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Title: Tischchen deck dich, Goldesel, und Knüppel aus dem Sack: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: April 11 2014
Date last updated: April 11 2014
Faded Page eBook #20140430

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36.

Tischchen deck dich, Goldesel, und Knüppel aus dem Sack.


Vor Zeiten war ein Schneider, der drei Söhne hatte und nur eine einzige
Ziege. Aber die Ziege, weil sie alle zusammen mit ihrer Milch ernährte,
mußte ihr gutes Futter haben und täglich hinaus auf die Weide geführt
werden. Die Söhne thaten das auch nach der Reihe. Einmal brachte sie der
älteste auf den Kirchhof, wo die schönsten Kräuter standen, ließ sie da
fressen und herumspringen. Abends, als es Zeit war heim zu gehen, fragte
er 'Ziege, bist du satt?' Die Ziege antwortete

  'ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!'

'So komm nach Haus' sprach der Junge, faßte sie am Strickchen, führte
sie in den Stall und band sie fest. 'Nun,' sagte der alte Schneider,
'hat die Ziege ihr gehöriges Futter?' 'O,' antwortete der Sohn, 'die
ist so satt, sie mag kein Blatt.' Der Vater aber wollte sich selbst
überzeugen, gieng hinab in den Stall, streichelte das liebe Thier und
fragte 'Ziege, bist du auch satt?' Die Ziege antwortete

  'wovon sollt ich satt sein?
  ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!'

'Was muß ich hören!' rief der Schneider, lief hinauf und sprach zu dem
Jungen 'ei, du Lügner, sagst die Ziege wäre satt, und hast sie hungern
lassen?' und in seinem Zorne nahm er die Elle von der Wand und jagte ihn
mit Schlägen hinaus.

Am andern Tag war die Reihe am zweiten Sohn, der suchte an der
Gartenhecke einen Platz aus, wo lauter gute Kräuter standen, und die
Ziege fraß sie rein ab. Abends, als er heim wollte, fragte er 'Ziege,
bist du satt?' Die Ziege antwortete

  'ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!'

'So komm nach Haus,' sprach der Junge, zog sie heim und band sie im
Stalle fest. 'Nun,' sagte der alte Schneider, 'hat die Ziege ihr
gehöriges Futter?' 'O,' antwortete der Sohn, 'die ist so satt, sie mag
kein Blatt.' Der Schneider wollte sich darauf nicht verlassen, gieng
hinab in den Stall und fragte 'Ziege, bist du auch satt?' Die Ziege
antwortete

  'wovon sollt ich satt sein?
  ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!'

'Der gottlose Bösewicht!' schrie der Schneider, 'so ein frommes Thier
hungern zu lassen!' lief hinauf, und schlug mit der Elle den Jungen zur
Hausthüre hinaus.

Die Reihe kam jetzt an den dritten Sohn, der wollte seine Sache gut
machen, suchte Buschwerk mit dem schönsten Laube aus, und ließ die Ziege
daran fressen. Abends, als er heim wollte, fragte er 'Ziege, bist du
auch satt?' Die Ziege antwortete

  'ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!'

'So komm nach Haus,' sagte der Junge, führte sie in den Stall und band
sie fest. 'Nun,' sagte der alte Schneider, 'hat die Ziege ihr gehöriges
Futter?' 'O,' antwortete der Sohn, 'die ist so satt, sie mag kein Blatt.'
Der Schneider traute nicht, gieng hinab und fragte 'Ziege, bist du auch
satt?' Das boshafte Thier antwortete

  'wovon sollt ich satt sein?
  ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättlein: meh! meh!'

'O die Lügenbrut!' rief der Schneider, 'einer so gottlos und
pflichtvergessen wie der andere! ihr sollt mich nicht länger zum Narren
haben!' und vor Zorn ganz außer sich sprang er hinauf und gerbte dem
armen Jungen mit der Elle den Rücken so gewaltig, daß er zum Haus hinaus
sprang.

Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern Morgen
gieng er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege und sprach 'komm, mein
liebes Thierlein, ich will dich selbst zur Weide führen.' Er nahm sie
am Strick und brachte sie zu grünen Hecken und unter Schafrippe und
was sonst die Ziegen gerne fressen. 'Da kannst du dich einmal nach
Herzenslust sättigen' sprach er zu ihr, und ließ sie weiden bis zum
Abend. Da fragte er 'Ziege, bist du satt?' Sie antwortete

  'ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!'

'So komm nach Haus' sagte der Schneider, führte sie in den Stall und
band sie fest. Als er weggieng, kehrte er sich noch einmal um, und sagte
'nun bist du doch einmal satt!' Aber die Ziege machte es ihm nicht
besser und rief

  'wie sollt ich satt sein?
  ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättlein: meh! meh!'

Als der Schneider das hörte, stutzte er und sah wohl daß er seine drei
Söhne ohne Ursache verstoßen hatte. 'Wart,' rief er, 'du undankbares
Geschöpf, dich fortzujagen ist noch zu wenig, ich will dich zeichnen daß
du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr darfst sehen lassen.' In
einer Hast sprang er hinauf, holte sein Bartmesser, seifte der Ziege den
Kopf ein, und schor sie so glatt wie seine flache Hand. Und weil die
Elle zu ehrenvoll gewesen wäre, holte er die Peitsche und versetzte ihr
solche Hiebe, daß sie in gewaltigen Sprüngen davon lief.

Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel in
große Traurigkeit und hätte seine Söhne gerne wieder gehabt, aber
niemand wußte wo sie hingerathen waren. Der älteste war zu einem
Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig und unverdrossen,
und als seine Zeit herum war, daß er wandern sollte, schenkte ihm der
Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes Ansehen hatte und von
gewöhnlichem Holz war: aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man es
hinstellte, und sprach 'Tischchen, deck dich,' so war das gute Tischchen
auf einmal mit einem saubern Tüchlein bedeckt, und stand da ein
Teller, und Messer und Gabel daneben, und Schüsseln mit Gesottenem und
Gebratenem, so viel Platz hatten, und ein großes Glas mit rothem Wein
leuchtete daß einem das Herz lachte. Der junge Gesell dachte 'damit
hast du genug für dein Lebtag,' zog guter Dinge in der Welt umher und
bekümmerte sich gar nicht darum ob ein Wirthshaus gut oder schlecht und
ob etwas darin zu finden war, oder nicht. Wenn es ihm gefiel, so kehrte
er gar nicht ein, sondern im Felde, im Wald, auf einer Wiese, wo er Lust
hatte, nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich und sprach
'deck dich,' so war alles da, was sein Herz begehrte. Endlich kam es ihm
in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zurückkehren, sein Zorn würde
sich gelegt haben, und mit dem Tischchen deck dich würde er ihn gerne
wieder aufnehmen. Es trug sich zu, daß er auf dem Heimweg Abends in ein
Wirthshaus kam, das mit Gästen angefüllt war: sie hießen ihn willkommen
und luden ihn ein sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu essen,
sonst würde er schwerlich noch etwas bekommen. 'Nein,' antwortete der
Schreiner, 'die paar Bissen will ich euch nicht vor dem Munde nehmen,
lieber sollt ihr meine Gäste sein.' Sie lachten und meinten er triebe
seinen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein hölzernes Tischchen mitten
in die Stube und sprach 'Tischchen, deck dich.' Augenblicklich war es
mit Speisen besetzt, so gut wie sie der Wirth nicht hätte herbeischaffen
können, und wovon der Geruch den Gästen lieblich in die Nase stieg.
'Zugegriffen, liebe Freunde,' sprach der Schreiner, und die Gäste, als
sie sahen wie es gemeint war, ließen sich nicht zweimal bitten, rückten
heran, zogen ihre Messer und griffen tapfer zu. Und was sie am meisten
verwunderte, wenn eine Schüssel leer geworden war, so stellte sich
gleich von selbst eine volle an ihren Platz. Der Wirth stand in einer
Ecke und sah dem Dinge zu; er wußte gar nicht was er sagen sollte,
dachte aber 'einen solchen Koch könntest du in deiner Wirthschaft wohl
brauchen.' Der Schreiner und seine Gesellschaft waren lustig bis in die
späte Nacht, endlich legten sie sich schlafen, und der junge Geselle
gieng auch zu Bett und stellte sein Wünschtischchen an die Wand. Dem
Wirthe aber ließen seine Gedanken keine Ruhe, es fiel ihm ein daß
in seiner Rumpelkammer ein altes Tischchen stände, das gerade so
aussähe: das holte er ganz sachte herbei und vertauschte es mit dem
Wünschtischchen. Am andern Morgen zahlte der Schreiner sein Schlafgeld,
packte sein Tischchen auf, dachte gar nicht daran daß er ein falsches
hätte und gieng seiner Wege. Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der
ihn mit großer Freude empfieng. 'Nun, mein lieber Sohn, was hast du
gelernt?' sagte er zu ihm. 'Vater, ich bin ein Schreiner geworden.'
'Ein gutes Handwerk,' erwiederte der Alte, 'aber was hast du von deiner
Wanderschaft mitgebracht?' 'Vater, das beste, was ich mitgebracht habe,
ist das Tischchen.' Der Schneider betrachtete es von allen Seiten und
sagte 'daran hast du kein Meisterstück gemacht, das ist ein altes und
schlechtes Tischchen.' 'Aber es ist ein Tischchen deck dich,' antwortete
der Sohn, 'wenn ich es hinstelle, und sage ihm es sollte sich decken,
so stehen gleich die schönsten Gerichte darauf und ein Wein dabei, der
das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandte und Freunde ein, die sollen
sich einmal laben und erquicken, denn das Tischchen macht sie alle
satt.' Als die Gesellschaft beisammen war, stellte er sein Tischchen
mitten in die Stube und sprach 'Tischchen, deck dich.' Aber das
Tischchen regte sich nicht und blieb so leer wie ein anderer Tisch,
der die Sprache nicht versteht. Da merkte der arme Geselle daß ihm das
Tischchen vertauscht war, und schämte sich daß er wie ein Lügner da
stand. Die Verwandten aber lachten ihn aus, und mußten ungetrunken und
ungegessen wieder heim wandern. Der Vater holte seine Lappen wieder
herbei und schneiderte fort, der Sohn aber gieng bei einem Meister in
die Arbeit.

Der zweite Sohn war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die Lehre
gegangen. Als er seine Jahre herum hatte, sprach der Meister 'weil du
dich so wohl gehalten hast, so schenke ich dir einen Esel von einer
besondern Art, er zieht nicht am Wagen und trägt auch keine Säcke.'
'Wozu ist er denn nütze?' fragte der junge Geselle. 'Er speit Gold,'
antwortete der Müller, 'wenn du ihn auf ein Tuch stellst und sprichst
'Bricklebrit,' so speit dir das gute Thier Goldstücke aus, hinten und
vorn.' 'Das ist eine schöne Sache,' sprach der Geselle, dankte dem
Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold nöthig hatte, brauchte er nur
zu seinem Esel 'Bricklebrit' zu sagen, so regnete es Goldstücke, und er
hatte weiter keine Mühe als sie von der Erde aufzuheben. Wo er hinkam,
war ihm das beste gut genug, und je theurer je lieber, denn er hatte
immer einen vollen Beutel. Als er sich eine Zeit lang in der Welt
umgesehen hatte, dachte er 'du mußt deinen Vater aufsuchen, wenn du
mit dem Goldesel kommst, so wird er seinen Zorn vergessen und dich gut
aufnehmen.' Es trug sich zu, daß er in dasselbe Wirthshaus gerieth, in
welchem seinem Bruder das Tischchen vertauscht war. Er führte seinen
Esel an der Hand, und der Wirth wollte ihm das Thier abnehmen und
anbinden, der junge Geselle aber sprach 'gebt euch keine Mühe, meinen
Grauschimmel führe ich selbst in den Stall und binde ihn auch selbst an,
denn ich muß wissen wo er steht.' Dem Wirth kam das wunderlich vor, und
er meinte einer, der seinen Esel selbst besorgen müßte, hätte nicht viel
zu verzehren: als aber der Fremde in die Tasche griff, zwei Goldstücke
heraus holte und sagte er sollte nur etwas gutes für ihn einkaufen, so
machte er große Augen, lief und suchte das beste, das er auftreiben
konnte. Nach der Mahlzeit fragte der Gast was er schuldig wäre, der
Wirth wollte die doppelte Kreide nicht sparen und sagte noch ein paar
Goldstücke müßte er zulegen. Der Geselle griff in die Tasche, aber sein
Gold war eben zu Ende. 'Wartet einen Augenblick, Herr Wirth,' sprach er,
'ich will nur gehen und Gold holen;' nahm aber das Tischtuch mit. Der
Wirth wußte nicht was das heißen sollte, war neugierig, schlich ihm
nach, und da der Gast die Stallthüre zuriegelte, so guckte er durch
ein Astloch. Der Fremde breitete unter dem Esel das Tuch aus, rief
'Bricklebrit,' und augenblicklich fieng das Thier an Gold zu speien von
hinten und vorn, daß es ordentlich auf die Erde herabregnete. 'Ei der
tausend,' sagte der Wirth, 'da sind die Ducaten bald geprägt! so ein
Geldbeutel ist nicht übel!' Der Gast bezahlte seine Zeche und legte sich
schlafen, der Wirth aber schlich in der Nacht herab in den Stall, führte
den Münzmeister weg und band einen andern Esel an seine Stelle. Den
folgenden Morgen in der Frühe zog der Geselle mit seinem Esel ab und
meinte er hätte seinen Goldesel. Mittags kam er bei seinem Vater an, der
sich freute als er ihn wiedersah und ihn gerne aufnahm. 'Was ist aus
dir geworden, mein Sohn?' fragte der Alte. 'Ein Müller, lieber Vater,'
antwortete er. 'Was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?'
'Weiter nichts als einen Esel.' 'Esel gibts hier genug,' sagte der
Vater, 'da wäre mir doch eine gute Ziege lieber gewesen.' 'Ja,'
antwortete der Sohn, 'aber es ist kein gemeiner Esel, sondern ein
Goldesel: wenn ich sage 'Bricklebrit,' so speit euch das gute Thier ein
ganzes Tuch voll Goldstücke. Laßt nur alle Verwandte herbei rufen, ich
mache sie alle zu reichen Leuten.' 'Das laß ich mir gefallen,' sagte der
Schneider, 'dann brauch ich mich mit der Nadel nicht weiter zu quälen,'
sprang selbst fort, und rief die Verwandten herbei. Sobald sie beisammen
waren, hieß sie der Müller Platz machen, breitete sein Tuch aus, und
brachte den Esel in die Stube. 'Jetzt gebt acht' sagte er und rief
'Bricklebrit,' aber es waren keine Goldstücke was herabfiel, und es
zeigte sich, daß das Thier nichts von der Kunst verstand, denn es
bringts nicht jeder Esel so weit. Da machte der arme Müller ein langes
Gesicht, sah daß er betrogen war und bat die Verwandten um Verzeihung,
die so arm heim giengen, als sie gekommen waren. Es blieb nichts übrig,
der Alte mußte wieder nach der Nadel greifen, und der Junge sich bei
einem Müller verdingen.

Der dritte Bruder war zu einem Drechsler in die Lehre gegangen, und weil
es ein kunstreiches Handwerk ist, mußte er am längsten lernen. Seine
Brüder aber meldeten ihm in einem Briefe wie schlimm es ihnen ergangen
wäre, und wie sie der Wirth noch am letzten Abende um ihre schönen
Wünschdinge gebracht hätte. Als der Drechsler nun ausgelernt hatte und
wandern sollte, so schenkte ihm sein Meister, weil er sich so wohl
gehalten, einen Sack, und sagte 'es liegt ein Knüppel darin.' 'Den Sack
kann ich umhängen, und er kann mir gute Dienste leisten, aber was soll
der Knüppel darin? der macht ihn nur schwer.' 'Das will ich dir sagen,'
antwortete der Meister, 'hat dir jemand etwas zu leid gethan, so sprich
nur 'Knüppel, aus dem Sack,' so springt dir der Knüppel heraus unter die
Leute und tanzt ihnen so lustig auf dem Rücken herum, daß sie sich acht
Tage lang nicht regen und bewegen können; und eher läßt er nicht ab als
bis du sagst 'Knüppel, in den Sack.'' Der Gesell dankte ihm, hieng den
Sack um, und wenn ihm jemand zu nahe kam und auf den Leib wollte, so
sprach er 'Knüppel, aus dem Sack,' alsbald sprang der Knüppel heraus und
klopfte einem nach dem andern den Rock oder Wams gleich auf den Rücken
aus, und wartete nicht erst bis er ihn ausgezogen hatte; und das gieng
so geschwind, daß eh sichs einer versah die Reihe schon an ihm war. Der
junge Drechsler langte zur Abendzeit in dem Wirthshaus an, wo seine
Brüder waren betrogen worden. Er legte seinen Ranzen vor sich auf den
Tisch und fieng an zu erzählen was er alles merkwürdiges in der Welt
gesehen habe. 'Ja,' sagte er, 'man findet wohl ein Tischchen deck
dich, einen Goldesel und dergleichen: lauter gute Dinge, die ich nicht
verachte, aber das ist alles nichts gegen den Schatz, den ich mir
erworben habe und mit mir da in meinem Sack führe.' Der Wirth spitzte
die Ohren: 'was in aller Welt mag das sein?' dachte er 'der Sack ist
wohl mit lauter Edelsteinen angefüllt; den sollte ich billig auch noch
haben, denn aller guten Dinge sind drei.' Als Schlafenszeit war,
streckte sich der Gast auf die Bank und legte seinen Sack als Kopfkissen
unter. Der Wirth, als er meinte der Gast läge in tiefem Schlaf, gieng
herbei, rückte und zog ganz sachte und vorsichtig an dem Sack, ob er ihn
vielleicht wegziehen und einen andern unterlegen könnte. Der Drechsler
aber hatte schon lange darauf gewartet, wie nun der Wirth eben einen
herzhaften Ruck thun wollte, rief er 'Knüppel, aus dem Sack.' Alsbald
fuhr das Knüppelchen heraus, dem Wirth auf den Leib, und rieb ihm die
Nähte daß es eine Art hatte. Der Wirth schrie zum Erbarmen, aber je
lauter er schrie, desto kräftiger schlug der Knüppel ihm den Tact dazu
auf dem Rücken, bis er endlich erschöpft zur Erde fiel. Da sprach der
Drechsler 'wo du das Tischchen deck dich und den Goldesel nicht wieder
heraus gibst, so soll der Tanz von neuem angehen.' 'Ach nein,' rief der
Wirth ganz kleinlaut, 'ich gebe alles gerne wieder heraus, laßt nur den
verwünschten Kobold wieder in den Sack kriechen.' Da sprach der Geselle
'ich will Gnade für Recht ergehen lassen, aber hüte dich vor Schaden!'
dann rief er 'Knüppel, in den Sack!' und ließ ihn ruhen.

Der Drechsler zog am andern Morgen mit dem Tischchen deck dich und dem
Goldesel heim zu seinem Vater. Der Schneider freute sich als er ihn
wieder sah, und fragte auch ihn was er in der Fremde gelernt hätte.
'Lieber Vater,' antwortete er, 'ich bin ein Drechsler geworden.'
'Ein kunstreiches Handwerk,' sagte der Vater, 'was hast du von der
Wanderschaft mitgebracht?' 'Ein kostbares Stück, lieber Vater,'
antwortete der Sohn, 'einen Knüppel in dem Sack.' 'Was!' rief der Vater,
'einen Knüppel! das ist der Mühe werth! den kannst du dir von jedem
Baume abhauen.' 'Aber einen solchen nicht, lieber Vater: sage ich
'Knüppel, aus dem Sack,' so springt der Knüppel heraus und macht mit
dem, der es nicht gut mit mir meint, einen schlimmen Tanz, und läßt
nicht eher nach als bis er auf der Erde liegt und um gut Wetter bittet.
Seht ihr, mit diesem Knüppel habe ich das Tischchen deck dich und den
Goldesel wieder herbei geschafft, die der diebische Wirth meinen Brüdern
abgenommen hatte. Jetzt laßt sie beide rufen und ladet alle Verwandten
ein, ich will sie speisen und tränken und will ihnen die Taschen noch
mit Gold füllen.' Der alte Schneider wollte nicht recht trauen, brachte
aber doch die Verwandten zusammen. Da deckte der Drechsler ein Tuch in
die Stube, führte den Goldesel herein und sagte zu seinem Bruder 'nun,
lieber Bruder, sprich mit ihm.' Der Müller sagte 'Bricklebrit,' und
augenblicklich sprangen die Goldstücke auf das Tuch herab, als käme
ein Platzregen, und der Esel hörte nicht eher auf als bis alle so viel
hatten, daß sie nicht mehr tragen konnten. (Ich sehe dirs an, du wärst
auch gerne dabei gewesen.) Dann holte der Drechsler das Tischchen und
sagte 'lieber Bruder, nun sprich mit ihm.' Und kaum hatte der Schreiner
'Tischchen deck dich' gesagt, so war es gedeckt und mit den schönsten
Schüsseln reichlich besetzt. Da ward eine Mahlzeit gehalten, wie der
gute Schneider noch keine in seinem Hause erlebt hatte, und die ganze
Verwandtschaft blieb beisammen bis in die Nacht, und waren alle lustig
und vergnügt. Der Schneider verschloß Nadel und Zwirn, Elle und
Bügeleisen in einen Schrank, und lebte mit seinen drei Söhnen in Freude
und Herrlichkeit.

Wo ist aber die Ziege hingekommen, die Schuld war daß der Schneider
seine drei Söhne fortjagte? Das will ich dir sagen. Sie schämte sich daß
sie einen kahlen Kopf hatte, lief in eine Fuchshöhle und verkroch sich
hinein. Als der Fuchs nach Haus kam, funkelten ihm ein paar große Augen
aus der Dunkelheit entgegen, daß er erschrack und wieder zurücklief.
Der Bär begegnete ihm, und da der Fuchs ganz verstört aussah, so sprach
er 'was ist dir, Bruder Fuchs, was machst du für ein Gesicht?' 'Ach,'
antwortete der Rothe, 'ein grimmig Thier sitzt in meiner Höhle und hat
mich mit feurigen Augen angeglotzt.' 'Das wollen wir bald austreiben,'
sprach der Bär, gieng mit zu der Höhle und schaute hinein; als er aber
die feurigen Augen erblickte, wandelte ihn ebenfalls Furcht an: er
wollte mit dem grimmigen Thiere nichts zu thun haben und nahm Reißaus.
Die Biene begegnete ihm, und da sie merkte daß es ihm in seiner Haut
nicht wohl zu Muthe war, sprach sie 'Bär, du machst ja ein gewaltig
verdrießlich Gesicht, wo ist deine Lustigkeit geblieben?' 'Du hast gut
reden,' antwortete der Bär, 'es sitzt ein grimmiges Thier mit Glotzaugen
in dem Hause des Rothen, und wir können es nicht herausjagen.' Die Biene
sprach 'du dauerst mich, Bär, ich bin ein armes schwaches Geschöpf, das
ihr im Wege nicht anguckt, aber ich glaube doch daß ich euch helfen
kann.' Sie flog in die Fuchshöhle, setzte sich der Ziege auf den glatten
geschorenen Kopf, und stach sie so gewaltig, daß sie aufsprang, 'meh!
meh!' schrie, und wie toll in die Welt hineinlief; und weiß niemand auf
diese Stunde wo sie hingelaufen ist.


[The end of _Tischchen deck dich, Goldesel, und Knüppel aus dem Sack_ by The Brothers Grimm]
