Haare und von seinen Kleidern. Andreas schleppte Schlafrock und Hausschuhe herbei, er half Niels vorsichtig beim Ausziehen.
Der wechselte die Kleider, ohne auf Fräulein Franziska viel Rücksicht zu nehmen. Im kurzen, tiefnaßen Hemd lief er zu ihr hinüber. „Nun, wie geht’s, alte Franziska?“ fragte er und küßte ihr plötzlich die Hand. — Sie sah ihn an, ohne zu lachen, aber nicht unfreundlich und beinahe nicht streng. „Wie geht es der Hofrätin Gartner?“ fragte sie nur und aß Kuchen. Und Niels, der in seinem Hemd so zwölfjährig aussah, erwiderte: „Ach, der geht’s gut — die sitzt still jetzt —.“
Als Niels nachher humoristisch vermummt war, im langen, faltigen Kamelhaarschlafrock wollte er Fräulein Barbara begrüßen, die er von früher her kannte. Bei Barbara gab es intimen Damentee, aber Niels wurde doch mit Freude empfangen. „Niels ist da! Niels ist wieder da!“ kreischten sie alle, und aus dem süßlichen Zigarettenrauch streckten sich ihm Hände entgegen.
Barbara selbst, rüstig und herrenhaft in einem samtenen Pyjama, bot ihm Zigarren an, die sie lose in den weiten Taschen trug, klemmte lustig ihr Monokel ein und lachte über’s ganze, grob gepuderte Kindergesicht. „Hallo! Hallo!“ rief sie immer wieder und stampfte umher nach Kapitänsmanier. — Fräulein Lisa kauerte auf der Ottomane mit untergezogenen Beinen und ihre Augen brannten wie trocken flackernde Laternen. Aber neben ihr, der Länge nach ausgestreckt, lag die bleichsüchtige Balletteuse, träg und bleich wie ein erkranktes Haremsfräulein. Sie richtete sich halb auf, lächelte benommen mit dem entzündet roten Kirschenmund. „Wer ist es, Dickerchen?“ fragte sie Barbara mit schwacher Stimme, aber die braute schon eine Art Bowle im Hintergrund irgendwo. Niels beugte sich beinahe zärtlich zu der matten Tänzerin, die in einem pfirsichfarbenen, kleingefälteten Kleide ruhte. „Ich bin es — Niels,“ sagte er und spielte schon mit den neckisch kleinen Löckchen, die ihr duftig in die Stirne fielen.
Paulchen trat auch hinzu, mit nervös zusammengezogenen Schultern. „So wären wir ja alle ganz gemütlich beisammen“, sagte er hoch. Aber der Seitenblick, mit welchem er Niels streifte, war trotzdem ein wenig mißtrauisch. „Das könnte man wohl behaupten“, rief die dicke Barbara forsch aus dem Hintergrund. Sie lachte Paulchen gewinnend zu, aber in ihren Augen lag eine gewisse Angst. Sie war immer in Sorge, ihr Vater könne sie von der Korrektionspolizei eines Tages abholen lassen. —
Nachher begrüßte Niels die Witwe Meyerstein in ihrer Wohnstube. Man verabredete, daß er die nächste Zeit die Mahlzeiten hier nehmen solle, ein Zimmer werde er wohl in der Umgegend finden. „Sie bringen immer so frischen Wind in die Gesellschaft!“ sagte die Witwe und lachte, bis man für ihr Wohlergehen fürchten mußte.
Man hatte beschlossen, daß man, nachdem das Programm der „Pfütze“ erledigt war, auf die Festwiese gehen wollte zum großen Rummel, in den Luna-Park — alle gemeinsam, in großer Gesellschaft.
Der Eingang der Achter-Bahn war der Treffpunkt, die Achter-Bahn liebten sie alle am meisten. Nicht als wenn man die Wasser-Rutschbahn, die höllische Schimmy-Treppe, das enorme Russische Rad hätte versäumen wollen, daran war nicht zu denken. Alles zog sie ja an, was raste und sich drehte und lärmende, funkelnde Gefahr bedeutete.
Fräulein Barbara machte ein radikales Programm. „Zunächst fahren wir mit der Achter-Bahn dreimal“, sagte sie blutdürstig und hob aufzählend die Finger. „Dann zweimal Wasser-Rutschbahn, dann einmal Russisches Rad.“ Und ins Lachkabinett mit den Zerrspiegeln wollten sie gleichfalls gehen. — Paulchen, im Damenmantel an ihrem Arm, zitterte und schnatterte schon vor übergroßer Angst. „Ich überleb’s nicht, ich überleb’s nicht!“ klagte er quiekend.
Fräulein Franziska machte sachliche Einwände. Dreimal Achter-Bahn fand sie, offen gesagt, zu viel. Und wie es denn mit dem Barvermögen stünde? — Über diese Frage gingen sie ängstlich lärmend hinweg.
Die blasse Balletteuse, unheimlich angeregt, tänzelte im rosa Strickmantel abseits. Ihre umränderten Augen glänzten über Erwarten, sie machte schwierige Übungen, neigte sich mit biegsamem Kreuz nach rückwärts, so daß ihr Kopf die Erde berührte. Die anderen hatten kindisch ihre Freude daran. Niels klatschte Beifall. „Bravo, bravo!“ rief er immer wieder. Aber Fräulein Lisa küßte die Biegsame ab. „Das kannst du zu niedlich“, flüsterte sie ihr heißäugig zu.
Andreas inzwischen, im taillenengen Mantel und ohne Hut, ereiferte sich und sprach sich wortgewandt dafür aus, daß „Achter-Bahn“ das Schönste, das weitaus und unbestreitbar Herrlichste sei. Er bestand darauf, dreimal Achter-Bahn zu fahren.
Fette Herren, die vorübergingen, hatten ihren Spaß an der bunten Kindergesellschaft. Schmunzelnd unterhielten sie einen kleinen Flirt mit einer von den jungen Damen oder mit einem der jungen Herren. — Niels lachte, daß man es über die ganze Wiese hören konnte. Er nahm Fräulein Franziska am Arm und kurz-entschlossen besorgten sie die Billetts.
Sie füllten beinahe ein ganzes Wägelchen aus, nur zwei ältere Damen fanden noch bei ihnen Platz. — Langsam rollte der langgestreckte Wagen hinauf — hoch hinauf bis zum Höhepunkt des Gerüsts. Paulchen quiekte schon ängstlich im voraus, und ehe die eigentliche Fahrt begann — dieses nach unten und wieder nach oben Sausen, dieses schwindelerregende Auf und Ab. „Dir sag ich’s: es ist unser aller vorbestimmtes Ende“, schlotterte Paulchen, und leidenschaftlich umklammerte er Andreas Arm. — Fräulein Franziska war sorglos und munter. „Püh, püh“, scherzte sie unterm trübroten Hütchen. Fräulein Lisa saß anmutig und ihrem Schicksal ergeben, sie hatte der kleinen Balletteuse den Arm um die Schultern gelegt.
Jetzt waren sie oben, unter ihnen strahlte, lärmte, prunkte der Luna-Park. Großes Klingeln, Kreiseln, Kreischen lag unter ihnen.
Die beiden fremden Damen zischelten noch empört: „Es ist überhaupt nicht auszudenken — keiner von ihnen ist ungeschminkt“ — aber da sauste der Wagen schon mit ihnen allen nach unten. Ratternd raste er in den Abgrund, so daß einem die Sinne vergingen und sich die Magennerven verkrampften.
Alle zusammen schrien sie: „Huiii —!!“, so daß es über den Rummelplatz gellte. Fräulein Barbaras breiter Filzhut wurde vom Sturme der Fahrt ergriffen und flatterte dunkel davon. Paulchens Quieken überschlug sich jämmerlich in Todesnot. Andreas warf den Kopf weit zurück, der Atem verging ihm. Die Schreie der Damen, verschieden getönt, vereinten sich zum gellenden Chor. Aber über alle anderen hinaus schwang sich Niels Stimme, während er sich, die Augen geschlossen, in Fräulein Franziskas Arme warf.
So fuhr’n sie selbander zur Hölle.
Das ist das große Pensionszimmer: mit Zigarettenrauch ist es angefüllt, und zwischen dem Zigarettenrauch spielt das Grammophon auf dem kleinen Tischchen. Mit dem Rauche steigen die Melodien zur Decke, die wilden, klirrenden, knackenden und die schmachtenden, schleppenden. Hellgrauer Rauch und künstliches Klappern von Kastagnetten. Süße Saxophon- und Geigenmusik machen die Luft dicht und beladen.
Vier Menschen sitzen, alle ziemlich weit voneinander entfernt, im großen Zimmer verteilt — vier Menschen im raucherfüllten Pensionszimmer. Zwei von ihnen erheben sich, da das Grammophon besonders raffiniert schmachtet und lockt, treffen sich in der Mitte des Zimmers, umschlingen sich, ohne etwas zu sagen und rhythmisch schreiten sie auf und ab.
Niels tanzt einen Tango mit Fräulein Franziska, während Andreas und Paulchen ihnen zuschauen dabei. Da sich die Musik nun aber einen besonders innigen und zärtlichen Aufschwung gibt, stehen die beiden auch auf, umschlingen sich auch und tanzen ihrerseits miteinander, allerdings schiefer, hingegebener, weniger nach der Regel als das erste Paar, welches sich, wohl unterm Einfluß der Dame, mehr aufs Korrekte beschränkt. Paulchen und Andreas wandern mit langen, exaltierten Schritten, die Köpfe schräg gegeneinander gelegt, über den Teppich — aber Niels und Franziska drehen sich währenddem mitten im Raum mit winzig kleinen Schrittchen im Kreis, wobei sie sich plötzlich fester umschlungen halten und mit ernsten Augen das verwirrend leidenschaftliche Spiel ihrer Fußspitzen beobachten. — So erfordert’s der Tango.
Sobald die Musik abbricht, lassen Paulchen und Andreas sich los, verneigen sich, hastig lächelnd, noch voreinander, und dann geht jeder an seinen Platz. Aber Niels läßt seinen Arm um Fräulein Franziskas Taille liegen, und nebeneinander setzen sie sich aufs Bett. —
Sie redeten ein wenig, aber ihre Worte kamen aus großer Entfernung, und es war, als könnte der eine die des anderen nicht hören. „Du sitzt ja so komisch,“ sagte Fräulein Franziska zu Andreas hinüber, „so gebückt — —.“ Und sie versuchte zu lachen. Und von wo ganz anders her ließ sich Paulchens hohe Stimme vernehmen: „Die Tangos vom vorigen Jahr waren trotz allem sympathischer —“, während Niels plötzlich um Zigaretten bat.
Sie saßen mit gesenkten Stirnen wie vor einem Wind, und ihre Blicke kreuzten sich wie ihre Worte. Während Paulchens glanzlose Augen matt auf Andreas lagen, schaute dieser ganz bewegungslos zu Niels hinüber. Fräulein Franziska ließ den schwarzen Blick nicht von Andreas’ Gesicht, als wollte sie es ganz und gar erkennen, und trotzdem zuckte sie nicht zusammen unter Niels’ Berührung, der sie mit beiden Händen streichelte, dicht an sie gelehnt, so daß sie den frischen Duft seines Haares atmen konnte, und der ganz deutlich und hell zu ihr sagte: „So gut wie heute hast du mir noch nie gefallen —.“
Sie wehrte sich auch nicht, als er sie dann aufs Bett hinunterzog, ruhig ließ sie’s geschehen. Aber noch im Sinken blieb ihr starrer Blick auf Andreas. — Und Niels, beinahe schon auf ihr liegend, flüsterte über ihr mit geschlossenen Augen und verwirrtem Haar: „Jetzt woll’n wir aber das Licht ausmachen —.“ Und während es schon dunkel wurde, sah sie noch seinen Mund, der halb geöffnet war als müsse er trinken.
Paulchen flüsterte zähneklappernd aus seinem Hintergrund — und hatte doch nicht den Mut zu schreien —: „Nein, das dürft ihr nicht tun — nein, das ist eine Gemeinheit gegen Andreas — den ganzen Abend hab’ ich es kommen sehen — nicht, nicht — —“ wimmerte er, als schlüge ihn jemand, aber die Geräusche vom Bett übertönten seine kleine Stimme und waren größer als sie.
Da lief er, zitternd am ganzen Leib, zu Andreas hin, der reglos in sich versunken saß, als könnte er sich jetzt nie mehr — niemals mehr bewegen. In der tiefen Dunkelheit kniete Paulchen sich bei ihm nieder, kauerte sich hin und streichelte immerfort seine Füße, während er, ohne doch sein Gesicht sehen zu können, fiebrig zu ihm hinaufsprach. „Das verüble ich Fräulein Franziska,“ redete er, an seine Knie geschmiegt, „auf deinem Bett noch dazu — das ist von diesem Niels perfid gehandelt —.“ Und, da Andreas sich gar nicht rührte, schon näher bei seinem Gesicht und halb zu ihm hinauf sich hebend: „Sitz nicht so starr — ich bin ja da — —.“
Und während Niels vom Bett herüberlachte und stöhnte, redete dieses blasse, verstörte Pierrotgesicht mit leisen, wirren Worten auf Andreas ein. „Ich bin doch da,“ klagte die arme, quiekende Stimme, „heute will ich dir’s sagen — heut’ siehst du ja was du an diesem Niels hast, diesem Dreckskerl. — Erst habe ich es gar nicht so gemerkt, wie ich dich kennengelernt habe — ich habe gedacht, wir wollten recht gemütlich beisammen sein, als gute Kollegen, und du wärst mir sympathisch. — Sonst fliege ich doch gar nicht so leicht auf jemand“, sagte er und fand nur törichte Worte für seines Herzens Verstörung, die er nicht begreifen und deuten konnte. „Das ist das erstemal, seit ich denken kann — ach, wenn du mein Freund werden könntest.“ — Drüben krachte das Bett und Andreas erschauerte wie in einem schweren Traum. Aber er begriff, daß kein Traum so schwer sein konnte und keiner so wirr als dieses Leben, in dem wir einsam sind. — Und da der zu seinen Füßen, der Blasse, Hilflose keine Antwort bekam, ließ er die Stuhllehne los an der er sich hochgereckt hatte, sank auf den Fußboden zurück und zog sich dort ganz in sich zusammen. — Das Stöhnen und gebrochene Singen vom Bett her wurde jetzt leiser. Die arme, kleine Rede Paulchens versiegte wie ein Wässerlein im Teppich. „Und sonst fliege ich doch nicht so leicht auf einen — —.“
Andreas alleine saß noch unverändert, die Hände wie tot im Schoß und ein wenig vorgestreckt den Kopf als habe er ein Gesicht, das ihn erschütterte. Nur die Lippen bewegte er eilig und als wollte er beten. Aber er fand keine Worte, sie vergingen in der Stille des Zimmers.
Er stand langsam auf und ging langsam zum Bett hinüber. Ein ganz schwaches, erstes Morgenlicht fiel von den Fenstern her auf die Schlafenden. Andreas stand neben ihnen und sah sie an. Sie lagen lang ausgestreckt nebeneinander, zwischen zerwühlten Kissen und flüchtig nur zugedeckt. Er atmete tief, und um seinen Mund lag ein Lächeln. Aber sie lag wie tot fast, ihr ziegelroter Mund war im Dämmergrau merkwürdig erblaßt und die Lippen waren streng gegeneinander gepreßt. Ihr Gesicht war voll dunkler Schatten, grauer und bläulicher, aber um die Augen herum, wo sonst sich die Brauen finster zusammenzogen, hatte es sich geglättet und die Lider lagen mit langen Wimpern in tiefstem Frieden geschlossen. — Aber unten am Bettende kamen zwischen durcheinandergeworfenen Decken ihre Füße zum Vorschein, breit und rührend in schwarzen Seidenstrümpfen. Und daneben waren seine Füße heller und nackt.
Andreas kniete bei diesen beiden Körpern nieder, die vereinigt lagen und sich nicht gehörten. Und während von drüben her Paulchen im Schlaf leise stöhnte, legte er sein Gesicht gegen das Leintuch, auf dem Niels und Franziska sich geliebt hatten. Auf dem rauhen Leinen fand er die Worte, nach denen er vorhin gesucht hatte. „Vater unser, der du bist im Himmel —“
Niels bewegte sich im Schlaf. Er zog die Knie hoch, er legte den Kopf anders in die Kissen, aber Fräulein Franziskas Füße blieben ruhig. Andreas betete, die Stirne auf ihrem Bett: „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“
Er stand am Fenster und sachte wurde es heller. Die große Nacht ging zu Ende, das Dunkel erblaßte, ergraute allmählich, über den Häusern kamen gelbe und rosa Töne schon morgendlich herauf. Frischerer Wind fuhr jetzt bestimmt schon die Straßen hinunter. Jetzt kräuselte Wasser sich eiskalt und hell in feinen Wellen unter dem Luftzug der ersten Frühe. Milchmädchen zeigten sich jetzt schon irgendwo und Bäckerjungen.
Da richtete Niels in seinem Bett sich auf, schaute umher, fuhr sich wie in leichtem Nachdenken über die Stirne, in die sein Haar so blond hing, — und stand neben Andreas. Er öffnete das Fenster weit und neigte sein Gesicht in die frische Luft. Er war nicht vollkommen angekleidet, er trug nur seine kurze, blaue Hose und ein offenes Hemd und war barfuß. Er atmete und lachte dem Morgen zu.
Er war der junge Matrose, der morgens aufs Deck tritt, wenn das Meer erwacht, und der die Planken mit dampfendem Wasser wäscht. Er war der Hirte, der auf die Berge morgens die Ziegen treibt, wenn die Wiesen noch weiß, noch vor Sonnenaufgang im Nebel frieren. Der Apache war er, der nach abenteuerlicher Nacht morgens aus der Kaschemme tritt — morgens barfuß, in blauer Hose und mit offenem Hemd sein Gesicht der Kälte entgegenhält.
Er wandte Andreas das Gesicht zu und, den Blick plötzlich gesenkt, aber immer noch Lachen um den Mund, sagte er rasch, leise, aber ganz hell: „Du bist mir doch nicht böse, Andreas?“ — Aber Andreas gab keine Antwort.
Es klopfte schwer, und eine große Gestalt im Herrenmantel stand auf der Schwelle. Es war Fräulein Barbara, und sie fragte mit ängstlich gedämpfter Stimme, ob Paulchen nicht da sei. Sie wollte sich nämlich verabschieden, ja, heute früh reiste sie ab, sie müsse gewärtig sein, daß ihr Vater die Korrektionspolizei ihr auf den Hals schicke. „Ist Paulchen nicht hier?“ fragte sie noch einmal, plötzlich lauter und beinahe heftig.
Paulchen schlief immer noch, anmutig gegen den Stuhl geschmiegt, auf dem Andreas gesessen hatte. Fräulein Barbara ging zu ihm hin, dick und traurig stand sie an seiner Seite. „Liebes Paulchen,“ sagte sie, „auf Wiedersehen —“
Aber der schlief und hörte sie nicht.
Franziska richtete sich zwischen den Kissen auf. Unfrisiert hing ihr das starre Haar um das ernste Gesicht. „Guten Morgen“, sagte sie in das große Zimmer hinein.
Fräulein Barbara hielt ihre kleine Abschiedsrede weiter an Paulchen, der schlief und nicht reagierte. „Ich weiß allerdings nicht, wann wir uns wiedersehen werden,“ konstatierte sie bitter, „aber irgendeinmal, so Gott will, wird es ja wohl passieren —“ Sie neigte sich ungeschickt und behindert im großen Mantel über ihn und berührte sein leichtes, gewelltes Haar vorsichtig mit der Fingerspitze. „Adieu, liebes Paulchen“, sagte sie nochmals und ihr Gesicht war ganz vom großen Filzhut beschattet.
Franziska im Bett hatte sich wieder zurückgelegt und die Augen wieder geschlossen. Aber am Fenster standen Niels und Andreas nebeneinander. Niels hatte den Arm um Andreas’ Schulter gelegt. „Du mußt mir nichts übelnehmen,“ sagte er beinahe ängstlich, „du mußt nicht denken, ich wollte dir weh tun — —“ Und er errötete wie ein kleiner Junge, der etwas zu ernstes gesagt hat und sich darüber dann schämt.
Über ihnen allen lag das klare Licht des ersten Morgens.
Ein paar Tage später wurde Niels plötzlich krank, unvermittelt krank, überraschend und hitzig, wie es eigentlich nur bei Kindern geschieht. Er lag fiebernd im Bett, er hatte unnatürlich glänzende Augen bekommen und in gierigen Schlücken trank er Zitronenwasser, halb aufgerichtet im Bett. Dann mußte er lachen, weil es so sauer war und seinen Mund so verzerrte, und lachend legte er sich wieder in sein ganz zerwühltes Bett zurück, wo er dann wieder still lag und erstaunt zur Decke schaute, weil es ihm so schlecht jetzt ging oder wo er sich in lauten, rasselnden Hustenanfällen hin und her werfen mußte. — Aber Andreas saß neben ihm und tröstete ihn mit Schweigen und mit Reden.
„Still,“ sagte er und beruhigte die heiße Hand mit seiner, die leiser war, „sei ein bißchen still — du mußt dir nur etwas Geheimes ausdenken, etwas Zärtliches, Tröstliches — — es darf ja ruhig ein bißchen komisch und unfein sein — aber dann kannst du bestimmt gleich die Augen schließen.
Natürlich bist du nicht Niels und ich nicht dieser Andreas. Du bist der vierzehnjährige Bauernjunge, heftig erkrankt, aber wohnhaft im kleinen Anwesen weit hinterm Dorf und ganz ohne Pflege. Du leidest schon lange — Vater und Mutter sind natürlich auf dem Felde beschäftigt — hast Halsweh und schreckliches Ohrensausen — aber plötzlich ist der alte Doktor da, weißlich, hexenmeisterhaft in seinem Pelz — ist angeritten gekommen, hoch zu Rosse. Der alte Herr blickt kurios hinter den Brillengläsern — sagt: ‚Na, na, Freundchen — was für Späße machen wir denn?‘, legt auch sein großes, kühles Ohr auf deine heiße Brust, seinen alten, klugen Mund auf deine heißen Füße — ist schwarzflatternd wie ein Eulenvogel im Dunkel der Bauernstube — —“
Da hatte Niels auch schon die Augen geschlossen, aber Andreas erzählte noch weiter. „Ich glaube schon, daß dir etwas schlecht geht,“ sagte er und lächelte diesem Gesicht, das fast ohne von ihm zu wissen mit geschlossenen Augen vor ihm in den Kissen lag, durchs Halbdunkel zu, „du bist ja am Ende auch der junge Wegarbeiter, den mein Roß mit den Hufen getroffen hat — oh, wie muß das Wundfieber brennen: Aber ich bin der Prinz, der in schwarzer Tracht unter den schon halb entlaubten Bäumen strengen Empfang hält in herbstlichem Garten, obwohl alle frösteln. Die Bedienten führen ihm den vor, den des Herren Reittier verwundet hat. Aber der Prinz — als einziger unbewegt zwischen den frierenden Pagen — hebt leise die Hand und befiehlt: ‚Gebt diesem Kinde Geld und seidene Kleider — ich habe ihm weh getan — dieses Kind soll wie mein Bruder, wie mein Sohn, wie meine Geliebte soll es auf dem Schlosse leben — denn ich habe ihm weh getan — —‘ Und die Pagen, zitternd in ihrer Schlankheit, nehmen dich in die Mitte, führen dich davon, dem Schlosse zu — während der Prinz, plötzlich allein gelassen, unter den Bäumen verbleibt — —“
„Oh,“ sagte Andreas, „ich will dir noch viel erzählen, alles noch was ich weiß. Ich weiß viel von uns. Lieber Niels, ich glaube fast, ich weiß alles von uns. Wir sind zwei Kinder, die sich im Wald verlaufen haben und sich auch gegenseitig nicht finden können. Das eine Kind hat viel Gedanken im Kopf und viel Zweifel — aber das andere hat so blondes Haar. Wie geheimnisvoll, wie erfüllt mit Geräuschen, Verlockungen, Ängsten ist diese Nacht. Zwischen den schwarzen Wolken ist heute kein Mond zu sehen. Die Sterne sogar haben all ihre Ruhe verloren, irrlichtern als würfe sie Wind hin und her. Einzelne Lichter glimmen auf, vermutlich in nahegelegenen Gasthäusern. Hunde bellen sich unmenschlich lachend von weit her ihre wüsten Geheimnisse zu. Die Frösche quaken so laut. Ich rufe deinen Namen, du heißt Ugolino. ‚Ugolino!‘ rufe ich in die Luft. Vielleicht rufst du meinen Namen auch irgendwo, ich höre von fern deine girrende Stimme. Ich heiße Kaspar. — Aber unsere Namen finden sich nicht, der Wind treibt Fangball mit ihren Silben, er wirft sie so durcheinander, sie begegnen sich — ach, sie kreuzen sich in der schwarzen Luft. Kaspar kann dich nicht sehen, Ugolino, du bist fremd, verspielt, unhaltbar zwischen den Büschen — manchmal bleibst du stehen, bist plötzlich ruhig wie ein Baum, aber er erkennt dich zum zweiten Mal nicht — deine Baumesstille nicht wie deine Unruhe — und er läuft wieder an dir vorbei. Und doch bist du seine Richtschnur und ohne dich wäre er lange verloren. — Ugolino, ich will dir alles erzählen. Du darfst es nicht hören, aber du hast ja die Augen zu, dann verstehst du wohl nichts. Die Nächte waren stürmisch und unruhig, ich will dir alles erzählen, was ich in ihnen erfuhr — —“
Es war fast, als sei der im Bette schon eingeschlafen. Er atmete jetzt so gleichmäßig und sein Gesicht lag still. Die Stimme des Erzählenden war so leise über ihm, daß sie ihn sicher nicht wecken konnte. „Du bist größer als ich, denn du bist unschuldiger als ich“, sagte die Stimme zum schlafenden Gesicht. „Also bist du auch frommer als ich. Das weiß ich heute, daß ein atmender Mund mehr ist vorm Herrn als ein sprechender. Und daß ein Frommer mehr ist als ein Erkennender. Und daß ein liebender Körper mehr ist als ein wissender Kopf. Und daß ein Tänzer mehr ist vorm Herrn als einer der schreibt oder malt. Und daß du groß bist.
Das, Ugolino, ist mein Geheimnis, mein Märchen, mein süßes Lied — das ist das Märchen meiner Jugend und meiner zerrissenen Zeit: daß wir unschuldig sein müssen, nicht klug. Daß wir fromm sein müssen, nicht stolz. Daß wir Liebende sein müssen, nicht Fragende. Die Welt Erschauende, nicht die Welt Begreifende. Und daß der Körper allein uns mit Gott verbindet — der Körper und die Seele, die in ihm wohnt — niemals der wägende Geist. Das ist mein Lied, ich habe es mir am Tage erhorcht, ich habe es in der Nacht erfahren. Ich weiß kein besseres, ich habe kein anderes nötig. Ich weiß nicht, ob ich ein Bild daraus gebären kann, aber wenn die letzte Stunde kommt, kann ich ihr sagen: danke, daß du jetzt da bist — ich habe so viel gesehen. Danke, kann ich ihr einst entgegensagen, danke, meine liebe, dunkle Stunde, daß du mich auch nicht vergessen hast. Ich war eingedenk deiner die ganze Zeit. Die Zärtlichkeit, die ich dir immer bewahrte, hat all mein Tun gereinigt. Aber mein Körper, den du mir gabst, mein Leib, den du erfunden, du erzaubert hast, hat mich der Erde schmerzvoll und lustvoll verbunden, denn mit diesem meinem Leib habe ich alle Dinge geliebt und am meisten des anderen, geliebten Menschen geliebten Leib. So ging ich in Neugierde und Wollust alle Straßen, die sich mir auftaten — und so waren Wollust und Neugierde fromm. Meine liebe Stunde: ich habe das Leben gelebt wie du’s befahlst — es war ein munteres Leben — —“
Die Stimme, die zu dem schlafenden Gesicht gesprochen hatte, hörte auf. Andreas war still und lauschte nur dem tiefen Atmen des Freundes neben ihm. Inzwischen war es beinahe ganz dunkel geworden.
Aber in der Dunkelheit begann die Stimme bald wieder zu sprechen, ihre Worte rannen wie Wasser über den ruhenden Körper des anderen. „Wie sonderbar es gewesen ist,“ erzählte die Stimme dem Körper, „wie sonderbar, bis ich dich fand. Was für Irrwege ich gehen mußte. Wie schwierig und qualvoll es war. Aber eine Stimme hat mir einstmals verheißen, daß ich die Klarheit finden und verstehen werde. Habe ich schon gefunden? Habe ich schon verstanden? — Da wagt mein Herz nicht mir Antwort zu geben —“ Und die Stimme erzählte ihm die kurze und verwirrte Geschichte seines Lebens, wie es gewesen war bis zu dieser Stunde.
Da war der Vater gewesen, klug und schlicht, ein Vater, der helfen wollte und es nicht konnte. Der Vater hatte einen Sohn gehabt, in ratlosen Zeitläuften war er aufgewachsen, ehrgeizig und müde zugleich. Die Stimme erzählte von dem Freund dieses Vaters, dem strengen und heiteren Repräsentanten der väterlichen Generation überhaupt, den der Sohn haßte, weil dieser alles vermocht hatte, was er in fruchtlos heftiger Mühsal sich zu erkämpfen sehnte. O kindisch schmerzhaftes Mißverständnis: aus abstrakter Jugendnot das Werk gebären zu wollen. Kalt und bunt stand ein Bild angefangen im Nebenzimmer.
Wie der sorgsame Maler sein Bild malt, so ordnete diese Stimme die Dinge, die sich ehemals ineinander verschlungen hatten, ausführlich und rein, im runden, goldenen Rahmen stellte sie sie auf und vor goldenem Grund. Er selbst stand freilich im Mittelpunkt, aber er war doch am verschwommensten gezeichnet von allen, ja, seine Umrisse waren fast nicht zu unterscheiden. Sein Vater stand hinter ihm, festlich im Gehrock wie an jenem wichtigen Geburtstagabend und bei ihm stand Frank Bischof, dessen ergrauter und schmaler Kopf mit den erfahrenen Augen ihn allerdings weit überragte. Weitere Verwandte, deren Blut in seinen Adern floß, waren kleiner und in Entfernung angedeutet. Man wußte nichts mehr Genaueres über sie oder Andreas zum mindesten hatte sich um ihr schon vergilbtes Schicksal nie bekümmert. Aber auf diesem Bilde waren sie wohl verzeichnet. Sonderbare Tanten mit Puffärmeln und langen Röcken, aber manche hatten sogar schon seinen verschleierten Blick. Großväter waren zu sehen, klein bis zum Humoristischen an der Hintergrundsgrenze, aber doch mit ernsten Augen und mit wichtigen Stirnen. Und fast verschwindend schon, fast ganz entrückt in zerfließende Bläue waren die zarten Biedermeierlinien der Damen, die diese Großväter wieder geliebt hatten, von weit weg winkten sie mit rosenrotem Schal und Schutenhut, und irgend etwas hatten selbst sie noch zu sagen. — Aber neben Andreas standen dunkel wie zwei Engel die Frauen, die seiner Schwäche so viel geholfen hatten. Die eine in zweiflerischer Sanftmut, die, obwohl er unter ihren Augen weinen durfte, dennoch forderte von ihm, er möge „den Ausweg“ finden — und die andere bunter, greller, widerspruchsvoller, aber doch in so vielen Zügen der ersten ähnlich — ebenso streng, ebenso sanft. Auch den schwarzen Blick und den fest geschlossenen Mund hatten sie gemeinsam, obwohl die Augen der zweiten so düster zusammengekniffen waren und die der ersten so schimmernd klar, obwohl der Mund der zweiten so grausam rot bestrichen erschien und der der ersten war doch unberührt geblieben. — Vor ihm hatten die Kinder dann ihren Platz, die kleine Reihe. Marie Therèse zierte sich, süß und schelmisch, aufbewahrt und behütet für Unbekanntes. Peterchen, keck und froh, sah den Dingen entgegen, die seiner, noch unerobert von ihm, in heiterer Kampfbereitschaft harrten. Henriette nagte ein wenig abseits an ihrer Lippe, wußte schon viel zu viel, war schon gezeichnet, trug schon ein finsteres, kleines Schicksal, von dem sie in ihrer verzwickten Seele ahnte, daß es wachsen sollte und groß werden eines Tages. — Aber gegen den Rand zu und an der Seite drängten sich die Gestalten in immer bunterem Durcheinander. Da war Witwe Meyersteins grausames Beefsteakgesicht, das abends erst im Schlafzimmer erstarrte, Doktor Zäuberlins spaßige Hexenmeistermiene drängte sich dazwischen, Barbaras breites Kinderlachen tönte von irgendwoher und Paulchens farbloses Pierrotantlitz schmiegte sich töricht und schmerzensvoll an die Rundung des Rahmens. Und das da — war das nicht des Chauffeurehepaars unternehmungslustiges Töchterlein, die rührenderweise den besseren Hut für den Ausgang benötigt hatte? Menschengesichter — Menschengesichter — — der Hofrätin griechisches Profil mit dem wundervollen Haar tauchte auf, die Stimme malte es hin. Fräulein Barbaras erniedrigter Adoptivvater — die starre Großmutter mit den blauen Backen — — die Stimme sagte: „So war es bis heute. Wer weiß wie es weitergeht?“ —
Aber dann wischte sie alles aus, tat, als sei alles ganz ungeschehen und sammelte all ihre Zärtlichkeit zu einer Frage, deren tiefe und süße Sinnlosigkeit sie selbst schon im Sprechen begriff. Andreas neigte sich tief über den Schlafenden, so daß sein Mund fast den anderen berührte. „Aber du — willst du jetzt bei mir bleiben?“ fragte er ihn. — Aber das Gesicht atmete nur und antwortete nicht.
Da richtete Andreas sich wieder auf und saß wieder wie vorher auf seinem Stuhl neben dem Bett im Dunklen. Warum hatte er das gefragt? — Darüber mußte er selber lächeln. Wußte er doch so gut, daß es sein Teil und sein Schicksal nicht war, einen anderen Menschen je zu besitzen. Wie sollte dieser da bei ihm bleiben? — Aber er wußte nicht, daß das Lächeln auf seinem Gesicht wie ein Weinen zuckte.
Da erfand er eine letzte Maskerade für sich und ihn, das tiefste Spiel. „So bin ich ein Dichter“, sagte er ins Dunkel hinein, „und du bist mein Traum.“
„Ich will sehen, was sich da tun läßt“, sagte Andreas, der zwischen all seinen Schminksachen auf dem Toilettentisch saß und mit der Zigarette spielte. „Ich habe Doktor Dorfbaum allerdings schon zu oft in Anspruch genommen —“
Niels ging mit großen Schritten auf und ab in der Garderobe. „Aber wenn du das Geld sehr notwendig brauchst —“ sagte Andreas und schaute dem Zigarettenrauch nach. Niels blieb stehen und redete verzweifelt zur Decke hinauf. „Mir ist es ja vollkommen unerklärlich, wo das viele Geld immer hinkommt“, sagte er und strich sich zornig das Haar aus der Stirne. „Es ist ja, als fiele es mir aus der Tasche — —“ Und er stampfte sogar mit dem Fuß.
Aber Andreas lächelte schon wieder über seinen roten und blauen Schminkstiften. „Ich werde sehen, was sich da tun läßt“, sagte er noch einmal, während er sich mit dem Kohlstift die Brauen nachzog. — Niels fuhr ihm von hinten über das Haar. „Ja —“ sagte er nur. Aber Andreas erschauerte unter dieser Berührung und unter dem Klang dieser Stimme. Das helle Zittern, das sie bewegte, berührte sein Herz und ließ es mitschwingen. „Um dreihundert Mark handelt es sich —“ sagte er ganz mechanisch. Und die Stimme hinter ihm sagte noch einmal: „Ja —“
„Es ist Zeit für Herrn Magnus, aufzutreten“, ließ ein anderes, schärferes Organ sich hinter ihnen vernehmen. — Frau Zeiserich stand dürr bei der Türe, mager und gleißend in ihrem Staat. „Ich hoffe die Herren nicht zu stören —“ sagte sie boshaft, — Andreas ging stumm an ihr vorbei und zur Türe hinaus. „Auf Wiedersehen“, rief sie noch hinter ihm drein und er atmete ungern ihr billig-aufdringliches Parfüm. — Sie blieb in der Garderobe zurück.
Auf der Bühne verkündigte launig der Conférencier: „Ich habe den Spaß und das Vergnügen, dem aufnahmelustigen Publikum einen sehr charmanten jungen Mann aus guter Familie vorzustellen, der Ihnen gerne einige pikante Kleinigkeiten zum besten geben wird — —“
Andreas, zwischen den Vorhängen stehend, dachte: „Dreihundert Mark — ich habe ihm erst vorige Woche fünfhundert abgenommen — —“ Aber all seine Zweifel wurden zunichte, als er den Ton dieser Stimme wieder im Ohre fühlte. — Er ging hinaus und stand, beinahe ohne um ihre Gegenwart zu wissen, denen, die Rotwein tranken und Beefsteak aßen, gegenüber. Er fühlte nicht die Lorgnetten der interessierten Damen auf sich gerichtet und hörte nicht das fette Grunzen der Herren. „Saubere Nummer“, sagte einer und deutete mit dickem, faltigem Zeigefinger auf den geschminkten Matrosen. Der sprach die Worte seines Gedichtes, das er schon nicht mehr verstand. Das mit den Strichjungen und dem Gottesgericht hatte sich nicht bewährt, er hatte ein anderes jetzt auf seinem Repertoir. „Ja, wenn ich nicht aus guter Familie wär! — Na weißt du — —“ sagte er und hatte einen Arm in die Hüfte gestemmt. — Aber in seinem Herzen schwang die Stimme des Freundes wie Wind in einer Harfe. Das Publikum der „Pfütze“ begutachtete seine Figur. „Die Beine sind gut“, sagte ein Kenner ganz laut, „aber mir gefällt der Mund nicht besonders —“ „Mein Vater, der ist doch Regierungsrat — Parbleu,“ sagte der Junge dort oben betrübt, „ja, glaubt’s nur, um mich ist es wirklich schad’ — o je —“ Einige Zeit noch ließ er sich darüber aus, was alles aus ihm hätte werden können, wenn er nicht geboren worden wäre unter so fatalen und bürgerlichen Umständen. „Na, mir kommt vor, der tut sich auch nicht viel Zwang an“ — meinte eine rote, dicke Madame in ihrer Loge und kicherte in ihr Sektglas. — Aber dann erschien das finstere, schwarze Apachenweib auf der Szene, die vorher die sonderbare Ballade von dem lahmen Hund und der bärtigen Jungfrau gesungen hatte — und der verdächtige Matrose — Regierungsratsohn — hatte ein wildes Gespräch mit der heftigen Hafendirne, das in Geschrei, besessenes Händeklatschen und orgiastischen Trampeltanz ausartete. „Temperament haben die Luder“, murmelten sich die fetten Herren zu. Und die rote Sektdame erläuterte eifrig ihrem Kavalier: „Wenn du jetzt seinen Körper ansiehst — das ist ein ganz Raffinierter —“ Aber er, vollkommen hingerissen, schmachtete nur: „Ihre Büste — sieh doch nur, ihre Arme und Schultern —“, was die Dame begreiflicherweise verdroß.
Durch den dunklen Korridor ging Andreas in seine Garderobe zurück. Auf einer Kiste saß Paulchen, ließ seine schmalen lila Seidenbeine baumeln und rief etwas, als Andreas vorbeiging. „War es gut?“ fragte er und lächelte ihm zu. Aber Andreas hörte ihn nicht und bog schon um die Ecke, wo es zu seinem Verschlage ging. — Da erstarrte das Lächeln auf Paulchens Gesicht und er saß mit angefrorenem Lächeln — eine traurige Puppe.
Andreas stand an der Tür zu seiner Garderobe, die angelehnt war. Drinnen hörte er sprechen. Alma Zeiserichs scharfe Damenstimme ließ sich vernehmen: „Ich glaube schon, daß du dich vor mir in acht nehmen mußt — dein sauberer Herr Kavalier könnte eifersüchtig werden —“ und während sie noch meckernd lachte, antwortete die andere, die helle Stimme: „Sie sprechen wohl von Andreas? Na, mit dem Kleinen bin ich doch nicht verheiratet —“ Da dämpfte Alma ihr Organ zu widerlicher Zartheit. „Nun, wenn du mit ihm nicht verheiratet bist, vielleicht könntest du mich —“ und wieder dieses Kichern, blechern und zärtlich zugleich. Niels aber sagte leise in ihr Kichern hinein: „Ich heirate doch wirklich jedermann, der mich haben möchte —“
Andreas stieß die Türe zurück. Niels stand lachend mitten im Zimmer, und die Zeiserich im schillernden Kleid an ihn hingelegt, hatte ihre Hände schon unzüchtig in seinem Gesichte und an seinem Leib. „Ich verreise morgen auf ein paar Tage,“ flüsterte sie ihm zuckend entgegen, „du kommst mit mir, mein Lieb —.“ Und Niels, der aber Andreas schon bemerkt hatte, entgegnete nur: „Ja — ja — ich komme mit dir —“ und schloß, als wolle er nichts mehr sehen, die Augen dabei. — Da packte Andreas Frau Zeiserich an den Schultern von hinten und riß sie zurück, so daß sie krachend gegen die Wand taumelte. Sie kreischte: „Mon dieu!“ und hielt sich den Schädel der brummte. „Ei, der betrogene Ehemann“, zischelte sie und ihre Augen färbten sich gelb, als füllten sie sich zusehends mit bösem Gift. Mit parodiertem Pathos hob sie den hageren Arm: „Tragische Familienszene!“ spottete sie, „der Cocu rächt schrecklich seine Schmach —.“ Aber da Andreas die Fäuste geballt und mit einer geborstenen Stimme, die sie noch nicht von ihm kannte: „Hinaus! Hinaus!!“ schrie, schlich sie, die Hand an der schmerzenden Beule, zur Tür und grinsend verschwand sie.
Niels stand immer noch in unveränderter Stellung mitten im Zimmer, mit hängenden Armen und geschlossenen Augen. Mit einer Wut, die ihm alle Sinne betäubte und zerriß, schrie Andreas in dieses Gesicht hinein. „Es hat im Grunde gar keinen Zweck, wenn ich noch zu dir spreche,“ schimpfte er rasch und mit einer bitteren, qualvollen Gewandtheit, „du bist jedes Wortes unwürdig und verstehst am Ende nicht eines. Wie konnte ich mir jemals einreden, frage ich jetzt, daß du in irgendwelcher Hinsicht auch nur das leiseste Interesse an mir hättest? Du weißt vielleicht, wie tief und von welcher Art mein Gefühl für dich war — oder vielmehr: du weißt es nicht!“
Nebenan, durch eine dünne Bretterwand nur von ihnen getrennt, saß Fräulein Franziska und lauschte. Zwei Kavaliere waren bei ihr — der beleibte Freund der rotseidenen Sektdame, der sich unter irgendeinem Vorwand von dieser fortgestohlen hatte und ein eisgrauer, kahler Lebemann im Smoking, der Franziska seit Jahren mit seiner fachmännischen Huld beehrte. Der Beleibte sagte ein über das andere Mal: „Aber Ihre Figur ist ja wirklich ganz wunderbar —“, in einem Tonfall, als wundere ihn das. Aber Fräulein Franziska hörte nicht auf ihn, mit schwarz zusammengekniffenen Augen lauschte sie den schlimmen Worten, die nebenan geredet wurden.
„Daß es gerade dieses widerwärtige Frauenzimmer ist, diese unwürdige Person,“ sagte Andreas, „mit der du dich über mich lustig machst, das kann ich dir nie verzeihen! So würde sich keiner gegen mich benehmen, den ich mir aus dem Paradiesgärtlein oder von der Straße mitnehme. Du bist ein Abgrund an Egoismus und Unmoral. Du bist ohne Herz — ohne Verstand — —.“
Aber in Niels Gesicht war tiefe, fast schmerzliche Ruhe. „Das habe ich gewußt,“ — sagte er leise, „ja — das habe ich kommen sehen —.“ Und ein kleines, schnelles, unbegreifliches Lächeln lief flüchtig und traurig um seinen schönen Mund. — Andreas sah nicht dies Lächeln und verschloß sein Herz gegen den Klang dieser Stimme. Vor dieser unfaßbaren Stille steigerte sich seine Wut und sein armer Zorn wuchs lodernd auf wie ein Strohfeuer. Ihm schien Niels Körper entzaubert. Er sah ihn vor sich in der nicht erstklassigen leicht verkommenen Eleganz eines Gabardineanzuges, den er sich auf seine, auf Andreas Kosten kürzlich zugelegt hatte. Hier überall hatten Alma Zeiserichs unschöne Hände ihr gemeines, lüsternes Spiel gehabt, hier überall waren sie gewesen, den ganzen Leib hinunter. — Und Andreas schrie, den Arm plötzlich zur Tür gereckt: „Hinaus! Mach’ daß du hinaus kommst! Geh zu ihr, lauf in ihr Bett! Ich kann dich jetzt nicht mehr sehen, jetzt will ich dich nie mehr sehen — nie mehr, um keinen Preis. Lauf’ in ihr Bett — lauf’ in ihr Bett!!“ befahl er ihm immer wieder und warf sich in seinen Stuhl vor dem Toilettentisch. — Niels, langsam und ernst, verließ die Garderobe. Seine hellen Augen hatten sich beinahe schwarz gefärbt. —
Als Fräulein Franziska im starren Federputz ihres Abendkleides einige Zeit später zu Andreas trat, saß der immer noch, ein geschminkter Matrose, sonderbar starr über sein Schminkzeug gebückt. Fräulein Franziska sagte und berührte ihn sanft: „Ziehst du dich denn nicht an?“ — Andreas sah aus leeren Augen, um die sich die Schminke in roten und violetten Kreisen zog, zu ihr auf. „Ich muß noch zu Dr. Dorfbaum,“ sagte er matt und lächelte plötzlich, „ich brauche dreihundert Mark —.“
Draußen tanzte Paulchen das „Abendgebet eines Vogels“ zum zweiten Male, es hatte den Leuten gefallen. Er glitt wie vergehend zur Erde, hob sich wieder, reckte sich, spannte sich ganz aus, verzückt, selbst hingerissen von der Bewegung mit der er die Arme hob, ausstreckte, dehnte, auf den Zehenspitzen hoch oben, wippend, zitternd, vibrierend, als wolle er abfliegen in den Raum, sich steigend lösen ins Nichts — den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, den leeren, leichten Kopf, den Mund halb geöffnet, die schwarz bemalten Augen wie im Rausche gebrochen.
Am nächsten Morgen erwachte Andreas unter klein Henriettens scharfem Blick. Mit dem Frühstückstablett stand sie drohend vor ihm, und in seinen Halbschlaf noch sagte sie hinein: „Herr Niels hat mir gestern abend noch den Auftrag gegeben, Ihnen zu sagen, daß er abgereist sei. Er käme in absehbarer Zeit nicht wieder.“ — Andreas, aus seinen Kissen heraus, fragte nur leise: „Hat er nicht gesagt, wohin er gereist ist?“ — Und sein Gesicht war so fahl, wie die Laken in seinem Bett. „Nein“, sagte Henriette und setzte das Frühstücksgeschirr auf den Stuhl. Da wandte Andreas das Gesicht wieder der Wand zu.
Draußen hörte man Witwe Meyerstein aufs dröhnendste lachen. Henriette goß Tee ein aus dem billigen Kännchen. Aber da sie die Augen dabei nicht von Andreas ließ, floß der Tee statt in die Tasse, über den Stuhl und tropfte von da aus zum Teppich.
Um diese Zeit begann Andreas wieder zu arbeiten. Im großen Pensionszimmer, das ehemals wahrscheinlich als Eßraum gedient hatte, saß er, den Zeichenblock auf den Knien und skizzierte. Fräulein Franziska hatte auf dem Bett Platz genommen — da saß sie am liebsten — so daß er am Fenster ihr unhöflicherweise den Rücken zuwenden mußte. Doch das fiel ihnen beiden nicht auf.
Während er mit schräggehaltenem Kopf Linien zog und Schatten tönte, sprach sie hinter ihm rauh und langsam. Sie hatte das Gesicht in beide Hände gestützt, und ihre schwarzen Augen sahen sich im ordinären Teppichmuster fest. Ihre Füße standen breit auf dem Fußboden. — Warum redete sie heute so viel? Sonst ging sie mit zusammengekniffenen Augen umher und beobachtete. — Fräulein Franziska erzählte aus ihrem Leben.
„Sonderbar ist ja eigentlich schon,“ sagte sie Wort für Wort, die Augen im Teppichmuster und gleichsam selbst verwundert, weil es ihr so konfus ergangen war, „komisch ist doch schon, wenn man recht bedenkt, daß ich überhaupt kein Vaterland habe.“
Der am Fenster zog Linien, und ob er zuhörte, war nicht recht zu bestimmen. Fräulein Franziska erzählte: „Mein Vater war Russe, und meine Mutter war Spanierin, eine witzige Kreuzung. Ich habe von meiner Mutter das Haar und die Augenfarbe geerbt, aber in Figur und Bewegung soll ich an meinen seligen Vater erinnern. — Als ich geboren wurde, hatten sich meine Eltern in Wien niedergelassen, wo mein Vater Geschäfte betrieb. Er hatte sich auch, geschäftlicher Rücksichten halber, und ich weiß nicht, auf welche Weise, in Österreich naturalisieren lassen. Mein seliger Vater war österreichischer Staatsangehöriger. Wir blieben in Wien bis zum Jahre 1912, dann verzogen wir nach Paris. Ich war damals ein kleines Mädchen von elf Jahren. Als kleines Mädchen muß ich sehr seltsam gewesen sein“, sagte Fräulein Franziska und schweifte plötzlich mit Lächeln ab. „Ganz schwarz und finster wäre ich immer herumgegangen und Mama erzählt, daß ich mir, da ich kaum lesen und schreiben konnte, die dicken, verstaubten deutschen Klassiker aus unserer Bibliothek geschleppt habe, um in ihnen zu schmökern — Goethe und Hebbel und Grillparzer —.“ Und Fräulein Franziska lachte, wie solche die’s nicht recht gewohnt sind: ausführlich und unschön. Aber dann fuhr sie fort: „In Paris war es schön. Wir bewohnten ein Haus in vornehmer Gegend und meine spanische Mutter machte großen Betrieb. Mein Vater war viel auf Geschäftsreisen und wir hatten fast jeden Abend ein Fest. Allerdings war meine Mutter stets unzufrieden, daß ich nicht niedlich genug sei. Damals war meine Haut nämlich schon unrein und im weißen Seidenkittelchen nahm ich mich immer so spassig aus, wegen meiner abstehenden schwarzen Pferdehaare und meiner zornigen Augen. Aber damals lebte mein einziger, kleiner Bruder noch, den ich liebte wie nichts auf der Welt. Er hieß Alexander, nach meinem Vater. Wir hatten gemeinsam beschlossen, daß wir Dichtersleute werden wollten: er sollte die Erfindungen haben, und ich sollte sie ausführen. Die schönsten Dramen und Romane hätten wir schaffen können zusammen. Alleine hab’ ich nicht mehr gekonnt. — Als wir zwei Jahre in Paris gelebt hatten, die jetzt für mich wie ein Traum sind, brach dieser Krieg aus. Ich war dreizehn damals, und worum es sich handelte, ahnte ich nicht. Ich hatte mich ja nur mit Hebbel und Grillparzer und mit meinem lieben Alexander beschäftigt. Die erste Woche nach dieser Kriegserklärung verbrachten wir in unserem Haus mit Zittern und Zagen. Es wurde uns streng verboten auf die Straße zu gehen, ohne daß ich begriff warum, und kein Mensch kam zu uns zum Besuch. Meine schöne Mutter weinte den ganzen Tag, und mein seliger Vater ging mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Ich erinnere mich noch, daß er sagte, jetzt werde wohl auch bald ein blutiges Schwert am Himmel erscheinen. — Inzwischen war es geschwind bekanntgeworden, daß wir Österreicher waren. Als wir alle in einem Zimmer beisammen saßen, hörten wir, wie der Pöbel sich vor unseren Fenstern sammelte. Ich habe noch den Laut im Ohr, mit dem die Gassenjungen schrien: „Il faut tuer les boches — il faut tuer les boches!!“ Meine Mutter verfiel sofort in Krämpfe und unten rüttelte man schon an der Haustüre. Die Steine klapperten und klirrten so gegen die heruntergelassenen Jalousien. Bei jedem Anprall zuckte und wand sich meine Mutter nur noch heftiger. Mein Vater — ich weiß heute noch nicht, was er damit beabsichtigte — trat plötzlich auf den kleinen Balkon und wollte zu diesen Leuten reden. „Nous ne sommes pas des boches!“ rief er immer wieder und hob auf seinem Balkonchen abwehrend die Arme. Aber als stupide, wütende Antwort kam nur immer wieder dieses: „Il faut tuer les boches — il faut tuer les boches!“ zurück. Ein Stein traf ihn gegen die Stirne. Er taumelte blutüberströmt ins Zimmer zurück, seine ganzen Augen standen voll Blut, wir dachten zuerst er wäre erblindet.
Seit dieser Stunde veränderte sich alles. Das war das einzige, was ich bemerkte und was mir eigentlich klar wurde: Jetzt verändert sich alles. Ich wurde von meinem Vater und vom kleinen Alexander getrennt und kam mit Mutter ins Frauenlager. Ich habe weder meinen Vater noch meinen Bruder jemals wiedergesehen. Alexander starb, wie ich erst viel später erfahren habe, an irgendeiner verschleppten Krankheit und Vater sehr bald, wahrscheinlich infolge seiner schrecklichen Kopfwunde. — Unser vornehmes Haus wurde uns genommen und alles was wir besaßen. Ich weiß nicht mehr, wie lange Zeit wir in diesem Lager haben zubringen müssen. Meine schöne Mutter wurde immer starrer und wortloser, sie sah mich fast nicht mehr an und am Ende bekam ich Angst vor ihr. Eines Tages wurden wir Frauen nach Wien zurückgeschafft. Da wir nicht einen Pfennig unser Eigen nannten, mußten Mutter und ich in der Fabrik arbeiten. Mutter konnte es gesundheitlich selbstverständlich kaum ertragen, ich war ja immer ziemlich widerstandsfähig. Außerdem behandelte man uns hier fast so schlecht wie in Frankreich, weil man uns für russische Feinde hielt. — Dichterin freilich konnte ich unter diesen Umständen nicht werden, soviel Kraft hatte ich nicht und die Ratlosigkeit in mir und um mich war viel zu groß. Aber ich glaube nicht, daß unsere Zeit Dichterinnen am meisten benötigt. — Bald stellte sich heraus, daß Mutter vollkommen geisteskrank geworden war, und man schaffte sie in eine Volksklinik. Ich war ganz allein in der Stadt und wurde zu fremden Leuten in Pension gegeben.“
Fräulein Franziska erzählte langsam und rauh, beinahe mit Gleichgültigkeit in der Stimme sowie man einen finsteren, aber konventionellen Roman berichtet. „Niemand kann mir verdenken, daß mir die Fabrikarbeit zu blödsinnig vorkam,“ sagte sie trotzig, „und daß ich dem ergrauten Baron nachfolgte, der mir Avancen machte. Der alte Herr brachte mich, um meiner schönen Beine willen, und weil ich so schwarze Augen hatte, in eine Tanzschule und später ans Kabarett. Der war der erste —.“ Und sie dehnte sich mit geschlossenen Augen. „Was hätte ich nun davon gehabt, wenn ich damals ins Wasser gegangen wäre, was ich selbstverständlich täglich plante?“ sagte sie, die Arme noch gereckt und lächelnd zur Decke hinauf. „Erst habe ich immer nur von meinem Vater geträumt, dessen Augen voll Blut waren und von meiner kranken Mutter und von meinem geliebten Bruder. Erst ging ich nur immer umher und hatte meine Verwirrung im Sinn und den einen Gedanken, daß ich ausgesetzt sei und ohne Halt. — Aber später lernte ich die Körper lieben — —.“ Und sie ließ den Blick von der Decke, stand auf und ging zu Andreas hin, stand breitbeinig hinter ihm, der über seiner Zeichnung saß.
„Ich weiß nicht, ob man daraus eine Dichterin wird,“ sagte sie und hatte die Hände in sein Haar gelegt, „ich weiß nicht, was daraus kommt —.“ Ihre Stimme streichelte ihn inniger noch als ihre Hände. „Ich weiß, Andreas, daß es dir ähnlich ergangen ist. Und alleine bist du doch auch —.“ So rührend war es zu hören, wie ihre rauhe, sachliche Stimme sich dämpfte zu seltsamer Zärtlichkeit. „Und allen geht es doch ähnlich, wenn sie nur reden wollten,“ sagte sie, „hier in der Pension — und überall — —. Die Jugend begann im Lärme des Aufstandes. Wo wird sie enden?“ — Und diese Frage stellte sich vor ihnen auf, der keiner von ihnen noch hatte Herr werden können, und die sie so oft doch vergaßen in einem anderen, tieferen Lächeln. Wo wird es enden?
Er wandte den Kopf nach ihr um, sie stand von hinten über seine Stuhllehne geneigt. „Ist es überall so?“ fragte er in dieses bunte, große Gesicht hinein, „in der Pension Meyerstein und überall — —?“ Und sie dagegen, ohne daß es in ihrem Gesicht gezuckt hätte — nur ihre Hände hielten seinen Kopf noch ein wenig fester, wie den eines Kranken: „Mein kleiner Andreas — ich weiß, du kannst mich nicht lieben — du liebst nicht die Frauen — wir wollen uns nichts vorlügen, wollen’s uns nicht leichter machen — aber gib mir deinen Mund.“ Und ehe er hätte antworten können, nahm sie seinen Mund mit ihrem rot befleckten. —
Als sie schon wieder ruhig auf dem Bettrand saß, kam Andreas zu ihr, setzte sich neben sie und zeigte ihr das Bild. Sie neigten sich zusammen darüber, so daß ihre Köpfe sich beinahe berührten.
Ein großer Junge kniete halbnackt in der Mitte und spielte mit zwei Kindern. Er warf den Ball in die Luft — sein Arm war noch in der Bewegung gespannt — und die Kinder lachten dazu: ein kleines Mädchen und ein kleiner Bub. „Jetzt muß es noch bunt werden“, sagte Andreas und lächelte über der Kohlenskizze. „Es ist nicht viel, ehemals wollte ich den lieben Gott abkonterfeien mit wissensstarren Augen. Das sind nur Marie Therèse und Peterchen, die mit Niels spielen. Diese Idee hat mir nämlich so gut gefallen: meine kleine Schwester mit Niels spielend. Ich habe immer davon geträumt. Und Peterchen mußte natürlich auch dabei sein — —.“
Aber Fräulein Franziska, immer noch das Gesicht über dem Bild, sagte plötzlich, ohne deshalb sehr zu erschrecken, nur mit etwas mißtrauisch zusammengezogenen Brauen und wie man einen kleinen Verdacht äußert: „Wir haben uns vorhin überlegt, wie es jetzt weitergehen solle. — Wie, wenn einfach bald die Welt unterginge?“ Und sie lachte düster über den spielenden Körpern, die Andreas gezeichnet hatte.
Aber er entgegnete nur, ohne daß eigentlich ein Zusammenhang mit ihrer düster-leichtsinnigen Idee zu finden gewesen wäre: — „Daß die Körper beseelt sind: das ist das Geheimnis — damit fängt alles an, damit hört alles auf —.“
Und er hörte, während er sprach, Niels’ Stimme fragen: „Was ist das eigentlich: eine Seele?“
Ein wenig schwierig war es aus „Rosenblättchen“ das herauszubekommen, was er wußte. Dr. Dorfbaum und Andreas luden ihn sogar an ihr Tischchen im „Paradiesgärtlein“, gaben ihm weißen Bordeauxwein zu trinken und taten ihm Ehre an auf jede Art. Dr. Dorfbaum, fett, snobistisch, aber nicht ohne Gutmütigkeit bemühte sich aufs Uneigennützigste, obwohl ihm ein Wiederauffinden dieses Niels lästig, wenn nicht schmerzlich sein mußte. „Uns ist an diesem Jungen ganz enorm viel gelegen!“ sagte er allerdings nicht ohne Strenge und trommelte mit allen Fingern auf der Tischplatte. — Andreas war schweigsam und gequält. „Wenn du es wirklich weißt, wohin er sich gewendet hat,“ sagte er hastig und goß „Rosenblättchen“ Wein dabei ein, „dann halt’ mich nicht länger hin — es ist so notwendig, daß ich ihn sehe — —.“ Durch irgend etwas in seiner Stimme aufmerksam gemacht, wurde „Rosenblättchen“ ein wenig ernst. „Übrigens müßte ich Geld für meine Auskunft haben,“ sagte er plötzlich ganz ruhig, „meine neuen Schuhe sind noch nicht bezahlt —.“
Ein ehemaliger Kavalier rief ihn ab. „Huch — ein Bekannter!“ jubelte er und stob von dannen. Andreas und der Doktor blieben schweigsam zurück. „Wir werden es schon noch aus ihm herausbekommen“, tröstete der gute Dorfbaum, aber Andreas schaute müd in den Zigarettenrauch.
Als „Rosenblättchen“ wieder zurückgetänzelt kam, zeigte er von neuem die grausigste Neckischkeit. „Wie komme ich eigentlich dazu euch Angebeteten seinen Schlupfwinkel zu verraten?“ fragte er sich preziös. „Ich bin eifersüchtig!!“ Und er hielt plötzlich die Hand vor den Mund, während er den Kopf schräg stellte. Als man ihm dann fünfzehn Mark gegeben hatte, kam das, was er wußte, zutage. — Niels war nach Hamburg gereist und hatte Beschäftigung dort gefunden in einem kleinen auf „oberbayerisch“ stilisierten Etablissement auf der Reeperbahn, wo er allabendlich eine Art „Schuhplattler“ zu tanzen hatte.
Andreas mußte lächeln. „Danke“, sagte er und streichelte „Rosenblättchens“ zierliche, aber welke Hand. Die hatte ein müdes Spiel mit den Geldscheinen, die Dr. Dorfbaum ihr zugesteckt hatte. Über die alten, speckigen Scheine war „Rosenblättchens“ buntes und unjunges Gesicht geneigt. Mit kleinen Fältchen war es übersät, und die braun gefärbten Wangen hatten schon etwas Hängendes.
Irgendwo wurde ein Weinen laut. Das war Boris, der über den Tisch gebeugt schluchzte, weil der Wirt ihm das Lokal verbieten wollte. In das Weinen mischten sich die hohen Schreie von der Bar herüber. Einer mit semmelblonden, schön gewellten Haaren, sang an die Theke gelehnt:
„Warte, warte nur ein Weilchen
Bald kommt Haarmann auch zu Dir,
Mit dem kleinen Hackebeilchen
Macht er Schabefleisch aus Dir.“
„Rosenblättchen“, verzückt über fünfzehn Mark geneigt, summte mit — es war eine schlichte, kleine Volksmelodie.
Andreas und Dorfbaum verabredeten über den Tisch hin, daß sie morgen früh nach Hamburg fahren wollten.
Dann kam der Abschied von Pension Meyerstein.
Da die Geldangelegenheiten mit diesem Mieter Andreas Magnus, bis auf einzelne Zwischenfälle, sich stets verhältnismäßig günstig abgewickelt hatten, war die Witwe selber freundlich gestimmt. Sie lachte herzlich, sagte „Good bye“ und drückte ihm kräftig die Hand. Umfangreiche Butterbrote packte sie ihm sogar ein, wenn allerdings auch nur in Zeitungspapier, auf daß er im Eisenbahnzug nicht ohne Erfrischung bleibe. „Empfehlen Sie meine Pension allen jungen Leuten, denen Sie auf der Welt begegnen“, sagte die Witwe mit einer umfassenden Handbewegung, und ihr Gesicht war vom Lachen gedunsen. — Professor Sonn, der bei der Witwe das Frühstück nahm, trat hinzu, blickte unsympathisch hinter seinen Zwickergläsern, gab sich aber, indem er sagte: „Nun, der Vogel will ausfliegen?“ einen leutseligen Anstrich trotz allem. — Andreas trat zur Großmutter hin, die starr vor dem Nähtisch saß. Sie wandte ihm die große, bläuliche Fläche ihres Gesichts entgegen und musterte ihn mit starrer Aufmerksamkeit. Ein großes, grellweißes Leinenstück, an dem sie aber nicht arbeitete, lag ihr in harten Falten über dem Schoß. Aber ihre knochigen Altfrauenhände lagen wie erfroren daneben. „Eisenbahnfahren,“ sagte sie und schüttelte streng den Kopf, „geben Sie nur acht, daß Sie wohlbehalten wieder nach Hause kehren.“
In dunkler Kammer neigte Andreas sich über Fräulein Annas Bast- und Metallarbeiten. „Sie sind fleißig“, sagte er, aber sie lächelten beide nicht. Eine kurze, ernsthafte Unterhaltung hatten sie. „Ja,“ entgegnete Anna, das breite Gesicht zu den kurzen, aber feingegliederten Händen geneigt, die so berußt und regsam waren, „was bliebe uns denn zu tun, wenn wir nicht fleißig sind? Nur aus dem Fleiße sehe ich eine Rettung kommen — aus dem Fleiß der Hände — aus dem Fleiß —.“ „Ich reise jetzt, um meinen Freund zu suchen,“ sagte Andreas schüchtern — und sah die vielen Gegenstände an, die, von ihr gearbeitet, um sie herumstanden, Pfannen, Körbchen und Krügchen, „ich muß jetzt reisen — —.“ „Ja,“ sagte Fräulein Anna darauf, „jeder hofft, daß er es richtig mache — —“ Und somit gaben sie sich die Hand. —
Zwischen der Unordnung ihres Zimmers saß Fräulein Franziska schwarz über die Laute gebückt. Sie streckte ihm die rauhe Hand hin mit den gleißenden Nägeln. „Adieu“, sagte sie nur und er küßte das erste Mal ihre Hand. Sie fühlte seine Lippen auf ihrer Haut und sagte über seinen Kopf hinweg: „Grüße für Niels —“ Sie erschauerten beide, ein Zittern lief ihnen den Rücken hinunter, als käme Angst sie an vor irgend etwas noch Unbekanntem. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragte Andreas. Und sie, immer noch über ihn hinweg: „Das wissen wir nicht.“ — Sie hielten die Stirnen gesenkt wie vor einem großen Wind.
Am Wohnungsausgang erwartete ihn Henriette. „Ich muß Ihnen doch auf Wiedersehen sagen“, meinte sie und knixte verbissen. Andreas hatte ihre winzige, harte Hand in der seinen. „Sei brav,“ sagte er und sah in ihr häßliches kleines Gesicht mit dem zurückgekämmten, spärlichen Haar, „werde groß —“ Und sie nickte ernst zu seinen Worten. „Ich wünsche Ihnen dasselbe“, sagte sie schlicht zu ihm hinauf. Sie stand im rosa Waschkleidchen vor ihm. Er fühlte ihren Blick, der warnend und fragend war, aber dann war sie plötzlich davon.
Fräulein Lisa trat noch in einem violetten Morgenrock aus ihrem Zimmer, lächelte mühselig und pumpte ihn geschwind um fünf Mark an. „Das Leben ist schwer“, sagte sie und schloß für eine Sekunde die Augen. Ihr blasses, hübsches Jungmädchengesicht mit dem etwas zu spitzen Kinn war so müde, daß es den Anschein hatte, als könnten alle Dämonen ihr nicht mehr recht helfen.
Aber Paulchen brachte ihn im gelben Hausanzug bis zum Auto hinunter. „Auf Wiedersehen,“ sagte er und zog ängstlich den Mund zusammen, „gelegentlich schreibe ich —“
Aus dem Autofenster neigte sich schon Herrn Dorfbaums fettes Gesicht. „Da wären wir ja!“ sagte es und nickte. — Aber Paulchens matte Augen standen voll Tränen, während er den Wagenschlag öffnete. „Doch gelegentlich schreibe ich gewiß“, sagte er noch einmal, während das Auto schon ratterte.
Als der Wagen davonfuhr, stand er lange in seinem Pyjama auf der windigen Straße und winkte mit seiner leichten Hand ins Leere. Seine Bewegung war wie das ängstliche Flügelflattern eines verwundeten Vogels.
Dann ging er langsam die Treppe wieder hinauf.
Das Lokal an der Reeperbahn war lustig und gut organisiert, aber Niels war dort nicht mehr zu finden. Beleibte Blondinen gefielen hier dem Herrenpublikum in prallsitzenden „Dirndel“-Kleidern, aber auch an den Burschen in kurzen Lederhosen hatte man seinen Spaß. Das Oberbayrisch, mit dem dieselben das verrauchte Lokal lärmend erfüllten, war allerdings ungemein trüber Herkunft. Man rief wohl „Dearnderl“, „Bua“ und „Hoihoteho!“ — aber es wirkte alles ein wenig künstlich. Auf einem Bretterpodium gab es volkstümliche Darbietungen. Drei Damen sangen, sich gegenseitig ablösend, eine stattliche Gruselballade, ein alter Mann spielte Ziehharmonika, ein kleines Mädchen hüpfte munter im geblümten Röckchen. Hier hatte auch Niels getanzt.
Eben das kleine, grazile Mädchen war es, das Auskunft geben konnte über Niels’ Verbleib. Er hatte sich hier mit einem Herrn angefreundet, erzählte die Kleine, während sie für ihre Zierlichkeit erschreckend viel steifen Grog verschluckte, ja, mit einem langen, feinen Kavalier. Das Kind nannte den Namen der Stadt, nach der die beiden sich gewendet hatten. Der Herr hieß Baron Pritzlewitz wenn sie nicht irrte. — Darüber mußte Doktor Dorfbaum lächeln. Ja, ja, ja — die Welt war klein. Immerhin freute er sich ein wenig, auch bei dieser sonderbaren Expedition mit den Adelskreisen in Verbindung geblieben zu sein.
Im Laufe der Nacht zeigte das versoffene Kind den Herren Sankt Pauli. Schmal und lüstern lief sie ihnen voran, immer wieder erpicht und neugierig auf den finsteren, mit Sprengstoff geladenen Lärm dieses phantastischen Hafenviertels. Von gefährlichen Ausdünstungen schien die Luft hier erfüllt zu sein. Zweideutige Vertreter aller Rassen und Nationen drängten im grellen Laternenlicht oder im Halbdunkel sich durcheinander. — Wo kurz und sachlich „Public House“, stand, gingen die Matrosen gruppenweise gröhlend oder bedrohlich-vereinzelt aus und ein. Im Hippodrom zeigten auf müdbeinigen Rossen die bunten Weiber stolz und gewinnsüchtig ihre gedunsene Schönheit. In engen Gassen lehnten sie reihenweise an den Hauswänden, man mußte sich an ihnen vorbeidrängen und sie riefen das Schlimmste hinter einem drein. — Aber wo die Seitengassen düsterer wurden, deutete der Zeigefinger der trunkenen kleinen Führerin auf die mattrot beleuchteten Eingänge der Kaschemmen. „Hier ist es nur für Herren“, sagte sie und lachte mit blitzenden Augen und die Schultern nach oben gezogen. „Ganz exklusiv — —“
Unter den roten Laternen und zwischen den riechenden Ausdünstungen der Gier ging Andreas langsam, die Hände in den Manteltaschen, still aber neugierig wie seine verdorben-kindische Führerin. Diese hüpfte mit rachitischen Beinen in billigen, grünen Seidenstrümpfen schelmisch voran, während Doktor Dorfbaum fett und elegant im langen, wolligen Paletot, Schweißtröpfchen auf der Stirn, hinterdrein trippelte. — Das war Andreas’ Ehrengeleit.
Die Dirnen riefen mit lockend gekrümmtem Zeigefinger: „Na, ihr Süßen? Na, wollt ihr’s nich’ mal probieren? Für drei Mark Liebe im Dunklen —“ Aber die tänzerische Kleine, unermüdlich und rastlos wie ein Irrwisch es ist, wollte ihnen immer noch mehr zeigen, wollte kichernd und Geheimnisvollstes verheißend immer noch weiter.
Als der Morgen schon graute, waren sie noch unterwegs. Dorfbaums verstörtes Gesicht war weiß-grau und schweißbedeckt. Vor Müdigkeit konnte er sich nicht mehr recht auf den Beinen halten. Andreas hatte zerzaustes Haar und die roten, überanstrengten Augen, wie er sie nach Reisen und Abenteuern bekam. Aber als das wißbegierige kleine Mädchen in ihrem kurzen Faltenröckchen vor einer Kaschemme stand und mit glitzernden Augen verhieß: „Das müßt ihr aber wirklich noch sehen — das ist doch der Morgenstrich —“ da folgte Andreas ihr nach. Im langen, taillenengen Mantel lehnte er an der Mauer. Sein Gesicht war ganz fahl im Morgen, aber der Mund war heiß wie entzündet. „Ja, ja, der Morgenstrich —“ sagte er lächelnd in die Luft hinein und schloß plötzlich die Augen.
Da konnte auch Dorfbaum nicht widerstehen und stolperte hinter ihm drein in die Kaschemme hinunter.
Am nächsten Morgen mußten sie weiterreisen. Wer weiß wie lange Niels in der Stadt sich aufhielt, in der er sich nach des Mädchens Angabe zurzeit in vornehmer Gesellschaft befand.
Zum Schlafen hatten die beiden kaum zwei Stunden nur Zeit gehabt. Sie saßen sich mit erloschenen Augen im Erster-Klasse-Kupee gegenüber.
Kahl glitt die ebene Landschaft vorüber. Der Rauch der Lokomotive senkte sich schwer auf die schwärzlichen Wiesen und stieg von dort langsam wieder nach oben. Es war als brennten die Wiesen.
Die im Kupee sprachen nur wenig. Sie lehnten den Kopf gegen die Polster und schlossen lieber die Augen. Manchmal begann Doktor Dorfbaum plötzlich zu reden, gereizt und gepeinigt. „Wenn ich mir übrigens deine Zukunft vorstelle,“ sagte er plötzlich und sein Gesicht verzerrte sich, „bieten sich mir die schlimmsten, ja hoffnungslosesten Perspektiven. Ich bin überhaupt nicht fähig, mir eine positive Lösung für dies alles auszudenken. Du brauchtest einen Freund,“ behauptete er und hob erbittert die Hand, „der dir beistünde und der dir wirklich helfen könnte!“
Aber Andreas ohne ihn anzusehen entgegnete nur, die Zigarette zwischen den Fingern: „Ich brauche doch niemanden.“
„Ich wäre vielleicht wirklich der Rechte für dich, ich wäre vielleicht wirklich der, dem du dich anvertrauen solltest“, klagte der Doktor. „Aber du willst mich ja nicht.“ Seine erhobene Hand sank hin, Ratlosigkeit und Not stand wieder in seinen Augen. „Aber da reist du nun hinter diesem Jungen her, der dir nie etwas geben kann, stellst eine förmliche Hetzjagd hinter ihm auf und er will am Ende doch gar nichts mehr von dir wissen, selbst wenn du ihn findest. Ich glaube wirklich, du bist verrückt!“ sagte er plötzlich und erschrak gleichsam über seine schlimme Entdeckung.
Andreas, den Blick auf der öd entgleitenden Landschaft, entgegnete: „Ich habe dich doch nicht gezwungen, mit mir zu reisen —“ Von der Qual der unfruchtbaren und offensichtlich hoffnungslosen Auseinandersetzungen war seine Zunge schon müde geworden.
Dorfbaum lenkte schon wieder ein, wurde schon wieder demütig. „Nein, nein — freilich doch,“ sagte er matt, „ich bin ja froh, wenn ich mit dir zusammen sein darf — du hättest dir ja auch Paulchen oder irgendeinen anderen als Gefährten aussuchen können. Man muß dir ja alles verzeihen — du bist ja so differenziert —“
So reisten sie ohne sich zu verstehen hinter dem Dritten her, den die Sehnsucht des Einen suchte.
In der rheinischen Stadt, die man ihnen angegeben hatte, war Niels natürlich nicht mehr zu finden. Den Baron von Pritzlewitz allerdings besuchten sie in seiner Wohnung, die, beengt und üppig, ein wenig an die Dorfbaums in Berlin erinnerte. Der Baron war hoch gewachsen, aber welk von Angesicht. Sein Mund war häßlich und verfallen und seine Augen blieben glanzlos trotz eines viereckigen Monokels in schwarzer Fassung. „Nein, ich habe mit dem Jungen nichts mehr zu tun,“ sagte er und lächelte hochmütig, „ich weiß auch wahrhaftig nicht, wohin er sich gewendet hat. Gott, so ein Junge geht ja von Hand zu Hand —“ Des Barons Kleidung war welk wie sein schlechtes Gesicht — grauer Anzug und Lackschuhe: elegant aber unfrisch. „Natürlich, natürlich,“ sagte Doktor Dorfbaum etwas zu schnell, „Sie haben vollkommen Recht — —“
Andreas, der behindert zwischen ihnen saß, fand es etwas komisch, daß beide Herren Monokel trugen, der eine ein rundes, der andere ein eckiges. Sie verneigten sich viel und waren sehr höflich gegeneinander.
Am Ende zeigte von Pritzlewitz ihnen seine kostbaren kleinen Antiquitäten in Ebenholzkästen, silberne Schalen und erlesene Bronzen. „Ja,“ sagte er, „dergleichen braucht ein kultivierter Mensch —“
Und beim Abschied beteuerte er noch einmal, während er ihnen die schmale Hand hinhielt und tückisch lächelte: „Nein, von dem Jungen weiß ich in der Tat nicht das geringste. Übrigens war er charmant gewachsen“, fügte er sachlich hinzu.
Im Hotelzimmer verabschiedeten sich Doktor Dorfbaum und Andreas. Jetzt mußte Doktor Dorfbaum nach Berlin zurück.
„Ich wünsche dir weiter viel Glück auf deinen Forschungen“, sagte er, aber sein Lächeln war mühsam. „Viel Glück wünsche ich dir für alles.“ Er stand mit einem großen, roten Rosenstrauß da und so sah er wie ein grotesker Bräutigam aus. „Behalte die Tage mit mir in nicht zu schlimmer Erinnerung —“, sagte er noch und seine hellblauen Augen hatten einen sonderbar starren Blick. Und Andreas auf seinem Hotelstuhl sagte plötzlich, als würde mit einem Mal ihm etwas Sonderbares deutlich: „Ja — jetzt ist das vorbei —“ und seine Augen füllten sich mit Tränen wie die des traurigen Herrn.
„Wenn du kein Geld mehr hast, weißt du, an wen du dich wendest“, sagte der noch. — Er hatte Andreas zuletzt das Bild, auf dem Niels mit Marie Therèse spielte, zu einem unverhältnismäßig hohen Preis abgekauft, um ihn nicht zu direkt und in bar beschenken zu müssen. „So habe ich doch auch ein Bild deines Lieblings“, hatte er in schmerzlicher Schelmerei gesagt.
„Ja“, sagte Andreas, „danke“.
Der Doktor ging langsam zur Türe, dick und bekümmert. „So vieles wäre noch auszusprechen — aber jetzt geht ja mein Zug“, sagte er und winkte zum letztenmal, während er schon das Zimmer verließ.
Andreas, der ganz starr an seinem Tisch saß, las noch einmal eine Karte, die ihm hierher nachgeschickt worden war. „Mein liebster Andreas! Ich denke beinahe den ganzen Tag an Dich. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Vielleicht sehe ich Dich bald. Dein Paulchen.“
Andreas ließ die Karte hinsinken. Er dachte er könnte jetzt weinen, aber die Not, die ihm das Herz zusammenschnürte, war solcher Art, daß sie sich nicht in Tränen lösen durfte.
Paulchens Schrift war so ängstlich und dünn —
Um diese Zeit lernte Andreas es wieder, zu lesen.
Wie damals, als er noch im Hause seines Vaters wohnte, lagen die Bücher in kleinen Stapeln um ihn herum, waren in Reihen auf Tische und Fächer gestellt, waren verstreut über alle Stühle und selbst übers Bett, aufgeblättert oder mit Lesezeichen. Nordische Bücher und deutsche und französische und englische Bücher. Er las beinahe den ganzen Tag und dann am Abend, aufs Bett gestreckt, wenn die Nachttischlampe zu seiner Seite brannte. Die Wolken des Zigarettenrauches erfüllten verschlungen das gleichgültig komfortable Hotelzimmer. Zuweilen läuteten und redeten die großen Glocken vom Dom, der seinem Hotel gerade gegenüberlag.
Wie füllte sich das kleine Zimmer da mit Gestalten. Lieder wuchsen aus allen Ecken, starke und leise Melodien kamen von oben und unten. Große Klagen wurden da laut, die ewige Traurigkeit aller Kreatur stand auf und sang und es schimmerte hohe Glückseligkeit, die Hoffnung auf Ruhe, auf Klarheit ist. — Zwischen all dem saß Andreas Magnus, den Kopf in beide Hände gestützt und las und las.
Einer hatte die Wälder gesehen und wie Gott in ihnen scherzt und jammert. Er hatte die Bäume gesehen, in denen sich Gott heiter und gewaltig offenbart. Er hatte die Frauen und Mädchen gesehen, in denen Gott sein Spiel und sein Wunder hat. Der ging hin und erzählte von den Bäumen, den Wäldern und den Frauen. Er hieß Knut Hamsun und hauste hoch oben im Norden. Andreas Magnus in seinem Hotelzimmer las seine Geschichten, die von Gott handelten, der in der belebten Natur sein großes Wesen trieb. Die Wälder rauschten, die Bäume standen im Wind, die Frauen quälten sich und andere in rätselhafter Süße. — Der Träumer in seinem Hotelzimmer stützte den Kopf in die Hände und sah ihnen zu.
Und einer hatte wo anders gelebt, im Lande Amerika — war jetzt schon tot und gereinigt — der hatte alles gewußt vom Körper und hatte ihn besungen, den „Leib, den elektrischen“, hatte von ihm gesprochen, über ihn gelacht, um ihn geweint in kindlich-heftigen, ungeordnet-ekstatischen Prosagesängen. Er war der Lebensvollste von allen, ihn verband sein stolzer Leib am innigsten dieser Welt und ihrer geheimnisvollen Herrlichkeit. Und doch geschah es auch ihm, daß er „nachdenklich und stockend“ die Worte hinschrieb: „Die Toten“. „Denn lebend sind die Toten“, sang der dithyrambische Sänger des Leibes und seiner Kraft und fügte in versonnenen Klammern hinzu: („Vielleicht die einzig Lebenden, einzig Wirklichen. — Und ich die Erscheinung, ich das Gespenst.“) — Über Walt Whitmans Lieder gebeugt saß Andreas. Der wußte ja alles vom Leibe — — der hatte ja acht und Augenmerk auf nichts anderes, er sagte: „Ich sehe den Körper, ich schaue auf ihn allein, dies Haus — — voll Leidenschaft und Schönheit, nichts anderes beachte ich — — — das Haus allein — das wundersame Haus — dies zarte, schöne Haus — — dieses unsterbliche Haus, mehr als die Wohnungen je erbaut! Mehr als das mit weißer Kuppel prangende Kapitol, überragt — von majestätischem Standbild oder alle die alten, hochtürmigen Dome. — Dieses kleine Haus allein mehr als sie alle — armes, elendes Haus! — — Verworfenes, gemiedenes Haus — nimm einen Hauch von meinen bebenden Lippen — nimm eine Träne, die mir entfällt, da ich deiner gedenke — —“ So hatte der in Amerika gesprochen, zum toten Körper einer Straßendirne, den er im Leichenhaus fand. Und dieser Andreas Magnus, viele Jahre später, neigte sein Gesicht zu diesem Liede, das er verstand.
Aber über den Körper, den Walt Whitman in orgiastisch kindlichen Ergüssen feiern durfte, hatte ein anderer, ein Hochmütiger, Einsamer, Abgewendeter in Deutschland Lieder gesungen, die waren so schlank und biegsam adelig, wie die süßen Leiber, denen sie herbe Huldigung erwiesen. Wenn der eine seine Liebe wie heiligen Katarakt hatte strömen lassen, hatte der andere sich aus ihr die zarteste und strengste Form erlitten. Wo der eine zu demokratisch-erotischer Gemeinschaft die Arme geöffnet hatte, um des geliebten Menschenleibes willen, hatte der andere mit dem aristokratisch erlesenen Kreise sich abseits gestellt über das Volk. — Andreas Magnus sprach Stefan Georges wundersamste Liebeslieder, in denen die große Lust, und das große Leid am Körper sich sammelte und reinigte zu der biegsamsten Form, in sein raucherfülltes Zimmerchen hinein. Da begriff er wohl den tiefen Zusammenhang, der zwischen dem priesterlich vereinsamten Diener des „Maximin“ und dem Künder des „Leibs, des elektrischen“ bestand, und daß er sie beide lieben durfte.
Er trat an das Fenster, und er sah an der Höhe des Domes hinauf, so daß ihm schwindelig wurde. Aber vor dem Dom lag ein runder Platz, auf dem die Menschen schwärzlich umherwimmelten. Winzige Trambahnen überquerten ihn klingelnd. Wie aus solcher Vogelperspektive bis zum Scherzhaften sich alles verkleinerte! — Soldaten marschierten vorbei. Ein Miniaturlärm, ein komisches Geklingel kam herauf geflattert. — Aber der Dom sang und läutete über den Platz.
Andreas trat ins Zimmer zurück. Vorm Spiegel blieb er stehen, wo zwischen Halbdunkel und grauem Rauch sein Gesicht ihm entgegenschaute — ein Knabengesicht, aber ermüdet schon vom Leben und Reisen. Er dachte plötzlich: da draußen marschieren Soldaten, jeder mit seinem Körper. Jeder hebt seine Beine, und die Füße tuen ihm weh. Jeder mit Haar und Blick und Mund. Jeder mit dem Rätsel seines Geschlechtes. Jeder hat des abends qualvolle Auseinandersetzung oder freudiges Beisammensein mit seiner Braut. Oder mit einem Kameraden innige, zärtlich versteckte Freundschaft. — Und so viele Frauen waren da, viele Frauen, jede mit ihrem Körper, dicke Frauen, magere Frauen, Frauen jeder Statur. Ein Wald von Frauen, ein Wald von Frauenkörpern, von Körperschicksalen. — Und Andreas sagte plötzlich in sein eigenes Gesicht hinein: „Was soll nun aus ihnen werden?“ — Und ein Schauder, ein Schrecken lief ihm den Rücken hinunter und den ganzen Leib, vielleicht nur, weil plötzlich seine Stimme laut wurde und ein wenig heiser klang, in einem Zimmer, in dem so viel geschwiegen worden war. Aber zum erstenmal hatte er nicht das verschlungene Problem seiner eigenen Generation nur gemeint mit dieser Frage: „Was soll nun aus ihnen werden?“ — Um alle war diesem einen da Angst geworden, um alle diese Körper und was Gott nun mit ihnen vorhatte. „Was soll aus ihnen werden? Wohin wird es noch führen?“ fragte er noch einmal leiser und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
Immer deutlicher sahen drei Gesichter aus dem Schatten ihn an, es schienen ihm unter allen Dichtern die drei geprüftesten, die drei Gebenedeitesten zu sein, und sie waren es, die er am meisten liebte.
Als Achtzehnjährigen erschaute er den nordisch-heimatlosen Erzähler. Der schöne Kopf war von ihm abgewendet, die dunklen Augen schauten fort ins Ferne. Die Bücher, die dieser später geschrieben hatte, lagen alle neben Andreas, der sie beinahe auswendig kannte. Die Melodien dieser Bücher hatten alle den gleichen Refrain. Ihr Inhalt war immer wieder, daß der dem Tode zu tief Verbundene heimatlos ist auf Erden. Daß die auf Erden also Heimatlosen den geliebten Körper lieben mit der hoffnungslos-inbrünstigen Liebe, die sie dem Leben selbst verbindet: das erzählten die Bücher. Dies alles hatte die Trauer des abgewendeten Knabenblickes schon lange begriffen.
Diesen liebte Andreas als seinen liebsten Bruder.
Aber im Dunkel erschien ihm ein anderer Kopf. Einem verkommenen Faunsschädel glich er mit zottigem Bart, mit kahler Stirne und trunken lallendem Mund. Andreas dachte erst, er müsse die erloschenen Augen eines Bettlers haben, aber dann erkannte er in diesem zerstörten Gesicht den betenden Blick. Andreas glaubte zu wissen, was dieser Blick hatte schauen müssen, bis solch trunkene Marienfrömmigkeit in ihn gekommen war. Nur wer hindurchgegangen war durch alle Mysterien des Leibes, nur der war reif und rein genug für die andere Offenbarung. Davon hatte der beschmutzte Alte Zeugnis abgelegt in zauberhaften Wortgebilden. Sein Mund hatte von beiden Mysterien gesungen, die sich unlösbar ineinander verschlangen, nur weil er so inbrünstig verstrickt gewesen war in das erste, konnte er in das zweite so wundersam eingehen.
Vor diesem Dichter neigte der junge Andreas wie anbetend das Gesicht.
Verkommen war auch das dritte Gesicht, das sich ihm zeigte, gedunsen, gepeinigt, todmüd wie nach einem Passionsweg. Was war dieses Lebens Passion gewesen, das in Glanz und Künstlichkeit begann, in irdisch glitzerndem Ruhm und Übermut enden zu sollen schien? — Die Liebe zum Leib war dieses Lebens Passion gewesen. Ihm war es bestimmt, aus der oberflächlich-launischen Heiterkeit seiner triumphalen Jugend in das Labyrinth der Liebe immer tiefer sich zu verirren. Daß das Leben funkelnde Lustigkeit wäre, war die freche Behauptung seiner kühnen Dandy- und Artistenjugend. Daß das Leben Leid war, lernte er durch die Liebe zum Körper begreifen. Von Station zu Station führte sein Golgathaweg von da ab, bis er reif war zum Tod.
Vor der Legende dieses Lebens erschauerte Andreas am tiefsten. —
So war die Liebe des ersten die nämliche hoffnungslos-inbrünstige Hingabe gewesen, wie seine Liebe zum Leben, in dem er sich Fremdling fühlte. So war die Liebe des zweiten der dunkle, unergründliche Durchgang gewesen, durch den er eingehen sollte in die andere Liebe. So war die Liebe des dritten der Golgathaweg gewesen, auf dem er wandern mußte zur Erkenntnis des Leides und zur Erkenntnis des Todes.
Das waren die Dichter, die Andreas am meisten liebte. Das waren die Namen, mit denen er sich am innigsten verbunden fühlte: Herman Bang, Paul Verlaine und Oscar Wilde.
Wenn er aufsah, standen die Rosen vor ihm, die Doktor Dorfbaum ihm geschenkt hatte. Sie waren schon welk, schwärzlich und beinahe duftlos. Zwischen den Büchern standen ein paar Photographien. Sein Vater, Marie Therèse, Frank Bischof und Ursula sahen ihn an, als wollten sie alle von ihm dasselbe wissen.
Das Mädchen meldete, ein junger Herr sei draußen und geleitete dann Paulchen ins Zimmer. Paulchen blieb mit ängstlich zusammengezogenem Mund an der Türe stehen und setzte sich auch nicht, als Andreas ihm einen Stuhl hinschob. Er hatte den damenhaft gefältelten Mantel an und den grauen Filzhut. Seine Schuhe waren lang, hellgelb und spitz. Er hüstelte und befand sich in arger Verlegenheit.
Andreas lächelte ihm ermunternd zu und begann als erster zu sprechen. „Das ist nett, daß du da bist“, sagte er und fragte ihn, ob er denn hier auftreten wolle und ein Engagement habe. Aber dazu schüttelte Paulchen den Kopf. Nein, ein Engagement habe er nicht. „Ich bin nur geschäftlich hier, ja, in Angelegenheit der Meyerstein“, erfand er geschwind aus dem Stegreif und errötete flüchtig über der Lüge.
Dann setzte er sich trotz allem — kokett, wie stets, und mit unnötig weit hinaufgezogenen Hosen, so daß die Beine bis zur Wadengegend in hellen Seidenstrümpfen sichtbar wurden — und bekam sich soweit immerhin in die Gewalt, daß er Klatschgeschichten erzählen konnte. Ja, die Witwe Meyerstein hatte sich nun endgültig verlobt. Mit Professor Sonn, ganz recht. Die Pension aber, die ihren Namen führte, gedachte sie deshalb nicht aufzugeben. Sie wollte selbstständig bleiben und ihr eigenes Brot verdienen, Paulchen konnte das nur vernünftig finden — von Henriette sollte er Grüße bringen, sie gedächte seiner. „Der hast du es angetan!“ rief er plötzlich laut und schlug Andreas schwerenöterhaft auf die Schulter. Aber dann sanken ihm die Hände gleich wieder in den Schoß zurück — die dicht beringten und doch so leichten Hände. — Fräulein Lisa ging es nicht gut, sie litt an dauerndem Geldmangel und würde wohl nächstens einen der schwarz zugeknöpften Theosophenherren heiraten müssen, was ihr gewiß nicht leicht fallen konnte. Und Fräulein Anna arbeitete immer noch in ihrem dunklen Zimmer mit Bast und Metall. — Aber als Andreas ihn fragte, ob er denn keine neuen Nachrichten von der dicken Fräulein Barbara wisse, lächelte Paulchen nur ängstlich auf seine Schuhspitzen hinunter. „Ja, die ist wohl noch in ihrer Korrektionsanstalt“, sagte er und schüttelte ratlos den Kopf dazu.
Von Fräulein Franziska dagegen, nach der Andreas übrigens bis jetzt seinerseits sich nicht erkundigt hatte, war Paulchen etwas für ihn eingehändigt worden, ein kleines Geschenk, das wollte er ihm später noch geben. „Mit der Zeiserich ist sie jetzt auseinander,“ wußte er zu berichten, „momentan singt sie im Operettentheater — ja, in einer humoristischen Chargenpartie — —.“
Paulchens Blick ging im Zimmer umher. „Wieviel Bücher hier sind“, sagte er, und es war, als füllte sein Blick sich mit Angst. „Ich kann nicht lesen,“ gestand er und zog die Schultern zusammen als friere ihn, „mich machen Bücher immer nervös — — ich glaube auch, es werden bald überhaupt gar keine mehr gedruckt werden. Nein, nein, nein,“ behauptete er eifrig und mit einer zugleich schüchternen und verächtlichen Geste über die Bücher hin, die aufgeschlagen oder mit Lesezeichen auf allen Stühlen, Fächern und Tischen lagen, „was haben sie auch für Zweck? Sie handeln alle davon, daß die Menschen es schwer haben, aber das wissen wir sowieso. Manche erzählen dagegen, sie hätten es meistenteils schön — und das wissen wir doch auch, soweit es überhaupt stimmt. Das Interesse an Büchern läßt bestimmt mehr und mehr nach. Mir, auf jeden Fall, sind sie ganz gleichgültig —.“
Er hatte sich auffallend erregt und war sogar aufgestanden. Er trat vor den Spiegel und ordnete sein künstlich gewelltes, kastanienfarbenes Haar. Andreas beobachtete dieses weiße Gesicht im Glas. Wie sorgfältig die Wimpern wieder geschwärzt, wie akkurat die schmalen Lippen nachgezogen waren. Aber um diese Lippen hatten sich die dünnen Leidenszüge inzwischen viel tiefer gegraben. Armes Tänzergesicht — —.
Vorm Spiegel verstummte Paulchen mit einem Male. Da auch Andreas nichts sagte, mußte er sprechen, aber sein leeres Gehirn, das nichts erfaßte und niemals begriff, fand keine andere Formel und keinen anderen Ausdruck als damals in jener Nacht: „Sonst fliege ich doch gar nicht so leicht auf irgendwen,“ sagte er plötzlich, und seine glanzlosen Augen wußten nicht, was für ein angstvolles Feuer sich in ihnen entzündete, „sonst laufen mir immer so viele Herren und Damen nach. Und als ich dich zuerst gesehen habe, dachte ich ja schon, daß wir gemütlich zusammensein sollten, und daß du mir gut gefielst — aber das habe ich doch nicht gedacht.“
Andreas wollte etwas erwidern, etwas Tröstendes vielleicht, aber Paulchen sprach schon weiter mit einer hohen, quiekenden, entsetzten Stimme. „Ich verstehe das gar nicht“, jammerte er, nicht wehleidig eigentlich, sondern ratlos eher, wie einer, der sich verirrt hat. „Bist du denn wirklich so schön? — Aber ich bin doch auch hübsch und gefalle mir gut, wenn ich mich so im Spiegel betrachte.“ — Und weil er sein Blut nicht verstand, das dunkel und heftig in ihm redete, zog er sich wie ein Verfolgter und mit aufgerissenen Augen gegen die Wand zurück. „Du glaubst gar nicht, wie es mir ergangen ist in diesen letzten Tagen,“ rief er in seiner Not, „nichts mehr hat mir ein bißchen Spaß gemacht. Dieser Niels schläft doch mit jeder Frau. Ich weiß schon, daß dieser Niels mich aussticht. Ich meine es doch so ernst. Bin ich dir denn widerlich?“
Andreas, der ebenso blaß geworden war vor seinem Tisch wie der andere, wollte bessern, erklären, richtigstellen. „Aber Paulchen,“ sagte er, und seine Hände machten sich verwirrt mit den Büchern zu schaffen, „so rede doch nur nicht so — das ist ja alles ganz falsch — ich mag dich doch gerne —.“
Aber Paulchen fiel ihm ins Wort, halsstarrig, gepeinigt und unverständig. „Das genügt nicht. Ich sage dir doch, das genügt nicht!“ Und dann schrie er ins Zimmer hinein, während sein Mund sich aufgerissen verzerrte: „Ich liebe dich doch —.“
Darauf durfte er das Gesicht in die kühlen, beringten Hände legen.
Er hörte Andreas Stimme bei sich. „Jetzt weinst du,“ tröstete sie, „aber es wird alles noch gut. Sei froh, wenn du liebst.“ — Aber Paulchen, ohne zu verstehen, schüttelte schluchzend den Kopf. „Du verstehst mich nicht,“ sagte Andreas und zog ihn auf einen Stuhl hinab, „wovon solltest du tanzen, wenn du nicht liebst?“ Aber er hörte zu reden auf und verstummte mit einem Male. Angesichts dieses Körpers, der sich da neben ihm, ohne zu wissen warum, im Weinen bog und krümmte, erschien ihm jeder Trost zu flach und wie sinnlos. Da er alles, was er in jener Nacht und später hatte leiden müssen und litt, in diesem armen, törichten Schluchzen wiederfand, verzichtete er darauf mit Worten glatt zu machen, was tiefer aufgewühlt war als Worte reichen. Vielleicht würde sich’s noch zum Guten wenden.
Zwischen Paulchens Händen kam es hervor: „Ich tanze nicht mehr — nie mehr kann ich jetzt tanzen —.“ Und durch seine schönen Finger rannen die Tränen und fielen tropfenweise auf seine gelben Schuhe herab. — „Du hast mich vorhin gefragt, warum ich hierher gekommen sei,“ brachte er mühsam hervor, „um dir das zu sagen bin ich hierher gekommen — das kann mir doch niemand verdenken — —.“
Als er die Hände dann vom Gesicht nahm und aufstand, waren seine Tränen getrocknet. Aber etwas in seinem Blick hatte sich verändert. „Jetzt muß ich dir auch Fräulein Franziskas Geschenk noch geben“, sagte er und reichte ihm einen kleinen, flachen Gegenstand, ein Bild augenscheinlich, in Seidenpapier gewickelt. „Und das hier ist auch für dich“, sagte er plötzlich rasch und knüpfte sich ein feines, goldenes Armkettchen ab. — Andreas sagte nur: „danke“ — mit niedergeschlagenem Blick. — Als er dann Paulchens kühle, federleichte Hand in der seinen hatte, begegneten sich ihre Augen — Andreas war es, als sei es zum ersten Male. Paulchens Blick war härter geworden, schwärzer und härter. Da sagte Andreas nicht, er solle keine Dummheiten machen und Selbstmord sei stets ein Unrecht gegen sich selbst. Er sagte nur: „Auf Wiedersehen“, und der andere sagte: „Auf Wiedersehen“, es war zwischen ihnen ein kurzes, geheimnisvolles Abschiednehmen. Es war, als wollte der eine sagen: „Grüße für drüben —“ und der andere entgegnete mit seinem schwarzen Blick: „Eines Tages kommst du ja nach —.“
Dann ging Paulchen davon mit kleinen, eiligen Schritten im gefältelten Damenmantel, das farblose Gesicht vom breitrandigen Filzhut beschattet.
Als Andreas noch aufrecht am Tische stand, hörte er den scharfen Laut seines Revolvers im Korridor. Es war ein Knacken beinahe mehr, als ein Knallen. Auch als draußen schon die Mägde und Frauen zusammenliefen, bewegte er sich nicht. Mit langsamen Bewegungen nahm er Fräulein Franziskas Geschenk aus der Seidenpapierhülle.
Draußen wurden die Rufe: „Mein Gott! Einen Arzt! Einen Arzt!“ schon lauter. Andreas verfolgte, ohne sich zu rühren, jeden einzelnen Laut. Jetzt schaffte man den Körper auf eine Bahre. Er aber stand und hatte Niels’ Photographie in der Hand, die aus einem dunklen Hintergrund ernst zu ihm hersah.
Andreas träumte vor Niels’ Photographie.
Ihm war es, als fände er alles was in ihm selber Traum, Ahnung, Sehnsucht und Gedanke gewesen war wieder in der Ruhe dieses Gesichtes. Ihm war, als sei hier die Traurigkeit und die keusche Glückseligkeit aller Kreatur ein Körper geworden. Und er wußte nicht, daß das „lieben“ heißt: die ganze Schöpfung in einem Körper wiedererkennen. Er wußte nicht, daß eine Stimme lieben bedeutet, in einer Stimme alle Melodien wieder zu hören und zu begreifen. Er hatte ja das Gras und die Bäume gesehen und gefühlt, als sei es zum ersten Male, als er diesen zuerst hatte sehen dürfen.
Andreas gab sich dieser Liebe ganz hin, die er nicht als Verirrung empfand. Ihm kam es nicht in den Sinn, sie vor sich zu leugnen, sie zu bekämpfen als „Entartung“ oder als „Krankheit“. Diese Worte berührten die Wahrheit so wenig, sie kamen aus anderer Welt. Gut hieß er diese Liebe vielmehr ganz und gar, er lobte sie, wie alles was Gott gab und verhängte — sei es noch so leicht oder schwierig zu tragen.
In tiefen Stunden verloren sich seine Augen in dieses Menschengesicht, das ihm fremd war wie keines und vertraut, wie keins. Am Ende war es ihm, als erkenne er sogar sein eigenes Gesicht in diesem wieder. Geheimnisvoll klagte seine eigene Einsamkeit aus der Einsamkeit dieser Augen. Das war aber dieselbe Klage wie in des Vaterlandslosen abgewandtem Blick. Das war des Fremdlings Klage.
Man liebte das Leben in seiner schimmernden Rätselherrlichkeit und in der Liebe zu des Menschen Leib verdichtete sich alle Liebe zum Leben. Die aber niemals völlig eins werden durften mit dem geliebten Leib, die mußten auch immer Fremdlinge bleiben im großen Leben, in welchem aufzugehen ihre Sehnsucht war.
Das war in dieser Stunde die Erkenntnis des Jünglings, der den Tod gesucht hatte und auf der Stimme Befehl ausgezogen war, um die Unschuld des Lebens zu suchen. Da saß er vor einem Bilde. Aber dieses fremde, geliebte Antlitz wich zurück und war unfaßlich in seiner Stille.
Im Grunde begriff Andreas’ Herz schon, daß dies ein Abenteuer gewesen sei — das wundersamste, reichste seines jungen Lebens — aber jetzt schon beinahe vorbei. Aber das wagte er sich selbst nicht einzugestehen. Daß er weitersuchen müsse, wagte er sich selbst nicht zu sagen. Es ließ sich so hart an — —.
Da stieg jenes Lächeln in ihm auf, das ihm als Mitgift gegeben war zu jener Not, das immer kam, immer siegte, wenn es am schlimmsten war, und und das es „besser wußte“ am Ende.
Dies Lächeln verstand: Vereinigung mit dem geliebten Körper ist uns niemals gegeben, des Menschen Körper ist alleine für alle Ewigkeit. Blieb aber diese Liebe, die also auf des Geliebten Besitz verzichtet hatte, groß genug, so konnte sie vielleicht dem geliebten Körper helfen in seiner Einsamkeit. Das war mehr, als sich sagen ließ.
Das war sein bester, sein innigster Traum. Der Traum erfüllte mit Zärtlichkeit sein Herz. Zärtlichkeit war wie Musik in ihm.
So galt es einen zu finden dem man alles gab, ohne ihn zu besitzen, dem man helfend treu blieb bis zum Tod, ohne ihn zu besitzen. Das war das Wunschbild seiner trunkenen Zärtlichkeit, das war seiner mißverstandenen Liebe Sinn und große Lösung: dem ewig fremden Geliebten helfend, erziehend nahe bleiben bis zum Tod. Dann konnte man in Freuden die letzte, geheimnisvollste Stunde grüßen. Dann war es ja schön gewesen — trotz allem.
Dieses Antlitz entglitt. So galt es, weiter zu suchen.
Aber, als habe er mit einem Male alles vergessen, nichts im Grunde verstanden, legte er plötzlich sein Gesicht gegen das kühle Glas der Photographie, so als wäre dieser Kuß für alles andere köstlicher Ersatz.
Das Träumen, das stille Alleinsein, das unbeschränkte Schweifen der Gedanken stimmte Andreas weich. Daher kam es, daß er sich Wünschen, Sehnsüchten, Versuchungen hingab, denen er einstmals so streng entsagt hatte aus Stolz und Trotz. Es saß und träumte von zu Hause. Heimkehren dürfen — —
Jetzt würde er die Tage in der väterlichen Villa nicht mehr unter der Geißel unnatürlicher Anspannung, fruchtlos verkrampfter Bemühung verbringen. Er hatte gelernt in diesen Monaten. Gelernt hatte er, als er, vom Ungeziefer ruiniert, im Zimmer der Chauffeursgattin weinte. Gelernt, als er bespöttelt auf der Kabarettbühne stand und danach in traumwandlerischer Gewandtheit Doktor Dorfbaum in der Garderobe begrüßte. Unendlich viel hatte er doch gelernt, als er, das Gesicht auf rauhes Leinen gepreßt, an Niels’ Lager gebetet hatte.
Er sagte sich, daß es jetzt schon genug sein müsse. Er war der verlorene Sohn, der allein verloren zwischen Büchern in einem Hotelzimmer sitzt und vom Ausruhen träumt. Draußen im Gang hatte Paulchen mit einem leisen Knax ein Ende gemacht. Es mußte genug sein — —.
Gegen Abend würde sein Zug an der Bahnhofshalle der Heimatstadt einfahren. In der noch nicht ganz schwarzen, sondern matten und schattigen Dunkelheit des sich senkenden Abends sind die Bogenlampen breit und gelb für ihn aufgehängt. Gedämpfter Lärm, gutmütiges Rumoren klingt ihm entgegen. Selbstverständlich wird er am Perron schon erwartet. Säuerlich erheitert über die Sensation seiner Ankunft schwenkt ihm das Fräulein Zimmermädchen ihr Tüchlein entgegen. Marie Therèse ist da, reizend in ein graues Pelerinenmäntelchen gekleidet. Der Vater allerdings ist nicht gekommen ihn abzuholen — der erwartet ihn wohl zu Hause. — Marie Therèse wendet ihm ihr kleines, helles Gesicht entgegen mit etwas zu großem Mund und winziger Nase, schlau und doch unschuldig. Von weitem schon plaudernd, streckt sie nach ihm die zarten und beschmutzten Händchen, sie beteuert zwitschernd, daß sie sie erst kürzlich gewaschen habe. Voll Zärtlichkeit schmiegt sie sich an ihn (weiß nicht, daß er „der verlorene Sohn“ doch ist), und er ist ihr so dankbar, weil sie ihn bei der Hand nimmt und plaudernd hinaus zur Kalesche begleitet. Die treue Kalesche — sie steht bieder bis zum Ergreifenden, ganz vereinzelt und unzeitgemäß auf dem Bahnhofsplatze, und die alten Pferde — ein braunes, ein weißes — halten so fromm die Köpfe gesenkt. — Zu Hause wird der Vater auf den Stufen des Portales stehen, wird winken und alles Arge vergessen haben.
Andreas lächelt und träumt. „Dann darf ich auch wieder mit Ursula gegen Abend spazierengehen in der Umgegend der Stadt, wo die Wiesen kahl sind und die Ziegelbrennereien stehen. Von einer vereinzelten Anhöhe aus sehen wir über die Stadt, sie liegt vorm Abendhimmel mit ihren vielen Kirchtürmen. Der Abendhimmel ist wolkig und violett, aber vom Osten her kommt es schon dunkler. Ursula steht mit geneigtem Kopf, ihre Augen schimmern ins Rötliche.“
Andreas steht auf, geht an den Schreibtisch. „Genug ist es,“ denkt er im Gehen, „jetzt ausruhen dürfen — — —“
Er setzt sich und schreibt: „Lieber Vater — —“
Es klopft, der Page bringt einen Eilbrief. Er ist nach Berlin adressiert und ihm hierher nachgeschickt worden. Der Poststempel ist aus Paris. — Andreas schlägt das Herz bis zum Halse, obwohl er die Handschrift nicht kennt. Seine Hand zittert, während sie den Umschlag zerreißt. Er vergißt, sich wieder zu setzen, aufrecht im Zimmer stehend liest er:
„Mein lieber Andreas! Vielleicht wirst Du Dich wundern, so lange von mir nichts gehört zu haben. Ich war die ganze Zeit unterwegs. Jetzt bin ich in Paris und wohne bei Gert Hollström, einer Bildhauerin. Meine Adresse ist: Rue Lepic — — —. Vielleicht kommst Du einmal und besuchst mich.
Mit Grüßen Niels.“
Andreas läßt den Briefbogen sinken. Er starrt in die Luft, als höre er dort ein großes Rauschen. Seine Augen schauen starr wie bei solchen, die überwältigende Musik hören und ganz entrückt von ihr sind.
Schleppenden Ganges geht er zum Telephon. Er spricht langsam. „Ich möchte ein Telegramm aufgeben — ja — nach Paris, bitte. Herrn Niels, Paris, Rue Lepic bei Gert Hollström“ — Der Portier unten scheint etwas zu fragen. Aber da lächelt Andreas. „Nein, der Herr heißt nur Niels,“ sagt er lächelnd, „das ist sein ganzer Name. — Der Text ist: Komme sofort mit Flugzeug. Bin heute abend bei Dir.“ — Der Portier wiederholte den Namen, die fremdländische Adresse, den kurzen Text. Andreas sagte: „Danke!“ und hängte ein.
Er legte sein Gesicht, das immer noch lächelte, gegen das kühle Metall des Telephonapparates. Sein Körper entspannte sich. Zitternd am ganzen Leib, lachte er still in sich hinein.
Er dachte, daß er jetzt etwas tun, unternehmen müsse. Er klingelte nach dem Pagen, der ihm den Pariser Brief gebracht hatte. Der Page war ein wenig verschüchtert, er dachte, er hätte alles ganz falsch gemacht oder zum mindesten eine Unglücksnachricht übermittelt, für die er nun grausig zur Rechenschaft gezogen werden solle.
„Wie heißt du?“ fragte der junge Herr ihn streng. „Fedor Meyer.“ „Dein Herr Vater?“ „Viktor Meyer.“ „Deine Frau Mutter?“ „Annaliese Meyer.“ „Wie alt bist du?“ „Dreizehn Jahre —.“
Da lachte Andreas. „Du bist dreizehn Jahre,“ rief er immer wieder, „du bist nett — du bist nett. Weißt du denn, daß du nett bist?! Vielleicht komme ich einmal und besuche dich. Aber du wohnst ja nicht in der Rue Lepic —.“
Er schenkte ihm fünf deutsche Reichsmark und ziemlich viel Milchschokolade. Er sagte ihm Komplimente über seinen blonden Scheitel und machte ihn ausführlich darauf aufmerksam, daß er in Fedor von Zobeltitz einen berühmten Namensvetter habe. — Der Page Meyer, der nunmehr erkannte, daß er es mit einem harmlos Wahnwitzigen zu tun habe, zog sich erheitert zurück.
Später schrieb Andreas den Brief an seinen Vater zu Ende, der einen so anderen Inhalt hätte haben sollen.
„Lieber Vater!“, lautete der Brief. „Ich habe die ganzen letzten Wochen vorgehabt, Dir ausführlicher zu schreiben, Du mußt nicht glauben, daß ich aus bösem Willen geschwiegen habe. So oft denke ich an Dich und an Marie Therèse und an alle. Aber das Leben macht einem soviel zu schaffen, es nimmt einen in Anspruch — —“
Er hielt inne im Schreiben. Mit Ursula Bischof würde er nun nicht in der kahlen Landschaft spazieren dürfen. Ursula war seine Braut, und sie erwartete ihn.
„Aber dafür ist es oft so schön“, schrieb er weiter.
Kurze Zeit ehe er das Hotel verlassen mußte, als er seinen Koffer schon verschlossen hatte und mit der Zigarette reisefertig und untätig auf einem Stuhle saß, wurde ihm eine Dame gemeldet, und gleich darauf erkannte er die schweren, etwas schleppenden Schritte, die sich seiner Türe da näherten.
Mit trübrotem Hütchen zu eisengrauem Kostüm stand Fräulein Franziska bei ihm, als wäre sie niemals auf eine Minute nur fortgewesen. Sie lächelte wie in den Stunden, da sie sorglos war, „püh, püh!“ und „na, na“ sagte und alles von der leichten Seite nahm. — Andreas war erschrocken, als habe er eine Vision. „Bist du denn auch hergekommen?“ fragte er und schüttelte ratlos den Kopf. — Aber sie hatte sich, ohne daß er ihr einen Stuhl angeboten hätte, schon gesetzt, sie hatte ihr Hütchen abgenommen, und ihr buntes Gesicht war ernst geworden. „Ja, ja,“ entgegnete sie auf seine Frage flüchtig, während sie ihn mit zusammengekniffenen Augen prüfte, „es ist mir sogar sehr angenehm, daß ich dich noch hier treffe, ich höre beim Portier unten, du seist in der Abreise begriffen. Ich hatte die letzten Tage in Berlin sonderbarerweise andauernd die Idee im Kopfe, du würdest Deutschland nächstens auf längere Zeit verlassen —.“ „Ja,“ sagte Andreas — und wußte nicht, warum ihm solche Angst den Hals zusammenschnürte, „ja, das habe ich allerdings vor. Bist du denn aber nur zum Abschiednehmen gekommen?“
Sie saß mit auseinandergespreizten Knien, die Füße breit vor sich hingestellt. Unter gesenkter Stirne sah sie verdüstert zu ihm hinauf. „Nein,“ lautete ihre kurze Antwort, „ich habe dir etwas zu sagen.“
Sie stand auf und stellte sich gerade vor ihn hin. Sie stand schwer, und ihre Kleider hingen in Falten sonderbar unordentlich um sie. „Fällt dir nichts an mir auf?“ fragte sie sachlich, aber ein wenig leiser und schlug die Augen dabei nieder. „Was denn? Ich bitte dich: was denn?“ flüsterte er, zitternd in dieser unerklärlichen Angst, aus seinem Stuhl. — Sie hatte ein Gesicht wie immer, mit zerstörter Haut und ziegelrotem Mund. Oder war es nicht doch ein fremdes Gesicht? Ein nie gesehenes Gesicht? — Da sagte sie’s noch einmal, ganz sanft, bittend beinah’ und während sie ihre Hand in die seine legte: „Fällt dir denn nichts an mir auf, Andreas?“ — Aber er sagte nur: „Ich weiß nichts —“, und seine Hand zitterte unter der ihren.
Da beugte sie sich zu ihm hinunter, und, während er furchtsam die Augen schloß, sagte sie nahe bei seinem Ohr: „Ich bekomme ein Kind, Andreas — — —“
Andreas schreckte nicht auf, er umklammerte nur ihre Hand ein wenig fester. „Von wem?“ fragte er rasch — und wußte doch, welchen Namen sie sagen würde. Und sie, ganz leise in sein Ohr hinein: „Von Niels.“
Da mußten sie beide lächeln.
„Wie war es, als du es merktest?“ fragte Andreas. „Ist ein Engel bei dir gewesen?“ — Aber Franziska entgegnete nur: „Ich habe geweint, am Anfang.“
„Wann wird es zur Welt kommen?“ fragte er weiter. „Heute in sechs Monaten.“ „Und wie soll es heißen?“ „Andreas.“ „Aber wenn es ein Mädchen ist?“ „Das wird es nicht sein — ein Mädchen darf es nicht sein.“
Und Andreas, plötzlich die Augen aufschlagend, auflachend, als begriffe er jetzt erst alles: „Niels hat einen Sohn gezeugt!“ „Unseren Sohn!“ sagte Fräulein Franziska und neigte ihren Mund auf seine Hände, die auf der Stuhllehne lagen. „Niels hat unseren Sohn gezeugt —“, flüsterte Andreas noch einmal, und mit Freude und großer Zärtlichkeit füllte sich sein Herz bis zum Rande. „Den wollen wir großziehen, den wollen wir wachsen — wachsen lassen.“ — Und plötzlich in seiner sonderbaren Ideenverbindung: „Wenn Paulchen das noch hätte erleben können.“ Und Fräulein Franziska meinte: „Der hätte gelacht. So ganz hoch, wie er’s immer tat. ‚Dir sag’ ich’s,‘ hätte er geschrien, ‚wir machen’s!‘ “
„Der hätte gelacht“, wiederholte nachdenklich Andreas. „Ja, ja — das Leben —“
An seinem Handgelenk blitzte schmal das goldene Kettchen, das er „zum Abschied“ geschenkt bekommen hatte.
Sie fuhren zusammen im Auto zum Flugplatz hinaus. Sie saßen eng aneinandergelehnt. Draußen liefen Vorstadtstraßen vorüber.
„Jetzt haben Peterchen und Marie Therèse wahrscheinlich auch keine Zahnlücken mehr, sondern neue, schöne Zähne bekommen“, sagte unvermittelt Andreas. Und sie schauten ernst und groß vor sich hin, ergriffen vom Geheimnis alles Wachstums. Andreas dachte plötzlich daran, wie er das erstemal Niels gesehen hatte, in einem Nachen, und wie er damals die Bäume gestreichelt hatte, das Gras und die große Erde.
Fräulein Franziska sagte an seiner Seite: „Der kleine Andreas soll sich mit Peterchen und Marie Therèse gut vertragen. Wenn er allerdings sieben Jahre alt ist, sind diese schon vierzehn.“ „Ja,“ sagte Andreas, „mein Vater muß auch nett zu ihm sein — es ist doch gleichsam mein Enkelsohn —.“
Darüber lachten sie beide.
Sie standen auf der großen Flugwiese beieinander, die graugrün und unermeßlich weit im Winde lag. An ihrer Seite ratterte und surrte beängstigend das Flugzeug, das Andreas hinauf und in den Sturm des Wolkenhimmels tragen sollte. — Amerikanisch wirkende Reiseherrschaften gingen, die Hände auf dem Rücken, in bunten Wolltrachten oder braunen Ledermänteln, Zigarren im Mund, auf und ab. Koffer wurden aufgegeben. Die Propeller surrten.
„Wirst du auch nicht verunglücken?“ sagte Franziska und lächelte ihm zu. „Mir ist mehr angst, daß du bei einer größeren Angelegenheit Unglück haben könntest“, erwiderte er in ernster Höflichkeit. — Plötzlich fiel ihm noch etwas ein. „Ich habe ja ganz vergessen, dir für das Bild zu danken, das du mir hast geben lassen — für Niels’ Bild.“ — Da sah er das erstemal, daß Fräulein Franziska erröten konnte. „Bitte sehr —“ sagte sie rasch.
Die Reiseherrschaften lächelten dem Brautpaar, das Abschied nahm, wohlwollend zu, obgleich die beiden amüsant zwar, aber dabei auch ein wenig verdächtig anmuteten. — Andreas hatte immer noch den langen Kamelhaarmantel an mit der engen Taille und den Lederknöpfen, zu einem anderen hatte es noch nicht gereicht. Im Grunde hatte er sich überhaupt nicht verändert, seit er, schief unter der Kofferlast, Einzug gehalten hatte im unbarmherzigen Berlin. — Und Fräulein Franziska flößte allgemein stets leichten Schrecken ein, der finsteren Augen und des ziegelroten Mundes wegen.
Da das Flugzeugsurren sich bis zum wütenden Lärm steigerte, schüttelten sie sich die Hand zum Abschied. „Grüße!“ sagten sie beide, während sie sich, rückwärtsgehend und das Gesicht einander zugewandt, nach entgegengesetzten Richtungen entfernten. „Für wen?“ fragten sie sich beide gleichzeitig.
Fräulein Franziska, die plötzlich zu winken anfing, obwohl Andreas doch noch auf fester Erde stand, sagte: „Für Niels — —“, und Andreas hatte ihr doch gar nicht gesagt, daß der es sei, zu dem er fliegen wolle.
Aber Andreas rief, während alle Umstehenden lachten, laut über die Wiese hin: „Grüße für unser Kind!“
Vor seinem kleinen Pariser Hotel nahm er ein Taxi. Zur Rue Lepic also — der Wagen beeilte sich, ihn hinzutragen. Er sauste, so daß Andreas die Augen schließen mußte. Zwischen halbgeschlossenen Lidern sah er die Stadt an sich vorübergleiten, schimmernd in ihrem weißen Glanze. Die große Stadt — — Am Place de la Concorde schlug er die Augen einmal ganz auf. Und seine Augen tranken die leuchtende Weite des Platzes, den das Auto sausend durchquerte. Aber schon als sie in die Rue de Rivoli einbogen, wo unter den Arkaden die Luxusläden lockten und in karierten Anzügen die Amerikaner einherstolzierten, gingen ihm die Augen halb wieder zu.
Aber später wurde eine Straße eng und steil. Jetzt waren sie wohl schon oben im alten Montmartre. Fauchend mühte sich der Wagen nach oben. Man holperte, die Straße war rauh gepflastert. Von den Bretterzäunen schienen die Zigaretten- und Kinoreklamen. Aber vor den vielen südlich kleinen Brot- und Obstgeschäften standen die dicken, brünetten Damen, die Zimmermädchen und die ältlichen Haushälterinnen und parlierten gewandt über die Straße hin miteinander. Das war wohl schon Rue Lepic, so hatte er sie sich vorgestellt: so steil, so mit Geräuschen gefüllt.
Ganz oben, am Gipfel der Straße, hielt dann die Taxe. Andreas stieg aus, zahlte — ganz langsam, ganz mechanisch, als wär’ es ein Traum — und stand vor dem Hause. Es war grau, schmal und hoch, mit vielen kleinen Fenstern, an denen meist bunte Vorhänge hingen — rosa und gelb waren sie in das Grau des Himmels gesetzt —, etwas höher als alle Häuser, die es umgaben, ragte es so in die Vorabendklarheit des Himmels.
Das Treppenhaus war schwärzlich und morsch. Musik schlug einem entgegen, aber sie war nicht vom besten. Eine Altstimme übte kirchliche Weisen am verstimmten Klavier, und ihr sonores An- und Abschwellen, ihr schmelzendes Zittern kam dem Eintretenden wie der übertrieben gefühlsselige Gruß einer unsichtbaren Hausfrau entgegengeflattert. — Aber wenn man höher nach oben stieg, versanken die Melodien immer leiser.
Andreas stieg und stieg. Das graue Haus auf dem Montmartre erwies sich als noch viel höher, als es von außen erschienen war. Jetzt blickte schon silberblauer Himmel des frühen Abends durch die verstaubten Fenster. Das graue Haus war hoch wie ein Turm.
Wo „Atelier“ stand, läutete er. Er wartete einige Zeit, er klingelte nochmals, und Schritte kamen. In dieser letzten Sekunde überlegte er sich plötzlich, ob es nicht bei weitem besser wäre, im letzten Augenblick noch zu fliehen. Er dachte — und stand doch dabei so unbeweglich, so wartend vor der Tür —: „Was soll ich hier? Er kennt mich gar nicht mehr, erinnert sich nicht mehr an mich. Er wohnt ja mit fremden Leuten — mit einer Frau — —.“ Er hatte Angst, richtige, bebende Angst, wie man sie in physischer Gefahr empfindet. Würgende Angst, die die Hände kalt macht, die Magennerven zusammenzieht. Fiebernd rechnete er sich aus, wielange er ihn nicht gesehen habe. „Was wird geschehen?“ dachte er und konnte nicht von der Stelle. „Ein kleiner Mord — eine häßliche Zeitungsgeschichte —.“
Da öffnete man ihm. Eine große Gestalt stand ihm im Halbdunkel gegenüber. Erst dachte er, daß es ein junger Mann wäre. Aber sie sagte schon mit einer überraschend klaren und deutlichen Stimme: „Sie sind wohl der Freund, von dem Niels mir erzählt hat? — Gert Hollström mein Name“ — und streckte ihm eine große, aber stark modellierte Hand hin, über der ein breites silbernes Armband klirrte. — Der junge Mann ihr gegenüber im Flur sagte seinen Namen leiser: „Andreas Magnus —“, und dazu neigte er ein bißchen den Kopf. Und sie dagegen mit einer freien, freundlichen Bewegung nach hinten: „Wollen Sie nicht eintreten?“
An der Schwelle zum Atelier blieb Andreas stehen. Er sah nur, daß der Raum, in den er getreten war, weit sein mußte und rosa getüncht. Und irgendwo mußte ein großes Fenster sein, das geöffnet stand. Man hörte die Stadt heraufrauschen. — Es waren auch Menschen im Zimmer, er hörte Stimmen. Aber in dieser rosa Weite fand er sich nicht zurecht und konnte nichts Einzelnes unterscheiden.
Es waren ganz sonderbare Gedanken in seinem Kopf, Gedanken, die nichts zur Sache taten und die bunt und verwirrend daherkamen. Er mühte sich, diese zu fassen, sie in sich zu sammeln, damit er aus ihnen heraus ein paar Worte finden und aussprechen könnte — aber dann versanken sie, fielen in schwarze Tiefe, glitten dahin wie eine Schar Vögel, die sich plötzlich senkt, sie sanken in Demut hin vor einer Stimme, die zu ihm herkam: ganz hell und doch ein wenig verschleiert, schimmernd in einem unaussprechlich herben Glanz. — Die Stimme kam her, wie sie damals, wie sie immer, wie sie seit aller Ewigkeit zu ihm gekommen war, nah und doch unfaßlich, ungreifbar weit entfernt. „Ach — du bist hier —“, sagte die Stimme und lachte dazu.
Niels drehte ihm das Gesicht zu. Er mußte, als Andreas das Zimmer betrat, ihm den Rücken zugewandt haben. Er stand breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, einem Sofa gegenüber, auf dem Damen saßen, mit denen er sich wohl unterhielt. „Du bist hier —“, sagte er und kam ihm ein paar Schritte entgegen. In der Mitte des Ateliers gaben sie sich die Hand.
Die drei Damen auf dem phantastisch geblümten Kanapee waren gleichfalls Skandinavierinnen. Teetassen auf dem Schoß, in kleinen Federhüten bunt wie Vögelchen auf einer Stange, plauderten sie in wirrem und gebrochenem Deutsch, alle gleichzeitig — und dazwischen plötzlich zwitschernd, losjubelnd in ihrer leichtsinnigen Muttersprache. Wie kolossal lieb sie ihn alle gewonnen hatten, diesen kleinen Niels, nein, das war gar nicht auszudrücken. „Nein!“ riefen sie alle erregt vor Freude durcheinander — und ihre kleinen Stimmen schlugen kläglich um und zerbrachen bei diesem hohen Ausruf. — „Nein! wie komisch er doch oft ist!“ — Sie klatschten in die Hände, sie wandten sich das Gesicht zu, sie lachten, bis sie alle in schneeweiße Taschentücher husten mußten, die aus roten, grünen und blauen Beutelchen geschwind zum Vorschein kamen. — War er nicht auch halb ihr Landesgenosse, der kleine Niels? berieten sie lachend untereinander. Hatte er nicht erzählt, daß seine Mutter Norwegerin sei? Daher auch sein hübscher, daher sein heller Name. Ja, was der nicht alles erzählte —! Und eifrig einander zugeneigt, jede hastig und ungeschickt bemüht, ihr Tüchlein wieder ins Beutelchen zu zwängen, verloren sie sich in den Leichtsinn ihrer Muttersprache. — Niels stand schon wieder, Haar in der Stirn und die Hände in den Taschen, vor ihrer gebückten, prustenden Reihe.
In einer Ecke, die ihr Arbeitsort war, saß Gert Hollström zwischen all ihren kleinen Werken aus Bronze, Marmor und weißem Gips. Die zögernden Rehe, hüpfenden Kängurus, wiehernden Füllen waren um sie herum wie geistreich kindisches Spielzeug. Zwischen den vielen Tieren stand, halb fertig, eine Porträtbüste Niels’. — Während Niels mit den fremdländischen Damen lachte, trat Andreas zu der Bildhauerin und sprach höflich mit ihr. „Entschuldigen Sie, daß ich so störe,“ sagte er etwas stockend, aber korrekt in seinem schwarzen Nachmittagsanzug, „aber da ich schon in Paris bin, wollte ich Niels doch natürlich sehen —.“ Sie erwiderte nur: „Natürlich —“, und hatte graublaue, feste Augen, mit denen sie ihn ansah. — Plötzlich bot sie ihm Honigbrote an, die auf einem Porzellanteller beiseite standen. „Sie werden Hunger haben,“ meinte sie sachlich, „sicher haben Sie gar nichts zu sich genommen, bis Sie hierherkamen —.“ Und Andreas erzählte plötzlich, daß er mit dem Flugzeug angekommen sei — ja, durch die Lüfte — — —
Diese Gert Hollström war groß und mager wie ein Sportsjüngling. Sie hatte das grobknochige Gesicht etwas amerikanisierter, aber doch reizvoller junger Leute, das Haar, im Nacken ganz kurz geschoren, trug sie vorn in die Stirn und fast bis zu den Augen gekämmt. Ihre Unterhaltung mit Andreas Magnus ging ein wenig konfuse Wege. „Ich habe eigentlich immer bedauert,“ sagte sie und schüttelte ernst den Kopf, „daß unser Niels nicht von vornherein zum Zirkus gegangen ist — selbstverständlich ist es der einzig mögliche Beruf für ihn.“ — Ob er denn jetzt in der Ausbildung begriffen sei, fragte Andreas dagegen ängstlich. Und sie, ein großer, sehniger Junge zwischen den hüpfenden Bronzetierchen, entgegnete: „Ja, — wissen Sie denn das nicht? Er arbeitet am Trapez jeden Tag, bei H. B. Monelli. Aber man fürchtet, er sei schon zu alt, und außerdem fehlt es ihm auch an Ausdauer.“ — Während sie beide Zigaretten rauchten, sprach Gert Hollström vom Zirkus überhaupt, von den Ringern, vom kleinen Williams, der neulich verunglückt war — sie wurde nicht traurig, als sie es erzählte, ihre Augen blickten hell —, und ging schließlich auf ihre Tierchen über. „Meine Pferdchen“ — sagte sie und strich den sich bäumenden Füllen die kühle Flanke so zärtlich, als lebten und atmeten sie. Abschließend sann sie — und hielt ihr Jünglingsgesicht zu den Tieren hinuntergeneigt —: „Der Körper — ja, ja.“ Und sie sowie der junge Deutsche lächelten in den sonnendurchschienenen Zigarettenrauch. —
Die Skandinavierinnen brachen auf. Sie stellten die Teetassen beiseite, bewegten sich, ein wenig klein und rundlich so im Stehen, in ihren Frühjahrskostümen durch den Raum. Alle trugen sie verschiedene Farben — die eine rot, die zweite blau, die dritte gelb. Die Kostüme waren alle ein bißchen sommerlich für Mitte März, ein bißchen leicht. Aber sie wollten sie wohl im Sommer auch verwenden. Man umarmte sich, es war ein großes Abschiednehmen. Gert Hollström küßte jeder die Hand, für jede hatte sie eine kleine Artigkeit. „Kommt bald wieder,“ sagte sie — und die kleinen bunten Damen lachten ihr selig entgegen —, „es war wieder entzückend —.“ Und dann waren sie, von Niels bis zur Türe geleitet, alle hinaus. Kaum aber war ihr Stimmengezwitscher verschwunden, reckte Gert Hollström die kräftigen Arme. „Ah,“ sagte sie aufatmend und warf den Kopf in den Nacken, „Weiber sind blöd — häßlich sind sie eigentlich auch — blöd sind Weiber —“, und lachte mit einem kleinen, halb wirklich angeekelten, halb wohlgefällig verächtlichen Lebemannslachen der rosa Decke zu. Dann hatte sie auch schon die Hände in Niels dichtem Haar. „Du bist besser“, sagte sie — und griff so fest zu, daß es ihm weh tat. „Au, au“, klagte er und bog den Kopf zurück, während er zur Rache nach ihrem Haare schon auslangte. — Es war, wie wenn junge Hunde spielen. —
Dann stiegen sie alle die steile Wendeltreppe zum Dach hinauf, denn jetzt wollten sie die große Stadt von oben sehen, die Hollström stieg voran, und während sie, den rostbraunen Leinenrock gerafft, langbeinig Stufe auf Stufe nahm, dozierte sie weiter über die Minderwertigkeit des eigenen Geschlechts. „Was mit Frauen zusammenhängt, ist uninteressant“, rief sie ärgerlich und stieß die Falltüre zum Dachbalkon auf. — Geblendeten Blicks standen sie oben.
Die Stadt, undeutlich, aufgelöst ins Unermeßliche, lag hell und weit wie ein Wasser zu ihren Füßen. Aus dem eigenen Nebel, der weißlich über ihr lag, stieg ihr Geräusch — gewaltig verschwimmend. Einige Laute lösten sich zuweilen aus dem chaotisch geheimnisvollen Summen des Ganzen. Eine Autohupe rief wie eine plötzliche und fast erschreckende Frage zu ihnen hinauf. — War das nicht sogar eine Menschenstimme gewesen? — Irgendein Wind hatte sie ergriffen und trug nun gerade ihren Ton aus dem rauchenden Chore denen, die lauschten, zu.
Gert Hollström hielt mit hellen Augen Ausschau, und es schien nicht, als berühre der Gedanke sie sonderbar, daß das Leben von Millionen da dunkel zu ihren Füßen summte. In ihrem Blick leuchtete ein harter, fröhlicher Leichtsinn — ein stolzer Leichtsinn — ein neuer Leichtsinn. — Mit ihren Händen, die die lustigen Tierkörper bilden konnten, hielt sie das bunte Seidentuch zusammen, das sie um den Hals geschlungen trug und das ihr Gesicht umrahmte. Über diesen zupackenden Händen war ihr Mund fest zusammengepreßt. — Aber Niels stand ernst, ganz ernst und rührend gesammelt an ihrer Seite, und auch in seinem Blick, der über dieser Stadt lag, die doch nicht seine Heimat war, lag keine Frage, kein Forschen mehr und kaum ein Suchen, aber über seiner heiteren Klarheit dunkelte doch eine leise Wehmut, eine ferne, unbegreifliche Traurigkeit. Was war diese Klage, woher kam dieses nicht mehr deutbare Weh? — Aus den Gedanken nicht, gewiß nicht aus den Gedanken. So mußte es also von tiefer her sein.
Andreas neben ihm fragte leise, den Blick gesenkt: „Lebst du gerne in dieser Stadt? Bist du in ihr zu Hause?“ — Und wollte in seine Frage irgend etwas ganz anderes legen, was er anders nicht ausdrücken konnte. — Aber Niels wandte ihm das Gesicht zu, als könne er den Sinn dieser Worte überhaupt nicht verstehen. Er sah ihn voll an, vorwurfsvoll beinahe, als habe der Fragende ihn verspotten wollen. — Da glitt Andreas’ Blick von diesem Antlitz ab, das ihm gleichsam keinen Halt und Ruhepunkt geben konnte, sondern das unfaßlich, schlicht, einfach und geheimnisvoll in seiner Klage vor ihm stand. —
Gert Hollström begann plötzlich auszurechnen, wie lange sie jetzt schon lebe in dieser Stadt — in Paris. Zweieinhalb Jahre waren es jetzt. Aber nun wollte sie bald nach Amerika.
Andreas sagte, er müsse jetzt fortgehen und man traf, auf dem Dache hochoben, eine Verabredung für den Abend. Ein Künstlerfest gab es, da wollten sie sich wieder treffen. Um 9 Uhr also am Portal. Und Andreas stieg schon in den Schacht der Wendeltreppe hinab, so daß er nur noch bis zur Brust sichtbar war. „Auf heute Abend“, rief Gert Hollström noch und winkte plötzlich mit ihrer großen Hand, während das losgelassene Tuch im Winde flatterte. Aber Niels sah schon wieder über die Stadt hin und hatte nicht mehr acht auf den, der wie in der Versenkung verschwand.
Andreas sah ihn noch einen letzten Augenblick hoch aufgerichtet, die Hände auf die Brüstung gestemmt. So stand er, wie er ihn immer gekannt: in blauen Hosen und mit offenem Hemd. Sein Mund war halb geöffnet, es war, als tränke er Luft wie Wein.
Dann nahm das Dunkel der Treppe Andreas auf.
Er ging durch noch ein paar Straßen, kreuz und quer, sie wurden ja immer enger. Aber er hatte nicht acht auf seinen steilen Weg, bis es irgendwo nicht mehr weiter ging. Jetzt war er am Gipfel der Stadt augenscheinlich, und weiter ging es nicht mehr. Eine abschüssige Wiese war hier, halb mit Gerümpel und Steinen bedeckt. Alte Leute saßen auf der Wiese, dicke Kinderfrauen mit strampelnden Babies. Die hatten sich hier wohl gewärmt, als die Sonne noch schien und saßen noch jetzt auf spärlichem Grün zwischen Geröll, den Blick auf der Stadt, zu träge zum Aufstehen, obwohl die Sonne doch vor einiger Zeit schon untergegangen war.
Aber hinter dem abschüssigen Wiesenplatz lag eine Kirche, groß und weit gewölbt mit weißen Kuppeln. Sie schien erst kürzlich gebaut, noch nicht lange hier aufgerichtet — moscheenhaft rund und breit. — Andreas stand, Schreck im Herzen, in ihrer Nähe. Eine weiße Kirche über der Stadt — —.
Hier mußte doch irgendwo eine kleine Bude sein, weihrauchduftend und mit frommem Gerät erfüllt. — Er spürte beinahe kein Verwundern mehr, als er sie fand. Dem wasserblauen Blick des verkaufenden Fräuleins, der sonderbar schwärmerisch von unten kam, begegnete er in Ruhe. Sie war augenscheinlich taubstumm, aber man verständigte sich trotzdem ohne Schwierigkeit. Die schwarzen Rosenkranzketten hingen ja in so dichten Reihen nebeneinander. Allerdings waren sie teurer, als man hätte erwarten können. Das Fräulein verwahrte das eingestrichene Geld sorgsam im schwarzen Beutelchen. „Pour les pauvres enfants“ — murmelte sie mit schwerer Zunge. Und jetzt wußte Andreas wenigstens, daß das etwas reichlich eingestrichene Geld zu wohltätigem Zwecke verwendet wurde.
Es war rasch dunkel geworden, als er die Bude dann wieder verließ. Ein kühler Märzabend. Aber diese Wege leuchteten wie von innen heraus. Silberweiß liefen sie von der Kirche weg der Stadt zu, die unten schon ihre ersten Lichter zu entzünden begann.
Den Rosenkranz um die Hand gewickelt, ging Andreas dieser Stadt entgegen, deren Rauschen sich in der blassen Ruhe des Dunkels steigerte, und wie eine Mahnung, ja, wie eine Forderung wurde.
Diese Frühlingsabende waren noch kühl. Auch der Mond fror, eine bang in sich gekrümmte Sichel.
Andreas mußte sich eilen, nach Hause zu kommen, in sein kleines Hotel. Umziehen mußte er sich fürs internationale Künstlerfestchen. — Eng in seinen Mantel gehüllt ging er eilig bergab auf dem schimmernden Weg, den die Kirche zur Stadt hinunterfließen ließ.
Als er vor dem Ballhause vorfuhr, hielt am Portale soeben ein zweites Auto, von einer großen Dame im Ledermantel gelenkt. Ein junger Mann verließ hinter ihr das Kupee, sehr elegant mit Zylinderhut und weitem Frackcape. — Unter dem roten Licht der marktschreierisch einladenden Lampen begrüßten sich die drei: Gert Hollström, Niels und Andreas Magnus.
Während die Hollström ihren schweren Mantel an der Garderobe abgab, und nun plötzlich als langbeiniger, buntbefederter Indianerhäuptling dastand, begrüßte Niels, den Spazierstock flott unterm Arm, Bekannte, die in Pelzmänteln, über denen humoristisch die Pierrotkrausen standen, plaudernd vorüberrauschten. Niels winkte und lachte den Vorübergehenden zu. Über dem einengenden Frackkragen war sein blondes Gesicht wie das eines lustigen Barockengels.
Sie gingen zu dritt den Gang hinunter, der zu den Festsälen führte: Gert in der Mitte, Niels am linken und Andreas am rechten Arm.
Der Gang war mit kleinen Räucherbecken eingefaßt, in denen billiger Wohlgeruch würzig verbrannte. Die Wände waren bunt bemalt wie Kulissen in Operettentheatern. Die drei gingen langsam auf rotem Läufer den Sälen entgegen.
Geruch, Menschenlärm und Jazzmusik kam auf sie zu.
Das war „Clo-Clo-Clo“, das Künstlerfest — das war der mondänste Treffpunkt des ausgelassenen, internationalen Bohèmevölkchens — das war der glänzende Ball der intellektuellen und dennoch lebensfrohen Gesellschaft — —.
Hier ging es komisch zu, zum Totlachen komisch. Hier gab Europa sich, eine „Auslese“ der ganzen Welt gab sich hier eine schimmernde, kugelnde, quiekende Festivität.
Arm in Arm gingen die drei durch die Säle, in der Mitte der helle Indianer, dem die rotgelben Federn stolz von der Stirne nickten, rechts und links die Knaben im Frack. Sie drängten sich durch die Tanzenden, an den Tischen, wo man schon gröhlend über den Sektkelchen saß, schoben sie sich vorbei.
Mit bunten Reklamebildern waren die Wandflächen bedeckt, mit Ausschnitten aus Witzblättern, allerlei unverschämten Karrikaturen, Inschriften in aller Herren Sprachen — willkürlich und mit Reißnägeln durcheinander befestigt. Wo in unnötiger Größe der Wegweiser zur Toilette stand, grinste eine grob hingezeichnete Tänzerin unfein auf den Suchenden, Radfahrer strampelten auf enormen Sportsreklamen, und die Büste des berühmten Boxers prangte mit breiten Backenknochen vor einem schwarzen Samttuch. In jedem Raum kreischte eine andere Kapelle, die unsinnig instrumentierten Melodien vermischten bis zum vollkommenen Chaos sich durcheinander. Während die eine in einem finsteren Tango seufzte, polterte die andere einen negerhaft besessenen Marsch. Im nächsten Raum aber sang, vom Kreise der lachenden Zuschauer umgeben, eine geputzte, winzige Zwergin ihren einzigen Schlager. Als genüge es ihr nicht, daß sie schon so klein geraten war, stieß sie auch noch mit der Zunge an und alle sangen den Refrain ihres Liedes mit, ihren Sprachenfehler grob verhöhnend — worüber sie sich aber nur zu freuen schien. „Sur les coteaux —“ jubelten sie, und die lustige Mißgestaltete hüpfte in ihrer Mitte. — Aber aus einer kleinen Loge schrie eine russische Kokotte ihren Schlager ganz auf eigene Faust, total betrunken augenscheinlich schon und wahrscheinlich des Glaubens, daß die Zwergin dort unten dasselbe zum Vortrag bringe. Sie warf die Arme in die Höhe und unter dem roten Federhut schrie sie, während ihr großer Busen wogte: „Je cherche après Titine, Titine, ma cousine — —.“
Alle Sprachen der Welt wogten hier durcheinander, das Französische herrschte kaum vor. Spanische junge Leute gestikulierten rauh in bunten Trachten, ließen die R’s erschrecklich rollen und hatten finstere Augenbrauen. Die russischen Damen, dick und üppig geschminkt, tanzten viel unter sich, obwohl sie so fett waren, daß sie sich gegenseitig kaum umfassen konnten und zeigten sich ausschweifend albern im wilden Vergnügungsdrang, der so selten ihr träges Wesen erfaßte. — Hoch auf girrte die Lustigkeit der kleinen Skandinavierinnen, die ihren Kavalieren in entgleisendem Französisch beteuerten, daß sie schon ganz betrunken seien — ganz und gar. — Aber während die japanischen Maler fremdartig meckernd oder grimmig ernst beieinander saßen, hielten die großen Neger, mitleiderweckend in ihre Fräcke gezwängt, schmale, Pariser Kokotten in den kolossalen Armen. — Der schwere ergraute Herr im Smoking dort drüben war amerikanischer Milliardär, ihm lagen gerade vier bis fünf Russinnen oder Französinnen zu Füßen. — Auch die beiden alten Engländerinnen, die, Lorgnons vor den Augen, in sonderbaren Seidenkostümen durch die Menge stolzierten, genossen viel Ansehen, trotzdem man so bitter hinter ihnen drein witzelte. „Les Amairicaines, les Amairicaines“ — kicherte man und erzählte sich Anekdoten über sie. — Aber wie sich die Wiener Herrschaften amüsierten! Sie waren ganz in Luftschlangen eingewickelt und bogen sich vor Vergnügen. „Nein!“ riefen sie ein über das andere Mal, „Wie brillant — wie brillant —“ und sie verschluckten sich sogar vor Gelächter.
Aber die deutschen Literaten saßen in ihrem Winkel und schimpften untereinander auf ihr gefährdetes zu Hause, dem niemand übler wollte als sie. „Man sage mir etwas, was gut ist an diesem Land,“ rief der eine, der Magere, Schwarze mit der Hornbrille, „was nützt es, was will es? — Geschmackloser Störenfried —.“ Und als der Fette, Wohlmeinende ölig zu bedenken gab: „Aber Hölderlin — Sie vergessen Hölderlin und Stifter —“, winkte der Radikale nur boshaft und verärgert mit der Hand ab. „Literatur — Literatur —“ machte er sauer und die anderen vor ihren Sektgläsern nickten dazu.
Das Modell aus Polen war inzwischen auf einen weißgedeckten Tisch gesprungen. Sie schwang ein übrigens lächerlich kleines Likörglas durch die Luft und schrie vollkommen ohne einen Anlaß dazu zu haben, die Marseillaise in den Saal hinein. „Allons, enfants —“. Nur die deutschen Literaten sangen mit, mit krächzenden, unmusikalischen Stimmen, wobei sie mit den großen Hornbrillen nickten wie Nachtvögel.
Der jüdische Bilderhändler aus Berlin redete Gert, Niels und Andreas an. „Die drei Grazien!“ mauschelte er, schwitzend in seinem roten Pierrot. Aber die Hollström, die sich die Mühe Deutsch zu sprechen gar nicht mehr gab, erwiderte ihm Unverständliches auf Norwegisch. Er schien es allerdings von vorneherein mehr auf Niels abgesehen zu haben, den er in die Backe zu kneifen versuchte.
Man verlor sich bald im Gedränge. Die Stimmung zwischen Niels und der Hollström war die ganze Zeit sowieso ein wenig gespannt gewesen, ohne daß Andreas einen Grund gewußt hätte dafür. Jetzt wurde die Bildhauerin von der Gruppe norwegischer Dämchen umtanzt, die sie mit Konfetti und bunten Stoffblümchen bewarfen. Sie mußte gegen alle auf einmal Herr werden und schwang, aufgereckt in ihrer bunten Mitte, kriegerisch die Indianerwaffen. — Eine Wiener Kunstgewerblerin bemühte sich um Andreas, der sich wie willenlos beim Tanze von ihr führen ließ. „Gleich von vorneherein bist du mir aufgefallen“, sagte sie und legte ihren zu stark parfümierten Körper schwärmerisch an den seinen. Sie ihrerseits befand sich hier im Auftrag eines großen Modejournals und zeichnete sich auch diensteifrig ab und zu flüchtige Kostümskizzen in ein rotseidenes Büchlein. „Aber hier gibt sich ja ganz Europa ein Fest“, sagte sie und drückte den Tänzer inniger an sich. Sie hatten einen jähzornigen Spanier beim Tanzen angerempelt, und dieser schimpfte nun theatralisch hinter ihnen drein.
In einem Saal hatten sie gar ein Karussell aufgestellt. Mit vielen kleinen weißen Pferden kreiste es silbern und klingelnd. Alle Damen zeigten, unter Gekreisch an Pferdenacken geklammert, ihre wohlgeformten Seidenbeine. Aber auf einem der Silbergespanne wurde man des ergrauten Amerikaners ansichtig, der unter breitem Gelächter auf ihm dahergaloppiert kam — ein humoristischer Märchenfürst. — In den Zimmerecken und wo es stiller war, gingen anständig gekleidete Jünglinge umher, die allen gut situiert wirkenden Herren unanständige Photographien in offenen Kuverts anboten. „Très cochon“, flüsterten sie empfehlend, „indeed“, sagten sie leise — denn ihrer Ansicht nach waren alle Fremden Engländer oder Amerikaner — „très cochon —.“ Hier saßen auch vereinzelte Damen, eifrig über ihr Spiegelchen gebückt mit Lippenstift, Augenstift und Puderdöschen.
Aber in einem der Haupträume geschah plötzlich ein Aufruhr. Ein Kindergesicht erschien über dem Wogen der Menge — einer wurde hochgehoben wie im Triumph. Ein Schrei wurde immer deutlicher, brach sich Bahn, nahm Gestalt an. — Der kräftige Bilderhändler aus Berlin hatte Niels in einen Stuhl gezwungen, hatte mit einem besoffenen Maler sich zusammengetan, und nun trugen die zwei den ganz Benommenen dahin. „L’enfant du siècle“, schrien sie dazu und wurden blau im Gesicht. „Messieurs, mesdames — voilà l’enfant du siècle!!“ — Und obwohl niemand genau verstand, was gemeint war, niemand die unsinnige Huldigung dieser beiden fetten Herren an diesem Knaben begriff — schrien sie alle mit, angesteckt und elektrisiert: „L’enfant du siècle — voilà!“ ging es durch alle Räume. „Vive l’enfant! Vive notre enfant du siècle!!“ — Und Niels, von vielen Armen jetzt hochgestemmt auf seinem Stuhl, lachte wie trunken und ohne zu wissen, was vorging. Seine Frackkravatte hatte sich gelöst, auch seine Hemdbrust war aufgesprungen. Aber in seinem zerzausten Haar hatte das grelle Kronleuchterlicht sein glitzerndes Spiel. — Um ihn herum tanzte die Zwergin, stieß, auch im Jubel noch, mit der Zunge an und war wie ein besessener Narr vor der Bundeslade. Die Russinnen, denen die Schminke im Gesicht zerrann, klatschten vorgebeugt in die Hände, so daß die Druckknöpfe vor ihren Seidenkleidern sprangen und sie vollkommener Auflösung anheim fielen. Der Schrei der Spanier wurde zum enthusiastischen Wutgeheul. Die Japaneser mit witzigen Mäusemienen quiekten gellend darein, die Wiener genossen’s in Luftschlangen verwickelt und beseligt vom Unfug, aber über allem hingen die Stimmen unserer Norwegdamen wie benommenes Vogelgezwitscher, wie hirnlos-freudigstes Lerchenlied. Der Amerikaner allein galoppierte unentwegt weiter auf seinem klingelnden Roß, erstaunt, daß ihm plötzlich niemand mehr Beachtung schenkte. Nur eine der einsamen Damen wandte sich sofort, seine Verlassenheit benutzend, mit sachlichem Anliegen an ihn. „Ecoutez, Monsieur“, sagte sie rasch, und dann wollte sie gleich hundert Franken haben.
Der Radfahrer strampelte an der Wand. Über der Toilette grinste unfein die Dame. Alle Jazzkapellen rasselten in allen Räumen einen Tusch, und all die Maler, Literaten, Modezeichner und Schauspieler, all die Kokotten und Kunstgewerblerinnen jubelten in dieser Sprache, die die Muttersprache der wenigsten war, eine fast sinnlose Huldigung zur Decke für einen, den sie nicht kannten. „Vive l’enfant du siècle!“ — Da hielt auch Andreas im Arme seiner geschwätzigen Wienerin im Tanzen inne. Sie plauderte taktlos über ihn, daß ihr sei, als erlebe sie eine historische Stunde mit, obwohl es sich doch nur um einen Faschingsulk handelte, einen internationalen Bohèmescherz, und sie merkte nicht, daß der da in ihrem Arm, der ihr „gleich zu Anfang aufgefallen war“, jetzt mit den Tränen zu kämpfen hatte.
Aber eine der großen Engländerinnen stellte sich hinter Niels auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen großen Rosenkranz ins Haar, den sie wohl in aller Eile aus dem nächsten Blumengeschäft hatte holen lassen. „O wonderfull, wonderfull!“ flüsterte die hagere Freundin dazu und schüttelte den Kopf vor Ergriffenheit.
Da sprang Niels von seinem Triumphstühlchen hinunter. Von Lachen und Schwindel benommen, lehnte er sich an einen der fetten Herren, während all die Damen ihn parfümiert umdrängten. „Ah, quelle beauté! Quelle belle jeunesse!“ flüsterten sie um ihn herum, und der Bilderhändler, der mit seinem Lärm alles veranlaßt hatte, tätschelte ihm das Haar.
Aber Niels, sich von ihm losmachend, fand endlich ein Wort und eine Entgegnung. Lachend strich er sich das Haar aus der Stirne, und während er durch das Gedränge zu entkommen suchte, rief er mit seiner hellsten Stimme ihnen allen zu: „Ihr seid wohl verrückt!!“ — und war schon davon.
Das war „Clo-Clo-Clo“, das Künstlerfest — das war der mondänste Treffpunkt des ausgelassenen internationalen Bohèmevölkchens — das war der glänzende Ball der intellektuellen und dennoch lebensfrohen Gesellschaft. Jeder mußte betrübt sein, der dieses Fest nicht besucht hatte. Mit wahnwitzigen Reklamen hatte man es angekündigt, aber in seiner prächtigen Ausgelassenheit übertraf es in der Tat alle Erwartungen. Alle Prominenten waren zugegen. Man zeigte sich die großen Maler, die mit scharfgeschnittenen Mienen in einer Ecke zechten. Ein vielbesprochener Poet tanzte mit einer kraushaarigen Negerin. Der Amerikaner fuhr Karussell, und die Wiener waren beseligt. Eine Zwergin hatte man aufgetrieben, die Chansons sang, und die reiche Engländerin hatte „l’enfant du siècle“ mit Rosen geschmückt.
Was noch trug sich zu? Was ereignete sich weiterhin? — Sensation über Sensation — —. Der Boxer, dessen Porträtbüste mit breiten Backenknochen vor weißem Tuche stand, erschien leutselig in eigener Person, schüttelte allen Prominenten die Hand und wurde freudig begrüßt. Eine berühmte Sängerin gab irgendwo künstliche und galante Weisen zum besten, während ein Stepptänzerpaar mit kleinen Melonenhüten und grotesken Nasen sich im Nebenraum produzierte. Die Gerüche ballten sich immer dichter, im Treppenhaus lagen die Paare schon eng ineinander verschlungen. — Mitten im Gewühl fächelte die Wiener Kunstgewerblerin ihrem blassen Kavalier Kühlung mit schwarzen Straußenfedern. Durch alle Räume war die Zwergin unterwegs — ein koketter, buckliger Dämon in ihrem goldenen Panzerkleidchen.
Da gab es den zweiten Aufruhr, geschah der zweite Lärm. In seinem Mittelpunkt stand wieder der blonde Bursche mit der hellen Stimme, den sie vorhin bejubelt hatten, ohne zu wissen warum. Überall mußte der augenscheinlich dabei sein. —
Mit einem Wortwechsel begann es. Zweie sprachen ein wenig heftig zusammen, der blonde Junge und die lange Indianerdame, aber das fiel weiter nicht auf. „Ich gehe nicht mehr hin!“ schrie der Junge. „Ich mache dieses ekelhafte Trainieren nicht länger mit! Mein Körper ist heut’ den ganzen Tag wie zerschlagen! Dazu ist mir mein Körper zu gut!“ rief er und lachte zornig. Aber die Langbeinige gab’s ihm zurück. „Wozu ist dir dein Körper zu gut?! — Schlapp bist du, das ist das Ganze. Das sage ich dir, hier, angesichts aller Leute: ich werfe dich aus dem Haus, wenn du im Zirkus nicht mehr arbeiten magst!“ — Aber der andere machte: „Oho!“ und warf den Kopf in den Nacken. — Hemmungslos schimpften sie aufeinander ein. Die Umstehenden begannen zu lachen, eine Gruppe staute sich schon um sie. „Wozu ist dir dein Körper zu gut?!“ schrie die Frau immer wieder, und die Federn nickten über ihrem geröteten Antlitz. — „Weißt du denn überhaupt, warum sie dich hochgehoben haben vorhin? — Du bist der Lustjunge von ganz Paris!!“ heulte sie ihm wie im Triumph entgegen. Und ihre Augen, die wie leuchtende Kieselsteine geworden waren vor wütendem Leichtsinn und bebender Kampfeslust, begegneten seinen noch helleren, die blitzten. Aber die kleinen Französinnen spotteten um sie herum: „Ah — les allemands — ils disputent —“, und wiesen mit den Fingern auf sie.
Aber ehe man sich’s versehen hatte, wälzten die beiden, zum Knäuel verschlungen, sich auf dem Teppich. Wie sie aufeinander einschlugen! Bald war der eine unten, bald der andere. Jetzt lag die Frau mit ihrer ganzen Länge auf ihm, und sie hatte ihn am Haar gepackt, und sie schlug seinen Kopf gegen den Boden. „Wozu ist dir dein Körper zu gut?“ schrie sie ihm ins Gesicht. Und er, tierisch vor Schmerz und Wut, brüllte ihr unartikuliert entgegen. — Unruhe mischte sich in das Vergnügen, mit dem man den amüsanten Faust- und Ringkampf zu Anfang verfolgt hatte. Rufe nach den Kellnern wurden laut, die die schon Blutenden trennen sollten. „Garçon! Vite, vite, garçon!!“ klagten die armen Kokotten und verbargen das Gesicht in den Händen, denn sie konnten kein Blut sehen. Andere dagegen wollten noch mehr haben, klatschten und trampelten, während die Journalisten schon die Notizblöcke zückten, einen Unglücksfall witternd. — Aber jetzt kniete der Junge auf ihr, jetzt lag sie auf der Erde, und er war’s, der seine Knie auf ihre Schultern stemmte. Mochte sie froh sein, wenn er ihr nicht mit der Faust das Gesicht zerschlug. Aber schimpfen durfte er jetzt — denn der, der oben war, hatte das Recht auf der Seite. „Du hast mich verführt!“ heulte er, auf ihr sitzend — und Blut floß über seine Stirne. — „Warum hast du mich aufgelesen?! Wozu hast du mich mitgenommen?! — Sie hat gesagt, daß sie mich liebt!“ höhnte er wütend über sie hin. „Was gehen wir uns an? — Wozu mir mein Körper zu gut ist? — Für dich ist er mir zu gut!!“ — Und dann plötzlich, während er mit beiden Fäusten wieder auf sie dreinschlug: „Frauenzimmer! Frauenzimmer!!“ — Aber daß sie so still unter ihm lag, so still und lang ausgestreckt, ernüchterte ihn. Er stand auf, ratlos stand er an ihrer Seite, und seine Lackschuhe waren mit Blut befleckt.
Da nahm ihn von hinten einer sanft an der Schulter. Eine Stimme sagte leise: „Komm jetzt!“ — und während sich ihnen ängstlich eine Gasse auftat zwischen dem Maskengewirr, führte ihn einer fort und dem Ausgang zu.
Andreas und Niels gingen miteinander den roten Gang hinunter, ohne daß jemand sie aufgehalten hätte. Andreas hatte den Arm um des Blutenden Schulter gelegt, der willenlos, in flüchtig überhängtem Mantel im Gehen sich an ihn lehnte wie ein Todmüder. Da bekam Andreas beinah’ Angst vor diesem fremden Blick, dessen Bläue sich unter der blutenden Stirn beinah’ zum Schwarz verdunkelt hatte, und der unerklärlich, unfaßlich an den Dingen vorbei und über sie hinauszuschauen schien.
Im Saale hatte sich inzwischen ein immer scheuerer Kreis um Gert Hollström gebildet, die wie ein armer verprügelter Schulbub blutüberströmt auf der Erde kauerte und in ihre großen Hände schluchzte.
Dann saßen sie im dunklen, rüttelnden Auto nebeneinander. „Jetzt kannst du zu der also auch nicht zurück —“, sagte Andreas und wagte den anderen nicht anzusehen. Aber der lachte schon wieder — wenn auch so sonderbar, wie es Andreas noch niemals von ihm gehört hatte. „Nein,“ sagte er nur, „das geht jetzt nicht mehr.“ —
Andreas fragte ihn noch: „Und jetzt? Und weißt du denn, was du jetzt tust?“ — Aber er bekam keine Antwort.
Niels hatte sich aus einem Tütchen weißes Kokain auf den Handrücken geschüttet. Er führte den Handrücken vorsichtig zur Nase. Er schnupfte.
Da wagte Andreas ihn kaum mehr anzureden. Darum also war sein Blick so verdunkelt von innen heraus. Darum saß er so still, so unfaßlich still und fremd an seiner Seite. Andreas mußte an den kleinen Boris denken, der im Paradiesgärtlein sanft und benommen wartete, bis einer ihn mitnahm.
Aber plötzlich redete Andreas doch zu ihm. „Du sollst ein Kind haben,“ sagte er unvermittelt und berührte sanft seine Hand, „hör’ zu — Franziska bekommt bald ein Kind von dir — einen Sohn sollen wir haben —.“
Niels aber saß da, ein wenig in sich versunken und von der Fahrt leicht gerüttelt. Das Blut auf seiner Stirn war jetzt geronnen, aber in diese Stirne hing das Haar immer noch so verwirrt. Um den Mund, der halb offen stand, als tränke er Dunkelheit, lag ein Lächeln: unzerstörbar, unhaltbar, undeutbar. Sein Frackmantel hing in großen Falten um ihn wie des Kreuzritters Tuch. Die Krawatte baumelte verkommen herab, die ausgeschnittenen Schuhe waren häßlich besudelt.
Wovon aber sprach dieses Lächeln, und was wußte es? Lächelte es über das Kind, das gezeugt worden war und leben sollte? Oder war es nur die Benommenheit vom Gift, die es um diese Züge legte?
Andreas wollte es scheinen, daß es in seiner seligen Entferntheit das Geheimnis vom Körper künde, der einsam ist — das süße Geheimnis vom Körper.
Hier sollte er halten, rief Niels dem Chauffeur plötzlich zu, hier wollten sie aussteigen und ein wenig spazierengehen — hier seien die Hallen. —
Der Chauffeur, gewohnt an viel Narretei, sagt nicht viel dazu, nimmt sein Geld in Empfang und fährt also davon. „Ja — les Halles — die sind das Schönste am ganzen Paris —“, sagt Niels schnell und doch mit sonderbar schwerer Zunge. „Das Schönste sind die — an ganz Paris!“ wiederholt er und lacht kurz.
In seinem schwarzen Frackcape steht er mitten auf der Straße. Seinen Hut hat er nun endgültig irgendwo vergessen. Er ist nicht betrunken, aber seine Bewegungen haben etwas Hemmungsloses, und man kann seinen Augen nicht auf den Grund sehen. — Andreas denkt an viel anderes — an weiße böse Pulver und an Blut, das über Stirnen rinnt —, aber er sagt nach einer kleinen Pause plötzlich und nur, um irgend etwas äußern zu können: „Les Halles — die sind doch der Bauch von Paris —.“ Aber Niels versteht das nicht recht. „Gehen wir also“, sagt er nur kurz, und nebeneinander gehen sie die Straße hinunter.
Es ist eine enge Straße, durch welche sie gehen, und auch sie liegt schon ganz voll Gemüsehaufen. In nicht weiter Entfernung wird die Straße in einen Platz münden, man sieht dort hinten schon seine Helle.
Niels ist gesprächig und laut. Er kauft dem eisgrauen Runzelweibchen, das, damit nichts gestohlen werde, wachsam bei seinen Gemüsen sitzt, ein Bündel Radieschen ab — ein kleines Bündelchen vom großen Berg —, und er beißt hinein, daß es laut knackt. — Mit dem spanischen Obsthändler verhandelt er über seine Orangen, aber der will störrisch nichts hergeben und versteift sich auf die Behauptung, das sei nachts untersagt. Niels, in unsicherem Französisch, führt das eisgraue Mütterchen ins Feld, die bereitwillig Handel getrieben habe mit ihren Radieschen — aber da hebt der Südländer, den Kopf skeptisch schräg gestellt, mit der bitteren Geste jüdischen Zweifels die flache Hand, als wollte er andeuten, wie erschütternd viel Betrug es auf dieser Welt doch gäbe. — Unverrichteter Dinge muß Niels also weiterziehen. Aber in der kleinen Kaschemme will er noch Schnaps trinken, er tritt ein, und die zerzausten Frauen hinter dem Schanktisch lachen alle, weil ihm die weiße Krawatte so aufgelöst hängt. Er aber, über den Tisch ihnen entgegengelehnt, lacht einfach mit und fragt sogar, während er das schwärzliche Schnapsglas schon zum Munde führt: „Nous sommes drôles, n’est-pas?“ — und zwingt Andreas, zu trinken. Aber die höflichen Wirtsdamen kichern alle, während sie abwehrend die Hände heben: „Oh, pourquoi — pourquoi, Messieurs? Pourquoi drôles? Mais non, messieurs —“, und dazu schütteln sie sich vor Lachen aus, und die Burschen, die im Hintergrund zechen, lachen mit und der dicke rote Wirt desgleichen. —
Aber dann treten die beiden auf den Platz, der unnatürlich hell im Licht der Bogenlampe liegt. Sie bleiben beide einen Augenblick stehen, als zweifelten sie an der Wirklichkeit dessen, was sich ihnen zeigt. Das ist ja wie eine kleine verzauberte Handelsstadt, in der nächtlicherweise die Hände sich im grellen Licht zwischen bunten Früchten und Gemüsen regen. O märchenhafte Geschäftigkeit!
Da sitzen auch wieder die Frauen, rund und humoristisch in Umschlagtüchern, und bewachen die Häufchen von appetitlich wohlgeformten Kartoffeln. Kleine graue Männer eilen mit Schubkarren voll Kohlköpfen hin und wider. Allerorts werden hier Lebensmittel ausgeladen, aufgestapelt und sortiert.
Jetzt mag es vier Uhr oder halb fünf Uhr sein. Im Nachthimmel ist schon ein Blau erwacht. Ganz tief, ganz purpurn leuchtet es aus dem großen Schwarz und breitet sich aus. In solch flammender Reinheit vor Sonnenaufgang ist der Himmel so keusch wie in der gläsernen Stunde nach Sonnenuntergang, wenn Tag und Nacht sich in zögernder Zärtlichkeit berühren. —
Das sind die großen, schwarzen und gewölbten Eingänge, die in die richtigen Hallen führen, wo tags dann verkauft wird. Hier ist der Fleischmarkt. — Niels und Andreas gehen Arm in Arm und ohne zu sprechen an den blutigen Kälbern vorbei, die mit klaffend aufgeschlitzten Bäuchen in langen Reihen beieinander hängen. Davon nährt sich die Stadt. — In hohen Ladungen wird Neues herbeigeschafft: viel Fleisch, blutiges Fleisch. Der Geruch liegt dick in der Luft. — Niels schnuppert ihn wie ein Tier, er lächelt ihm förmlich entgegen. „Fleisch,“ sagt er und atmet tief, „ja — so riecht Fleisch —.“ Starke Kerle hämmern und schlagen mit großen Beilen auf den blutigen Tierkörpern herum. Sie haben trotzige Augen bei ihrer Arbeit, sie haben die rotbespritzten Ärmel weit hinaufgekrempelt, an ihren Armen treten die Muskeln hervor. Kleine Knochensplitter fliegen umher. — Hier hängen Schweine, fett und mit gebrochenen Menschenaugen. Hier Hasen mit hängenden Ohren. So riecht Fleisch. Und jetzt ist man bei den lebenden Fischen.
Aber plötzlich sind Niels und Andreas im Blumenmarkt. Da hat das elektrische Licht ein schimmerndes Spiel auf allen Pflanzen. Hinter ihren bunten Haufen sitzen die Blumenfrauen und locken die jungen Herren zum Kauf. „Des fleurs fraiches!“ rufen sie und halten ihnen die duftenden Blüten entgegen. „Ecoutez, Messieurs! Des fleurs fraiches!“ — Und Andreas kauft plötzlich. Er kauft Blumen für Niels, der nicht nach ihnen verlangt hat, weißen Flieder und schmale, gelbe Rosen und geflammte Nelken. Niels hat den ganzen Arm schon voll, aber Andreas muß immer noch mehr haben. „Die sind schön — oh, wie die Veilchen riechen!“ ruft er, plötzlich lebendig gemacht, und Niels, der nur lacht, muß die vielen kleinen Veilchensträuße auch noch tragen. „Es wird zuviel — laß doch!“ wehrt er ihm ab. Und sein mit Blut beschmutztes Gesicht legt er gegen die frischen Blumen. Sie sind mit Wasser bespritzt — oder ist das der Tau? — Er fühlt Wasser an seinen Wangen und muß auch darüber lachen.
Die Blumenfrauen haben Spaß an ihren jungen Käufern. „Ah — les deux flaneurs!“ rufen sie lustig, „voilà les deux flaneurs!“ und lachen runzlig, während sie die roten, gelben und blauen Blüten anpreisend schwenken. Aber eine besonders Schlaue und Neckische ruft mit schelmischer Frage: „Ou un flaneur avec son bel ami?“ — und biegt sich vor Lachen. — Und der Schutzmann selbst, der in prächtiger Stattlichkeit zwischen den Körben steht, führt die Hand an die Mütze, und leutselig konstatiert er: „Ah — on s’amuse à notre Paris —.“
Ja, das sind die beiden charmanten Bummler, die nach harmlos festlicher Nacht mit Blumen beladen durchs arbeitsame Volk spazieren. Wohlwollen begegnet ihnen, weil sie so spaßig anzuschauen sind. Sie lachen ja beide.
Jetzt gehen sie zwischen den Gemüsen. Hier riecht es fast so stark wie in den Fleischerhallen. Die Spargel liegen in saftigen Bündeln, und Kohlköpfe — grüne und blaue — sind in hohen Pyramiden aufgeschichtet, und Spinat ist da in Haufen und gelbe Rüben, und dann gibt es Obst. Wie die Äpfel hier duften! Die müssen gerade vom Baum geholt sein.
Die beiden gehen viel langsamer, es ist auch so menschenleer geworden. Wo sind denn die Runzeldamen, wo die starken Burschen und die grauen Männchen hin? Im elektrischen Licht liegen die Früchte, tief schweigsam und duftend.
Während Andreas, den Kopf gesenkt, weiterschlendert, bemerkt er plötzlich, daß Niels nicht mehr an seiner Seite geht. Andreas kann nicht sehen, wohin er verschwunden ist. — Erst als seine Augen ihn angstvoll suchen, finden sie ihn, ziemlich weit schon entfernt, langsam zwischen den schweigenden Gemüsehaufen von ihm fort und davon gehen. In die Stille des großen Erdgeruches geht er hinein, den Arm voller Blumen, gegen die er sein blutiges Gesicht legt, und verdunkelten Blicks.
Andreas aber hatte das Recht nicht, ihm nachzufolgen.
Da fühlt er, daß eine Frau hinter ihm steht. Er wendet sich um und sieht in ihr bemaltes Gesicht. Fremd, streng und sachlich ist es vor ihm mit schwarzem, abstehendem Haar und ziegelroten Lippen. Er kennt die Frau nicht, es ist nicht Fräulein Franziska. Aber sie weiß von ihm alles. — Sie hat ausgetretene Stiefel an und einen grotesken Federhut. Unter diesem Federhut kommt ihre Stimme rauh zu ihm her, rauh und voll Güte. Sie sagt nur — und weist mit der Hand nach dem, der unhaltbar zwischen den Früchten davongeht: „Il ne revient pas.“ Und schüttelt todernst den Kopf.
Da wendet Andreas sich rasch um nach dem Entschwindenden. Wird er ihm nicht einmal sein Gesicht noch zeigen? Er hebt mit einer zaghaften Angstbewegung beide Hände, als ob es noch möglich sei, ihn aufzuhalten. — Aber der ist nicht mehr zu sehen. Ihn hat das fruchtduftende Dunkel schon aufgenommen.
Als er zu der Frau noch irgend etwas sagen will, ist auch diese schon fort. In einiger Entfernung sieht er sie; würdig, breit und redlich schwankt ihr das Hinterteil. Aus dem gelben Flimmern der Bogenlampe, unter der sie gestanden, schreitet sie langsam ins Dämmern hinein.
Kein Mensch ist, soweit das Auge reicht, zu entdecken. Andreas bezweifelt, wie er zwischen all dem Kohl und Spinat jemals einen Ausweg finden solle.
Wie weiß und fahl das kleine Hotelzimmer im Morgenlicht lag! Die Betten waren breit hierzulande, für viel schwere Unzucht berechnet.
Er setzte sich auf das breite Bett. Er zweifelte, ob er sich jetzt ausziehen und noch schlafenlegen sollte oder nach Frühstück klingeln und rüstig den Tag beginnen. Das breite Bett zog ihn an. — Aber neben dem Bett, auf dem Nachttisch, stand Niels’ Photographie, die ihm das arme Paulchen einstmals nach Köln hatte mitbringen müssen.
Da fiel dem müden Andreas wieder ein, was er zu tun hatte. Er stand auf und ging durchs Zimmer zum Tisch. Da lag auf gewürfeltem Tischtuch der Rosenkranz. Er hatte sich in sich selber zusammengekringelt wie ein heiliges Schlänglein, das still liegt und wartet. Er aber faßte es an, legte es sich um die Hand. Er ging durchs Zimmer damit und zum Bett zurück. Und langsam, voll Sorgfalt, wie man eine hohe Zeremonie begeht, legte er die schwarze Kette um Niels’ ernst schauendes Bild. Jetzt war es geziert — —.
Dann sank er aufs Bett zurück, im Frack wie er war. — Und jetzt schloß er die Augen.
Da zuerst hörte er das Flügelschlagen der Engel. Er konnte die Augen nicht öffnen, und er konnte die Engel also nicht sehen. Aber er fühlte ihre Nähe, ihr silbernes Geräusch mit Flügeln und Instrumenten, ihr heilig-lautloses Gespräch. Sie drängten sich um ihn herum, das ganze Zimmer war schon erfüllt mit ihnen. Aus den Wänden mußten sie getreten sein, das ganze kleine Hotelzimmer war voller Engel, dicht gedrängt umstanden sie den Müden in seinem breiten Bett.
Aber aus ihrer Mitte trat Sie, deren unnahbare Zierlichkeit das Opfer einstmals zurückgewiesen hatte. Wie gekräuselter Rauch waren da ihre Worte in der Nachtluft gewesen. „Hast dir’s noch nicht verdient. Hast dir’s noch nicht erlitten. Hast mich noch niemals begriffen — —.“
Aber jetzt kam sie zu ihm her. Aber jetzt stand sie ja selbst an seiner Seite, gnadenreich im Faltenwurf ihres Gewands. Er hatte nicht ihr das Opfer dargebracht, hatte den Schmuck, den sie einst zurückgewiesen, heute um eines anderen geliebtes Bild gelegt. — Wenn man also nur liebte: war ihr das Ehrung genug?
Jetzt neigte sie sich zu seiner Stirn. Jetzt war ihr Gesicht über ihm. Da glaubte er’s zu erkennen: war es nicht gütig wie das der Mutter, sanft wie das der Geliebten nach der ersten Nacht, geheimnisvoll wie das Gesicht der Schwestern?
Während das lautlose Gespräch der Engel sich um ihn herum zum himmlischen Chorgesang steigerte, vergingen dem Träumer die Sinne.
Aber als das helle Licht des Vormittags ihm dann ins Zimmer schien, saß er schon am Schreibtisch über einem Brief. Er schrieb vor seiner Abreise an Ursula Bischof. Der Brief lautete:
„Wenn ich zurückkomme, will ich Dir, meine liebe Ursula, alles erzählen — und einmal komme ich ja zurück. Für die nächste Zeit allerdings habe ich noch viele Reisen vor und viele Wanderfahrten. Ich reise von hier aus nach dem Süden und dann über das Meer. Ich habe Lust, die ganze Welt zu sehen, die ganze bunte Kugel. Ich will in den großen Osten reisen, wo alles herkommt und nach Amerika, wo sich alles zum Betrieb zersetzt. Ich möchte mir alles ansehen, alle Bäume und alle Menschengesichter. Wenn ich dann nach Hause komme — vielleicht kann ich dann die schönen Bilder malen, aus denen Wind und Lust und Trauer weht. Aber ich glaube nicht, daß es in Zukunft auf die Bilder ankommen wird. Auf die Bilder nicht und auf die Bücher nicht. Ich mag nicht in die Zukunft schauen, die Zukunft geht mich nichts an. Aber wenn ich mich einmal doch dazu verleiten lasse, sehe ich schwarz, was die Kunst und ihre Lebensberechtigung im Laufe der nächsten Jahrzehnte betrifft. Schwarz sehe ich auch, was den großen und innigen Traum von einer sittlich-freien, tiefsinnig-heiteren Humanität betrifft, den unsere Besten träumen. Die Unruhe dieser Zeit ist groß und gewaltig, ja, vielleicht war keine Zeit sich ihrer Unruhe, ihres Irgendwohin-Getriebenwerdens so sehr bewußt, wie eben diese unsere. Wohin dies alles führen soll, dieser große Tanz, wissen wir wohl am wenigsten. — Ich fürchte zu einer geistig-menschlichen Gemeinschaft und zur idealen Republik am wenigsten. Wir dürfen über die Lösung der Unruhe nicht Bescheid wissen, vielleicht ist diese Lösung ja auch einfach der große Abgrund, die Apokalypse, ein neuer Krieg, ein Selbstmord der Menschheit. Aber je größer und je heftiger die Unruhe war, um so seliger wird nachher die Stille sein. Bewegung ist reif werden zur Ruhe. Leben ist reif werden zum Tod. Sind wir so ziellose Tänzer, da wir also das Leben wie ein frommes Fest feiern und nicht bedenken, wie wir es zum Guten, Richtigen, Tüchtigen führen könnten? So mag man es uns verzeihen, es ist in diesen Tagen nicht leicht, irgendeiner Ordnung zu dienen. Auch muß ein Fest ja nichts Leichtsinniges sein, nichts Flottes und nichts Gedankenloses. Was der Sinn solchen Festes bleibt, behalten wir immer in unserem Herzen. So ist es, scheint mir, kein lustiges Flatterfest und Kinderspaß, ein ernstes Spiel ist es eher, ein frommes Abenteuer.
Liebe Ursula, meine liebe Braut — ich schreibe Dir viele Worte, aber vielleicht weißt Du dies alles besser selbst. Mir war es nur, als müßte ich es Dir mitteilen. Jetzt wirst Du ja auch einige Zeit wieder nichts von mir hören. Alle Bäume rauschen für mich, alle Meere warten auf mich. Menschen sitzen in ihren Wohnstuben, denen ich nächstens zu begegnen habe. Des Menschen Leib ist schön an allen Orten. Ich liebe des Menschen Leib —.“
Er sah zu dem Bilde auf, das vor ihm stand, zu dem Bilde Ursulas mit ihrem Vater. Der Vater sah ihm zu, wie er schrieb, aus warmen und doch wissenden Augen. Und Ursulas Frauenblick traf ihn, streichelte ihn, tat ihm wohl.
Er warf die Feder weg und sprang auf. Unten im Süden wollte er’s zu Ende schreiben.
Jetzt mußte er packen, weiterreisen.
Er trat auf die Straße, und da stand auch das Auto schon, mit seinen Koffern bepackt. In grüner Schürze rieb der Portier sich die Hände — hatte er denn so viel Trinkgeld bekommen, daß zum Händereiben Anlaß war? — Aus ihrer Loge winkte die geschwätzige Concierge, rief: „Au revoir, Monsieur — au revoir —“ voll Heiterkeit, wenngleich mit schon verblühtem Gesicht. Das blonde Stubenmädchen stellte sich mit einem Male als Elsässerin heraus und sprach fließend Deutsch. „Die deutschen Herren sind alle so freundlich“, sagte sie und nickte verträumt.
Ein kluges Gesicht mit schwarzem, hängendem Schnurrbart und witzig-ausdrucksvollen Mandelaugen hielt der Chauffeur ihm entgegen. Winkte ihm die Dame aus der Loge nun nicht gar mit dem weißen Spitzentüchlein zu?
Andreas stieg ein. Ein wenig behindert saß man zwischen den vielen Koffern, und die eine Handtasche stieß einem — warum sollte man’s leugnen? — sogar das Schienbein ein bißchen wund. Aber wie schnell das Auto doch fuhr, obwohl so bepackt. Ein schlankes Auto, eine hellgraue, schneidig gebaute Karosse. Ein kluger Führer mit hängendem Schnurrbart, chinesischer Typus. Ehemals wahrscheinlich Börsenspekulant gewesen, inzwischen natürlich völlig verarmt, durch Unglück aber witzig, ja, schelmisch, nicht etwa griesgrämig und mißmutig gemacht. Wie er jetzt sauste — —.
Da glitten die Straßen vorbei. Soldaten kamen daher, ein ganzer Zug. Studenten kamen daher, hatten grasgrüne Mützen auf, sprachen englisch — man konnte es hören. Ein Junge spielte auch Ball, ganz für sich. Ein Junge mit blauen Hosen, mit langen, mageren Beinen, mit Simpelfransen, die ihm beinahe bis in die Augen hingen —. War er jemals in seinem kurzen Jungenleben mehr und inständiger geliebt worden, als in dieser trunkenen Sekunde, da dieser Andreas an ihm vorüberfuhr?!
Andreas hatte den Hut abgenommen. Der Wind hatte sein Haar erfaßt und ließ es jetzt wehen. So wurde Andreas Gesicht wie das eines Läufers, der über Wiesen hin einem großen Wald entgegenstürmt: ein wenig verzerrt vom Luftzug, die Augen zusammengekniffen, Wind im Haar und ein benommenes Lächeln um den Mund.
Das war der Himmel des Tages, über Früchten und Gemüse hatte man ihn blau werden sehen. Das war Luft, Windesluft war das, die einem da entgegenkam. — Wohin würde man rennen? Wo würde es enden? Wie würde es sein, am Schluß — und was sollte daraus werden?
Da faltete der im rasenden Auto plötzlich die Hände, eingepfercht zwischen all seine Koffer. Aber seine Frommheit verdichtete sich ihm zu einer neuen Formel, zu einem geheimnisvollen Gedanken — der hieß: Ich glaube an diese Welt. Er begriff es fast selbst nicht, wie er das meinte und wodurch er dazu gekommen sei. Aber leicht war es nicht gewesen.
Mit verwehtem Haar und gefalteten Händen raste seine Gestalt an den Menschen vorbei, und sie sahen ihm lachend nach und er war ein betender Läufer.
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[Das Ende Der Fromme Tanz bis Klaus Mann]