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Title: Das kalte Herz
Date of first publication: 1827
Author: Wilhelm Hauff (1802-1827)
Date first posted: June 3, 2020
Date last updated: June 3, 2020
Faded Page eBook #20200604

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WILHELM HAUFF

Das kalte Herz

_Erste Abteilung_


Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in
den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man
nicht überall solch unermeßliche Menge herrlich aufgeschossener Tannen
findet, sondern wegen der Leute, die sich von den andern Menschen
ringsumher merkwürdig unterscheiden. Sie sind größer als gewöhnliche
Menschen, breitschultrig, von starken Gliedern, und es ist, als ob der
stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, ihnen von Jugend
auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen festeren, wenn
auch rauheren Mut als den Bewohnern der Stromtäler und Ebenen gegeben
hätte. Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch durch ihre Sitten
und Trachten sondern sie sich von den Leuten, die außerhalb des Waldes
wohnen, streng ab. Am schönsten kleiden sich die Bewohner des badischen
Schwarzwaldes; die Männer lassen den Bart wachsen, wie er von Natur
dem Mann ums Kinn gegeben ist; ihre schwarzen Wämser, ihre ungeheuren,
enggefalteten Pluderhosen, ihre roten Strümpfe und die spitzen Hüte,
von einer weiten Scheibe umgeben, verleihen ihnen etwas Fremdartiges,
aber etwas Ernstes, Ehrwürdiges. Dort beschäftigen sich die Leute
gewöhnlich mit Glasmachen; auch verfertigen sie Uhren und tragen sie in
der halben Welt umher.

Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil desselben Stammes; aber
ihre Arbeiten haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben als
den Glasmachern. Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen
ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem
obern Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am
Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an
jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen
Balken und Bretter abkaufen werde; ihre stärksten und längsten Balken
aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe
daraus bauen. Diese Menschen nun sind an ein rauhes, wanderndes Leben
gewöhnt. Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Ströme hinabzufahren, ihr
Leid, am Ufer wieder heraufzuwandeln. Darum ist auch ihr Prachtanzug so
verschieden von dem der Glasmänner im andern Teil des Schwarzwaldes.
Sie tragen Wämser von dunkler Leinwand, einen handbreiten grünen
Hosenträger über die breite Brust, Beinkleider von schwarzem Leder,
aus deren Tasche ein Zollstab von Messing wie ein Ehrenzeichen
hervorschaut; ihr Stolz und ihre Freude aber sind ihre Stiefel, die
größten wahrscheinlich, welche auf irgendeinem Teil der Erde Mode sind;
denn sie können zwei Spannen weit über das Knie hinaufgezogen werden,
und die ›Flözer‹ können damit in drei Schuh tiefem Wasser umherwandeln,
ohne sich die Füße naß zu machen.

Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an
Waldgeister, und erst in neuerer Zeit hat man ihnen diesen törichten
Aberglauben benehmen können. Sonderbar ist es aber, daß auch die
Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese
verschiedenen Trachten sich geteilt haben. So hat man versichert, daß
das ›Glasmännlein‹, ein gutes Geistchen von dreieinhalb Fuß Höhe, sich
nie anders zeige als in einem spitzen Hütlein mit großem Rand, mit Wams
und Pluderhöschen und roten Strümpfchen. Der ›Holländer-Michel‹ aber,
der auf der andern Seite des Waldes umgeht, soll ein riesengroßer,
breitschultriger Kerl in der Kleidung der Flözer sein, und mehrere,
die ihn gesehen haben wollen, versichern, daß sie die Kälber nicht
aus ihrem Beutel bezahlen möchten, deren Felle man zu seinen Stiefeln
brauchen würde. »So groß, daß ein gewöhnlicher Mann bis an den Hals
hineinstehen könnte«, sagten sie und wollten nichts übertrieben haben.

Mit diesen Waldgeistern soll einmal ein junger Schwarzwälder eine
sonderbare Geschichte gehabt haben, die ich erzählen will. Es lebte
nämlich im Schwarzwald eine Witwe, Frau Barbara Munkin; ihr Gatte
war Kohlenbrenner gewesen, und nach seinem Tod hielt sie ihren
sechzehnjährigen Knaben nach und nach zu demselben Geschäft an.

Der junge Peter Munk, ein schlauer Bursche, ließ es sich gefallen,
weil er es bei seinem Vater auch nicht anders gesehen hatte, die ganze
Woche über am rauchenden Meiler zu sitzen oder, schwarz und berußt und
den Leuten ein Abscheu, hinab in die Städte zu fahren und seine Kohlen
zu verkaufen. Aber ein Köhler hat viel Zeit zum Nachdenken über sich
und andere, und wenn Peter Munk an seinem Meiler saß, stimmten die
dunkeln Bäume umher und die tiefe Waldesstille sein Herz zu Tränen und
unbewußter Sehnsucht. Es betrübte ihn etwas, es ärgerte ihn etwas, er
wußte nicht recht was. Endlich merkte er sich ab, was ihn ärgerte, und
das war -- sein Stand. »Ein schwarzer, einsamer Kohlenbrenner!« sagte
er sich, »es ist ein elend Leben. Wie angesehen sind die Glasmänner,
die Uhrmacher, selbst die Musikanten am Sonntag abends! Und wenn Peter
Munk, rein gewaschen und geputzt, in des Vaters Ehrenwams mit silbernen
Knöpfen und mit nagelneuen roten Strümpfen erscheint und wenn dann
einer hinter mir hergeht und denkt, wer ist wohl der schlanke Bursche?
und lobt bei sich die Strümpfe und meinen stattlichen Gang, -- sieh,
wenn er vorübergeht und schaut sich um, sagt er gewiß: ›Ach, es ist nur
der Kohlenmunk-Peter.‹« --

Auch die Flözer auf der andern Seite waren ein Gegenstand seines
Neides. Wenn diese Waldriesen herüberkamen, mit stattlichen Kleidern,
und an Knöpfen, Schnallen und Ketten einen halben Zentner Silber auf
dem Leib trugen, wenn sie mit ausgespreizten Beinen und vornehmen
Gesichtern dem Tanz zuschauten, holländisch fluchten und wie die
vornehmsten Mynheers aus ellenlangen, kölnischen Pfeifen rauchten, da
stellte er sich als das vollendetste Bild eines glücklichen Menschen
solch einen Flözer vor. Und wenn diese Glücklichen dann erst in die
Taschen fuhren, ganze Hände voll großer Taler herauslangten und um
Sechsbätzner würfelten, fünf Gulden hin, zehen her, so wollten ihm
die Sinne vergehen, und er schlich trübselig nach seiner Hütte;
denn an manchem Feiertagabend hatte er einen oder den andern dieser
›Holzherren‹ mehr verspielen sehen, als der arme Vater Munk in einem
Jahr verdiente. Es waren vorzüglich drei dieser Männer, von welchen
er nicht wußte, welchen er am meisten bewundern sollte. Der eine war
ein dicker, großer Mann mit rotem Gesicht und galt für den reichsten
Mann in der Runde. Man hieß ihn den ›dicken Ezechiel‹. Er reiste
alle Jahre zweimal mit Bauholz nach Amsterdam und hatte das Glück,
es immer um so viel teurer als andere zu verkaufen, daß er, wenn die
übrigen zu Fuß heimgingen, stattlich herauffahren konnte. Der andere
war der längste und magerste Mensch im ganzen Wald, man nannte ihn den
›langen Schlurker‹, und diesen beneidete Munk wegen seiner ausnehmenden
Kühnheit; er widersprach den angesehensten Leuten, brauchte, wenn man
noch so gedrängt im Wirtshaus saß, mehr Platz, als vier der Dicksten;
denn er stützte entweder beide Ellbogen auf den Tisch oder zog eines
seiner langen Beine zu sich auf die Bank, und doch wagte ihm keiner
zu widersprechen, denn er hatte unmenschlich viel Geld. Der dritte
war ein schöner junger Mann, der am besten tanzte weit und breit und
daher den Namen ›Tanzbodenkönig‹ hatte. Er war ein armer Mensch gewesen
und hatte bei einem Holzherren als Knecht gedient; da wurde er auf
einmal steinreich; die einen sagten, er habe unter einer alten Tanne
einen Topf voll Geld gefunden, die andern behaupteten, er habe unweit
Bingen im Rhein mit der Stechstange, womit die Flözer zuweilen nach den
Fischen stechen, einen Pack mit Goldstücken heraufgefischt, und der
Pack gehöre zu dem großen Nibelungenhort, der dort vergraben liegt;
kurz, er war auf einmal reich geworden und wurde von jung und alt
angesehen wie ein Prinz.

An diese drei Männer dachte Kohlenmunk-Peter oft, wenn er einsam im
Tannenwald saß. Zwar hatten alle drei einen Hauptfehler, der sie bei
den Leuten verhaßt machte; es war dies ihr unmenschlicher Geiz, ihre
Gefühllosigkeit gegen Schuldner und Arme; denn die Schwarzwälder sind
ein gutmütiges Völklein. Aber man weiß, wie es mit solchen Dingen geht;
waren sie auch wegen ihres Geizes verhaßt, so standen sie doch wegen
ihres Geldes in Ansehen; denn wer konnte Taler wegwerfen wie sie, als
ob man das Geld von den Tannen schüttelte?

»So geht es nicht mehr weiter,« sagte Peter eines Tages schmerzlich
betrübt zu sich; denn tags zuvor war Feiertag gewesen und alles Volk in
der Schenke; »wenn ich nicht bald auf den grünen Zweig komme, so tu ich
mir etwas zuleid; wär ich doch nur so angesehen und reich wie der dicke
Ezechiel oder so kühn und so gewaltig wie der lange Schlurker oder so
berühmt und könnte den Musikanten Taler statt Kreuzer zuwerfen wie der
Tanzbodenkönig! Wo nur der Bursche das Geld her hat?« Allerlei Mittel
ging er durch, wie man sich Geld erwerben könne, aber keines wollte
ihm gefallen; endlich fielen ihm auch die Sagen von Leuten bei, die
vor alten Zeiten durch den Holländer-Michel und durch das Glasmännlein
reich geworden waren. Solang sein Vater noch lebte, kamen oft andere
arme Leute zum Besuch, und da wurde oft lang und breit von reichen
Menschen gesprochen, und wie sie reich geworden; da spielte nun oft das
Glasmännlein eine Rolle; ja, wenn er recht nachsann, konnte er sich
beinahe noch des Versleins erinnern, das man am Tannenbühl in der Mitte
des Waldes sprechen mußte, wenn es erscheinen sollte. Es fing an:

  Schatzhauser im grünen Tannenwald,
  Bist schon viel hundert Jahre alt;
  Dir gehört all Land, wo Tannen stehn --

Aber er mochte sein Gedächtnis anstrengen, wie er wollte, weiter konnte
er sich keines Verses mehr entsinnen. Er dachte oft, ob er nicht diesen
oder jenen alten Mann fragen sollte, wie das Sprüchlein heiße; aber
immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu verraten, ab;
auch schloß er, es müsse die Sage vom Glasmännlein nicht sehr bekannt
sein und den Spruch müssen nur wenige wissen; denn es gab nicht viele
reiche Leute im Wald, und -- warum hatten denn nicht sein Vater und
die andern armen Leute ihr Glück versucht? Er brachte endlich einmal
seine Mutter auf das Männlein zu sprechen, und diese erzählte ihm, was
er schon wußte, kannte auch nur noch die erste Zeile von dem Spruch
und sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Sonntag zwischen elf
und zwei Uhr geboren seien, zeige sich das Geistchen. Er selbst würde
wohl dazu passen, wenn er nur das Sprüchlein wüßte; denn er sei Sonntag
mittags zwölf Uhr geboren.

Als dies der Kohlenmunk-Peter hörte, war er vor Freude und vor
Begierde, dies Abenteuer zu unternehmen, beinahe außer sich. Es
schien ihm hinlänglich, einen Teil des Sprüchleins zu wissen und am
Sonntag geboren zu sein, und Glasmännlein mußte sich ihm zeigen. Als
er daher eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zündete er keinen
neuen Meiler an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue rote
Strümpfe an, setzte den Sonntagshut auf, faßte seinen fünf Fuß hohen
Schwarzdornstock in die Hand und nahm von der Mutter Abschied: »Ich
muß aufs Amt in die Stadt; denn wir werden bald spielen müssen, wer
Soldat wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal einschärfen,
daß Ihr Witwe seid und ich Euer einziger Sohn.« Die Mutter lobte seinen
Entschluß, er aber machte sich auf nach dem Tannenbühl. Der Tannenbühl
liegt auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes, und auf zwei Stunden im
Umkreis stand damals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte, denn die
abergläubischen Leute meinten, es sei dort ›unsicher‹. Man schlug auch,
so hoch und prachtvoll dort die Tannen standen, ungern Holz in jenem
Revier; denn oft waren den Holzhauern, wenn sie dort arbeiteten, die
Äxte vom Stiel gesprungen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume waren
schnell umgestürzt und hatten die Männer mit umgerissen und beschädigt
oder gar getötet; auch hätte man die schönsten Bäume von dorther nur
zu Brennholz brauchen können, denn die Floßherren nahmen nie einen
Stamm aus dem Tannenbühl unter ein Floß auf, weil die Sage ging, daß
Mann und Holz verunglücke, wenn ein Tannenbühler mit im Wasser sei.
Daher kam es, daß im Tannenbühl die Bäume so dicht und so hoch standen,
daß es am hellen Tage beinahe Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz
schaurig dort zumut; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den
seinigen, keine Axt; selbst die Vögel schienen diese dichte Tannennacht
zu vermeiden.

Kohlenmunk-Peter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls
erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein
holländischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden
gegeben hätte. ›Hier‹, dachte er, ›wird wohl der Schatzhauser
wohnen‹, zog seinen großen Sonntagshut, machte vor dem Baum eine tiefe
Verbeugung, räusperte sich und sprach mit zitternder Stimme: »Wünsche
glückseligen Abend, Herr Glasmann.« Aber es erfolgte keine Antwort,
und alles umher war so still wie zuvor. ›Vielleicht muß ich doch das
Verslein sprechen‹, dachte er weiter und murmelte:

  Schatzhauser im grünen Tannenwald,
  Bist schon viel hundert Jahre alt;
  Dir gehört all Land, wo Tannen stehn --

Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem großen Schrecken eine
ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne hervorschauen;
es war ihm, als habe er das Glasmännlein gesehen, wie man es
beschrieben, das schwarze Wämschen, die roten Strümpfchen, das Hütchen,
alles war so, selbst das blasse, aber feine und kluge Gesichtchen,
wovon man erzählte, glaubte er gesehen zu haben. Aber ach, so schnell
es hervorgeschaut hatte, das Glasmännlein, so schnell war es auch
wieder verschwunden! »Herr Glasmann,« rief nach einigem Zögern Peter
Munk, »seid so gütig und haltet mich nicht zum Narren. -- Herr
Glasmann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gesehen, so täuscht Ihr
Euch sehr, ich sah Euch wohl hinter dem Baum hervorgucken.« -- Immer
keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein leises, heiseres Kichern
hinter dem Baum zu vernehmen. Endlich überwand seine Ungeduld die
Furcht, die ihn bis jetzt noch abgehalten hatte. »Warte, du kleiner
Bursche,« rief er, »dich will ich bald haben!« sprang mit einem Satz
hinter die Tanne, aber da war kein Schatzhauser im grünen Tannenwald,
und nur ein kleines, zierliches Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf.

Peter Munk schüttelte den Kopf; er sah ein, daß er die Beschwörung
bis auf einen gewissen Grad gebracht habe und daß ihm vielleicht nur
noch ein Reim zu dem Sprüchlein fehle, so könne er das Glasmännlein
hervorlocken; aber er sann hin, er sann her und fand nichts. Das
Eichhörnchen zeigte sich an den untersten Ästen der Tanne und schien
ihn aufzumuntern oder zu verspotten. Es putzte sich, es rollte den
schönen Schweif, es schaute ihn mit klugen Augen an; aber endlich
fürchtete er sich doch beinahe, mit diesem Tier allein zu sein,
denn bald schien das Eichhörnchen einen Menschenkopf zu haben und
einen dreispitzigen Hut zu tragen, bald war es ganz wie ein anderes
Eichhörnchen und hatte nur an den Hinterfüßen rote Strümpfe und
schwarze Schuhe. Kurz, es war ein lustiges Tier; aber dennoch graute
Kohlenpeter, denn er meinte, es ginge nicht mit rechten Dingen zu.

Mit schnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab.
Das Dunkel des Tannenwaldes schien immer schwärzer zu werden, die Bäume
standen immer dichter, und ihm fing an so zu grauen, daß er im Trab
davonjagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald
darauf zwischen den Bäumen den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er
wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tracht der Leute in der
Hütte erblickte, fand er, daß er aus Angst gerade die entgegengesetzte
Richtung genommen und statt zu den Glasleuten zu den Flözern gekommen
sei. Die Leute, die in der Hütte wohnten, waren Holzfäller; ein alter
Mann, sein Sohn, der Hauswirt, und einige erwachsene Enkel. Sie nahmen
Kohlenmunk-Peter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne nach
seinem Namen oder Wohnort zu fragen, gaben ihm Apfelwein zu trinken,
und abends wurde ein großer Auerhahn, die beste Schwarzwaldspeise,
aufgesetzt.

Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Töchter
mit ihren Kunkeln um den großen Lichtspan, den die Jungen mit dem
feinsten Tannenharz unterhielten, der Großvater, der Gast und der
Hauswirt rauchten und schauten den Weibern zu; die Burschen aber waren
beschäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln. Draußen im Wald
heulte der Sturm und raste in den Tannen, man hörte da und dort sehr
heftige Schläge, und es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt
würden und zusammenkrachten. Die furchtlosen Jungen wollten hinaus in
den Wald laufen und dieses furchtbar schöne Schauspiel mit ansehen; ihr
Großvater aber hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück. »Ich will
keinem raten, daß er jetzt von der Tür geht,« rief er ihnen zu, »bei
Gott, der kommt nimmermehr wieder; denn der Holländer-Michel haut sich
heute nacht ein neues G'stair (Floßgelenke) im Wald.«

Die Kleinen staunten ihn an; sie mochten von dem Holländer-Michel schon
gehört haben, aber sie baten jetzt den Ehni einmal recht schön, von
jenem zu erzählen. Auch Peter Munk, der vom Holländer-Michel auf der
andern Seite des Waldes nur undeutlich hatte sprechen hören, stimmte
mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei. »Er ist der Herr
dieses Waldes, und nach dem zu schließen, daß Ihr in Eurem Alter dies
noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tannenbühl oder wohl
gar noch weiter zu Hause sein. Vom Holländer-Michel will ich Euch
aber erzählen, was ich weiß und wie die Sage von ihm geht. Vor etwa
hundert Jahren, so erzählte es wenigstens mein Ehni, war weit und
breit kein ehrlicher Volk auf Erden als die Schwarzwälder. Jetzt, seit
so viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich und schlecht.
Die jungen Burschen tanzen und johlen am Sonntag und fluchen, daß es
ein Schrecken ist; damals war es aber anders, und wenn er jetzt zum
Fenster dort hereinschaute, so sag ichs und hab es oft gesagt, der
Holländer-Michel ist schuld an all dieser Verderbnis. Es lebte also
vor hundert Jahr und drüber ein reicher Holzherr, der viel Gesind
hatte; er handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war
gesegnet, denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an
seine Türe, dergleichen er noch nie gesehen. Seine Kleidung war wie der
Schwarzwälder Bursche, aber er war einen guten Kopf höher als alle,
und man hatte noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen geben
könne. Dieser bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der
ihm ansah, daß er stark und zu großen Lasten tüchtig sei, rechnet mit
ihm seinen Lohn, und sie schlagen ein. Der Michel war ein Arbeiter,
wie selbiger Holzherr noch keinen gehabt. Beim Baumschlagen galt er
für drei, und wenn sechs an einem End schleppten, trug er allein das
andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er eines Tags
vor seinen Herrn und begehrte von ihm: ›Hab jetzt lange genug hier Holz
gehackt, und so möcht ich auch sehen, wohin meine Stämme kommen, und
wie wär es, wenn Ihr mich auch mal auf den Floß ließet?‹

Der Holzherr antwortete: ›Ich will dir nicht im Weg sein, Michel,
wenn du ein wenig hinaus willst in die Welt; und zwar beim Holzfällen
brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Floß aber kommt es auf
Geschicklichkeit an; aber es sei für diesmal!‹

Und so war es; der Floß, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich
(Glieder), und waren im letzten von den größten Zimmerbalken. Aber
was geschah? Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken
ans Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug
er so leicht auf der Schulter wie eine Flözerstange, so daß sich
alles entsetzte. Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch niemand. Dem
Holzherrn lachte das Herz, als er dies sah, denn er berechnete, was
diese Balken kosten könnten; Michel aber sagte: ›So, die sind für mich
zum Fahren; auf den kleinen Spänen dort kann ich nicht fortkommen.‹
Sein Herr wollte ihm zum Dank ein Paar Flözerstiefel schenken; aber
er warf sie auf die Seite und brachte ein Paar hervor, wie es sonst
noch keine gab; mein Großvater hat versichert, sie haben hundert Pfund
gewogen und seien fünf Fuß lang gewesen.

Der Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in
Verwunderung gesetzt, so staunten jetzt die Flözer; denn statt daß der
Floß, wie man wegen der ungeheuren Balken geglaubt hatte, langsamer auf
dem Fluß ging, flog er, sobald sie in den Neckar kamen, wie ein Pfeil;
machte der Neckar eine Wendung und hatten sonst die Flözer Mühe gehabt,
den Floß in der Mitte zu halten, um nicht auf Kies oder Sand zu stoßen,
so sprang jetzt Michel allemal ins Wasser, rückte mit einem Zug den
Floß links oder rechts, so daß er ohne Gefahr vorüberglitt, und kam
dann eine gerade Stelle, so lief er aufs erste G'stair (Gelenk) vor,
ließ alle ihre Stangen beisetzen, steckte seinen ungeheuren Weberbaum
ins Kies, und mit _einem_ Druck flog der Floß dahin, daß das Land und
Bäume und Dörfer vorbeizujagen schienen. So waren sie in der Hälfte
der Zeit, die man sonst brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo sie
sonst ihre Ladung verkauft hatten; aber hier sprach Michel: ›Ihr seid
mir rechte Kaufleute und versteht euren Nutzen! Meinet ihr denn, die
Kölner brauchen all dies Holz, das aus dem Schwarzwald kömmt, für sich?
Nein, um den halben Wert kaufen sie es euch ab und verhandeln es teuer
nach Holland. Lasset uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den
großen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis lösen,
ist unser eigener Profit.‹

So sprach der arglistige Michel, und die andern waren es zufrieden;
die einen, weil sie gerne nach Holland gezogen wären, es zu sehen,
die andern des Geldes wegen. Nur ein einziger war redlich und mahnte
sie ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen oder ihn um den
höheren Preis zu betrügen; aber sie hörten nicht auf ihn und vergaßen
seine Worte, aber der Holländer-Michel vergaß sie nicht. Sie fuhren
auch mit dem Holz den Rhein hinab, Michel leitete den Floß und brachte
sie schnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das Vierfache von
dem früheren Preis, und besonders die ungeheuren Balken des Michel
wurden mit schwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld
sahen, wußten sie sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab,
einen Teil dem Holzherrn, die drei andern unter die Männer. Und nun
setzten sie sich mit Matrosen und anderem schlechten Gesindel in die
Wirtshäuser, verschlemmten und verspielten ihr Geld; den braven Mann
aber, der ihnen abgeraten, verkaufte der Holländer-Michel an einen
Seelenverkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war
den Burschen im Schwarzwald Holland das Paradies und Holländer-Michel
ihr König; die Holzherren erfuhren lange nichts von dem Handel, und
unvermerkt kam Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus
Holland herauf.

Der Holländer-Michel war aber, als die Geschichte herauskam, nirgends
zu finden, aber tot ist er auch nicht; seit hundert Jahren treibt er
seinen Spuk im Wald, und man sagt, daß er schon vielen behilflich
gewesen sei, reich zu werden, aber -- auf Kosten ihrer armen Seele, und
mehr will ich nicht sagen. Aber so viel ist gewiß, daß er noch jetzt in
solchen Sturmnächten im Tannenbühl, wo man nicht hauen soll, überall
die schönsten Tannen aussucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh
dicke umbrechen sehen wie ein Rohr. Mit diesen beschenkt er die, welche
sich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um Mitternacht bringen sie
dann die G'stair ins Wasser, und er rudert mit ihnen nach Holland. Aber
wäre ich Herr und König in Holland, ich ließe ihn mit Kartätschen in
den Boden schmettern; denn alle Schiffe, die von dem Holländer-Michel
auch nur _einen_ Balken haben, müssen untergehen. Daher kommt es, daß
man so viel von Schiffbrüchen hört; wie könnte denn sonst ein schönes,
starkes Schiff, so groß als eine Kirche, zugrund gehen auf dem Wasser?
Aber sooft Holländer-Michel in einer Sturmnacht im Schwarzwald eine
Tanne fällt, springt eine seiner alten aus den Fugen des Schiffes;
das Wasser dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus verloren.
Das ist die Sage vom Holländer-Michel, und wahr ist es, alles Böse im
Schwarzwald schreibt sich von ihm her; oh! er kann einen reich machen,«
setzte der Greis geheimnisvoll hinzu, »aber ich möchte nichts von ihm
haben, ich möchte um keinen Preis in der Haut des dicken Ezechiel und
des langen Schlurkers stecken; auch der Tanzbodenkönig soll sich ihm
ergeben haben!«

Der Sturm hatte sich während der Erzählung des Alten gelegt; die
Mädchen zündeten schüchtern die Lampen an und gingen weg; die Männer
aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die
Ofenbank und wünschten ihm gute Nacht.

       *       *       *       *       *

Kohlenmunk-Peter hatte noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser
Nacht; bald glaubte er, der finstere, riesige Holländer-Michel reiße
die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen Arm einen
Beutel voll Goldstücke herein, die er untereinanderschüttelte, daß es
hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, freundliche
Glasmännlein auf einer ungeheuren grünen Flasche im Zimmer umherreiten,
und er meinte das heisere Lachen wieder zu hören wie im Tannenbühl;
dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr:

  In Holland gibts Gold,
  Könnets haben, wenn Ihr wollt,
  Um geringen Sold
  Gold, Gold!

Dann hörte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom Schatzhauser
im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüsterte: »Dummer
Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprüchlein reimen auf
_stehen_ und bist doch am Sonntag geboren Schlag zwölf Uhr. Reime,
dummer Peter, reime!«

Er ächzte, er stöhnte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu
finden; aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war seine
Mühe im Traum vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot erwachte,
kam ihm doch sein Traum sonderbar vor; er setzte sich mit verschränkten
Armen hinter den Tisch und dachte über die Einflüsterungen nach, die
ihm noch immer im Ohr lagen; »Reime, dummer Kohlenmunk-Peter, reime«,
sprach er zu sich und pochte mit dem Finger an seine Stirne, aber es
wollte kein Reim hervorkommen. Als er noch so dasaß und trübe vor sich
hinschaute und an den Reim auf _stehen_ dachte, da zogen drei Burschen
vor dem Haus vorbei in den Wald, und einer sang im Vorübergehn:

  Am Berge tat ich stehen,
  Und schaute in das Tal,
  Da hab ich sie gesehen
  Zum allerletzten Mal.

Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte
er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört
zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Sänger hastig
und unsanft beim Arm. »Halt, Freund!« rief er, »was habt Ihr da auf
_stehen_ gereimt? Tut mir die Liebe und sprecht, was Ihr gesungen!«

»Was fichts dich an, Bursche?« entgegnete der Schwarzwälder. »Ich kann
singen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder --«

»Nein, sagen sollst du, was du gesungen hast!« schrie Peter beinahe
außer sich und packte ihn noch fester an; die zwei andern aber, als sie
dies sahen, zögerten nicht lange, sondern fielen mit derben Fäusten
über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das
Gewand des dritten ließ und erschöpft in die Kniee sank. »Jetzt hast du
dein Teil,« sprachen sie lachend, »und merk dir, toller Bursche, daß du
Leute, wie wir sind, nimmer anfällst auf offenem Wege.«

»Ach, ich will mir es gewißlich merken!« erwiderte Kohlenpeter
seufzend; »aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget
deutlich, was jener gesungen!«

Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied
gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter.

»Also _sehen_,« sprach der arme Geschlagene, indem er sich mühsam
aufrichtete, »_sehen_ auf _stehen_, -- jetzt, Glasmännlein, wollen wir
wieder ein Wort zusammen sprechen.« Er ging in die Hütte, holte seinen
Hut und den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der Hütte
und trat seinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langsam und
sinnend seine Straße, denn er mußte ja einen Vers ersinnen; endlich,
als er schon in dem Bereich des Tannenbühls ging und die Tannen höher
und dichter wurden, hatte er auch seinen Vers gefunden und machte vor
Freuden einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesengroßer Mann in
Flözerkleidung und eine Stange so lang wie ein Mastbaum in der Hand
hinter den Tannen hervor. Peter Munk sank beinahe in die Kniee, als
er jenen langsamen Schrittes neben sich wandeln sah; denn er dachte,
das ist der Holländer-Michel und kein anderer. Noch immer schwieg die
furchtbare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furchtsam nach ihm
hin. Er war wohl einen Kopf größer als der längste Mann, den Peter
je gesehen; sein Gesicht war nicht mehr jung, doch auch nicht alt,
aber voll Furchen und Falten; er trug ein Wams von Leinwand, und die
ungeheuren Stiefel, über die Lederbeinkleider heraufgezogen, waren
Peter aus der Sage wohlbekannt.

»Peter Munk, was tust du im Tannenbühl?« fragte der Waldkönig endlich
mit tiefer, dröhnender Stimme.

»Guten Morgen, Landsmann,« antwortete Peter, indem er sich
unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte, »ich will durch den
Tannenbühl nach Haus zurück.«

»Peter Munk,« erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren
Blick nach ihm herüber, »dein Weg geht nicht durch diesen Hain.«

»Nun, so gerade just nicht,« sagte jener, »aber es macht heute warm, da
dachte ich, es wird hier kühler sein.«

»Lüge nicht, du, Kohlenpeter!« rief Holländer-Michel mit donnernder
Stimme, »oder ich schlag dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich hab
dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?« setzte er sanft hinzu. »Geh,
geh, das war ein dummer Streich, und gut ist es, daß du das Sprüchlein
nicht wußtest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt nicht
viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. -- Peter, du
bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein munterer,
schöner Bursche, der in der Welt was anfangen könnte, und sollst Kohlen
brennen! Wenn andere große Taler oder Dukaten aus dem Ärmel schütteln,
kannst du kaum ein paar Sechser aufwenden; 's ist ein ärmliches Leben!«

»Wahr ists, und recht habt Ihr, ein elendes Leben.«

»Na, mir solls nicht drauf ankommen,« fuhr der schreckliche Michel
fort; »hab schon manchem braven Kerl aus der Not geholfen, und du wärst
nicht der erste. Sag einmal, wieviel hundert Taler brauchst du fürs
erste?«

Bei diesen Worten schüttelte er das Geld in seiner ungeheuren Tasche
untereinander, und es klang wieder wie diese Nacht im Traum. Aber
Peters Herz zuckte ängstlich und schmerzhaft bei diesen Worten, es
wurde ihm kalt und warm, und der Holländer-Michel sah nicht aus, wie
wenn er aus Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. Es
fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten Mannes über die reichen
Menschen ein, und von unerklärlicher Angst und Bangigkeit gejagt, rief
er: »Schön Dank, Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaffen haben,
und ich kenn Euch schon«, und lief, was er laufen konnte. -- Aber der
Waldgeist schritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und murmelte
dumpf und drohend: »Wirsts noch bereuen, Peter, wirst noch zu mir
kommen; auf deiner Stirne stehts geschrieben, in deinem Auge ists zu
lesen, du entgehst mir nicht. -- Lauf nicht so schnell, höre nur noch
ein vernünftig Wort, dort ist schon meine Grenze!«

Aber als Peter dies hörte und unweit vor ihm einen kleinen Graben sah,
beeilte er sich nur noch mehr, über die Grenze zu kommen, so daß Michel
am Ende schneller laufen mußte und unter Flüchen und Drohungen ihn
verfolgte. Der junge Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung über
den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange ausholte
und sie auf ihn niederschmettern lassen wollte; er kam glücklich
jenseits an, und die Stange zersplitterte in der Luft wie an einer
unsichtbaren Mauer, und ein langes Stück fiel zu Peter herüber.

Triumphierend hob er es auf, um es dem groben Holländer-Michel
zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fühlte er das Stück Holz in
seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah er, daß es eine
ungeheure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die sich schon mit
geifernder Zunge und blitzenden Augen an ihm hinaufbäumte. Er ließ sie
los; aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm gewickelt und kam mit
schwankendem Kopfe seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf einmal
ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit dem
Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer-Michel, der
dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und
raste, als die Schlange von einem Gewaltigern entführt ward.

       *       *       *       *       *

Erschöpft und zitternd setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde
steiler, die Gegend wilder, und bald fand er sich wieder an der
ungeheuren Tanne. Er machte wieder wie gestern seine Verbeugungen gegen
das unsichtbare Glasmännlein und hub dann an:

  Schatzhauser im grünen Tannenwald,
  Bist schon viel hundert Jahre alt;
  Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
  Läßt dich nur Sonntagskindern sehn.

»Hasts zwar nicht ganz getroffen; aber weil du es bist,
Kohlenmunk-Peter, so soll es hingehen«, sprach eine zarte, feine Stimme
neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter einer schönen Tanne saß
ein kleines, altes Männlein in schwarzem Wams und roten Strümpfen
und den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines, freundliches
Gesichtchen und ein Bärtchen so zart wie aus Spinnweben; er rauchte,
was sonderbar anzusehen war, aus einer Pfeife von blauem Glas, und
als Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch Kleider,
Schuhe und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber es war
geschmeidig, als ob es noch heiß wäre, denn es schmiegte sich wie Tuch
nach jeder Bewegung des Männleins.

»Du bist dem Flegel begegnet, dem Holländer-Michel?« sagte der Kleine,
indem er zwischen jedem Wort sonderbar hüstelte; »er hat dich recht
ängstigen wollen, aber seinen Kunstprügel habe ich ihm abgejagt, den
soll er nimmer wiederkriegen.«

»Ja, Herr Schatzhauser,« erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung,
»es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn gewesen,
der die Schlange totgebissen? Da bedanke ich mich schönstens. -- Ich
komme aber, um mich Rats zu erholen bei Euch; es geht mir gar schlecht
und hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und da ich noch
jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Besseres aus mir werden;
und wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht
haben -- wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig, die
haben Geld wie Heu.«

»Peter,« sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus seiner
Pfeife weit hinweg, »Peter, sag mir nichts von diesen. Was haben sie
davon, wenn sie hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und
dann nachher desto unglücklicher sind? Du mußt dein Handwerk nicht
verachten; dein Vater und Großvater waren Ehrenleute und haben es
auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum
Müßiggang ist, was dich zu mir führt.«

Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. »Nein,«
sagte er, »Müßiggang, weiß ich wohl, Herr Schatzhauser im Tannenwald,
Müßiggang ist aller Laster Anfang; aber das könnt Ihr mir nicht
übelnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefällt als der meinige.
Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die
Glasleute und Flözer und Uhrmacher und alle sind angesehener.«

»Hochmut kommt oft vor dem Fall,« erwiderte der kleine Herr vom
Tannenwald etwas freundlicher; »ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr
Menschen! Selten ist einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er
geboren und erzogen ist, und was gilts, wenn du ein Glasmann wärest,
möchtest du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde
dir des Försters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an. Aber es sei!
Wenn du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu etwas
Besserem verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das sich zu
mir zu finden weiß, drei Wünsche zu gewähren. Die ersten zwei sind
frei, den dritten kann ich verweigern, wenn er töricht ist. So wünsche
dir also jetzt etwas, aber -- Peter, etwas Gutes und Nützliches!«

»Heisa! Ihr seid ein treffliches Glasmännlein, und mit Recht nennt man
Euch Schatzhauser, denn bei Euch sind die Schätze zu Hause. Nu -- und
also darf ich wünschen, wonach mein Herz begehrt, so will ich denn fürs
erste, daß ich noch besser tanzen könne als der Tanzbodenkönig und
jedesmal noch einmal so viel Geld ins Wirtshaus bringe als er.«

»Du Tor!« erwiderte der Kleine zürnend. »Welch ein erbärmlicher Wunsch
ist dies, gut tanzen zu können und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du
dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was
nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt
dir dein Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist und wie
das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die
ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir
frei; aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest!«

Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zögern:
»Nun, so wünsche ich mir die schönste und reichste Glashütte im ganzen
Schwarzwald mit allem Zugehör und Geld, sie zu leiten.«

»Sonst nichts?« fragte der Kleine mit besorglicher Miene. »Peter, sonst
nichts?«

»Nu -- Ihr könnet noch ein Pferd dazutun und ein Wägelchen --«

»O du dummer Kohlenmunk-Peter!« rief der Kleine und warf seine
gläserne Pfeife im Unmut an eine dicke Tanne, daß sie in hundert
Stücke sprang. »Pferde? Wägelchen? Verstand, sag ich dir, Verstand,
gesunden Menschenverstand und Einsicht hättest du wünschen sollen,
aber nicht Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so traurig,
wir wollen sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der
zweite Wunsch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt
auch ihren Mann und Meister; nur hättest du Einsicht und Verstand
dazu mitnehmen können, Wagen und Pferde wären dann wohl von selbst
gekommen.«

»Aber, Herr Schatzhauser,« erwiderte Peter, »ich habe ja noch einen
Wunsch übrig. Da könnte ich ja Verstand wünschen, wenn er mir so
überaus nötig ist, wie Ihr meinet.«

»Nichts da! Du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh
sein wirst, wenn du noch einen Wunsch frei hast. Und nun mache dich auf
den Weg nach Hause! Hier sind,« sprach der kleine Tannengeist, indem
er ein kleines Beutelein aus der Tasche zog, »hier sind zweitausend
Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern;
denn dann müßte ich dich an die höchste Tanne aufhängen! So hab ichs
gehalten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber ist der alte
Winkfritz gestorben, der die große Glashütte gehabt hat im Unterwald.
Dorthin gehe morgen frühe und mach ein Bot auf das Gewerbe, wie es
recht ist. Halt dich wohl, sei fleißig, und ich will dich zuweilen
besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du dir doch
keinen Verstand erbeten. Aber, das sag ich dir ernstlich, dein erster
Wunsch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshauslaufen, Peter! 's
hat noch bei keinem lange gut getan.« Das Männlein hatte, während es
dies sprach, eine neue Pfeife vom schönsten Beinglas hervorgezogen,
sie mit gedörrten Tannenzapfen gestopft und in den kleinen, zahnlosen
Mund gesteckt. Dann zog es ein ungeheures Brennglas hervor, trat in die
Sonne und zündete seine Pfeife an. Als es damit fertig war, bot es dem
Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den
Weg, rauchte und blies immer schneller und verschwand endlich in einer
Rauchwolke, die nach echtem holländischem Tabak roch und, langsam sich
kräuselnd, in den Tannenwipfeln verschwebte.

       *       *       *       *       *

Als Peter nach Haus kam, fand er seine Mutter sehr in Sorgen um
ihn; denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum
Soldaten ausgehoben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und
erzählte ihr, wie er im Wald einen guten Freund getroffen, der ihm
Geld vorgeschossen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlenbrennen
anzufangen. Obgleich seine Mutter schon seit dreißig Jahren in der
Köhlerhütte wohnte und an den Anblick berußter Leute so gewöhnt war als
jede Müllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch eitel
genug, sobald ihr Peter ein glänzenderes Los zeigte, ihren früheren
Stand zu verachten, und sprach: »Ja, als Mutter eines Mannes, der
eine Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete
und Bete und setze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo rechte
Leute sitzen.« Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashütte bald
handelseinig. Er behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und
ließ nun Tag und Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Handwerk
wohl; er pflegte gemächlich in die Glashütte hinabzusteigen, ging dort
mit vornehmen Schritten, die Hände in die Tasche gesteckt, hin und her,
guckte dahin, guckte dorthin, sprach dies und jenes, worüber seine
Arbeiter oft nicht wenig lachten, und seine größte Freude war, das
Glas blasen zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und
formte aus der noch weichen Masse die sonderbarsten Figuren. Bald aber
war ihm die Arbeit entleidet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde
des Tages in die Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur
einmal, und seine Gesellen machten, was sie wollten. Das alles kam
aber nur vom Wirtshauslaufen; den Sonntag, nachdem er vom Tannenbühl
zurückgekommen war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf dem
Tanzboden sprang, war der Tanzbodenkönig, und der dicke Ezechiel saß
auch schon hinter der Maßkanne und knöchelte um Kronentaler. Da fuhr
Peter schnell in die Tasche, zu sehen, ob ihm das Glasmännlein Wort
gehalten, und siehe, seine Tasche strotzte von Silber und Gold. Auch in
seinen Beinen zuckte und drückte es, wie wenn sie tanzen und springen
wollten, und als der erste Tanz zu Ende war, stellte er sich mit seiner
Tänzerin obenan neben den Tanzbodenkönig, und sprang dieser drei Schuh
hoch, so flog Peter vier, und machte dieser wunderliche und zierliche
Schritte, so verschlang und drehte Peter seine Füße, daß alle Zuschauer
vor Lust und Verwunderung beinahe außer sich kamen. Als man aber auf
dem Tanzboden vernahm, daß Peter eine Glashütte gekauft habe, als man
sah, daß er, sooft er an den Musikanten vorbeitanzte, ihnen einen
Sechsbätzner zuwarf, da war des Staunens kein Ende. Die einen glaubten,
er habe einen Schatz im Wald gefunden, die andern meinten, er habe eine
Erbschaft getan, aber alle verehrten ihn jetzt und hielten ihn für
einen gemachten Mann, nur weil er Geld hatte. Verspielte er doch noch
an demselben Abend zwanzig Gulden, und nichtsdestominder rasselte und
klang es in seiner Tasche, wie wenn noch hundert Taler darin wären.

Als Peter sah, wie angesehen er war, wußte er sich vor Freude und
Stolz nicht zu fassen. Er warf das Geld mit vollen Händen weg und
teilte es den Armen reichlich mit, wußte er doch, wie ihn selbst einst
die Armut gedrückt hatte. Des Tanzbodenkönigs Künste wurden vor den
übernatürlichen Künsten des neuen Tänzers zuschanden, und Peter führte
jetzt den Namen Tanzkaiser. Die unternehmendsten Spieler am Sonntag
wagten nicht so viel wie er, aber sie verloren auch nicht so viel. Und
je mehr er verlor, desto mehr gewann er. Das verhielt sich aber ganz
so, wie er es vom kleinen Glasmännlein verlangt hatte. Er hatte sich
gewünscht, immer so viel Geld in der Tasche zu haben wie der dicke
Ezechiel, und gerade dieser war es, an welchen er sein Geld verspielte,
und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf einmal verlor, so hatte er
sie alsobald wieder in der Tasche, wenn sie Ezechiel einstrich. Nach
und nach brachte er es aber im Schlemmen und Spielen weiter als die
schlechtesten Gesellen im Schwarzwald, und man nannte ihn öfter
Spielpeter als Tanzkaiser, denn er spielte jetzt auch beinahe an allen
Werktagen. Darüber kam aber seine Glashütte nach und nach in Verfall,
und daran war Peters Unverstand schuld. Glas ließ er machen, so viel
man immer machen konnte; aber er hatte mit der Hütte nicht zugleich das
Geheimnis gekauft, wohin man es am besten verschleißen könne. Er wußte
am Ende mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den
halben Preis an herumziehende Händler, nur um seine Arbeiter bezahlen
zu können.

Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz
des vielen Weines, den er getrunken, um sich fröhlich zu machen, mit
Schrecken und Gram an den Verfall seines Vermögens. Da bemerkte er auf
einmal, daß jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe da -- es
war das Glasmännlein. Da geriet er in Zorn und Eifer, vermaß sich hoch
und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Unglück schuld. »Was
tu ich nun mit Pferd und Wägelchen?« rief er, »was nutzt mich die Hütte
und all mein Glas? Selbst als ich noch ein elender Köhlersbursch war,
lebte ich froher und hatte keine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der
Amtmann kommt und meine Habe schätzt und mir vergantet der Schulden
wegen!«

»So?« entgegnete das Glasmännlein; »so? Ich also soll schuld daran
sein, wenn du unglücklich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltaten?
Wer hieß dich so töricht wünschen? Ein Glasmann wolltest du sein und
wußtest nicht, wohin dein Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du
solltest behutsam wünschen? Verstand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt.«
»Was Verstand und Klugheit!« rief jener. »Ich bin ein so kluger Bursche
als irgendeiner und will es dir zeigen, Glasmännlein«, und bei diesen
Worten faßte er das Männlein unsanft am Kragen und schrie: »Hab ich
dich jetzt, Schatzhauser im grünen Tannenwald? Und den dritten Wunsch
will ich jetzt tun, den sollst du mir gewähren; und so will ich hier
auf der Stelle zweimalhunderttausend harte Taler und ein Haus und
-- o weh!« schrie er und schüttelte die Hand; denn das Waldmännlein
hatte sich in glühendes Glas verwandelt und brannte in seiner Hand wie
sprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen.

Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine
Undankbarkeit und Torheit. Dann aber übertäubte er sein Gewissen
und sprach: »Und wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so
bleibt mir doch noch immer der dicke Ezechiel. Solange der Geld hat am
Sonntag, kann es mir nicht fehlen.«

Ja, Peter! Aber wenn er keines hat? -- Und so geschah es eines Tages,
und war ein wunderliches Rechenexempel. Denn eines Sonntags kam er
angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Köpfe durch die
Fenster, und der eine sagte, da kommt der Spielpeter, und der andere,
ja, der Tanzkaiser, der reiche Glasmann, und ein dritter schüttelte
den Kopf und sprach: »Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt
allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt, der
Amtmann werde nicht mehr lang säumen zum Auspfänden.« Indessen grüßte
der reiche Peter die Gäste am Fenster vornehm und gravitätisch, stieg
vom Wagen und schrie: »Sonnenwirt, guten Abend, ist der dicke Ezechiel
schon da?« Und eine tiefe Stimme rief: »Nur herein, Peter! Dein Platz
ist dir aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten.« So trat
Peter Munk in die Wirtsstube und fuhr gleich in die Tasche und merkte,
daß Ezechiel gut versehen sein müsse, denn seine Tasche war bis oben
angefüllt.

Er setzte sich hinter den Tisch zu den andern und spielte und gewann
und verlor hin und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche Leute,
als es Abend wurde, nach Hause gingen, und spielten bei Licht, bis
zwei andere Spieler sagten: »Jetzt ists genug, und wir müssen heim zu
Frau und Kind.« Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf zu
bleiben. Dieser wollte lange nicht, endlich aber rief er: »Gut, jetzt
will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöcheln, den Satz um
fünf Gulden; denn niederer ist es doch nur Kinderspiel.« Er zog den
Beutel und zählte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wußte
nun, wieviel er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber
hatte Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz für Satz und
fluchte greulich dabei. Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter
auch einen und immer zwei Augen höher. Da setzte er endlich die letzten
fünf Gulden auf den Tisch und rief: »Noch einmal, und wenn ich auch
den noch verliere, so höre ich doch nicht auf; dann leihst du mir von
deinem Gewinn, Peter, ein ehrlicher Kerl hilft dem andern.«

»Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten«, sprach
der Tanzkaiser, fröhlich über seinen Gewinn, und der dicke Ezechiel
schüttelte die Würfel und warf fünfzehn. »Pasch!« rief er, »jetzt
wollen wir sehen!« Peter aber warf achtzehn, und eine heisere bekannte
Stimme hinter ihm sprach: »So, das war der letzte.«

Er sah sich um, und riesengroß stand der Holländer-Michel hinter ihm.
Erschrocken ließ er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte.
Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte, der
Spielpeter solle ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel. Halb im Traum
fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld; er
suchte in der andern Tasche, aber auch da fand sich nichts; er kehrte
den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt erst
gedachte er seines eigenen ersten Wunsches, immer so viel Geld zu haben
als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden.

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer suchte und
sein Geld nicht finden konnte, sie wollten ihm nicht glauben, daß
er keines mehr habe; aber als sie endlich selbst in seinen Taschen
suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein böser
Zauberer und habe all das gewonnene Geld und sein eigenes nach Hause
gewünscht. Peter verteidigte sich standhaft, aber der Schein war gegen
ihn. Ezechiel sagte, er wolle die schreckliche Geschichte allen Leuten
im Schwarzwald erzählen, und der Wirt versprach ihm, morgen mit dem
frühesten in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauberer anzuklagen,
und er wolle es erleben, setzte er hinzu, daß man ihn verbrenne. Dann
fielen sie wütend über ihn her, rissen ihm das Wams vom Leib und warfen
ihn zur Tür hinaus.

Kein Stern schien am Himmel, als Peter trübselig seiner Wohnung
zuschlich; aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die
neben ihm herschritt und endlich sprach: »Mit dir ists aus, Peter
Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und das hätt ich dir schon
damals sagen können, als du nichts von mir hören wolltest und zu dem
dummen Glaszwerg liefst. Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn
man meinen Rat verachtet. Aber versuch es einmal mit mir, ich habe
Mitleiden mit deinem Schicksal. Noch keinen hat es gereut, der sich
an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen
Tag bin ich am Tannenbühl zu sprechen, wenn du mich rufst.« Peter
merkte wohl, wer so zu ihm spreche, aber es kam ihn ein Grauen an; er
antwortete nichts, sondern lief seinem Haus zu.


_Zweite Abteilung_

Als Peter am Montagmorgen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur
seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne
sieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann
wünschte Peter einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog
dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger
verzeichnet. »Könnt Ihr zahlen oder nicht?« fragte der Amtmann mit
strengem Blick, »und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel
Zeit zu versäumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden.« Da
verzagte Peter, gestand, daß er nichts mehr habe, und überließ es
dem Amtmann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu
schätzen; und als die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und
prüften und schätzten, dachte er, bis zum Tannenbühl ists nicht weit;
hat mir der _Kleine_ nicht geholfen, so will ich es einmal mit dem
_Großen_ versuchen. Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob
die Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wären; es war ihm, als er an
dem Platz vorbeirannte, wo er das Glasmännlein zuerst gesprochen,
als halte ihn eine unsichtbare Hand auf, aber er riß sich los und
lief weiter bis an die Grenze, die er sich früher wohl gemerkt
hatte, und kaum hatte er, beinahe atemlos, »Holländer-Michel! Herr
Holländer-Michel!« gerufen, als auch schon der riesengroße Flözer mit
seiner Stange vor ihm stand.

»Kommst du?« sprach dieser lachend. »Haben sie dir die Haut abziehen
und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Nu, sei ruhig! Dein ganzer
Jammer kommt, wie gesagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem
Separatisten und Frömmler her. Wenn man schenkt, muß man gleich recht
schenken, und nicht wie dieser Knauser. Doch komm,« fuhr er fort und
wandte sich gegen den Wald, »folge mir in mein Haus; dort wollen wir
sehen, ob wir handelseinig werden.«

»Handelseinig!« dachte Peter. »Was kann er denn von mir verlangen, was
kann ich an ihn verhandeln? Soll ich ihm etwa dienen, oder was will
er?« Sie gingen zuerst über einen steilen Waldsteig hinan und standen
dann mit einem Mal an einer dunkeln, tiefen, abschüssigen Schlucht;
Holländer-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine sanfte
Marmortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht gesunken, denn als
jener unten angekommen war, machte er sich so groß wie ein Kirchturm
und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum, und eine Hand
daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit einer Stimme,
die heraufschallte wie eine tiefe Totenglocke: »Setz dich nur auf meine
Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du nicht fallen.« Peter
tat zitternd, wie jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt
sich am Daumen des Riesen.

Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters
Verwunderung nicht dunkler; im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar
zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen nicht
ertragen. Der Holländer-Michel hatte sich, je weiter Peter herabkam,
wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner früheren Gestalt
vor einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem
Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied
sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als dadurch, daß sie
einsam schien.

Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bänke, die
Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier wie überall. Michel wies ihm
einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging dann hinaus und kam bald
mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten
sie, und Holländer-Michel erzählte von den Freuden der Welt, von
fremden Ländern, schönen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große
Sehnsucht darnach bekommend, dies auch offen dem Holländer erzählte.

»Wenn du im ganzen Körper Mut und Kraft, etwas zu unternehmen, hattest,
da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen;
und dann die Kränkungen der Ehre, das Unglück, für was soll sich
ein vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopf
empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl
nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus
dem Haus zu werfen? Was, sag an, was hat dir wehe getan?«

»Mein Herz«, sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust
preßte, denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her
wendete.

»Du hast, nimm mir es nicht übel, du hast viele hundert Gulden an
schlechte Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es
dich genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden Leib
gewünscht; ja, bist du deswegen gesünder geworden? Um die Hälfte des
verschleuderten Geldes hättest du einen Arzt gehalten. Segen, ja ein
schöner Segen, wenn man ausgepfändet und ausgestoßen wird! Und was war
es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, sooft ein Bettelmann
seinen zerlumpten Hut hinstreckte? -- Dein Herz, auch wieder dein Herz,
und weder deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine,
sondern dein Herz; du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu
Herzen genommen.«

»Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht mehr so ist? Ich
gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein
Herz und tut mir wehe.«

»Du freilich,« rief jener mit Lachen, »du armer Schelm, kannst nichts
dagegen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und du wirst sehen,
wie gut du es dann hast.«

»Euch, mein Herz?« schrie Peter mit Entsetzen, »da müßte ich ja sterben
auf der Stelle! Nimmermehr!«

»Ja, wenn dir einer eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leib
operieren wollte, da müßtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein
anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst!« Er stand bei
diesen Worten auf, öffnete eine Kammertür und führte Peter hinein. Sein
Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat, aber
er achtete es nicht, denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar
und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Gläser, mit
durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag
ein Herz; auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf
geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns in
F., das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des Tanzbodenkönigs, das
Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht
von Werbeoffizieren, drei von Geldmäklern -- kurz, es war eine Sammlung
der angesehensten Herzen in der Umgegend von zwanzig Stunden.

»Schau!« sprach Holländer-Michel, »diese alle haben des Lebens Ängsten
und Sorgen weggeworfen; keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und
besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, daß sie
den unruhigen Gast aus dem Hause haben.«

»Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?« fragte Peter, den
dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte.

»Dies«, antwortete jener und reichte ihm aus einem Schubfach -- ein
steinernes Herz.

»So?« erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die
Haut ging, nicht erwehren. »Ein Herz von Marmelstein? Aber, horch
einmal, Herr Holländer-Michel, das muß doch gar kalt sein in der Brust.«

»Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm sein?
Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschgeist
mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß
ist, -- du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt. Und wie
gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch
anderer Jammer pocht an solch ein Herz.«

»Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet?« fragte Peter unmutig;
»ich hoff auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!«

»Nun, ich denke, an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug.
Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionär werden.«

»Hunderttausend?« rief der arme Köhler freudig. »Nun, so poche doch
nicht so ungestüm in meiner Brust, wir werden bald fertig sein
miteinander. Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld, und die
Unruh könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen!«

»Ich dachte es doch, daß du ein vernünftiger Bursche seist«, antwortete
der Holländer freundlich lächelnd; »komm, laß uns noch eins trinken,
und dann will ich das Geld auszahlen.« So setzten sie sich wieder in
die Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis Peter in einen
tiefen Schlaf verfiel.

       *       *       *       *       *

Kohlenmunk-Peter erwachte beim fröhlichen Schmettern eines Posthorns,
und siehe da, er saß in einem schönen Wagen, fuhr auf einer breiten
Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne
hinter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht
glauben, daß er es selbst sei, der in diesem Wagen sitze. Denn auch
seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern getragen;
aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, daß er endlich sein
Nachsinnen aufgab und rief: »Der Kohlenmunk-Peter bin ich, das ist
ausgemacht, und kein anderer.« Er wunderte sich über sich selbst, daß
er gar nicht wehmütig werden konnte, als er jetzt zum ersten Mal aus
der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog;
selbst nicht, als er an seine Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos
und im Elend saß, konnte er eine Träne aus dem Auge pressen oder nur
seufzen, denn es war ihm alles so gleichgültig. »Ach freilich,« sagte
er dann, »Tränen und Seufzer, Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem
Herzen, und dank dem Holländer-Michel, -- das meine ist kalt und von
Stein.«

Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und
rührte sich nichts. »Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort
hielt wie mit dem Herz, so soll es mich freuen«, sprach er und fing
an, seinen Wagen zu untersuchen. Er fand Kleidungsstücke von aller
Art, wie er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld. Endlich stieß er
auf eine Tasche und fand viele tausend Taler in Gold und Scheinen auf
Handlungshäuser in allen großen Städten. »Jetzt hab ichs, wie ichs
wollte«, dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr
in die weite Welt.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute aus seinem Wagen links
und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts
als den Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher
und ließ sich die schönsten Merkwürdigkeiten zeigen. Aber es freute
ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; sein Herz
von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren
abgestumpft für alles Schöne. Nichts war ihm mehr geblieben als die
Freude an Essen und Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er
ohne Zweck durch die Welt reiste, zu seiner Unterhaltung speiste und
aus Langerweile schlief. Hie und da erinnerte er sich zwar, daß er
fröhlicher, glücklicher gewesen sei, als er noch arm war und arbeiten
mußte, um sein Leben zu fristen. Da hatte ihn jede schöne Aussicht ins
Tal, Musik und Gesang hatten ihn ergötzt, da hatte er sich stundenlang
auf die einfache Kost, die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen sollte,
gefreut. Wenn er so über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm
ganz sonderbar vor, daß er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst
hatte er über den kleinsten Scherz gelacht. Wenn andere lachten, so
verzog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber sein Herz -- lächelte
nicht mit. Er fühlte dann, daß er zwar überaus ruhig sei -- aber
zufrieden fühlte er sich doch nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmut,
sondern Öde, Überdruß, freudenloses Leben, was ihn endlich wieder zur
Heimat trieb.

Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln Wald seiner Heimat
erblickte, als er zum ersten Mal wieder jene kräftigen Gestalten, jene
freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die
heimatlichen Klänge, stark, tief, aber wohltönend, vernahm, da fühlte
er schnell an sein Herz; denn sein Blut wallte stärker, und er glaubte,
er müsse sich freuen und müsse weinen zugleich, aber -- wie konnte er
nur so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein; und Steine sind
tot und lächeln und weinen nicht.

Sein erster Gang war zum Holländer-Michel, der ihn mit alter
Freundlichkeit aufnahm. »Michel,« sagte er zu ihm, »gereist bin ich
nun und habe alles gesehen, ist aber alles dummes Zeug, und ich hatte
nur Langeweile. Überhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in der Brust
trage, schützt mich zwar vor manchem; ich erzürne mich nie, bin nie
traurig, aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich
nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher
machen, oder -- gebt mir lieber mein altes Herz! Ich hatte mich in
fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen
dummen Streich machte, so war es doch munter und ein fröhliches Herz.«

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter. »Wenn du einmal tot bist,
Peter Munk,« antwortete er, »dann soll es dir nicht fehlen; dann
sollst du dein weiches, rührbares Herz wieder haben, und du kannst
dann fühlen, was kommt, Freud oder Leid; aber hier oben kann es nicht
mehr dein werden! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber so, wie du
lebtest, konnte es dir nichts nützen. Setze dich jetzt hier irgendwo im
Wald, bau ein Haus, heirate, treibe dein Vermögen um, es hat dir nur an
Arbeit gefehlt; weil du müßig warst, hattest du Langeweile und schiebst
jetzt alles auf dieses unschuldige Herz.« Peter sah ein, daß Michel
recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm sich vor, reich und
immer reicher zu werden. Michel schenkte ihm noch einmal hunderttausend
Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund.

Bald vernahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlenmunk-Peter oder
Spielpeter sei wieder da und noch viel reicher als zuvor. Es ging auch
jetzt wie immer; als er am Bettelstab war, wurde er in der ›Sonne‹
zur Türe hinausgeworfen, und als er jetzt an einem Sonntagnachmittag
seinen ersten Einzug dort hielt, schüttelten sie ihm die Hand, lobten
sein Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem
dicken Ezechiel um harte Taler spielte, stand er in der Achtung so
hoch als je. Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern
den Holzhandel, aber nur zum Schein. Sein Hauptgeschäft war, mit Korn
und Geld zu handeln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach
schuldig; aber er lieh Geld nur auf zehen Prozente aus oder verkaufte
Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen
Wert. Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn
einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amtmann
mit seinen Schergen hinaus, schätzte Haus und Hof, verkaufte es flugs
und trieb Vater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem
reichen Peter einige Unlust, denn die armen Ausgepfändeten belagerten
dann haufenweise seine Türe, die Männer flehten um Nachsicht, die
Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und die Kinder
winselten um ein Stücklein Brot. Aber als er sich ein paar tüchtige
Fleischerhunde angeschafft hatte, hörte diese Katzenmusik, wie er es
nannte, bald auf; er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen
schreiend auseinander. Am meisten Beschwerde machte ihm das ›alte
Weib‹. Das war aber niemand anders als Frau Munkin, Peters Mutter.
Sie war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof verkauft
hatte, und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte sich nicht
mehr nach ihr umgesehen; da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und
gebrechlich, an einem Stock vor das Haus. Hinein wagte sie sich nimmer,
denn er hatte sie einmal weggejagt, aber es tat ihr wehe, von den
Guttaten anderer Menschen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr ein
sorgenloses Alter hätte bereiten können. Aber das kalte Herz wurde
nimmer gerührt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge,
von den bittenden Blicken, von der welken, ausgestreckten Hand, von
der hinfälligen Gestalt. Mürrisch zog er, wenn sie sonnabends an die
Türe pochte, einen Sechsbätzner hervor, schlug ihn in ein Papier und
ließ ihn hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde
Stimme, wenn sie dankte und wünschte, es möge ihm wohlgehen auf Erden;
er hörte sie hüstelnd von der Türe schleichen, aber er dachte weiter
nicht mehr daran, als daß er wieder sechs Batzen umsonst ausgegeben.

Endlich kam Peter auf den Gedanken, zu heiraten. Er wußte, daß im
ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde;
aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er wollte, daß man auch
hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte; daher ritt
er umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der
schönen Schwarzwälderinnen deuchte ihm schön genug. Endlich, nachdem
er auf allen Tanzböden umsonst nach der Schönsten ausgeschaut hatte,
hörte er eines Tages, die Schönste und Tugendsamste im ganzen Wald sei
eines armen Holzhauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge
geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem
Tanzboden sehen, nicht einmal zu Pfingsten oder Kirmes. Als Peter von
diesem Wunder des Schwarzwalds hörte, beschloß er, um sie zu werben,
und ritt nach der Hütte, die man ihm bezeichnet hatte. Der Vater der
schönen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen, und er staunte
noch mehr, als er hörte, es sei dies der reiche Herr Peter und er wolle
sein Schwiegersohn werden. Er besann sich auch nicht lange, denn er
meinte, all seine Sorge und Armut werde nun ein Ende haben, sagte zu,
ohne die schöne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind war so folgsam,
daß sie ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte.
Sie glaubte ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn
Peter nichts zu Dank machen; sie hatte Mitleiden mit armen Leuten,
und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem
armen Bettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu
reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, sprach er mit
zürnenden Blicken und rauher Stimme: »Warum verschleuderst du mein
Vermögen an Lumpen und Straßenläufer? Hast du was mitgebracht ins
Haus, das du wegschenken könntest? Mit deines Vaters Bettelstab kann
man keine Suppe wärmen, und wirfst das Geld aus wie eine Fürstin? Noch
einmal laß dich betreten, so sollst du meine Hand fühlen!« Die schöne
Lisbeth weinte in ihrer Kammer über den harten Sinn ihres Mannes,
und sie wünschte oft, lieber heim zu sein in ihres Vaters ärmlicher
Hütte, als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu
hausen. Ach, hätte sie gewußt, daß er ein Herz von Marmor habe und
weder sie noch irgendeinen Menschen lieben könnte, so hätte sie sich
wohl nicht gewundert. Sooft sie aber jetzt unter der Türe saß, und es
ging ein Bettelmann vorüber und zog den Hut und hub an seinen Spruch,
so drückte sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte
die Hand fester, damit sie nicht unwillkürlich in die Tasche fahre,
ein Kreuzerlein herauszulangen. So kam es, daß die schöne Lisbeth im
ganzen Wald verschrieen wurde und es hieß, sie sei noch geiziger als
Peter Munk. Aber eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und
spann und murmelte ein Liedchen dazu; denn sie war munter, weil es
schön Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kömmt ein
altes Männlein des Weges daher, das trägt einen großen, schweren Sack,
und sie hört es schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Frau
Lisbeth zu und denkt, einem so alten, kleinen Mann sollte man nicht
mehr so schwer aufladen.

Indes keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von
Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sack beinahe zusammen. »Ach, habt
die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser!«
sprach das Männlein; »ich kann nicht weiter, muß elend verschmachten.«

»Aber Ihr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen«, sagte
Frau Lisbeth.

»Ja, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut halber und um mein
Leben zu fristen«, antwortete er; »ach, so eine reiche Frau wie Ihr
weiß nicht, wie wehe Armut tut und wie wohl ein frischer Trunk bei
solcher Hitze.«

Als sie dies hörte, eilte sie ins Haus, nahm einen Krug vom Gesims
und füllte ihn mit Wasser; doch als sie zurückkehrte und nur noch
wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie es so elend und
verkümmert auf dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte,
daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug
beiseite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes
Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. »So, und ein Schluck Wein
mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon so gar alt seid,«
sprach sie; »aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot dazu!«

Das Männlein sah sie staunend an, bis große Tränen in seinen alten
Augen standen; er trank und sprach dann:

»Ich bin alt geworden, aber ich hab wenige Menschen gesehen, die so
mitleidig wären und ihre Gaben so schön und herzig zu spenden wüßten
wie Ihr, Frau Lisbeth. Aber es wird Euch dafür auch recht wohlgehen auf
Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt.«

»Nein, und den Lohn soll sie zur Stelle haben«, schrie eine
schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit
blutrotem Gesicht.

»Und sogar meinen Ehrenwein gießest du aus an Bettelleute, und meinen
Mundbecher gibst du an die Lippen der Straßenläufer? Da, nimm deinen
Lohn!« Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung; aber
das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche um, die
er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz
so heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Mann in die
Arme sank. Als er dies sah, war es doch, als reuete ihn die Tat auf
der Stelle; er bückte sich herab, zu schauen, ob noch Leben in ihr sei,
aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: »Gib dir keine Mühe,
Kohlenpeter; es war die schönste und lieblichste Blume im Schwarzwald,
aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen.«

Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also Ihr seid es,
Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat
wohl so kommen müssen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem
Gericht anzeigen als Mörder.«

»Elender!« erwiderte das Glasmännlein. »Was würde es mir frommen,
wenn ich deine sterbliche Hülle an den Galgen brächte? Nicht irdische
Gerichte sind es, die du zu fürchten hast, sondern andere und
strengere; denn du hast deine Seele an den Bösen verkauft.«

»Und hab ich mein Herz verkauft,« schrie Peter, »so ist niemand daran
schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tückischer Geist
hast mich ins Verderben geführt, mich getrieben, daß ich bei einem
andern Hilfe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung.« Aber
kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein und
wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein
wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Backofen, und
Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auf die Kniee, und sein
steinernes Herz schützte ihn nicht, daß nicht seine Glieder zitterten
wie eine Espe. Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken,
drehte ihn um, wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu
Boden, daß ihm alle Rippen knackten. »Erdenwurm!« rief er mit einer
Stimme, die wie der Donner rollte, »ich könnte dich zerschmettern, wenn
ich wollte, denn du hast gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um
dieses toten Weibes willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe
ich dir acht Tage Frist. Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich
und zermalme dein Gebein, und du fährst hin in deinen Sünden.«

       *       *       *       *       *

Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen
Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her und
suchten, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens.
Endlich ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei und besprengte
ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf,
schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lisbeth; aber
keiner hatte sie gesehen. Er dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich
in sein Haus und schaute sich um, aber Frau Lisbeth war weder im Keller
noch auf dem Boden, und das, was er für einen schrecklichen Traum
gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da kamen
ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz
war ja kalt, aber wenn er an den Tod seiner Frau dachte -- kam ihm sein
eigenes Hinscheiden in den Sinn und wie belastet er dahinfahren werde,
schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer Flüche, die
sein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf die
er seine Hunde gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung seiner
Mutter, mit dem Blut der schönen, guten Lisbeth; und konnte er doch
nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechenschaft geben, wann er
käme und fragte: »Wo ist meine Tochter, dein Weib?« Wie wollte er einem
andern Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören und
-- die Leben der Menschen?

Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf
an einer süßen Stimme, die ihm zurief: »Peter, schaff dir ein wärmeres
Herz!« Und wenn er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die
Augen, denn der Stimme nach mußte es Frau Lisbeth sein, die ihm diese
Warnung zurief. Den andern Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken
zu zerstreuen, und dort traf er den dicken Ezechiel. Er setzte sich
zu ihm, sie sprachen dies und jenes, vom schönen Wetter, vom Krieg,
von den Steuern und endlich auch vom Tod und wie da und dort einer so
schnell gestorben sei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tode
halte und wie es nachher sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man
den Leib begrabe, die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder
hinab in die Hölle.

»Also begrabt man das Herz auch?« fragte der Peter gespannt.

»Ei, freilich, das wird auch begraben.«

»Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?« fuhr Peter fort.

Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an. »Was willst du damit
sagen? Willst du mich foppen? Meinst du, ich habe kein Herz?«

»Oh, Herz genug, so fest wie Stein«, erwiderte Peter. Ezechiel sah ihn
verwundert an, schaute sich um, ob es niemand gehört habe, und sprach
dann: »Woher weißt du es? Oder pocht vielleicht das deinige auch nicht
mehr?«

»Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust!« antwortete
Peter Munk. »Aber sag mir, da du jetzt weißt, was ich meine, wie wird
es gehen mit unseren Herzen?«

»Was kümmert dich dies, Gesell?« fragte Ezechiel lachend. »Hast ja auf
Erden vollauf zu leben, und damit genug. Das ist ja gerade das Bequeme
in unsern kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen
Gedanken.«

»Wohl wahr; aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine
Furcht mehr kenne, so weiß ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor
der Hölle gefürchtet, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Knabe war.«

»Nun -- gut wird es uns gerade nicht gehen«, sagte Ezechiel. »Hab mal
einen Schulmeister darüber befragt; der sagte mir, daß nach dem Tod
die Herzen gewogen werden, wie schwer sie sich versündiget hätten. Die
leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke, unsere
Steine werden ein gutes Gewicht haben.«

»Ach, freilich,« erwiderte Peter, »und es ist mir oft selbst unbequem,
daß mein Herz so teilnahmslos und ganz gleichgültig ist, wenn ich an
solche Dinge denke.«

So sprachen sie; aber in der nächsten Nacht hörte er fünf- oder
sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln: »Peter, schaff dir
ein wärmeres Herz!« Er empfand keine Reue, daß er sie getötet, aber
wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer
dabei: »Wohin mag sie wohl gereist sein?« Sechs Tage hatte er es so
getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte
er an den Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten
Morgen sprang er auf von seinem Lager und rief: »Nun ja, will sehen,
ob ich mir ein wärmeres schaffen kann, denn der gleichgültige Stein
in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und öde.« Er zog
schnell seinen Sonntagsstaat an und setzte sich auf sein Pferd und ritt
dem Tannenbühl zu.

Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd
an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er
vor der dicken Tanne stand, hub er seinen Spruch an:

  Schatzhauser im grünen Tannenwald,
  Bist viele hundert Jahre alt;
  Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
  Läßt dich nur Sonntagskindern sehn.

Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich und traulich
wie sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von
schwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und
Peter wußte wohl, um wen es traure.

»Was willst du von mir, Peter Munk?« fragte es mit dumpfer Stimme.

»Ich hab noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser«, antwortete Peter mit
niedergeschlagenen Augen.

»Können Steinherzen noch wünschen?« sagte jener. »Du hast alles, was du
für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen
Wunsch erfüllen.«

»Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab ich immer noch
übrig.«

»Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist«, fuhr der Waldgeist
fort; »aber wohlan, ich will hören, was du willst!«

»So nehmet mir den toten Stein heraus und gebet mir mein lebendiges
Herz!« sprach Peter.

»Hab ich den Handel mit dir gemacht?« fragte das Glasmännlein; »bin ich
der Holländer-Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort, bei
ihm mußt du dein Herz suchen.«

»Ach, er gibt es nimmer zurück«, antwortete Peter.

»Du dauerst mich, so schlecht du auch bist«, sprach das Männlein nach
einigem Nachdenken. »Aber weil dein Wunsch nicht töricht ist, so kann
ich dir wenigstens meine Hilfe nicht abschlagen. So höre, dein Herz
kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber durch List,
und es wird vielleicht nicht schwer halten; denn Michel bleibt doch
nur der dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dünkt. So gehe
denn geraden Weges zu ihm hin und tue, wie ich dir heiße!« Und nun
unterrichtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreuzlein aus reinem
Glas: »Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich freilassen,
wenn du ihm dies vorhalten und dazu beten wirst. Und hast du denn, was
du verlangt hast, erhalten, so komm wieder zu mir an diesen Ort!«

Peter Munk nahm das Kreuzlein, prägte sich alle Worte ins Gedächtnis
und ging weiter nach Holländer-Michels Behausung. Er rief dreimal
seinen Namen, und alsobald stand der Riese vor ihm. »Du hast dein
Weib erschlagen?« fragte er ihn mit schrecklichem Lachen. »Hätt es
auch so gemacht; sie hat dein Vermögen an das Bettelvolk gebracht.
Aber du wirst auf einige Zeit außer Landes gehen müssen, denn es wird
Lärm machen, wenn man sie nicht findet, und du brauchst wohl Geld und
kommst, um es zu holen?«

»Du hasts erraten,« erwiderte Peter, »und nur recht viel diesmal, denn
nach Amerika ists weit.«

Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte; dort schloß er eine
Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold heraus.
Während er es so auf den Tisch hinzählte, sprach Peter: »Du bist ein
loser Vogel, Michel, daß du mich belogen hast, ich hätte einen Stein in
der Brust und du habest mein Herz!«

»Und ist es denn nicht so?« fragte Michel staunend; »fühlst du denn
dein Herz? Ist es nicht kalt wie Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann
dich etwas reuen?«

»Du hast mein Herz nur stille stehen lassen, aber ich hab es noch wie
sonst in meiner Brust, und Ezechiel auch, der hat es mir gesagt, daß du
uns angelogen hast; du bist nicht der Mann dazu, der einem das Herz so
unbemerkt und ohne Gefahr aus der Brust reißen könnte; da müßtest du
zaubern können.«

»Aber ich versichere dich,« rief Michel unmutig, »du und Ezechiel und
alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben solche kalte Herzen
wie du, und ihre rechten Herzen habe ich hier in meiner Kammer.«

»Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!« lachte Peter. »Das mach du
einem andern weis! Meinst du, ich hab auf meinen Reisen nicht solche
Kunststücke zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine
Herzen hier in der Kammer. Du bist ein reicher Kerl, das geb ich zu;
aber zaubern kannst du nicht.«

Da ergrimmte der Riese und riß die Kammertüre auf. »Komm herein und
lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz;
siehst du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?«

»Und doch ist es aus Wachs«, antwortete Peter. »So schlägt ein rechtes
Herz nicht; ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern
kannst du nicht!«

»Aber ich will es dir beweisen!« rief jener ärgerlich; »du sollst es
selbst fühlen, daß dies dein Herz ist.« Er nahm es, riß Peters Wams auf
und nahm einen Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er
das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle, und
alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich wieder darüber
freuen.

»Wie ist es dir jetzt?« fragte Michel lächelnd.

»Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt«, antwortete Peter, indem er
behutsam sein Kreuzlein aus der Tasche zog. »Hätt ich doch nicht
geglaubt, daß man dergleichen tun könne!«

»Nicht wahr? Und zaubern kann ich, das siehst du; aber komm, jetzt will
ich dir den Stein wieder hineinsetzen.«

»Gemach, Herr Michel!« rief Peter, trat einen Schritt zurück und hielt
ihm das Kreuzlein entgegen. »Mit Speck fängt man Mäuse, und diesmal
bist du der Betrogene.« Und zugleich fing er an zu beten, was ihm nur
beifiel. Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und
wand sich hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöhnte, und alle
Herzen umher fingen an zu zucken und zu pochen, daß es tönte wie in
der Werkstatt eines Uhrenmachers. Peter aber fürchtete sich, es wurde
ihm ganz unheimlich zumut, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus
und klimmte, von Angst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hörte,
daß Michel sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreckliche
Flüche nachschickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein
schreckliches Gewitter zog auf, Blitze fielen links und rechts an ihm
nieder und zerschmetterten die Bäume, aber er kam wohlbehalten in dem
Revier des Glasmännleins an.

Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte. Dann aber sah
er mit Entsetzen auf sein Leben zurück wie auf das Gewitter, das hinter
ihm rechts und links den schönen Wald zersplitterte. Er dachte an Frau
Lisbeth, sein schönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet; er kam
sich selbst wie der Auswurf der Menschen vor, und er weinte heftig, als
er an Glasmännleins Hügel kam.

Schatzhauser saß schon unter dem Tannenbaum und rauchte aus einer
kleinen Pfeife, doch sah er munterer aus als zuvor. »Warum weinst du,
Kohlenpeter?« fragte er. »Hast du dein Herz nicht erhalten? Liegt noch
das kalte in deiner Brust?«

»Ach, Herr!« seufzte Peter, »als ich noch das kalte Steinherz trug,
da weinte ich nie, meine Augen waren so trocken als das Land im Juli;
jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich getan!
Meine Schuldner hab ich ins Elend gejagt, auf Arme und Kranke die Hunde
gehetzt, und Ihr wißt es ja selbst -- wie meine Peitsche auf ihre
schöne Stirne fiel!«

»Peter! Du warst ein großer Sünder!« sprach das Männlein. »Das Geld und
der Müßiggang haben dich verderbt, bis dein Herz zu Stein wurde, nicht
Freud, nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid mehr kannte. Aber Reue
versöhnt, und wenn ich nur wüßte, daß dir dein Leben recht leid tut, so
könnte ich schon noch was für dich tun.«

»Will nichts mehr«, antwortete Peter und ließ traurig sein Haupt
sinken. »Mit mir ist es aus, kann mich mein Lebtag nicht mehr freuen;
was soll ich so allein auf der Welt tun? Meine Mutter verzeiht mir
nimmer, was ich ihr getan, und vielleicht hab ich sie unter den Boden
gebracht, ich Ungeheuer! Und Lisbeth, meine Frau! Schlaget mich lieber
auch tot, Herr Schatzhauser, dann hat mein elend Leben mit einmal ein
Ende.«

»Gut,« erwiderte das Männlein, »wenn du nicht anders willst, so kannst
du es haben; meine Axt hab ich bei der Hand.« Er nahm ganz ruhig sein
Pfeiflein aus dem Mund, klopfte es aus und steckte es ein. Dann stand
er langsam auf und ging hinter die Tannen. Peter aber setzte sich
weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er erwartete
geduldig den Todesstreich. Nach einiger Zeit hörte er leise Tritte
hinter sich und dachte: »Jetzt wird er kommen.«

»Schau dich noch einmal um, Peter Munk!« rief das Männlein. Er wischte
sich die Tränen aus den Augen und schaute sich um und sah -- seine
Mutter und Lisbeth, seine Frau, die ihn freundlich anblickten. Da
sprang er freudig auf: »So bist du nicht tot, Lisbeth? Und auch Ihr
seid da, Mutter, und habt mir vergeben?«

»Sie wollen dir verzeihen,« sprach das Glasmännlein, »weil du wahre
Reue fühlst, und alles soll vergessen sein. Zieh jetzt heim in deines
Vaters Hütte und sei ein Köhler wie zuvor; bist du brav und bieder, so
wirst du dein Handwerk ehren und deine Nachbarn werden dich mehr lieben
und achten, als wenn du zehen Tonnen Goldes hättest.« So sprach das
Glasmännlein und nahm Abschied von ihnen.

Die drei lobten und segneten es und gingen heim.

Das prachtvolle Haus des reichen Peters stand nicht mehr, der Blitz
hatte es angezündet und mit all seinen Schätzen niedergebrannt; aber
nach der väterlichen Hütte war es nicht weit; dorthin ging jetzt ihr
Weg, und der große Verlust bekümmerte sie nicht.

Aber wie staunten sie, als sie an die Hütte kamen! Sie war zu einem
schönen Bauernhaus geworden, und alles darin war einfach, aber gut und
reinlich.

»Das hat das gute Glasmännlein getan!« rief Peter.

»Wie schön!« sagte Frau Lisbeth, »und hier ist mir viel heimischer als
in dem großen Haus mit dem vielen Gesinde.«

Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wackerer Mann. Er war
zufrieden mit dem, was er hatte, trieb sein Handwerk unverdrossen, und
so kam es, daß er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und angesehen
und beliebt im ganzen Wald. Er zankte nie mehr mit Frau Lisbeth, ehrte
seine Mutter und gab den Armen, die an seine Türe pochten. Als nach
Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem schönen Knaben genas, ging Peter
nach dem Tannenbühl und sagte sein Sprüchlein. Aber das Glasmännlein
zeigte sich nicht. »Herr Schatzhauser!« rief er laut, »hört mich doch;
ich will ja nichts anderes als Euch zu Gevatter bitten bei meinem
Söhnlein!«

Aber er gab keine Antwort; nur ein kurzer Windstoß sauste durch die
Tannen und warf einige Tannenzapfen herab ins Gras. »So will ich dies
zum Andenken mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen wollet«,
rief Peter, steckte die Zapfen in die Tasche und ging nach Hause; aber
als er zu Hause das Sonntagswams auszog und seine Mutter die Taschen
umwandte und das Wams in den Kasten legen wollte, da fielen vier
stattliche Geldrollen heraus, und als man sie öffnete, waren es lauter
gute, neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter. Und das
war das Patengeschenk des Männleins im Tannenwald für den kleinen Peter.

So lebten sie still und unverdrossen fort, und noch oft nachher, als
Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er: »Es ist doch besser,
zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes
Herz.«




HINWEISE

Einige Begriffe sind heute nicht mehr gängig:

Ein Sechsbätzner ist eine sechs Batzen geltende Münze. Ein Batzen
entspricht im Wert etwa einem Groschen. (Quellen: Grimm, Schweizer
Idiotikon).

Ein Schlurker ist ein langer, hagerer Mensch.

Kunkel = Spinnrocken

Ehni = Großvater

knöcheln = würfeln

verschleißen = hier "in kleinverkauf bringen" (Grimm)

verganten = öffentlich versteigern

übertäuben = übertönen

Marmelstein = Marmor




  Quelle:
  Deutsche Erzähler
  Ausgewählt und eingeleitet von
  Hugo von Hofmannsthal
  Insel-Verlag 1955


[The end of _Das kalte Herz_ by Wilhelm Hauff]
