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Title: Der Gevatter Tod: from Kinder- und Hausmärchen
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: December 16 2014
Date last updated: December 16 2014
Faded Page eBook #20141236

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44.

Der Gevatter Tod.


Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten
damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt
kam, wußte er sich in seiner Noth nicht zu helfen, lief hinaus auf die
große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter
bitten. Der erste der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte
schon was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm 'armer Mann, du
dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen
und es glücklich machen auf Erden.' Der Mann sprach 'wer bist du?' 'Ich
bin der liebe Gott.' 'So begehr ich dich nicht zu Gevatter,' sagte der
Mann, 'du giebst dem Reichen und lässest den Armen hungern.' Das sprach
der Mann, weil er nicht wußte wie weislich Gott Reichthum und Armuth
vertheilt. Also wendete er sich von dem Herrn und gieng weiter. Da trat
der Teufel zu ihm und sprach 'was suchst du? willst du mich zum Pathen
deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und Fülle und alle
Lust der Welt dazu geben.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der
Teufel.' 'So begehr ich dich nicht zum Gevatter,' sprach der Mann,
'du betrügst und verführst die Menschen.' Er gieng weiter, da kam
der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach 'nimm mich zu
Gevatter.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der Tod, der alle
gleich macht.' Da sprach der Mann 'du bist der rechte, du holst den
Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann
sein.' Der Tod antwortete 'ich will dein Kind reich und berühmt machen,
denn wer mich zum Freunde hat, dem kanns nicht fehlen.' Der Mann sprach
'künftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.'
Der Tod erschien wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich
Gevatter.

Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pathe ein
und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein
Kraut, das da wuchs, und sprach 'jetzt sollst du dein Pathengeschenk
empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem
Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu
Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder
gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er
genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt
sagen alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten.
Aber hüte dich daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es
könnte dir schlimm ergehen.'

Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der
ganzen Welt. 'Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon wie
es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben muß,' so hieß es
von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den
Kranken und gaben ihm so viel Gold, daß er bald ein reicher Mann war.
Nun trug es sich zu, daß der König erkrankte: der Arzt ward berufen und
sollte sagen ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so
stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut
mehr gewachsen. 'Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte,' dachte
der Arzt, 'er wirds freilich übel nehmen, aber da ich sein Pathe bin, so
drückt er wohl ein Auge zu: ich wills wagen.' Er faßte also den Kranken
und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu Häupten desselben zu stehen
kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und
ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein böses und
finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte 'du hast mich hinter
das Licht geführt: diesmal will ich dirs nachsehen, weil du mein Pathe
bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dirs an den Kragen, und ich
nehme dich selbst mit fort.'

Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit.
Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen
erblindeten, und ließ bekannt machen wer sie vom Tode errettete, der
sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem
Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich
der Warnung seines Pathen erinnern sollen, aber die große Schönheit der
Königstochter und das Glück ihr Gemahl zu werden bethörten ihn so,
daß er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht daß der Tod ihm
zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dürren Faust
drohte; er hob die Kranke auf, und legte ihr Haupt dahin, wo die Füße
gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald rötheten sich
ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuem.

Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigenthum betrogen sah,
gieng mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach 'es ist aus mit
dir und die Reihe kommt nun an dich,' packte ihn mit seiner eiskalten
Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine
unterirdische Höhle. Da sah er wie tausend und tausend Lichter in
unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere
klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder
auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen
schienen. 'Siehst du,' sprach der Tod, 'das sind die Lebenslichter der
Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren
besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge
Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.' 'Zeige mir mein Lebenslicht'
sagte der Arzt und meinte es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf
ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte und sagte 'siehst du, da
ist es.' 'Ach, lieber Pathe,' sagte der erschrockene Arzt, 'zündet mir
ein neues an, thut mirs zu Liebe, damit ich meines Lebens genießen kann,
König werde und Gemahl der schönen Königstochter.' 'Ich kann nicht,'
antwortete der Tod, 'erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.'
'So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt wenn jenes zu
Ende ist,' bat der Arzt. Der Tod stellte sich als ob er seinen Wunsch
erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber weil er
sich rächen wollte versah ers beim Umstecken absichtlich, und das
Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war
nun selbst in die Hand des Todes gerathen.


[The end of _Der Gevatter Tod_ by The Brothers Grimm]
