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Title: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: October 4, 2013
Date last updated: October 4, 2013
Faded Page eBook #20131003

This ebook was produced by: Delphine Lettau, David T. Jones
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29.

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.


Es war einmal eine arme Frau, die gebar ein Söhnlein, und weil es eine
Glückshaut um hatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt es
werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben. Es trug
sich zu, daß der König bald darauf ins Dorf kam, und niemand wußte daß
es der König war, und als er die Leute fragte was es Neues gäbe, so
antworteten sie 'es ist in diesen Tagen ein Kind mit einer Glückshaut
geboren: was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus. Es ist
ihm auch voraus gesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle er die Tochter
des Königs zur Frau haben.' Der König, der ein böses Herz hatte und über
die Weissagung sich ärgerte, gieng zu den Eltern, that ganz freundlich
und sagte 'ihr armen Leute, überlaßt mir euer Kind, ich will es
versorgen.' Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres
Gold dafür bot, und sie dachten 'es ist ein Glückskind, es muß doch zu
seinem Besten ausschlagen,' so willigten sie endlich ein und gaben ihm
das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter bis er zu
einem tiefen Wasser kam: da warf er die Schachtel hinein und dachte 'von
dem unerwarteten Freier habe ich meine Tochter geholfen.' Die Schachtel
aber gieng nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen, und es drang
auch kein Tröpfchen Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei Meilen von
des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr sie hängen
blieb. Ein Mahlbursche, der glücklicherweise da stand und sie bemerkte,
zog sie mit einem Haken heran und meinte große Schätze zu finden, als
er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der ganz frisch und
munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine
Kinder hatten, freuten sie sich und Sprachen 'Gott hat es uns beschert.'
Sie pflegten den Fündling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran.

Es trug sich zu, daß der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle
trat und die Müllersleute fragte ob der große Junge ihr Sohn wäre.
'Nein,' antworteten sie, 'es ist ein Fündling, er ist vor vierzehn
Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat
ihn aus dem Wasser gezogen.' Da merkte der König daß es niemand anders,
als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach
'ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Königin
bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?' 'Wie der Herr
König gebietet,' antworteten die Leute, und hießen den Jungen sich
bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die Königin, worin
stand 'sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er
getödtet und begraben werden, und das alles soll geschehen sein ehe ich
zurückkomme.'

Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich
aber und kam Abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein
kleines Licht, gieng darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er
hinein trat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrack
als sie den Knaben erblickte und sprach 'wo kommst du her und wo willst
du hin?' 'Ich komme von der Mühle,' antwortete er, 'und will zur Frau
Königin, der ich einen Brief bringen soll: weil ich mich aber in dem
Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten.' 'Du armer
Junge,' sprach die Frau, 'du bist in ein Räuberhaus gerathen, und wenn
sie heim kommen, so bringen sie dich um.' 'Mag kommen wer will,' sagte
der Junge, 'ich fürchte mich nicht: ich bin aber so müde, daß ich nicht
weiter kann,' streckte sich auf eine Bank, und schlief ein. Bald hernach
kamen die Räuber und fragten zornig was da für ein fremder Knabe läge.
'Ach,' sagte die Alte, 'es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im
Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen: er soll
einen Brief an die Frau Königin bringen.' Die Räuber erbrachen den Brief
und lasen ihn, und es stand darin daß der Knabe sogleich, wie er ankäme,
sollte ums Leben gebracht werden. Da empfanden die hartherzigen Räuber
Mitleid, und der Anführer zerriß den Brief und schrieb einen andern,
und es stand darin so wie der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der
Königstochter vermählt werden. Sie ließen ihn dann ruhig bis zum andern
Morgen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm
den Brief und zeigten ihm den rechten Weg. Die Königin aber, als sie
den Brief empfangen und gelesen hatte, that wie darin stand, hieß ein
prächtiges Hochzeitsfest anstellen, und die Königstochter ward mit dem
Glückskind vermählt; und da der Jüngling schön und freundlich war, so
lebte sie vergnügt und zufrieden mit ihm.

Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloß und sah daß die
Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt war.
'Wie ist das zugegangen?' sprach er, 'ich habe in meinem Brief einen
ganz andern Befehl ertheilt.' Da reichte ihm die Königin den Brief und
sagte er möchte selbst sehen was darin stände. Der König las den Brief
und merkte wohl daß er mit einem andern war vertauscht worden. Er fragte
den Jüngling wie es mit dem anvertrauten Briefe zugegangen wäre, warum
er einen andern dafür gebracht hätte. 'Ich weiß von nichts,' antwortete
er, 'er muß mir in der Nacht vertauscht sein, als ich im Walde
geschlafen habe.' Voll Zorn sprach der König 'so leicht soll es dir
nicht werden, wer meine Tochter haben will, der muß mir aus der Hölle
drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen; bringst du mir was
ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.' Damit hoffte der
König ihn auf immer los zu werden. Das Glückskind aber antwortete 'die
goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel
nicht.' Darauf nahm er Abschied und begann seine Wanderschaft.

Der Weg führte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Wächter an dem
Thore ausfragte was für ein Gewerbe er verstände und was er wüßte. 'Ich
weiß alles' antwortete das Glückskind. 'So kannst du uns einen Gefallen
thun,' sagte der Wächter, 'wenn du uns sagst warum unser Marktbrunnen,
aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, und nicht einmal mehr
Wasser gibt.' 'Das sollt ihr erfahren,' antwortete er, 'wartet nur bis
ich wiederkomme.' Da gieng er weiter und kam vor eine andere Stadt, da
fragte der Thorwächter wiederum was für ein Gewerb er verstünde und
was er wüßte. 'Ich weiß alles' antwortete er. 'So kannst du uns einen
Gefallen thun, und uns sagen warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst
goldene Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervor treibt.' 'Das
sollt ihr erfahren,' antwortete er, 'wartet nur bis ich wiederkomme.'
Da gieng er weiter, und kam an ein großes Wasser, über das er hinüber
mußte. Der Fährmann fragte ihn was er für ein Gewerb verstände und
was er wüßte. 'Ich weiß alles' antwortete er. 'So kannst du mir einen
Gefallen thun,' sprach der Fährmann, 'und mir sagen warum ich immer
hin und her fahren muß und niemals abgelöst werde?' 'Das sollst du
erfahren,' antwortete er, 'warte nur bis ich wiederkomme.'

Als er über das Wasser hinüber war, so fand er den Eingang zur Hölle.
Es war schwarz und rußig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber
seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. 'Was willst du?'
sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. 'Ich wollte gerne
drei goldene Haare von des Teufels Kopf,' antwortete er, 'sonst kann
ich meine Frau nicht behalten.' 'Das ist viel verlangt,' sagte sie,
'wenn der Teufel heim kommt und findet dich, so geht dirs an den Kragen;
aber du dauerst mich, ich will sehen ob ich dir helfen kann.' Sie
verwandelte ihn in eine Ameise und sprach 'kriech in meine Rockfalten,
da bist du sicher.' 'Ja' antwortete er, 'das ist schon gut, aber drei
Dinge möcht ich gerne noch wissen, warum ein Brunnen, aus dem sonst Wein
quoll, trocken geworden ist, jetzt nicht einmal mehr Wasser gibt: warum
ein Baum, der sonst goldene Äpfel trug, nicht einmal mehr Laub treibt,
und warum ein Fährmann immer herüber und hinüber fahren muß und nicht
abgelöst wird.' 'Das sind schwere Fragen,' antwortete sie, 'aber halte
dich nur still und ruhig, und hab acht was der Teufel spricht, wann ich
ihm die drei goldenen Haare ausziehe.'

Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er
eingetreten, so merkte er daß die Luft nicht rein war. 'Ich rieche
rieche Menschenfleisch,' sagte er, 'es ist hier nicht richtig.' Dann
guckte er in alle Ecken, und suchte, konnte aber nichts finden. Die
Ellermutter schalt ihn aus, 'eben ist erst gekehrt' sprach sie, 'und
alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du mirs wieder untereinander;
immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setze dich nieder und iß
dein Abendbrot.' Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte
der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte sie sollte ihn ein
wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und
schnarchte. Da faßte die Alte ein goldenes Haar, riß es aus und legte es
neben sich. 'Autsch!' schrie der Teufel, 'was hast du vor?' 'Ich habe
einen schweren Traum gehabt,' antwortete die Ellermutter, 'da hab ich
dir in die Haare gefaßt.' 'Was hat dir denn geträumt?' fragte der
Teufel. 'Mir hat geträumt ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll,
sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen,
was ist wohl Schuld daran?' 'He, wenn sies wüßten!' antwortete der
Teufel, 'es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brunnen, wenn sie die
tödten, so wird der Wein schon wieder fließen.' Die Ellermutter lauste
ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte daß die Fenster zitterten.
Da riß sie ihm das zweite Haar aus. 'Hu! was machst du?' schrie der
Teufel zornig. 'Nimms nicht übel,' antwortete sie, 'ich habe es im Traum
gethan.' 'Was hat dir wieder geträumt?' fragte er. 'Mir hat geträumt
in einem Königreiche ständ ein Obstbaum, der hätte sonst goldene Äpfel
getragen und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben. Was war wohl die
Ursache davon?' 'He, wenn sies wüßten!' antwortete der Teufel, 'an der
Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die tödten, so wird er schon wieder
goldene Äpfel tragen, nagt sie aber noch länger, so verdorrt der Baum
gänzlich. Aber laß mich mit deinen Träumen in Ruhe, wenn du mich noch
einmal im Schlafe störst, so kriegst du eine Ohrfeige.' Die Ellermutter
sprach ihn zu gut, und lauste ihn wieder bis er eingeschlafen war und
schnarchte. Da faßte sie das dritte goldene Haar und riß es ihm aus. Der
Teufel fuhr in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirthschaften,
aber sie besänftigte ihn nochmals und sprach, 'wer kann für böse
Träume!' 'Was hat dir denn geträumt?' fragte er, und war doch neugierig.
'Mir hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte daß er immer hin
und her fahren müßte, und nicht abgelöst würde. Was ist wohl Schuld?'
'He, der Dummbart!' antwortete der Teufel, 'wenn einer kommt und will
überfahren, so muß er ihm die Stange in die Hand geben, dann muß der
andere überfahren und er ist frei.' Da die Ellermutter ihm die drei
goldenen Haare ausgerissen hatte und die drei Fragen beantwortet waren,
so ließ sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief bis der Tag
anbrach.

Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus
der Rockfalte, und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück.
'Da hast du die drei goldenen Haare,' sprach sie, 'was der Teufel
zu deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben.' 'Ja,'
antwortete er, 'ich habe es gehört und wills wohl behalten.' 'So ist dir
geholfen,' sagte sie, 'und nun kannst du deiner Wege ziehen.' Er bedankte
sich bei der Alten für die Hilfe in der Noth, verließ die Hölle, und war
vergnügt daß ihm alles so wohl geglückt war. Als er zu dem Fährmann kam,
sollte er ihm die versprochene Antwort geben. 'Fahr mich erst hinüber,'
sprach das Glückskind, 'so will ich dir sagen wie du erlöst wirst,' und
als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels
Rath, 'wenn wieder einer kommt, und will übergefahren sein, so gib
ihm nur die Stange in die Hand.' Er gieng weiter und kam zu der Stadt,
worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort
haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte, 'tödtet
die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldene Äpfel
tragen.' Da dankte ihm der Wächter und gab ihm zur Belohnung zwei mit
Gold beladene Esel, die mußten ihm nachfolgen. Zuletzt kam er zu der
Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da sprach er zu dem Wächter, wie der
Teufel gesprochen hatte, 'es sitzt eine Kröte im Brunnen unter einem
Stein, die müßt ihr aufsuchen und tödten, so wird er wieder reichlich
Wein geben.' Der Wächter dankte, und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold
beladene Esel.

Endlich langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich
herzlich freute als sie ihn wiedersah und hörte wie wohl ihm alles
gelungen war. Dem König brachte er was er verlangt hatte, die drei
goldenen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde
sah, ward er ganz vergnügt und sprach 'nun sind alle Bedingungen erfüllt
und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber Schwiegersohn, sage
mir doch woher ist das viele Gold? das sind ja gewaltige Schätze!'
'Ich bin über einen Fluß gefahren,' antwortete er, 'und da habe ich es
mitgenommen, es liegt dort statt des Sandes am Ufer.' 'Kann ich mir auch
davon holen?' sprach der König und war ganz begierig. 'So viel ihr nur
wollt,' antwortete er, 'es ist ein Fährmann auf dem Fluß, von dem laßt
euch überfahren, so könnt ihr drüben eure Säcke füllen.' Der habsüchtige
König machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluß kam,
so winkte er dem Fährmann, der sollte ihn übersetzen. Der Fährmann kam
und hieß ihn einsteigen, und als sie an das jenseitige Ufer kamen, gab
er ihm die Ruderstange in die Hand, und sprang davon. Der König aber
mußte von nun an fahren zur Strafe für seine Sünden.

'Fährt er wohl noch?' 'Was denn? es wird ihm niemand die Stange
abgenommen haben.'




TRANSCRIBER'S NOTE / ZUR BEACHTUNG


The word "geschommen" was changed to read "geschwommen" (in einer
Schachtel ans Wehr geschwommen)

Das Wort "geschommen" wurde um ein w ergänzt (in einer Schachtel ans
Wehr geschwommen)


[The end of _Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
_ by The Brothers Grimm]
