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Title: Der Herr Gevatter: from Kinder- und Hausmärchen
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: December 15 2014
Date last updated: December 15 2014
Faded Page eBook #20141233

This eBook was produced by: Delphine Lettau
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42.

Der Herr Gevatter.


Ein armer Mann hatte so viel Kinder, daß er schon alle Welt zu Gevatter
gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr übrig,
den er bitten konnte. Er wußte nicht was er anfangen sollte, legte sich
in seiner Betrübnis nieder und schlief ein. Da träumte ihm er sollte vor
das Thor gehen und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten.
Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, gieng hinaus
vor das Thor und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter.
Der Fremde schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser und sagte 'das ist ein
wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt
nur sehen wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von
dem Wasser, und er wird gesund werden, steht er aber bei den Füßen, so
ist alle Mühe vergebens, er muß sterben.' Der Mann konnte von nun an
immer sagen ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward berühmt durch
seine Kunst und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kind des
Königs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen,
und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal,
aber das drittemal stand der Tod bei den Füßen, da mußte das Kind
sterben.

Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen und ihm erzählen
wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine
so wunderliche Wirthschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich
Schippe und Besen, und schmissen gewaltig aufeinander los. Er fragte
sie 'wo wohnt der Herr Gevatter?' Der Besen antwortete 'eine Treppe
höher.' Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge todter
Finger liegen. Er fragte 'wo wohnt der Herr Gevatter?' Einer aus den
Fingern antwortet 'eine Treppe höher.' Auf der dritten Treppe lag ein
Haufen todter Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der
vierten Treppe sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten in
der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch 'eine Treppe
höher.' Und als er die fünfte hinauf gestiegen war, so kam er vor eine
Stube und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er den Gevatter, der
ein paar lange Hörner hatte. Als er die Thüre aufmachte und hinein
gieng, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett und deckte sich
zu. Da sprach der Mann 'Herr Gevatter, was ist für eine wunderliche
Wirthschaft in eurem Hause? als ich auf eure erste Treppe kam, so
zankten sich Schippe und Besen mit einander und schlugen gewaltig auf
einander los.' 'Wie seid ihr so einfältig,' sagte der Gevatter, 'das
war der Knecht und die Magd, die sprachen mit einander.' 'Aber auf der
zweiten Treppe sah ich todte Finger liegen.' 'Ei, wie seid ihr albern!
das waren Skorzenerwurzel.' 'Auf der dritten Treppe lag ein Haufen
Todtenköpfe.' 'Dummer Mann, das waren Krautköpfe.' 'Auf der vierten sah
ich Fische in der Pfanne, die britzelten, und backten sich selber.' Wie
er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. 'Und
als ich die fünfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das
Schlüsselloch einer Thür, und da sah ich Euch, Gevatter, und ihr hattet
lange lange Hörner.' 'Ei, das ist nicht wahr.' Dem Mann ward angst, und
er lief fort, und wer weiß was ihm der Herr Gevatter sonst angethan
hätte.


[The end of _Der Herr Gevatter_ by The Brothers Grimm]
