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Title: Das Mädchen ohne Hände: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: October 21, 2013
Date last updated: October 21, 2013
Faded Page eBook #20131019

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31.

Das Mädchen ohne Hände.


Ein Müller war nach und nach in Armuth gerathen und hatte nichts mehr
als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in
den Wald gegangen Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den
er noch niemals gesehen hatte, und sprach 'was quälst du dich mit
Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst
was hinter deiner Mühle steht.' 'Was kann das anders sein als mein
Apfelbaum?' dachte der Müller, sagte 'ja,' und verschrieb es dem fremden
Manne. Der aber lachte höhnisch und sagte 'nach drei Jahren will ich
kommen und abholen was mir gehört,' und gieng fort. Als der Müller nach
Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen und sprach 'sage mir, Müller,
woher kommt der plötzliche Reichthum in unser Haus? auf einmal sind alle
Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich weiß
nicht wie es zugegangen ist.' Er antwortete, 'das kommt von einem
fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist und mir große Schätze
verheißen hat; ich habe ihm dagegen verschrieben was hinter der Mühle
steht: den großen Apfelbaum können wir wohl dafür geben.' 'Ach, Mann,'
sagte die Frau erschrocken, 'das ist der Teufel gewesen: den Apfelbaum
hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle
und kehrte den Hof.'

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen, und lebte die
drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war,
und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein
und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz
frühe, aber er konnte ihr nicht nahe kommen. Zornig sprach er zum Müller
'thu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn
sonst habe ich keine Gewalt über sie.' Der Müller fürchtete sich und
that es. Am andern Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre
Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht
nahen und sprach wüthend zu dem Müller 'hau ihr die Hände ab, sonst kann
ich ihr nichts anhaben.' Der Müller entsetzte sich und antwortete 'wie
könnt ich meinem eigenen Kinde die Hände abhauen!' Da drohte ihm der
Böse und sprach 'wo du es nicht thust, so bist du mein, und ich hole
dich selber.' Dem Vater ward angst, und er versprach ihm zu gehorchen.
Da gieng er zu dem Mädchen und sagte 'mein Kind, wenn ich dir nicht
beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst hab
ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Noth und verzeihe mir
was ich böses an dir thue.' Sie antwortete, 'lieber Vater, macht mit mir
was ihr wollt, ich bin euer Kind.' Darauf legte sie beide Hände hin und
ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum drittenmal, aber sie hatte so
lange und so viel auf die Stümpfe geweint, daß sie doch ganz rein waren.
Da mußte er weichen und hatte alles Recht auf sie verloren.

Der Müller sprach zu ihr 'ich habe so großes Gut durch dich gewonnen,
ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten.' Sie antwortete aber
'hier kann ich nicht bleiben: ich will fortgehen: mitleidige Menschen
werden mir schon so viel geben als ich brauche.' Darauf ließ sie sich
die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang
machte sie sich auf den Weg und gieng den ganzen Tag bis es Nacht ward.
Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie
daß Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht
hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag
gegangen war und keinen Bißen genossen hatte, und der Hunger sie quälte,
so dachte sie 'ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten
äße, sonst muß ich verschmachten.' Da kniete sie nieder, rief Gott den
Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine
Schleuße in dem Wasser zu, so daß der Graben trocken ward und sie
hindurch gehen konnte. Nun gieng sie in den Garten, und der Engel gieng
mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie
waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom
Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es
mit an, weil aber der Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte
das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen
oder den Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie
gesättigt, und gieng und versteckte sich in das Gebüsch. Der König, dem
der Garten gehörte, kam am andern Morgen herab, da zählte er und sah daß
eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner wo sie hingekommen wäre:
sie läge nicht unter dem Baume und wäre doch weg. Da antwortete der
Gärtner 'vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und
aß eine mit dem Munde ab.' Der König sprach 'wie ist der Geist über das
Wasser herein gekommen? und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne
gegessen hatte?' Der Gärtner antwortete 'es kam jemand in schneeweißem
Kleide vom Himmel, der hat die Schleuße zugemacht und das Wasser
gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein
Engel muß gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und
nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder
zurückgegangen.' Der König sprach 'verhält es sich wie du sagst, so will
ich diese Nacht bei dir wachen.'

Als es dunkel ward, kam der König in den Garten, und brachte einen
Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter
den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch
gekrochen, trat zu dem Baum, und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab;
neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da gieng der Priester
hervor und sprach 'bist du von Gott gekommen oder von der Welt? bist du
ein Geist oder ein Mensch?' Sie antwortete 'ich bin kein Geist, sondern
ein armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht.' Der König
sprach 'wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht
verlassen.' Er nahm sie mit sich in sein königliches Schloß, und weil
sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne
Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin.

Nach einem Jahre mußte der König über Feld ziehen, da befahl er die
junge Königin seiner Mutter, und sprach 'wenn sie ins Kindbett kommt, so
haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mirs gleich in einem Briefe.'
Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig
und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an
einem Bache, und da er von dem langen Wege ermüdet war, schlief er
ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden
trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand daß
die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den
Brief las, erschrack er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur
Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner
Ankunft. Der Bote gieng mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen
Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm
einen andern Brief in die Tasche, darin stand sie sollten die Königin
mit ihrem Kinde tödten. Die alte Mutter erschrack heftig als sie den
Brief erhielt, konnte es nicht glauben und schrieb dem Könige noch
einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, weil der Teufel dem Boten
jedesmal einen falschen Brief unterschob: und in dem letzten Briefe
stand noch sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin
aufheben.

Aber die alte Mutter weinte daß so unschuldiges Blut sollte vergossen
werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und
Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin 'ich kann dich
nicht tödten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du nicht
hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein und komm nie
wieder zurück.' Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau
gieng mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen großen wilden Wald,
da setzte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott, und der Engel des
Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein
Schildchen mit den Worten 'hier wohnt ein jeder frei.' Aus dem Häuschen
kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach 'willkommen, Frau Königin,'
und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken
und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein
schönes gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau 'woher weißt du daß
ich eine Königin war?' Die weiße Jungfrau antwortete 'ich bin ein Engel,
von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.' Da blieb sie in dem
Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen
ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war
daß er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fieng die alte Mutter
an zu weinen und sprach 'du böser Mann, was hast du mir geschrieben daß
ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!' und zeigte ihm
die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter 'ich
habe gethan wie du befohlen hast,' und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge
und Augen. Da fieng der König an noch viel bitterlicher zu weinen über
seine arme Frau und sein Söhnlein, daß es die alte Mutter erbarmte, und
sie zu ihm sprach 'gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine
Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen
genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rücken gebunden,
und sie geheißen in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen
müssen nie wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst.'
Da sprach der König, 'ich will gehen so weit der Himmel blau ist, und
nicht essen und nicht trinken bis ich meine liebe Frau und mein Kind
wieder gefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder Hungers
gestorben sind.'

Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in
allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte
sie wäre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser
ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen großen Wald
und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schildchen war mit den
Worten 'hier wohnt jeder frei.' Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm
ihn bei der Hand, führte ihn hinein, und sprach 'seid willkommen, Herr
König,' und fragte ihn wo er her käme. Er antwortete 'ich bin bald
sieben Jahre umher gezogen, und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich
kann sie aber nicht finden.' Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er
nahm es aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich
schlafen, und deckte ein Tuch über sein Gesicht.

Darauf gieng der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohne
saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr 'geh
heraus mit sammt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.' Da gieng
sie hin wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie
'Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und decke ihm sein
Gesicht wieder zu.' Das Kind hob es auf und deckte es wieder über sein
Gesicht. Das hörte der König im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal
gerne fallen. Da ward das Knäbchen ungeduldig und sagte 'liebe Mutter,
wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater
auf der Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im
Himmel; da hast du gesagt mein Vater wär im Himmel und wäre der liebe
Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? der ist mein Vater
nicht.' Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte wer
sie wäre. Da sagte sie 'ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn
Schmerzenreich.' Und er sah ihre lebendigen Hände und sprach 'meine Frau
hatte silberne Hände.' Sie antwortete 'die natürlichen Hände hat mir der
gnädige Gott wieder wachsen lassen;' und der Engel gieng in die Kammer,
holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewis daß
es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küßte sie und war
froh, und sagte 'ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen.' Da
speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann giengen sie
nach Haus zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der
König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten
vergnügt bis an ihr seliges Ende.


[The end of _Das Mädchen ohne Hände_ by The Brothers Grimm]
