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Title: Die sechs Schwäne: from Kinder- und Hausmärchen
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: December 19 2014
Date last updated: December 19 2014
Faded Page eBook #20141246

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49.

Die sechs Schwäne.


Es jagte einmal ein König in einem großen Wald und jagte einem Wild so
eifrig nach daß ihm niemand von seinen Leuten folgen konnte. Als der
Abend heran kam, hielt er still und blickte um sich, da sah er daß er
sich verirrt hatte. Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden.
Da sah er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zu kam; das
war aber eine Hexe. 'Liebe Frau,' sprach er zu ihr, 'könnt ihr mir nicht
den Weg durch den Wald zeigen?' 'O ja, Herr König,' antwortete sie, 'das
kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei, wenn ihr die nicht
erfüllt, so kommt ihr nimmermehr aus dem Wald und müßt darin Hungers
sterben.' 'Was ist das für eine Bedingung?' fragte der König. 'Ich habe
eine Tochter,' sagte die Alte, 'die so schön ist wie ihr eine auf der
Welt finden könnt, und wohl verdient eure Gemahlin zu werden, wollt ihr
die zur Frau Königin machen, so zeige ich euch den Weg aus dem Walde.'
Der König in der Angst seines Herzens willigte ein, und die Alte führte
ihn zu ihrem Häuschen, wo ihre Tochter beim Feuer saß. Sie empfieng
den König als wenn sie ihn erwartet hätte, und er sah wohl daß sie
sehr schön war, aber sie gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne
heimliches Grausen nicht ansehen. Nachdem er das Mädchen zu sich aufs
Pferd gehoben hatte, zeigte ihm die Alte den Weg, und der König gelangte
wieder in sein königliches Schloß, wo die Hochzeit gefeiert wurde.

Der König war schon einmal verheirathet gewesen, und hatte von seiner
ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mädchen, die er über
alles auf der Welt liebte. Weil er nun fürchtete die Stiefmutter möchte
sie nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid anthun, so brachte er
sie in ein einsames Schloß, das mitten in einem Walde stand. Es lag so
verborgen, und der Weg war so schwer zu finden, daß er ihn selbst nicht
gefunden hätte, wenn ihm nicht eine weise Frau ein Knäuel Garn von
wunderbarer Eigenschaft geschenkt hätte; wenn er das vor sich hinwarf,
so wickelte es sich von selbst los und zeigte ihm den Weg. Der König
gieng aber so oft hinaus zu seinen lieben Kindern, daß der Königin seine
Abwesenheit auffiel; sie ward neugierig und wollte wissen was er draußen
ganz allein in dem Walde zu schaffen habe. Sie gab seinen Dienern viel
Geld, und die verriethen ihr das Geheimnis und sagten ihr auch von dem
Knäuel, das allein den Weg zeigen könnte. Nun hatte sie keine Ruhe bis
sie herausgebracht hatte wo der König das Knäuel aufbewahrte, und dann
machte sie kleine weißseidene Hemdchen, und da sie von ihrer Mutter die
Hexenkünste gelernt hatte, so nähete sie einen Zauber hinein. Und als
der König einmal auf die Jagd geritten war, nahm sie die Hemdchen und
ging in den Wald, und das Knäuel zeigte ihr den Weg. Die Kinder, die aus
der Ferne jemand kommen sahen, meinten ihr lieber Vater käme zu ihnen
und sprangen ihm voll Freude entgegen. Da warf sie über ein jedes eins
von den Hemdchen, und wie das ihren Leib berührt hatte, verwandelten sie
sich in Schwäne und flogen über den Wald hinweg. Die Königin gieng ganz
vergnügt nach Haus und glaubte ihre Stiefkinder los zu sein, aber das
Mädchen war ihr mit den Brüdern nicht entgegen gelaufen, und sie wußte
nichts von ihm. Andern Tags kam der König und wollte seine Kinder
besuchen, er fand aber niemand als das Mädchen. 'Wo sind deine Brüder?'
fragte der König. 'Ach, lieber Vater,' antwortete es, 'die sind fort und
haben mich allein zurückgelassen,' und erzählte ihm daß es aus seinem
Fensterlein mit angesehen habe wie seine Brüder als Schwäne über den
Wald weggeflogen wären, und zeigte ihm die Federn, die sie in dem Hof
hatten fallen lassen, und die es aufgelesen hatte. Der König trauerte,
aber er dachte nicht daß die Königin die böse That vollbracht hätte, und
weil er fürchtete das Mädchen würde ihm auch geraubt, so wollte er es
mit fortnehmen. Aber es hatte Angst vor der Stiefmutter, und bat den
König daß es nur noch diese Nacht im Waldschloß bleiben dürfte.

Das arme Mädchen dachte 'meines Bleibens ist nicht länger hier, ich will
gehen und meine Brüder suchen.' Und als die Nacht kam, entfloh es, und
gieng gerade in den Wald hinein. Es gieng die ganze Nacht durch und auch
den andern Tag in einem fort, bis es vor Müdigkeit nicht weiter konnte.
Da sah es eine Wildhütte, stieg hinauf, und fand eine Stube mit sechs
kleinen Betten, aber es getraute nicht sich in eins zu legen, sondern
kroch unter eins, legte sich auf den harten Boden und wollte die Nacht
da zubringen. Als aber die Sonne bald untergehen wollte, hörte es ein
Rauschen und sah daß sechs Schwäne zum Fenster hereingeflogen kamen. Sie
setzten sich auf den Boden, und bliesen einander an und bliesen sich
alle Federn ab, und ihre Schwanenhaut streifte sich ab wie ein Hemd. Da
sah sie das Mädchen an und erkannte ihre Brüder, freute sich und kroch
unter dem Bett hervor. Die Brüder waren nicht weniger erfreut als sie
ihr Schwesterchen erblickten, aber ihre Freude war von kurzer Dauer.
'Hier kann deines Bleibens nicht sein,' sprachen sie zu ihm, 'das ist
eine Herberge für Räuber, wenn die heim kommen und finden dich, so
ermorden sie dich.' 'Könnt ihr mich denn nicht beschützen?' fragte
das Schwesterchen. 'Nein,' antworteten sie, 'denn wir können nur eine
Viertelstunde lang jeden Abend unsere Schwanenhaut ablegen, und haben in
dieser Zeit unsere menschliche Gestalt, aber dann werden wir wieder in
Schwäne verwandelt.' Das Schwesterchen weinte und sagte 'könnt ihr denn
nicht erlöst werden?' 'Ach nein,' antworteten sie, 'die Bedingungen
sind zu schwer. Du darfst sechs Jahre lang nicht sprechen und nicht
lachen, und mußt in der Zeit sechs Hemdchen für uns aus Sternenblumen
zusammennähen. Kommt ein einziges Wort aus deinem Munde, so ist alle
Arbeit verloren.' Und als die Brüder das gesprochen hatten, war die
Viertelstunde herum, und sie flogen als Schwäne wieder zum Fenster
hinaus.

Das Mädchen aber faßte den festen Entschluß seine Brüder zu erlösen, und
wenn es auch sein Leben kostete. Es verließ die Wildhütte, gieng mitten
in den Wald und setzte sich auf einen Baum und brachte da die Nacht zu.
Am andern Morgen gieng es aus, sammelte Sternblumen und fieng an zu
nähen. Reden konnte es mit niemand, und zum Lachen hatte es keine Lust:
es saß da und sah nur auf seine Arbeit. Als es schon lange Zeit da
zugebracht hatte, geschah es, daß der König des Landes in dem Wald jagte
und seine Jäger zu dem Baum kamen, auf welchem das Mädchen saß. Sie
riefen es an und sagten 'wer bist du?' Es gab aber keine Antwort. 'Komm
herab zu uns,' sagten sie, 'wir wollen dir nichts zu Leid thun.' Es
schüttelte bloß mit dem Kopf. Als sie es weiter mit Fragen bedrängten,
so warf es ihnen seine goldene Halskette herab und dachte sie damit
zufrieden zu stellen. Sie ließen aber nicht ab, da warf es ihnen seinen
Gürtel herab, und als auch dies nicht half, seine Strumpfbänder, und
nach und nach alles, was es anhatte und entbehren konnte, so daß es
nichts mehr als sein Hemdlein behielt. Die Jäger ließen sich aber damit
nicht abweisen, stiegen auf den Baum, hoben das Mädchen herab und
führten es vor den König. Der König fragte 'wer bist du? was machst du
auf dem Baum?' Aber es antwortete nicht. Er fragte es in allen Sprachen,
die er wußte, aber es blieb stumm wie ein Fisch. Weil es aber so schön
war, so ward des Königs Herz gerührt, und er faßte eine große Liebe zu
ihm. Er that ihm seinen Mantel um, nahm es vor sich aufs Pferd und
brachte es in sein Schloß. Da ließ er ihm reiche Kleider anthun, und es
strahlte in seiner Schönheit wie der helle Tag, aber es war kein Wort
aus ihm herauszubringen. Er setzte es bei Tisch an seine Seite, und
seine bescheidenen Mienen und seine Sittsamkeit gefielen ihm so sehr,
daß er sprach 'diese begehre ich zu heirathen und keine andere auf der
Welt,' und nach einigen Tagen vermählte er sich mit ihr.

Der König aber hatte eine böse Mutter, die war unzufrieden mit dieser
Heirath und sprach schlecht von der jungen Königin. 'Wer weiß, wo die
Dirne her ist,' sagte sie, 'die nicht reden kann: sie ist eines Königs
nicht würdig.' Über ein Jahr, als die Königin das erste Kind zur Welt
brachte, nahm es ihr die Alte weg und bestrich ihr im Schlafe den Mund
mit Blut. Da gieng sie zum König und klagte sie an, sie wäre eine
Menschenfresserin. Der König wollte es nicht glauben und litt nicht
daß man ihr ein Leid anthat. Sie saß aber beständig und nähete an den
Hemden, und achtete auf nichts anderes. Das nächstemal, als sie wieder
einen schönen Knaben gebar, übte die falsche Schwiegermutter denselben
Betrug aus, aber der König konnte sich nicht entschließen ihren Reden
Glauben beizumessen. Er sprach 'sie ist zu fromm und gut als daß
sie so etwas thun könnte, wäre sie nicht stumm und könnte sie sich
vertheidigen, so würde ihre Unschuld an den Tag kommen.' Als aber das
drittemal die Alte das neugeborne Kind raubte und die Königin anklagte,
die kein Wort zu ihrer Vertheidigung vorbrachte, so konnte der König
nicht anders, er mußte sie dem Gericht übergeben, und das verurtheilte
sie den Tod durchs Feuer zu erleiden.

Als der Tag heran kam, wo das Urtheil sollte vollzogen werden, da war
zugleich der letzte Tag von den sechs Jahren herum, in welchen sie nicht
sprechen und nicht lachen durfte, und sie hatte ihre lieben Brüder aus
der Macht des Zaubers befreit. Die sechs Hemden waren fertig geworden,
nur daß an dem letzten der linke Ermel noch fehlte. Als sie nun zum
Scheiterhaufen geführt wurde, legte sie die Hemden auf ihren Arm, und
als sie oben stand und das Feuer eben sollte angezündet werden, so
schaute sie sich um, da kamen sechs Schwäne durch die Luft daher
gezogen. Da sah sie daß ihre Erlösung nahte und ihr Herz regte sich
in Freude. Die Schwäne rauschten zu ihr her und senkten sich herab so
daß sie ihnen die Hemden überwerfen konnte: und wie sie davon berührt
wurden, fielen die Schwanenhäute ab, und ihre Brüder standen leibhaftig
vor ihr und waren frisch und schön; nur dem jüngsten fehlte der linke
Arm, und er hatte dafür einen Schwanenflügel am Rücken. Sie herzten und
küßten sich, und die Königin gieng zu dem Könige, der ganz bestürzt
war, und fieng an zu reden und sagte 'liebster Gemahl, nun darf ich
sprechen und dir offenbaren daß ich unschuldig bin und fälschlich
angeklagt,' und erzählte ihm von dem Betrug der Alten, die ihre drei
Kinder weggenommen und verborgen hätte. Da wurden sie zu großer Freude
des Königs herbeigeholt, und die böse Schwiegermutter wurde zur Strafe
auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der König aber
und die Königin mit ihren sechs Brüdern lebten lange Jahre in Glück und
Frieden.


[The end of _Die sechs Schwäne_ by The Brothers Grimm]
