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Title: Frau Holle: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: June 23, 2013
Date last updated: June 23, 2013
Faded Page ebook #20130644

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24.

Frau Holle.


Eine Wittwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig,
die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil
sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle
Arbeit thun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte
sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und mußte so
viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich
zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in
den Brunnen und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand
und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das
Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie
sprach 'hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder
herauf.' Da gieng das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was
es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen
hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es
erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese
wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese
gieng es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot
aber rief 'ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich:
ich bin schon längst ausgebacken.' Da trat es herzu, und holte mit dem
Brotschieber alles nach einander heraus. Danach gieng es weiter und kam
zu einem Baum, der hieng voll Äpfel, und rief ihm zu 'ach schüttel mich,
schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.' Da schüttelte
es den Baum, daß die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis
keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt
hatte, gieng es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus,
daraus guckte ein alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward
ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach
'was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib bei mir, wenn du alle Arbeit
im Hause ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn. Du mußt nur Acht
geben daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die
Federn fliegen, dann schneit es in der Welt*); ich bin die Frau Holle.'
Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz,
willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach
ihrer Zufriedenheit, und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf daß
die Federn wie Schneeflocken umher flogen; dafür hatte es auch ein gut
Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.
Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und
wußte anfangs selbst nicht was ihm fehlte, endlich merkte es daß es
Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser gieng als zu
Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr 'ich
habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier
unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf
zu den Meinigen.' Die Frau Holle sagte 'es gefällt mir, daß du wieder
nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich
dich selbst wieder hinauf bringen.' Sie nahm es darauf bei der Hand und
führte es vor ein großes Thor. Das Thor ward aufgethan, und wie das
Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles
Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war.
'Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist' sprach die Frau
Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen
war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben
auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus: und als es in den Hof
kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief

  'kikeriki,
  unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.'

Da gieng es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt
ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter
hörte wie es zu dem großen Reichthum gekommen war, wollte sie der andern
häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte
sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig
ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die
Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber
hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und gieng auf
demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das
Brot wieder 'ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich,
ich bin schon längst ausgebacken.' Die Faule aber antwortete 'da hätt
ich Lust mich schmutzig zu machen,' und gieng fort. Bald kam sie zu dem
Apfelbaum, der rief 'ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind
alle mit einander reif.' Sie antwortete aber 'du kommst mir recht, es
könnte mir einer auf den Kopf fallen,' und gieng damit weiter. Als sie
vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von
ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu
ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der
Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele
Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fieng sie schon
an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht
aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sichs
gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward
die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das
wohl zufrieden und meinte nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle
führte sie auch zu dem Thor, als sie aber darunter stand, ward statt des
Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. 'Das ist zur Belohnung
deiner Dienste' sagte die Frau Holle und schloß das Thor zu. Da kam die
Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem
Brunnen, als er sie sah, rief

  'kikeriki,
  unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.'

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte,
nicht abgehen.

    *) Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit, die Frau Holle
    macht ihr Bett.


[The end of _Frau Holle_ by The Brothers Grimm]
