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Title: Fitchers Vogel: from Kinder- und Hausmärchen
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: December 18 2014
Date last updated: December 18 2014
Faded Page eBook #20141240

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46.

Fitchers Vogel.


Es war einmal ein Hexenmeister, der nahm die Gestalt eines armen Mannes
an, gieng vor die Häuser und bettelte, und fieng die schönen Mädchen.
Kein Mensch wußte wo er sie hinbrachte, denn sie kamen nie wieder zum
Vorschein. Eines Tages erschien er vor der Thüre eines Mannes, der drei
schöne Töchter hatte, sah aus wie ein armer schwacher Bettler und trug
eine Kötze auf dem Rücken, als wollte er milde Gaben darin sammeln. Er
bat um ein bischen Essen, und als die älteste herauskam und ihm ein
Stück Brot reichen wollte, rührte er sie nur an, und sie mußte in seine
Kötze springen. Darauf eilte er mit starken Schritten fort und trug sie
in einen finstern Wald zu seinem Haus, das mitten darin stand. In dem
Haus war alles prächtig: er gab ihr was sie nur wünschte und sprach
'mein Schatz, es wird dir wohlgefallen bei mir, du hast alles was
dein Herz begehrt.' Das dauerte ein paar Tage, da sagte er 'ich muß
fortreisen und dich eine kurze Zeit allein lassen, da sind die
Hausschlüssel, du kannst überall hingehen und alles betrachten, nur
nicht in eine Stube, die dieser kleine Schlüssel da aufschließt, das
verbiet ich dir bei Lebensstrafe.' Auch gab er ihr ein Ei und sprach
'das Ei verwahre mir sorgfältig und trag es lieber beständig bei
dir, denn gienge es verloren, so würde ein großes Unglück daraus
entstehen. Sie nahm die Schlüssel und das Ei, und versprach alles wohl
auszurichten. Als er fort war, gieng sie in dem Haus herum von unten bis
oben und besah alles, die Stuben glänzten von Silber und Gold, und sie
meinte sie hätte nie so große Pracht gesehen. Endlich kam sie auch zu
der verbotenen Thür, sie wollte vorüber gehen, aber die Neugierde ließ
ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein anderer, sie
steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Thüre auf. Aber was
erblickte sie als sie hineintrat? ein großes blutiges Becken stand in
der Mitte, und darin lagen todte zerhauene Menschen, daneben stand ein
Holzblock und ein blinkendes Beil lag darauf. Sie erschrack so sehr, daß
das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte. Sie holte es wieder
heraus und wischte das Blut ab, aber vergeblich, es kam den Augenblick
wieder zum Vorschein; sie wischte und schabte, aber sie konnte es nicht
herunter kriegen.

Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zurück, und das erste was er
forderte war der Schlüssel und das Ei. Sie reichte es ihm hin, aber sie
zitterte dabei, und er sah gleich an den rothen Flecken daß sie in der
Blutkammer gewesen war. 'Bist du gegen meinen Willen in die Kammer
gegangen,' sprach er, 'so sollst du gegen deinen Willen wieder hinein.
Dein Leben ist zu Ende.' Er warf sie nieder, schleifte sie an den Haaren
hin, schlug ihr das Haupt auf dem Blocke ab und zerhackte sie, daß ihr
Blut auf dem Boden dahin floß. Dann warf er sie zu den übrigen ins
Becken.

'Jetzt will ich mir die zweite holen' sprach der Hexenmeister, gieng
wieder in Gestalt eines armen Mannes vor das Haus und bettelte. Da
brachte ihm die zweite ein Stück Brot, er fieng sie wie die erste durch
bloßes Anrühren und trug sie fort. Es ergieng ihr nicht besser als ihrer
Schwester, sie ließ sich von ihrer Neugierde verleiten, öffnete die
Blutkammer und schaute hinein, und mußte es bei seiner Rückkehr mit
dem Leben büßen. Er gieng nun und holte die dritte, die aber war klug
und listig. Als er ihr die Schlüssel und das Ei gegeben hatte und
fortgereist war, verwahrte sie das Ei erst sorgfältig, dann besah sie
das Haus und gieng zuletzt in die verbotene Kammer. Ach, was erblickte
sie! ihre beiden lieben Schwestern lagen da in dem Becken jämmerlich
ermordet und zerhackt. Aber sie hub an und suchte die Glieder zusammen
und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arm und Beine. Und als nichts mehr
fehlte, da fiengen die Glieder an sich zu regen und schlossen sich
an einander, und beide Mädchen öffneten die Augen und waren wieder
lebendig. Da freuten sie sich, küßten und herzten einander. Der Mann
forderte bei seiner Ankunft gleich Schlüssel und Ei, und als er keine
Spur von Blut daran entdecken konnte, sprach er 'du hast die Probe
bestanden, du sollst meine Braut sein.' Er hatte jetzt keine Macht mehr
über sie und mußte thun was sie verlangte. 'Wohlan,' antwortete sie,
'du sollst vorher einen Korb voll Gold meinem Vater und meiner Mutter
bringen und es selbst auf deinem Rücken hintragen; derweil will ich die
Hochzeit bestellen.' Dann lief sie zu ihren Schwestern, die sie in einem
Kämmerlein versteckt hatte und sagte 'der Augenblick ist da, wo ich euch
retten kann: der Bösewicht soll euch selbst wieder heimtragen; aber
sobald ihr zu Hause seid, sendet mir Hilfe.' Sie setzte beide in einen
Korb und deckte sie mit Gold ganz zu, daß nichts von ihnen zu sehen war,
dann rief sie den Hexenmeister herein und sprach 'nun trag den Korb
fort, aber daß du mir unterwegs nicht stehen bleibst und ruhest, ich
schaue durch mein Fensterlein und habe acht.'

Der Hexenmeister hob den Korb auf seinen Rücken und gieng damit fort, er
drückte ihn aber so schwer, daß ihm der Schweiß über das Angesicht lief.
Da setzte er sich nieder und wollte ein wenig ruhen, aber gleich rief
eine im Korbe 'ich schaue durch mein Fensterlein und sehe daß du ruhst,
willst du gleich weiter.' Er meinte die Braut rief ihm das zu und machte
sich wieder auf. Nochmals wollte er sich setzen, aber es rief gleich
'ich schaue durch mein Fensterlein und sehe daß du ruhst, willst du
gleich weiter.' Und so oft er stillstand, rief es, und da mußte er
fort, bis er endlich stöhnend und außer Athem den Korb mit dem Gold und
den beiden Mädchen in ihrer Eltern Haus brachte.

Daheim aber ordnete die Braut das Hochzeitfest an und ließ die Freunde
des Hexenmeisters dazu einladen. Dann nahm sie einen Todtenkopf mit
grinsenden Zähnen, setzte ihm einen Schmuck auf und einen Blumenkranz,
trug ihn oben vors Bodenloch und ließ ihn da hinausschauen. Als alles
bereit war, steckte sie sich in ein Faß mit Honig, schnitt das Bett auf
und wälzte sich darin, daß sie aussah wie ein wunderlicher Vogel und
kein Mensch sie erkennen konnte. Da gieng sie zum Haus hinaus, und
unterwegs begegnete ihr ein Theil der Hochzeitgäste, die fragten

  'Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?'
    'Ich komme von Fitze Fitchers Hause her.'
  'Was macht denn da die junge Braut?'
    'Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,
  und guckt zum Bodenloch heraus.'

Endlich begegnete ihr der Bräutigam, der langsam zurück wanderte. Er
fragte wie die andern

  'Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?'
    'Ich komme von Fitze Fitchers Hause her.'
  'Was macht denn da meine junge Braut?'
    'Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,
  und guckt zum Bodenloch heraus.'

Der Bräutigam schaute hinauf und sah den geputzten Todtenkopf, da meinte
er es wäre seine Braut und nickte ihr zu und grüßte sie freundlich. Wie
er aber sammt seinen Gästen ins Haus gegangen war, da langten die Brüder
und Verwandte der Braut an, die zu ihrer Rettung gesendet waren. Sie
schlossen alle Thüren des Hauses zu, daß niemand entfliehen konnte, und
steckten es an, also daß der Hexenmeister mit sammt seinem Gesindel
verbrennen mußte.


[The end of _Fitchers Vogel_ by The Brothers Grimm]
