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Title: Daumerlings Wanderschaft: from Kinder- und Hausmärchen
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: December 18 2014
Date last updated: December 18 2014
Faded Page eBook #20141239

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45.

Daumerlings Wanderschaft.


Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein gerathen und nicht größer
als ein Daumen, darum hieß er auch der Daumerling. Er hatte aber Courage
im Leibe und sagte zu seinem Vater, 'Vater, ich soll und muß in die Welt
hinaus.' 'Recht, mein Sohn,' sprach der Alte, nahm eine lange Stopfnadel
und machte am Licht einen Knoten von Siegellack daran, 'da hast du auch
einen Degen mit auf den Weg.' Nun wollte das Schneiderlein noch einmal
mitessen und hüpfte in die Küche, um zu sehen was die Frau Mutter
zu guter Letzt gekocht hätte. Es war aber eben angerichtet, und die
Schüssel stand auf dem Herd. Da sprach es 'Frau Mutter, was gibts heute
zu essen?' 'Sieh du selbst zu' sagte die Mutter. Da sprang Daumerling
auf den Herd und guckte in die Schüssel: weil er aber den Hals zu weit
hineinstreckte, faßte ihn der Dampf von der Speise und trieb ihn zum
Schornstein hinaus. Eine Weile ritt er auf dem Dampf in der Luft herum,
bis er endlich wieder auf die Erde herabsank. Nun war das Schneiderlein
draußen in der weiten Welt, zog umher, gieng auch bei einem Meister in
die Arbeit, aber das Essen war ihm nicht gut genug. 'Frau Meisterin,
wenn sie uns kein besser Essen gibt,' sagte der Daumerling, 'so gehe
ich fort und schreibe morgen früh mit Kreide an ihre Hausthüre Kartoffel
zu viel, Fleisch zu wenig, Adies, Herr Kartoffelkönig.' 'Was willst du
wohl, Grashüpfer?' sagte die Meisterin, ward bös, ergriff einen Lappen
und wollte nach ihm schlagen: mein Schneiderlein kroch behende unter
den Fingerhut, guckte unten hervor und streckte der Frau Meisterin die
Zunge heraus. Sie hob den Fingerhut auf und wollte ihn packen, aber der
kleine Daumerling hüpfte in die Lappen, und wie die Meisterin die Lappen
auseinander warf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritz. 'He,
he, Frau Meisterin,' rief er und steckte den Kopf in die Höhe, und wenn
sie zuschlagen wollte, sprang er in die Schublade hinunter. Endlich aber
erwischte sie ihn doch und jagte ihn zum Haus hinaus.

Das Schneiderlein wanderte und kam in einen großen Wald: da begegnete
ihm ein Haufen Räuber, die hatten vor des Königs Schatz zu bestehlen.
Als sie das Schneiderlein sahen, dachten sie 'so ein kleiner Kerl kann
durch ein Schlüsselloch kriechen und uns als Dietrich dienen.' 'Heda,'
rief einer, 'du Riese Goliath, willst du mit zur Schatzkammer gehen?
du kannst dich hineinschleichen, und das Geld heraus werfen.' Der
Daumerling besann sich, endlich sagte er 'ja' und gieng mit zu der
Schatzkammer. Da besah er die Thüre oben und unten, ob kein Ritz darin
wäre. Nicht lange so entdeckte er einen, der breit genug war um ihn
einzulassen. Er wollte auch gleich hindurch, aber eine von den beiden
Schildwachen, die vor der Thür standen, bemerkte ihn und sprach zu der
andern 'was kriecht da für eine häßliche Spinne? ich will sie todt
treten.' 'Laß das arme Thier gehen,' sagte die andere, 'es hat dir ja
nichts gethan.' Nun kam der Daumerling durch den Ritz glücklich in die
Schatzkammer, öffnete das Fenster, unter welchem die Räuber standen, und
warf ihnen einen Thaler nach dem andern hinaus. Als das Schneiderlein in
der besten Arbeit war, hörte es den König kommen, der seine Schatzkammer
besehen wollte, und verkroch sich eilig. Der König merkte daß viele
harte Thaler fehlten, konnte aber nicht begreifen wer sie sollte
gestohlen haben, da Schlösser und Riegel in gutem Stand waren, und alles
wohl verwahrt schien. Da gieng er wieder fort und sprach zu den zwei
Wachen 'habt acht, es ist einer hinter dem Geld.' Als der Daumerling nun
seine Arbeit von neuem anfieng, hörten sie das Geld drinnen sich regen
und klingen klipp, klapp, klipp, klapp. Sie sprangen geschwind hinein
und wollten den Dieb greifen. Aber das Schneiderlein, das sie kommen
hörte, war noch geschwinder, sprang in eine Ecke und deckte einen Thaler
über sich, so daß nichts von ihm zu sehen war, dabei neckte es noch die
Wachen und rief 'hier bin ich.' Die Wachen liefen dahin, wie sie aber
ankamen, war es schon in eine andere Ecke unter einen Thaler gehüpft,
und rief 'he, hier bin ich.' Die Wachen sprangen eilends herbei,
Daumerling war aber längst in einer dritten Ecke und rief 'he, hier
bin ich.' Und so hatte es sie zu Narren und trieb sie so lange in der
Schatzkammer herum, bis sie müde waren und davon giengen. Nun warf es
die Thaler nach und nach alle hinaus: den letzten schnellte es mit aller
Macht, hüpfte dann selber noch behendiglich darauf und flog mit ihm
durchs Fenster hinab. Die Räuber machten ihm große Lobsprüche, 'du bist
ein gewaltiger Held,' sagten sie, 'willst du unser Hauptmann werden?'
Daumerling bedankte sich aber und sagte er wollte erst die Welt sehen.
Sie theilten nun die Beute, das Schneiderlein aber verlangte nur einen
Kreuzer, weil es nicht mehr tragen konnte.

Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Räubern
guten Tag und nahm den Weg zwischen die Beine. Es gieng bei einigen
Meistern in Arbeit, aber sie wollte ihm nicht schmecken: endlich
verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Mägde aber
konnten es nicht leiden, denn ohne daß sie ihn sehen konnten sah er
alles, was sie heimlich thaten, und gab bei der Herrschaft an was sie
sich von den Tellern genommen und aus dem Keller für sich weggeholt
hatten. Da sprachen sie 'wart, wir wollen dirs eintränken' und
verabredeten untereinander ihm einen Schabernack anzuthun. Als die eine
Magd bald hernach im Garten mähte, und den Daumerling da herumspringen
und an den Kräutern auf und abkriechen sah, mähte sie ihn mit dem Gras
schnell zusammen, band alles in ein großes Tuch und warf es heimlich den
Kühen vor. Nun war eine große schwarze darunter, die schluckte ihn mit
hinab, ohne ihm weh zu thun. Unten gefiels ihm aber schlecht, denn es
war da ganz finster und brannte auch kein Licht. Als die Kuh gemelkt
wurde, da rief er

  'strip, strap, stroll,
  ist der Eimer bald voll?'

Doch bei dem Geräusch des Melkens wurde er nicht verstanden. Hernach
trat der Hausherr in den Stall und sprach 'morgen soll die Kuh da
geschlachtet werden.' Da ward dem Daumerling angst, daß er mit heller
Stimme rief 'laßt mich erst heraus, ich sitze ja drin.' Der Herr hörte
das wohl, wußte aber nicht wo die Stimme herkam. 'Wo bist du?' fragte
er. 'In der schwarzen,' antwortete er, aber der Herr verstand nicht was
das heißen sollte und gieng fort.

Am andern Morgen ward die Kuh geschlachtet. Glücklicherweise traf bei
dem Zerhacken und Zerlegen den Daumerling kein Hieb, aber er gerieth
unter das Wurstfleisch. Wie nun der Metzger herbeitrat und seine Arbeit
anfieng, schrie er aus Leibeskräften 'hackt nicht zu tief, hackt nicht
zu tief, ich stecke ja drunter.' Vor dem Lärmen der Hackmesser hörte
das kein Mensch. Nun hatte der arme Daumerling seine Noth, aber die
Noth macht Beine, und da sprang er so behend zwischen den Hackmessern
durch, daß ihn keins anrührte, und er mit heiler Haut davon kam. Aber
entspringen konnte er auch nicht: es war keine andere Auskunft, er mußte
sich mit den Speckbrocken in eine Blutwurst hinunter stopfen lassen. Da
war das Quartier etwas enge, und dazu ward er noch in den Schornstein
zum Räuchern aufgehängt, wo ihm Zeit und Weile gewaltig lang wurde.
Endlich im Winter wurde er herunter geholt, weil die Wurst einem
Gast sollte vorgesetzt werden. Als nun die Frau Wirthin die Wurst in
Scheiben schnitt, nahm er sich in acht, daß er den Kopf nicht zu weit
vorstreckte, damit ihm nicht etwa der Hals mit abgeschnitten würde:
endlich ersah er seinen Vortheil, machte sich Luft und sprang heraus.

In dem Hause aber, wo es ihm so übel ergangen war, wollte das
Schneiderlein nicht länger mehr bleiben, sondern begab sich gleich
wieder auf die Wanderung. Doch seine Freiheit dauerte nicht lange. Auf
dem offenen Feld kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es in
Gedanken auf. 'Ei, Herr Fuchs,' riefs Schneiderlein, 'ich bins ja,
der in eurem Hals steckt, laßt mich wieder frei.' 'Du hast recht,'
antwortete der Fuchs, 'an dir habe ich doch so viel als nichts;
versprichst du mir die Hühner in deines Vaters Hof, so will ich dich
loslassen.' 'Von Herzen gern,' antwortete der Daumerling, 'die Hühner
sollst du alle haben, das gelobe ich dir.' Da ließ ihn der Fuchs wieder
los und trug ihn selber heim. Als der Vater sein liebes Söhnlein wieder
sah, gab er dem Fuchs gerne alle die Hühner die er hatte. 'Dafür bring
ich dir auch ein schön Stück Geld mit' sprach der Daumerling und reichte
ihm den Kreuzer, den er auf seiner Wanderschaft erworben hatte.

'Warum hat aber der Fuchs die armen Piephühner zu fressen kriegt?' 'Ei,
du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein als die Hühner
auf dem Hof.'


[The end of _Daumerlings Wanderschaft_ by The Brothers Grimm]
