﻿* A Distributed Proofreaders Canada eBook *

This ebook is made available at no cost and with very few
restrictions. These restrictions apply only if (1) you make
a change in the ebook (other than alteration for different
display devices), or (2) you are making commercial use of
the ebook. If either of these conditions applies, please
contact a FP administrator before proceeding.

This work is in the Canadian public domain, but may be under
copyright in some countries. If you live outside Canada, check your
country's copyright laws. IF THE BOOK IS UNDER COPYRIGHT
IN YOUR COUNTRY, DO NOT DOWNLOAD OR REDISTRIBUTE THIS FILE.


Title: Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea
Date of first publication: 1922
Author: Erich Scheurmann (1878-1957)
Date first posted: May 4, 2013
Date last updated: May 4, 2013
Faded Page ebook #20130505

This ebook was produced by: Jana Srna, Ross Cooling & the online
Distributed Proofreaders Canada team at http://www.pgdpcanada.net




[Illustration]


  Der Papalagi

  Die Reden des Südseehäuptlings
  Tuiavii aus Tiavea

[Illustration: cross]

  Herausgegeben von
  Erich Scheurmann



  1922
  Felsen-Verlag
  Buchenbach, Baden




  Vierte Auflage
  (16.-24. Tausend)
  Alle Rechte vorbehalten



  Druck in Koch-Schrift
  von Oscar Brandstetter in Leipzig.




  Inhalt


  Einführung

  Vom Fleischbedecken des Papalagi, seinen vielen Lendentüchern und
  Matten

  Von den steinernen Truhen, den Steinspalten, den steinernen Inseln
  und was dazwischen ist

  Vom runden Metall und schweren Papier

  Die vielen Dinge machen den Papalagi arm

  Der Papalagi hat keine Zeit

  Der Papalagi hat Gott arm gemacht

  Der große Geist ist stärker als die Maschine

  Vom Beruf des Papalagi und wie er sich darin verirrt

  Von dem Orte des falschen Lebens und von den vielen Papieren

  Die schwere Krankheit des Denkens

  Der Papalagi will uns in seine Dunkelheit hineinziehen




  Einführung


»Der Papalagi«[1] -- das heißt der Weiße, der Herr -- benennt der
Herausgeber die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea, die
dieser zwar noch nicht gehalten, doch aber gleichsam als einen Entwurf
in der Eingeborenensprache niedergeschrieben hat, aus welcher sie ins
Deutsche übersetzt wurden.

Es war nie die Absicht Tuiaviis, diese Reden für Europa herauszugeben
oder überhaupt drucken zu lassen; sie waren ausschließlich für seine
polynesischen Landsleute gedacht. Wenn ich dennoch ohne sein Wissen, und
sicherlich gegen seinen Willen, die Reden dieses Eingeborenen der
Lesewelt Europas übermittle, so geschieht es in der Überzeugung, daß es
auch für uns Weiße und Aufgeklärte von Wert sein dürfte, zu erfahren,
wie die Augen eines noch eng an die Natur Gebundenen uns und unsere
Kultur betrachten. Mit seinen Augen erfahren wir uns selbst; von einem
Standpunkt aus, den wir selber nie mehr einnehmen können. Obwohl, zumal
von Zivilisationsfanatikern, die Art seines Schauens als kindlich, ja
kindisch, vielleicht als albern empfunden werden mag, muß den
Vernunftvolleren und Demütigeren doch manches Wort Tuiaviis
nachdenklich stimmen und zur Selbstschau zwingen; denn seine Weisheit
kommt aus der Einfalt, die von Gott ist und keiner Gelehrsamkeit
entspringt.

Diese Reden stellen in sich nichts mehr und nichts weniger dar, als
einen Anruf an alle primitiven Völker der Südsee, sich von den erhellten
Völkern des europäischen Kontinents loszureißen. Tuiavii, der Verächter
Europas, lebte in der tiefsten Überzeugung, daß seine eingebornen
Vorfahren den größten Fehler gemacht haben, als sie sich mit dem Lichte
Europas beglücken ließen. Gleich jener Jungfrau von Fagasa, die vom
hohen Riffe aus den ersten weißen Missionaren mit ihrem Fächer abwehrte:
»Hebt euch hinweg, ihr übeltuenden Dämonen!« -- Auch er sah in Europa
den dunklen Dämon, das zerstörende Prinzip, vor dem man sich zu hüten
habe, wolle man seine Unschuld wahren.

Als ich Tuiavii zuerst kennen lernte, lebte er friedlich und abgesondert
von Europens Welt auf der weltfernen kleinen Insel Upolu, die zur
Samoagruppe gehört, im Dorfe Tiavea, dessen Herr und oberster Häuptling
er war. Sein erster Eindruck war der eines massigen, freundlichen
Riesen. Er war wohl an die zwei Meter hoch und von ungewöhnlich starkem
Gliederbau. Ganz im Widerspruch dazu klang seine Stimme weich und milde
wie die eines Weibes. Sein großes, dunkles, von dichten Brauen
überschattetes, tiefliegendes Auge hatte etwas Gebanntes, Starres. Bei
plötzlicher Anrede jedoch glutete es warm auf und verriet ein
wohlwollendes lichtes Gemüt.

Nichts unterschied Tuiavii im übrigen von seinen eingeborenen Brüdern.
Er trank seine Kava[2], ging am Abend und Morgen zum Loto[3], aß
Bananen, Taro und Jams und pflegte alle heimischen Gebräuche und Sitten.
Nur seine Vertrautesten wußten, was unablässig in seinem Geiste gärte
und nach Klärung suchte, wenn er, gleichsam träumend, mit
halbgeschlossenen Augen auf seiner großen Hausmatte lag.

Während der Eingeborene im allgemeinen gleich dem Kinde nur und alleine
in seinem sinnlichen Reiche lebt, ganz und nur im Gegenwärtigen, ohne
jede Beschau seiner selbst oder seiner weiteren und näheren Umgebung,
war Tuiavii Ausnahmenatur. Er ragte weit über seinesgleichen hinaus,
weil er Bewußtheit besaß, jene Innenkraft, die uns in erster Linie von
allen primitiven Völkern scheidet.

Aus dieser Außerordentlichkeit mochte auch der Wunsch Tuiaviis
entsprungen sein, das ferne Europa zu erfahren; ein sehnliches
Verlangen, das er schon pflegte, als er noch Zögling der Missionsschule
der Maristen war, das sich aber erst in seinen Mannesjahren erfüllte.
Sich einer Völkerschaugruppe, die damals den Kontinent bereiste,
anschließend, besuchte der Erfahrungshungrige nacheinander alle Staaten
Europas und erwarb sich eine genaue Kenntnis der Art und Kultur dieser
Länder. Ich hatte mehr als einmal Gelegenheit zu staunen, wie genau
diese Kenntnisse gerade in bezug auf unscheinbare Kleinigkeiten waren.
Tuiavii besaß im höchsten Maße die Gabe nüchternen, vorurteilslosen
Beschauens. Nichts konnte ihn blenden, nie Worte ihn von einer Wahrheit
ablenken. Er sah gleichsam das Ding an sich; wiewohl er bei allen
Studien nie die eigene Plattform verlassen konnte.

Obgleich ich wohl über ein Jahr lang in seiner unmittelbaren Nähe lebte
-- ich war Mitglied seiner Dorfgemeinde -- eröffnete sich mir Tuiavii
erst als wir Freunde wurden, nachdem er den Europäer in mir restlos
überwunden, ja vergessen hatte. Als er sich überzeugt hatte, daß ich
reif für seine einfache Weisheit war und sie keinesfalls belächeln würde
(was ich auch nie getan habe). Erst dann ließ er mich Bruchstücke aus
seinen Aufzeichnungen hören. Er las sie mir ohne jede Wucht und ohne
rednerische Bemühung, gleichsam als ob alles, was er zu sagen habe,
historisch sei. Aber gerade durch diese Art seines Vortrages wirkte das
Gesagte um so reiner und deutlicher auf mich und ließ den Wunsch in mir
aufkommen, das Gehörte zu halten.

Erst viel später legte Tuiavii seine Aufzeichnungen in meine Hand und
gewährte mir eine Übersetzung ins Deutsche, die, wie er vermeinte,
ausschließlich zu Zwecken eines persönlichen Kommentars und nie als
Selbstzweck geschehen sollte. Alle diese Reden sind Entwurf, sind
unabgeschlossen. Tuiavii hat sie nie anders betrachtet. Erst wenn er die
Materie vollständig in seinem Geiste geordnet und zur letzten Klarheit
durchgedrungen, wollte er seine »Missionsarbeit« in Polynesien, wie er
sie nannte, beginnen. Ich mußte Ozeanien verlassen, ohne diese Reise
erwarten zu können.

So sehr es mein Ehrgeiz war, mich bei der Übersetzung möglichst
wortgetreu an das Original zu halten, und wiewohl ich mir auch in der
Anordnung des Stoffes keinerlei Eingriffe erlaubte, bin ich mir trotzdem
bewußt, wie sehr die intuitive Art des Vortrages, der Hauch der
Unmittelbarkeit, verloren gegangen ist. Das wird der gern entschuldigen,
welcher die Schwierigkeiten kennt, eine primitive Sprache zu
verdeutschen, ihre kindlich klingenden Äußerungen so zu geben, ohne daß
sie banal und abgeschmackt wirken.

Alle Kulturerrungenschaften des Europäers betrachtet Tuiavii als einen
Irrtum, als eine Sackgasse, er, der kulturlose Insulaner. Das könnte
anmaßend erscheinen, wenn nicht alles mit wunderbarer Einfalt, die ein
demütiges Herz verrät, vorgetragen würde. Er warnt zwar seine
Landsleute, ja ruft sie auf, sich vom Banne des Weißen frei zu machen.
Aber er tut es mit der Stimme der Wehmut und bezeugt dadurch, daß sein
Missionseifer der Menschenliebe, nicht der Gehässigkeit entspringt. »Ihr
glaubtet uns das Licht zu bringen,« sagte er bei unserm letzten
Zusammensein, »in Wirklichkeit möchtet ihr uns mit in eure Dunkelheit
hineinziehen.« Er betrachtet die Dinge und Vorgänge des Lebens mit der
Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe eines Kindes, gerät dabei auf
Widersprüche, entdeckt dabei tiefe sittliche Mängel und, indem er sie
aufzählt und sich zurückruft, werden sie ihm selber zu endlicher
Erfahrung. Er kann nicht erkennen, worin der hohe Wert europäischer
Kultur liegt, wenn sie den Menschen von sich abzieht, ihn unecht,
unnatürlicher und schlechter macht. Indem er unsere Errungenschaften,
gleichsam bei der Haut, unserem Äußeren, beginnend, aufzählt, sie
völlig uneuropäisch und pietätlos beim nächsten Namen nennt, enthüllt er
uns ein wenn auch begrenztes Schauspiel unserer selbst, bei dem man
nicht weiß, soll man den Verfasser oder dessen Gegenstand belächeln.

In dieser kindlichen Offenheit und Pietätlosigkeit liegt meines
Erachtens der Wert von Tuiaviis Reden für uns Europäer und das Recht
einer Veröffentlichung. Der Weltkrieg hat uns Europäer skeptisch gegen
uns selbst gemacht, auch wir beginnen die Dinge auf ihren wahren Gehalt
hin zu prüfen, beginnen zu bezweifeln, daß wir durch unsere Kultur das
Ideal unserer selbst erfüllen können. Daher wollen wir uns auch nicht
für zu gebildet halten, im Geiste einmal herabzusteigen zu der einfachen
Denk- und Anschauungsweise dieses Südseeinsulaners, der noch von keiner
Bildung belastet und noch urtümlicher in seinem Fühlen und Schauen ist,
und der uns erkennbar machen hilft, wo wir uns selber entgötterten, um
uns tote Götzen dafür zu schaffen.

  H o r n in Baden.

  Erich Scheurmann


[Fussnote 1: Sprich: Papalangi.]

[Fussnote 2: Das samoanische Volksgetränk, bereitet aus den Wurzeln des
Kavastrauches.]

[Fussnote 3: Gottesdienst.]




  Vom Fleischbedecken des Papalagi, seinen vielen Lendentüchern und Matten


Der Papalagi ist dauernd bemüht, sein Fleisch gut zu bedecken. »Der Leib
und seine Glieder sind Fleisch, nur was oberhalb des Halses ist, das ist
der wirkliche Mensch« also sagte mir ein Weißer, der großes Ansehen
genoß und als sehr klug galt. Er meinte, nur das sei des Betrachtens
wert, wo der Geist und alle guten und schlechten Gedanken ihren
Aufenthalt haben. Der Kopf. Ihn, zur Not auch noch die Hände, läßt der
Weiße gerne unbedeckt. Obwohl auch Kopf und Hand nichts sind als Fleisch
und Knochen. Wer im übrigen sein Fleisch sehen läßt, erhebt keinen
Anspruch auf rechte Gesittung.

Wenn ein Jüngling ein Mädchen zu seiner Frau macht, weiß er nie, ob er
mit ihm betrogen ist, denn er hat nie zuvor seinen Leib gesehen.[4] Ein
Mädchen, es mag noch so schön gewachsen sein, wie die schönste Taopou[5]
von Samoa, bedeckt seinen Leib, damit niemand ihn sehen kann oder Freude
an seinem Anblick nimmt.

Das Fleisch ist Sünde. Also sagt der Papalagi. Denn sein Geist ist groß
nach seinem Denken. Der Arm, der sich zum Wurf im Sonnenlichte hebt, ist
ein Pfeil der Sünde. Die Brust, auf der die Welle des Luftnehmens wogt,
ist ein Gehäuse der Sünde. Die Glieder, aus denen die Jungfrau uns eine
Siva[6] schenkt, sind sündig. Und auch die Glieder, welche sich
berühren, um Menschen zu machen zur Freude der großen Erde -- sind
Sünde. Alles ist Sünde, was Fleisch ist. Es lebt ein Gift in jeder
Sehne, ein heimtückisches, das von Mensch zu Mensch springt. Wer das
Fleisch nur anschaut, saugt Gift ein, ist verwundet, ist ebenso schlecht
und verworfen als derjenige, welcher es zur Schau gibt. -- Also
verkündigen die heiligen Sittengesetze des weißen Mannes.

Darum auch ist der Körper des Papalagi von Kopf bis zu Füßen mit
Lendentüchern, Matten und Häuten umhüllt, so fest und so dicht, daß kein
Menschenauge, kein Sonnenstrahl hindurchdringt; so fest, daß sein Leib
bleich, weiß und müde wird, wie die Blumen, die im tiefen Urwald
wachsen.

Laßt euch berichten, verständigere Brüder der vielen Inseln, welche Last
ein einzelner Papalagi auf seinem Leibe trägt: Zuunterst umhüllt den
nackten Körper eine dünne weiße Haut, aus den Fasern einer Pflanze
gewonnen, genannt die Oberhaut. Man wirft sie hoch und läßt sie von oben
nach unten über Kopf, Brust und Arme bis zu den Schenkeln fallen. Über
die Beine und Schenkel bis zum Nabel, von unten nach oben gezogen, kommt
die sogenannte Unterhaut. Beide Häute werden durch eine dritte, dickere
Haut bedeckt, eine Haut aus den Haaren eines vierfüßigen wolligen Tieres
geflochten, das besonders zu diesem Zwecke gezüchtet wird. Dies ist das
eigentliche Lendentuch. Es besteht zumeist aus drei Teilen, deren einer
den Oberkörper, deren anderer den Mittelleib und deren dritter die
Schenkel und Beine bedeckt. Alle drei Teile werden untereinander durch
Muscheln[7] und Schnüre, aus dem gedörrten Safte des Gummibaums
verfertigt,[7] gehalten, so daß sie ganz wie ein Stück erscheinen.
Dieses Lendentuch ist zumeist grau wie die Lagune zur Regenzeit; es darf
nie ganz farbig sein. Höchstens das Mittelstück und dies auch nur bei
den Männern, die gerne von sich reden machen und den Weibern viel
nachlaufen.

Die Füße endlich bekommen noch eine weiche und eine ganz feste Haut. Die
weiche ist zumeist dehnbar und paßt sich dem Fuße schön an, um so
weniger die feste. Sie ist aus dem Felle eines starken Tieres, welches
solange in Wasser getaucht, mit Messern geschabt, geschlagen und an die
Sonne gehalten wird, bis es ganz hart ist. Hieraus baut der Papalagi
dann eine Art hochrandiges Canoe, gerade groß genug, um einen Fuß
aufzunehmen. Ein Canoe für den linken und eines für den rechten Fuß.
Diese Fußschiffe werden mit Stricken und Widerhaken fest am Fußgelenke
verschnürt und verknotet, so daß die Füße in einem festen Gehäuse liegen
wie der Leib einer Seeschnecke. Diese Fußhäute trägt der Papalagi von
Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, er geht darin auf Malaga[8] und
tanzt darin, er trägt sie und ob es auch heiß sei wie nach einem
Tropenregen.

Weil dies sehr unnatürlich ist, wie der Weiße wohl merkt, und weil es
die Füße macht, als seien sie tot und begännen bereits zu stinken, und
weil tatsächlich die meisten europäischen Füße nicht mehr greifen oder
an einer Palme emporklettern können -- deshalb sucht der Papalagi seine
Torheit zu verbergen, indem er die Haut dieses Tieres, die an sich rot
ist, mit viel Schmutz bedeckt, welchem er durch viel Reiben Glanz
verleiht, so daß die Augen die Blendung nicht mehr vertragen können und
sich abwenden müssen.

Es lebte einmal ein Papalagi in Europa, der berühmt wurde, zu dem viele
Menschen kamen, weil er ihnen sagte: »Es ist nicht gut, daß ihr so enge
und schwere Häute an den Füßen tragt, geht barfuß unter dem Himmel,
solange der Tau der Nacht den Rasen bedeckt, und alle Krankheit wird von
euch weichen.« Dieser Mann war sehr gesund und klug; aber man hat über
ihn gelächelt und ihn bald vergessen.

Auch die Frau trägt gleich dem Manne viele Matten und Lendentücher um
Leib und Schenkel gewunden. Ihre Haut ist davon bedeckt mit Narben und
Schnürwunden. Die Brüste sind matt geworden und geben keine Milch mehr
vom Druck einer Matte, die sie sich vom Hals bis zum Unterleib vor die
Brust bindet und auch auf den Rücken; einer Matte, die durch
Fischknochen, Draht und Fäden sehr hart gemacht ist. Die meisten Mütter
geben daher auch ihren Kindern die Milch in einer Glasrolle, die unten
geschlossen ist und oben eine künstliche Brustwarze trägt. Es ist auch
nicht ihre eigene Milch, die sie geben, sondern die von roten,
häßlichen, gehörnten Tieren, denen man sie gewaltsam aus ihren vier
Zapfen am Unterleib entzieht.

Im übrigen sind die Lendentücher der Frauen und Mädchen dünner als die
des Mannes und dürfen auch Farbe haben und weit leuchten. Auch scheinen
Hals und Arme oft durch und lassen mehr Fleisch sehen als beim Manne.
Trotzdem gilt es als gut, wenn ein Mädchen sich viel bedeckt, und die
Leute sagen mit Wohlgefallen: es ist keusch; das soll heißen: es achtet
die Gebote rechter Gesittung.

Darum habe ich auch nie begriffen, warum bei großen Fono[9] und
Essensgelagen die Frauen und Mädchen ihr Fleisch am Hals und Rücken frei
sehen lassen dürfen, ohne daß dies eine Schande ist. Aber vielleicht ist
dies gerade die Würze der Festlichkeit, daß dies einmal erlaubt ist, was
nicht alle Tage erlaubt ist.

Nur die Männer halten Hals und Rücken stets stark bedeckt. Vom Hals bis
hinab zur Brustwarze trägt der Alii[10] ein Stück hartgekalktes
Lendentuch von der Größe eines Taroblattes. Darauf ruht, um den Hals
geschlungen, ein ebenso weißer, hoher Reifen, ebenfalls hart gekalkt.
Durch diesen Reifen zieht er ein Stück farbiges Lendentuch, verschlingt
es wie ein Bootsseil, stößt einen goldenen Nagel hindurch oder eine
Glasperle und läßt das Ganze über das Schild hängen. Viele Papalagi
tragen auch Kalkreifen an den Handgelenken; nie aber an den Fußgelenken.

Dieses weiße Schild und die weißen Kalkringe sind sehr bedeutungsvoll.
Ein Papalagi wird nie da, wo ein Weib ist, ohne diesen Halsschmuck sein.
Noch schlimmer ist es, wenn der Kalkring schwarz geworden ist und kein
Licht mehr trägt. Viele hohe Alii wechseln darum täglich ihre
Brustschilde und Kalkringe.

Während die Frau sehr viel bunte Festmatten hat, ja viele
aufrechtstehende Truhen voll, und sie viele ihrer Gedanken daran gibt,
welches Lendentuch sie heute oder morgen wohl tragen möchte, ob es lang
oder kurz sein möge, und sie mit vieler Liebe immer davon spricht,
welchen Schmuck sie darauf hängen soll -- hat der Mann zumeist nur ein
einziges Festkleid und spricht fast nie davon. Dies ist die sogenannte
Vogelkleidung, ein tiefschwarzes Lendentuch, das auf dem Rücken spitz
zuläuft, wie der Schwanz des Buschpapageies.[11] Bei diesem Schmuckkleid
müssen auch die Hände weiße Häute tragen, Häute über jedem Finger, so
eng, daß das Blut brennt und zum Herzen läuft. Es gilt daher als
zulässig, das vernunftvolle Männer diese Häute nur in den Händen tragen
oder daß sie sie unterhalb der Brustwarzen in das Lendentuch einkneifen.

Sobald ein Mann oder Weib die Hütte verläßt und auf die Gasse tritt,
hüllen sie sich noch in ein weiteres weites Lendentuch, das, je nachdem
ob die Sonne scheint oder nicht, dick oder dünner ist. Dann bedecken sie
auch ihren Kopf, die Männer mit einem schwarzen, steifen Gefäß, wölbig
und hohl wie das Dach eines Samoahauses, die Frauen mit großen
Bastgeflechten oder umgestülpten Körben, an die sie Blumen, die nie
welken können, Schmuckfedern, Fetzen von Lendentüchern, Glasperlen und
allerlei anderen Zierat knüpfen. Sie gleichen der Tuiga[12] einer Taopou
beim Kriegstanz, nur daß diese weit schöner ist, auch bei Sturm oder
Tanz nicht vom Kopfe fallen kann. Die Männer schwingen diese Kopfhäuser
bei jeder Begegnung zum Gruße, während die Frauen ihre Kopflast nur
leise nach vorne neigen, wie ein Boot, das schlecht geladen ist.

Nur zur Nacht, wenn der Papalagi die Matte sucht, wirft er alle
Lendentücher von sich, hüllt sich aber sogleich in ein neues einziges,
das den Füßen zu offen ist und diese unbedeckt läßt. Die Mädchen und
Frauen tragen dieses Nachttuch zumeist am Halse reich verziert, obwohl
man es wenig zu sehen bekommt. Sobald der Papalagi auf seiner Matte
liegt, bedeckt er sich augenblicklich bis zum Kopfe mit den Bauchfedern
eines großen Vogels, die in einem großen Lendentuch zusammengehalten
werden, damit sie nicht auseinanderfallen oder fortfliegen können.

Diese Federn bringen den Leib in Schweiß und veranlassen, daß der
Papalagi denkt, er läge in der Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Denn
die wirkliche Sonne achtet er nicht so sehr.

Es ist nun klar, daß durch dies alles der Leib des Papalagi weiß und
bleich wird, ohne die Farbe der Freude. Aber so liebt es der Weiße. Ja,
die Frauen, zumal die Mädchen, sind ängstlich darauf bedacht, ihre Haut
zu schützen, daß sie nie im großen Lichte rot werde, und halten zur
Abwehr, sobald sie in die Sonne gehen, ein großes Dach über sich. Als ob
die bleiche Farbe des Mondes köstlicher sei als die Farbe der Sonne.
Aber der Papalagi liebt es, in allen Dingen sich eine Weisheit und ein
Gesetz nach seiner Weise zu machen. Weil seine eigene Nase spitz ist wie
der Zahn des Haies, ist sie auch schön, und die unsere, die ewig rund
bleibt und ohne Widerstand, erklärt er für häßlich, für unschön, während
wir doch genau das Gegenteil sagen.

Weil nun die Leiber der Frauen und Mädchen so stark bedeckt sind, tragen
die Männer und Jünglinge ein großes Verlangen, ihr Fleisch zu sehen; wie
dies auch natürlich ist. Sie denken bei Tag und bei Nacht daran und
sprechen viel von den Körperformen der Frauen und Mädchen und immer so,
als ob das, was natürlich und schön ist, eine große Sünde sei und nur im
dunkelsten Schatten geschehen dürfe. Wenn sie das Fleisch offen sehen
lassen würden, möchten sie ihre Gedanken mehr an andere Dinge geben, und
ihre Augen würden nicht schielen, und ihr Mund würde nicht lüsterne
Worte sagen, wenn sie einem Mädchen begegnen.

Aber das Fleisch ist ja Sünde, ist vom Aitu.[13] Gibt es ein törichteres
Denken, liebe Brüder? -- Wenn man den Worten des Weißen glauben könnte,
möchte man wohl mit ihm wünschen, unser Fleisch sei lieber hart wie das
Gestein der Lava und ohne seine schöne Wärme, die von innen kommt. Noch
aber wollen wir uns freuen, daß unser Fleisch mit der Sonne sprechen
kann, daß wir unsere Beine schwingen können wie das wilde Pferd, weil
kein Lendentuch sie bindet und keine Fußhaut sie beschwert und wir nicht
acht geben müssen, daß unsere Bedeckung vom Kopfe fällt. Laßt uns uns
freuen an der Jungfrau, die schön von Leib ist und ihre Glieder zeigt in
Sonne und Mondenlicht. Töricht, blind, ohne Sinn für rechte Freude ist
der Weiße, der sich so stark verhüllen muß, um ohne Scham zu sein.


[Fussnote 4: Randbemerkung Tuiaviis: Auch später wird es ihn ihm selten
zeigen und wenn, dann zur Stunde der Nacht oder Dämmerung.]

[Fussnote 5: Eine Dorfjungfrau, Mädchenkönigin.]

[Fussnote 6: Eingeborenentanz.]

[Fussnote 7: Tuiavii meint Knöpfe und Gummibänder.]

[Fussnote 8: Auf Reisen.]

[Fussnote 9: Zusammenkünfte, Gesellschaften.]

[Fussnote 10: Herr.]

[Fussnote 11: Wohl der Frack gemeint.]

[Fussnote 12: Kopfschmuck.]

[Fussnote 13: Der schlechte Geist, der Teufel.]




  Von den steinernen Truhen, den Steinspalten, den steinernen Inseln
  und was dazwischen ist


Der Papalagi wohnt wie die Seemuschel in einem festen Gehäuse. Er lebt
zwischen Steinen, wie der Skolopender zwischen Lavaspalten. Steine sind
rings um ihn, neben ihm und über ihm. Seine Hütte gleicht einer
aufrechten Truhe aus Stein. Einer Truhe, die viele Fächer hat und
durchlöchert ist.

Man kann nur an einer Stelle des Steingehäuses ein- und ausschlüpfen.
Diese Stelle nennt der Papalagi den Eingang, wenn er in die Hütte
hineingeht, den Ausgang, wenn er hinausgeht; obwohl beides ganz und gar
ein und dasselbe ist. An dieser Stelle ist nun ein großer Holzflügel,
den man kräftig zurückstoßen muß, ehe man in die Hütte hinein kann. Man
ist jetzt aber erst am Anfang und muß noch mehrere Flügel zurückstoßen,
dann erst ist man wirklich in der Hütte.

Die meisten Hütten sind nun von mehr Menschen bewohnt, als in einem
einzigen Samoadorfe leben, man muß daher genau den Namen der Aiga[14]
wissen, zu der man auf Besuch will. Denn jede Aiga hat einen besonderen
Teil der Steintruhe für sich, entweder oben, oder unten oder in der
Mitte, links oder rechts oder geradevor. Und eine Aiga weiß oft von der
anderen nichts, garnichts, als ob nicht nur eine steinerne Wand, sondern
Manono, Apolima und Savaii[15] und viele Meere zwischen ihnen lägen. Sie
wissen oft ihre Namen kaum, und wenn sie einander an dem Einschlupfloch
begegnen, geben sie sich nur unwillig einen Gruß oder brummeln sich an
wie feindliche Insekten. Wie erbost darüber, daß sie nahe beieinander
leben müssen.

Wohnt die Aiga nun oben, ganz unter dem Dache der Hütte, so muß man
viele Äste hinaufsteigen, im Zickzack oder rund im Kreise, bis man zu
der Stelle kommt, wo der Namen der Aiga an die Wand geschrieben ist. Nun
sieht man vor sich die zierliche Nachbildung einer weiblichen
Brustwarze, auf die man drückt, bis ein Schrei ertönt, der die Aiga
herbeiruft. Sie sieht durch ein kleines, rundes, gegittertes Loch in der
Wand, ob es kein Feind ist. Dann öffnet sie nicht. Erkennt sie aber den
Freund, so bindet sie sogleich einen großen Holzflügel, der tüchtig
angekettet ist, ab und zieht ihn zu sich herein, daß der Gast durch den
Spalt eintreten kann in die wirkliche Hütte.

Diese ist nun wieder von vielen steilen Steinwänden durchbrochen, und
man schlüpft weiter durch Flügel und Flügel von Truhe zu Truhe, die
kleiner und kleiner werden. Jede Truhe -- die der Papalagi ein Zimmer
nennt -- hat ein Loch, wenn sie größer ist, zwei oder noch mehr, durch
die das Licht hereinkommt. Diese Löcher sind mit Glas zugetan, das man
fortnehmen kann, wenn frische Luft in die Truhen soll, was sehr nötig
ist. Es gibt aber viele Truhen ohne Licht- und Luftloch.

Ein Samoaner würde in solcher Truhe bald ersticken, denn nirgends geht
ein frischer Luftzug hindurch wie in jeder Samoahütte. Dann auch suchen
die Gerüche des Kochhauses nach einem Ausgang. Zumeist ist aber die
Luft, welche von draußen hereinkommt, nicht viel besser; und man kann
schwer begreifen, daß ein Mensch hier nicht sterben muß, daß er nicht
vor Sehnsucht zum Vogel wird, ihm keine Flügel wachsen, damit er sich
aufschwinge und dahin fliege, wo Luft und Sonne ist. Aber der Papalagi
liebt seine Steintruhen und merkt ihre Schädlichkeit nicht mehr.

Jede Truhe hat nun einen besonderen Zweck. Die größte und hellste gilt
für die Fono[16] der Familie oder zum Empfang der Besuche, eine andere
für den Schlaf. Hier liegen die Matten, das heißt, sie lagern frei auf
einem Holzgestell mit langen Beinen, damit die Luft unter den Matten
durchziehen kann. Eine dritte Truhe ist für das Esseneinnehmen und
Rauchwolkenmachen, eine vierte bewahrt die Essensvorräte, in der fünften
wird gekocht und in der letzten und kleinsten gebadet. Dieses ist der
allerschönste Raum. Er ist mit großen Spiegeln verkleidet, der Fußboden
mit einem Belag von bunten Steinen verziert und mitten darin steht eine
große Schale aus Metall oder Stein, in die besonntes und unbesonntes
Wasser rinnt. In diese Schale, die so groß ist, ja größer als ein
rechtes Häuptlingsgrab, steigt man hinein, um sich zu reinigen und den
vielen Sand der Steintruhen von sich abzuspülen. -- Es gibt natürlich
auch Hütten mit mehr Truhen. Es gibt sogar Hütten, in denen jedes Kind
seine eigene Truhe hat, jeder Diener des Papalagi, ja seine Hunde und
Pferde.

Zwischen diesen Truhen verbringt nun der Papalagi sein Leben. Er ist
bald in dieser, bald in jener Truhe, je nach Tageszeit und Stunde. Hier
wachsen seine Kinder auf, hier hoch über der Erde, oft höher wie eine
ausgewachsene Palme -- zwischen Steinen. Von Zeit zu Zeit verläßt der
Papalagi seine Privattruhen, wie er sie nennt, um in eine andere Truhe
zu steigen, die seinen Geschäften gilt, bei denen er ungestört sein
will und keine Frauen und Kinder gebrauchen kann. Während dieser Zeit
sind die Mädchen und Frauen im Kochhause und kochen oder machen Fußhäute
blendend oder waschen Lendentücher. Wenn sie reich sind und sich Diener
halten können, machen diese die Arbeit, und sie selber gehen auf Besuche
oder neue Essensvorräte zu holen.

Auf diese Weise leben in Europa so viele Menschen wie Palmen in Samoa
wachsen, ja noch viel mehr. Einige haben wohl viel Sehnsucht nach Wald
und Sonne und viel Licht; aber dies wird allgemein als eine Krankheit
angesehen, die man in sich niederkämpfen muß. Ist jemand mit diesem
Steinleben nicht zufrieden, so sagt man wohl: er ist ein unnatürlicher
Mensch; was so viel heißen soll: er weiß nicht, was Gott für den
Menschen bestimmt hat.

Diese Steintruhen stehen nun jeweils in großer Zahl dicht beieinander,
kein Baum, kein Strauch trennt sie, sie stehen wie Menschen Schulter an
Schulter, und in jeder wohnen soviele Papalagi wie in einem ganzen
Samoadorfe. Ein Steinwurf weit, auf der anderen Seite, ist eine gleiche
Reihe Steintruhen, auch wieder Schulter an Schulter und auch in diesen
wohnen Menschen. So ist zwischen beiden Reihen nur ein schmaler Spalt,
welchen der Papalagi die »Straße« nennt. Diese Spalte ist oft so lang
wie ein Fluß und mit harten Steinen bedeckt. Man muß lange laufen, bis
man eine freiere Stelle findet; doch hier münden wieder Häuserspalten.
Auch diese sind wieder lang wie große Süßwasserflüsse, und ihre
Seitenöffnungen sind wieder Steinspalten von gleicher Länge. So kann man
wohl tagelang zwischen diesen Spalten umherirren, bis man wieder einen
Wald oder ein großes Stück Himmelsblau findet. Zwischen den Spalten
sieht man nur selten eine rechte Himmelsfarbe, denn, weil in jeder Hütte
zumindest eine, oft sehr viele Feuerstätten sind, ist die Luft fast
stetig voll viel Rauch und Asche, wie bei einem Ausbruch des großen
Kraters in Savaii. Sie regnet in die Spalten herab, so daß die hohen
Steintruhen aussehen wie der Schlick der Mangrovesümpfe und die Menschen
schwarze Erde in ihre Augen und Haare bekommen und harten Sand zwischen
ihre Zähne.

Aber dies alles hindert die Menschen nicht, in diesen Spalten
herumzulaufen vom Morgen bis zum Abend. Ja, es gibt viele, die eine
besondere Lust daran haben. Besonders in einigen Spalten ist ein
Gewirre, und die Menschen fließen darin wie ein dicker Schlick. Dies
sind die Straßen, wo riesenhafte Glaskästen eingebaut sind, in denen
alle die Dinge ausgebreitet liegen, die ein Papalagi zum Leben braucht:
Lendentücher, Kopfschmuck, Hand- und Fußhäute, Essensvorräte, Fleisch
und wirkliche Nahrung wie Früchte und Gemüse und viele andere Dinge
mehr. Sie liegen hier offen, um die Menschen anzulocken. Niemand darf
aber etwas an sich nehmen, wenn er es auch noch so nötig hat, er muß
dazu erst eine besondere Erlaubnis und ein Opfer dafür gebracht haben.

In diesen Spalten droht von allen Seiten viele Gefahr, denn die Menschen
laufen nicht nur durcheinander, sie fahren und reiten auch kreuz und
quer oder lassen sich in großen gläsernen Truhen, die auf metallenen
Bändern gleiten, davontragen. Der Lärm ist groß. Deine Ohren sind
betäubt, denn die Pferde schlagen mit ihren Hufen auf die Steine des
Bodens, die Menschen schlagen mit ihren harten Fußhäuten darauf. Kinder
schreien, Männer schreien, vor Freude oder vor Entsetzen, alle schreien.
Du kannst dich auch nicht anders verständigen als durch Schreien. Es ist
ein allgemeines Sausen, Rasseln, Stampfen, Dröhnen, als ob du an der
Steilbrandung von Savaii ständest, an einem Tage, da höchster Sturm
tost. Und doch ist dieses Tosen noch lieblicher und nimmt dir nicht so
deine Sinne wie das Tosen zwischen den Steinspalten.

Dies alles zusammen nun: die steinernen Truhen mit den vielen Menschen,
die hohen Steinspalten, die hin- und herziehen wie tausend Flüsse, die
Menschen darin, das Lärmen und Tosen, der schwarze Sand und Rauch über
allem, ohne einen Baum, ohne Himmelsblau, ohne klare Luft und Wolken --
dies alles ist das, was der Papalagi eine »Stadt« nennt. Seine
Schöpfung, auf die er sehr stolz ist. Obgleich hier Menschen leben, die
nie einen Baum, nie einen Wald, nie einen freien Himmel, nie den großen
Geist von Angesicht zu Angesicht sahen. Menschen, die leben wie die
Kriechtiere in der Lagune, die unter den Korallen hausen, obgleich diese
noch das klare Meerwasser umspült und die Sonne doch hindurchdringt mit
ihrem warmen Munde. Ist der Papalagi stolz auf die Steine, die er
zusammentrug? Ich weiß es nicht. Der Papalagi ist ein Mensch mit
besonderen Sinnen. Er tut vieles, das keinen Sinn hat und ihn krank
macht, trotzdem preist er es und singt sich selber ein schönes Lied
darauf.

Die Stadt ist also dies, wovon ich sprach. Es gibt aber viele Städte,
kleine und große. Die größten sind solche, wo die höchsten Häuptlinge
eines Landes wohnen. Alle Städte liegen verstreut wie unsere Inseln im
Meere. Sie liegen oft nur einen Badeweg, oft aber eine Tagereise weit
auseinander. Alle Steininseln sind mit einander verbunden durch
gekennzeichnete Pfade. Du kannst aber auch mit einem Landschiff fahren,
das dünn und lang ist wie ein Wurm, das ständig Rauch ausspeit und auf
langen Eisenfäden sehr schnell gleitet, schneller wie ein
Zwölfsitzerboot in voller Fahrt. Willst du aber deinen Freund auf einer
anderen Insel nur ein Talofa[17] zurufen, so brauchst du nicht zu ihm zu
gehen oder zu gleiten -- Du bläst deine Worte in metallene Fäden, die
wie lange Lianen von einer Steininsel zur anderen gehen. Schneller als
ein Vogel fliegen kann, kommen sie an den Ort, den du bestimmt hast.

Zwischen allen Steininseln ist das eigentliche Land, ist das, was man
Europa nennt. Hier ist das Land teilweise schön und fruchtbar wie bei
uns. Es hat Bäume, Flüsse und Wälder, und hier gibt es auch kleine
richtige Dörfer. Sind die Hütten darin auch aus Stein, so sind sie doch
vielfach mit fruchttragenden Bäumen umgeben, der Regen kann sie von
allen Seiten waschen und der Wind sie wieder trocknen.

In diesen Dörfern leben andere Menschen mit anderen Sinnen als in der
Stadt. Man nennt sie die Landmenschen. Sie haben gröbere Hände und
schmutzigere Lendentücher als die Spaltenmenschen, obgleich sie viel
mehr zu essen haben als diese. Ihr Leben ist viel gesunder und schöner
als das der Spaltenmenschen. Aber sie selber glauben es nicht und
beneiden jene, die sie Nichtstuer nennen, weil sie nicht auch in die
Erde fassen und Früchte hinein- und herauslegen. Sie leben in
Feindschaft mit ihnen, denn sie müssen ihnen Nahrung geben von ihrem
Lande, müssen die Früchte abpflücken, die der Spaltenmensch ißt, müssen
das Vieh hüten und aufziehen, bis es fett ist und auch hiervon ihm die
Hälfte abgeben. Jedenfalls haben sie viele Mühe davon, für alle die
Spaltenmenschen das Essen aufzutreiben, und sie sehen es nicht recht
ein, warum diese schönere Lendentücher tragen als sie selber und
schönere weiße Hände haben und nicht in der Sonne viel schwitzen und im
Regen viel frieren müssen wie sie.

Den Spaltenmenschen kümmert dies aber sehr wenig. Er ist überzeugt, daß
er höhere Rechte hat als der Landmensch und seine Werke mehr Wert haben
als Früchte in die Erde legen oder herausheben. Dieser Streit zwischen
beiden Parteien ist nun auch nicht so, daß es zwischen ihnen zum Kriege
kommt. Im allgemeinen findet der Papalagi, ob er zwischen Spalten lebt
oder auf dem Lande, alles gut, wie es ist. Der Landmensch bewundert das
Reich des Spaltenmenschen, wenn er hineinkommt, und der Spaltenmensch
singt und gurgelt hohe Töne, wenn er durch die Dörfer des Landmenschen
zieht. Der Spaltenmensch läßt den Landmenschen Schweine künstlich fett
machen, dieser den Spaltenmenschen seine Steintruhen bauen und lieben.

Wir aber, die wir freie Kinder der Sonne und des Lichtes sind, wollen
dem großen Geiste treu bleiben und ihm nicht das Herz mit Steinen
beschweren. Nur verirrte, kranke Menschen, die Gottes Hand nicht mehr
halten, können zwischen Steinspalten ohne Sonne, Licht und Wind
glücklich leben. Gönnen wir dem Papalagi sein zweifelhaftes Glück, aber
zertrümmern wir ihm jeden Versuch, auch an unsern sonnigen Gestaden,
Steintruhen aufzurichten und die Menschenfreude zu töten mit Stein,
Spalten, Schmutz, Lärm, Rauch und Sand, wie es sein Sinn und Ziel ist.


[Fussnote 14: Familie.]

[Fussnote 15: Drei Inseln zur Samoagruppe gehörig.]

[Fussnote 16: Zusammenkünfte, Beratungen.]

[Fussnote 17: Sam. Gruß. Wörtlich übersetzt: Ich liebe dich.]




  Vom runden Metall und schweren Papier


Vernunftvolle Brüder, horcht gläubig auf und seid glücklich, daß ihr das
Arge nicht kennt und die Schrecken des Weißen. -- Ihr alle könnt mir
bezeugen, daß der Missionar sagt: Gott sei die Liebe. Ein rechter Christ
täte gut, sich immer das Bild der Liebe vor Augen zu halten. Dem großen
Gott allein gälte darum auch die Anbetung des Weißen. Er hat uns
belogen, betrogen, der Papalagi hat ihn bestochen, daß er uns täusche
mit den Worten des großen Geistes. Denn das runde Metall und das schwere
Papier, das sie Geld nennen, das ist die wahre Gottheit der Weißen.

Sprich einem Europäer vom Gott der Liebe -- er verzieht sein Gesicht und
lächelt. Lächelt über die Einfalt deines Denkens. Reich ihm aber ein
blankes, rundes Stück Metall oder ein großes, schweres Papier --
allsogleich leuchten seine Augen, und viel Speichel tritt auf seine
Lippen. Geld ist seine Liebe, Geld ist seine Gottheit. Sie alle die
Weißen denken daran, auch wenn sie schlafen. Es gibt viele, deren Hände
sind krumm geworden und gleichen in ihrer Haltung den Beinen der großen
Waldameise, vom vielen Greifen nach dem Metall und Papier. Es gibt
viele, deren Augen sind blind geworden vom Zählen ihres Geldes. Es gibt
viele, die haben ihre Freude hingegeben um Geld, ihr Lachen, ihre Ehre,
ihr Gewissen, ihr Glück, ja Weib und Kind. Fast alle geben ihre
Gesundheit dafür hin. Um das runde Metall und das schwere Papier. Sie
schleppen es in ihren Lendentüchern zwischen zusammengefalteten harten
Häuten. Sie legen es nachts unter ihre Schlafrolle, damit es ihnen
niemand nehme. Sie denken täglich, stündlich, sie denken in allen
Augenblicken daran. Alle, alle! Auch die Kinder! Sie müssen, sollen
daran denken. Es wird sie von der Mutter so gelehrt, und sie sehen es
vom Vater. Alle Europäer! Wenn du in den Steinspalten Siamanis[18]
gehst, so hörst du jeden Augenblick einen Ruf: Mark! Und wieder der Ruf:
Mark! Du hörst ihn überall. Es ist der Name für das blanke Metall und
schwere Papier. In Falani[19] -- Frank, in Peletania[20] -- Schilling,
in Italia[21] -- Lire. Mark, Frank, Schilling, Lire -- dies ist alles
dasselbe. Alles dies heißt Geld, Geld, Geld. Das Geld allein ist der
wahre Gott des Papalagi, so dies Gott ist, was wir am höchsten verehren.

Es ist aber auch dir in den Ländern des Weißen nicht möglich, auch nur
einmal von Sonnenaufgang bis Untergang ohne Geld zu sein. Ganz ohne
Geld. Du würdest deinen Hunger und Durst nicht stillen können, du
würdest keine Matte finden zur Nacht. Man würde dich ins Fale pui
pui[22] stecken und dich in den vielen Papieren[23] ausrufen, weil du
kein Geld hast. Du mußt zahlen, das heißt Geld hingeben, für den Boden,
auf dem du wandelst, für den Platz, auf dem deine Hütte steht, für deine
Matte zur Nacht, für das Licht, das deine Hütte erhellt. Dafür daß du
eine Taube schießen darfst oder deinen Leib im Flusse baden. Willst du
dort hingehen, wo die Menschen Freude haben, wo sie singen oder tanzen,
oder willst du deinen Bruder um einen Rat fragen -- du mußt viel rundes
Metall und schweres Papier hingeben. Du mußt zahlen für alles. Überall
steht dein Bruder und hält die Hand auf, und er verachtet dich oder
zornt dich an, wenn du nichts hineintust. Und dein demütiges Lächeln und
freundlichster Blick hilft dir nichts, sein Herz weich zu machen. Er
wird seinen Rachen weit aufsperren und dich anschreien: »Elender!
Vagabund! Tagedieb!« Das alles bedeutet das Gleiche und ist die größte
Schmach, die einem widerfahren kann. Ja selbst für deine Geburt mußt du
zahlen, und wenn du stirbst, muß deine Aiga für dich zahlen, daß du
gestorben bist, auch dafür, daß man deinen Leib in die Erde gibt, wie
für den großen Stein, den man zu deinem Gedenken auf dein Grab rollt.

Ich habe nur eines gefunden, für das in Europa noch kein Geld erhoben
wird, das jeder betätigen kann, soviel er will: das Luftnehmen. Doch ich
möchte glauben, daß dies nur vergessen ist, und ich stehe nicht an zu
behaupten, daß, wenn man diese meine Worte in Europa hören könnte,
augenblicklich auch dafür das runde Metall und schwere Papier erhoben
würde. Denn alle Europäer suchen immer nach neuen Gründen, Geld zu
verlangen.

Ohne Geld bist du in Europa ein Mann ohne Kopf, ein Mann ohne Glieder.
Ein Nichts. Du mußt Geld haben. Du brauchst das Geld wie das Essen,
Trinken und Schlafen. Je mehr Geld du hast, desto besser ist dein Leben.
Wenn du Geld hast, kannst du Tabak dafür haben, Ringe oder schöne
Lendentücher. Du kannst soviel Tabak, Ringe oder Lendentücher haben, als
du Geld hast. Hast du viel Geld, kannst du viel haben. Jeder möchte viel
haben. Darum will auch jeder viel Geld haben. Und jeder mehr als der
andere. Darum die Gierde danach und das Wachsein der Augen auf Geld zu
jeder Stunde. Werfe ein rundes Metall in den Sand, die Kinder stürzen
darüber, kämpfen darum, und wer es greift und hat, ist der Sieger, ist
glücklich. -- Man wirft aber selten Geld in den Sand.

Woher kommt das Geld? Wie kannst du viel Geld bekommen? O auf vielerlei,
auf leichte und schwerere Weise. Wenn du deinem Bruder das Haar
abschlägst, wenn du ihm den Unrat vor seiner Hütte fortträgst, wenn du
ein Canoe über das Wasser lenkst, wenn du einen starken Gedanken hast.
-- Ja, es muß der Gerechtigkeit wegen gesagt sein: wenn auch alles viel
schweres Papier und rundes Metall erfordert, leicht kannst du auch für
alles solches bekommen. Du brauchst nur ein Tun zu machen, was sie in
Europa »arbeiten« nennen. »Arbeite, dann hast du Geld« heißt eine
Sittenregel in Europa.

Dabei herrscht nun eine große Ungerechtigkeit, über die der Papalagi
nicht nachdenkt, nicht nachdenken will, weil er seine Ungerechtigkeit
dann einsehen müßte. Nicht alle, welche viel Geld haben, arbeiten auch
viel. (Ja, alle möchten viel Geld haben, ohne zu arbeiten.) Und das
kommt so: wenn ein Weißer soviel Geld verdient, daß er sein Essen hat,
seine Hütte und Matte und darüber hinaus noch etwas mehr, läßt er sofort
für das Geld, was er mehr hat, seinen Bruder arbeiten. Für sich. Er gibt
ihm zunächst die Arbeit, welche seine eigenen Hände schmutzig und hart
gemacht hat. Er läßt ihn den Kot forttragen, den er selber verursacht
hat. Ist er ein Weib, so nimmt es sich ein Mädchen als seine
Arbeiterin. Es muß ihm die schmutzige Matte reinigen, die Kochgeschirre
und Fußhäute, es muß die zerrissenen Lendentücher wieder heilen und darf
nichts tun, was ihm nicht dient. Nun hat er oder sie Zeit für größere,
stärkere und fröhlichere Arbeit, bei der die Hände sauberer bleiben und
die Muskeln froher, und -- für die mehr Geld bezahlt wird. Ist er ein
Bootsbauer, so muß ihm der andere helfen, Boote zu bauen. Von dem Gelde,
das dieser durch das Helfen macht, und daher eigentlich ganz haben
sollte, nimmt er ihm einen Teil ab, den größten, und sobald er nur kann,
läßt er zwei Brüder für sich arbeiten, dann drei, immer mehr müssen für
ihn Boote bauen, schließlich hundert und noch mehr. Bis er gar nichts
mehr tut, als auf der Matte liegen, europäische Kava trinken und
Rauchrollen verbrennen, die fertigen Boote abgeben und sich das Metall
und Papier bringen lassen, das andere für ihn erarbeiteten. -- Dann
sagen die Menschen: er ist reich. Sie beneiden ihn und geben ihm viele
Schmeicheleien und klingende Wohlreden. Denn das Gewicht eines Mannes in
der weißen Welt ist nicht sein Adel oder sein Mut oder der Glanz seiner
Sinne, sondern die Menge seines Geldes, wieviel er davon an jedem Tage
machen kann, wieviel er in seiner dicken eisernen Truhe, die kein
Erdbeben zerstören kann, verschlossen hält.

Es gibt viele Weiße, die häufen das Geld auf, welches andere für sie
gemacht haben, bringen es an einen Ort, der gut behütet ist, bringen
immer mehr dahin, bis sie eines Tages auch keine Arbeiter mehr für sich
brauchen, denn nun arbeitet das Geld selbst für sie. Wie dies möglich
ist, ohne eine wilde Zauberei, habe ich nie ganz erfahren; aber es ist
in Wahrheit so, daß das Geld immer mehr wird wie Blätter an einem Baum
und daß der Mann reicher wird, selbst wenn er schläft.

Wenn nun einer viel Geld hat, viel mehr als die meisten Menschen,
soviel, daß hundert, ja tausend Menschen sich ihre Arbeit damit leicht
machen könnten -- er gibt ihnen nichts; er legt seine Hände um das runde
Metall und setzt sich auf das schwere Papier mit Gier und Wollust in
seinen Augen. Und wenn du ihn fragst: »Was willst du mit deinem vielen
Gelde machen? Du kannst hier auf Erden doch nicht viel mehr als dich
kleiden, deinen Hunger und Durst stillen?« -- So weiß er dir nichts zu
antworten, oder er sagt: »Ich will noch mehr Geld machen. Immer mehr.
Und noch mehr.« Und du erkennst bald, daß das Geld ihn krank gemacht
hat, daß alle seine Sinne vom Gelde besessen sind.

Er ist krank und besessen, weil er seine Seele an das runde Metall und
schwere Papier hängt und nie genug haben und nicht aufhören kann,
möglichst vieles an sich zu reißen. Er kann nicht so denken: ich will
ohne Beschwerde und Unrecht aus der Welt gehen, wie ich hineingekommen
bin; denn der große Geist hat mich auch ohne das runde Metall und
schwere Papier auf die Erde geschickt. Daran denken die wenigsten. Die
meisten bleiben in ihrer Krankheit, werden nie mehr gesund im Herzen und
freuen sich der Macht, die ihnen das viele Geld gibt. Sie schwellen auf
in Hochmut wie faule Früchte im Tropenregen. Sie lassen mit Wollust
viele ihrer Brüder in roher Arbeit, damit sie selber fett von Leib
werden und gut gedeihen. Sie tun dies, ohne daß ihr Gewissen krankt. Sie
freuen sich ihrer schönen, bleichen Finger, die nun nie mehr schmutzig
werden. Es plagt sie nicht und nimmt ihnen nie den Schlaf, daß sie
dauernd die Kraft anderer rauben und zu ihrer eigenen tun. Sie denken
nicht daran, den anderen einen Teil ihres Geldes zu geben, um ihnen die
Arbeit leichter zu machen.

So gibt es in Europa eine Hälfte, die muß viel und schmutzig arbeiten,
während die andere Hälfte wenig oder garnicht arbeitet. Jene Hälfte hat
keine Zeit in der Sonne zu sitzen, diese viele. Der Papalagi sagt: es
können nicht alle Menschen gleich viel Geld haben und alle gleichzeitig
in der Sonne sitzen. Aus dieser Lehre nimmt er sich das Recht, grausam
zu sein, um des Geldes willen. Sein Herz ist hart und sein Blut kalt, ja
er heuchelt, er lügt, er ist immer unehrlich und gefährlich, wenn seine
Hand nach dem Gelde greift. Wie oft erschlägt ein Papalagi den anderen
um des Geldes willen. Oder er tötet ihn mit dem Gift seiner Worte, er
betäubt ihn damit, um ihn auszurauben. Daher traut auch selten einer dem
anderen, denn alle wissen von ihrer großen Schwäche. Nie weißt du daher
auch, ob ein Mann, der viel Geld hat, gut im Herzen ist; denn er kann
wohl sehr schlecht sein. Wir wissen nie, wie und woher einer seine
Schätze genommen hat.

Dafür weiß aber der reiche Mann auch nicht, ob die Ehre, die man ihm
darbietet, ihm selber oder nur seinem Gelde gilt. Sie gilt zumeist
seinem Gelde. Deshalb begreife ich auch nicht, warum die sich so sehr
schämen, die da nicht viel rundes Metall und schweres Papier haben und
den reichen Mann beneiden, statt sich beneiden zu lassen. Denn wie es
nicht gut ist und unfein, sich mit einer großen Last Muschelketten zu
behängen, so auch nicht mit der schweren Last des Geldes. Es nimmt dem
Menschen den Atem und seinen Gliedern die rechte Freiheit.

Aber kein Papalagi will auf das Geld verzichten. Keiner. Wer das Geld
nicht liebt, wird belächelt, ist valea.[24] »Reichtum -- das ist viel
Geld haben -- macht glücklich,« sagt der Papalagi. Und: »Das Land, das am
meisten Geld hat, ist das glücklichste.«

Wir alle, ihr lichten Brüder, sind arm. Unser Land ist das ärmste unter
der Sonne. Wir haben nicht soviel rundes Metall und schweres Papier, um
eine Truhe damit zu füllen. Wir sind armselige Bettler im Denken des
Papalagi. Und doch! Wenn ich eure Augen sehe und vergleiche sie mit
denen der reichen Alii, so finde ich die ihren matt, welk und müde, eure
aber strahlen wie das große Licht, strahlen in Freude, Kraft, Leben und
Gesundheit. Eure Augen habe ich nur bei den Kindern des Papalagi
gefunden, ehe sie sprechen konnten, denn bis dahin wußten auch sie
nichts vom Gelde. Wie hat uns der große Geist bevorzugt, daß er uns vor
dem Aitu schützte. Das Geld ist ein Aitu; denn alles, was es tut, ist
schlecht und macht schlecht. Wer das Geld nur berührt, ist in seinem
Zauber gefangen und wer es liebt, der muß ihm dienen und ihm seine
Kräfte und alle Freuden geben, solange er lebt. Lieben wir unsere edlen
Sitten, die den Mann verachten, der etwas für eine Gastlichkeit, der für
jede gereichte Frucht ein Alofa[25] fordert. Lieben wir unsere Sitten,
die es nicht dulden, daß einer viel mehr hat als der andere oder einer
sehr vieles und der andere gar nichts. Damit wir nicht im Herzen werden
wie der Papalagi, der glücklich und heiter sein kann, auch wenn sein
Bruder neben ihm traurig und unglücklich ist.

Hüten wir uns aber vor allem vor dem Gelde. Der Papalagi hält nun auch
uns das runde Metall und schwere Papier entgegen, uns lüstern danach zu
machen. Es solle uns reicher und glücklicher machen. Schon sind viele
von uns geblendet und in die schwere Krankheit geraten. Doch wenn ihr
den Worten eures demütigen Bruders glaubt und wißt, daß ich die Wahrheit
spreche, wenn ich euch sage, daß das Geld nie froher und glücklicher
macht, wohl aber das Herz und den ganzen Menschen in arge Wirrnis
bringt, daß man mit Geld nie einem Menschen wirklich helfen, ihn froher,
stärker und glücklicher machen kann -- so werdet ihr das runde Metall
und schwere Papier hassen als euern schwersten Feind.


[Fussnote 18: Deutschland]

[Fussnote 19: Frankreich]

[Fussnote 20: England]

[Fussnote 21: Italien]

[Fussnote 22: Gefängnis.]

[Fussnote 23: Zeitungen.]

[Fussnote 24: dumm.]

[Fussnote 25: Geschenk, Gegengabe.]




  Die vielen Dinge machen den Papalagi arm


Und auch daran erkennt ihr den Pagalagi, daß er uns aufreden will, wir
seien arm und elend und brauchten viele Hilfe und Mitleid, weil wir
keine Dinge haben.

Laßt euch von mir berichten, ihr lieben Brüder der vielen Inseln, was
dies ist ein Ding. -- Die Kokosnuß ist ein Ding, der Fliegenwedel, das
Lendentuch, die Muschel, der Fingerring, die Essensschale, der
Kopfschmuck, alles dies sind Dinge. Es gibt aber zweierlei Dinge. Es
gibt Dinge, die der große Geist macht, ohne daß wir es sehen und die uns
Menschen keinerlei Mühe und Arbeit kosten, wie die Kokosnuß, die
Muschel, die Banane -- und es gibt Dinge, die die Menschen machen, die
viele Mühe und Arbeit kosten, wie der Fingerring, die Essensschale oder
der Fliegenwedel. Der Alii meint also die Dinge, welche er selbst mit
seinen Händen macht, die Menschendinge, sie fehlen uns; denn die Dinge
des großen Geistes kann er doch nie meinen. Ja, wer ist reicher und wer
hat mehr Dinge des großen Geistes als wir? -- Werft eure Augen in die
Runde, bis in die Weite, wo der Erdrand das große, blaue Gewölbe trägt.
Alles ist voll der großen Dinge: der Urwald mit seinen wilden Tauben,
den Kolibris und Papageien, die Lagune mit ihren Seegurken, Muscheln und
Langusten und anderem Wassergetier, der Strand mit seinem hellen Gesicht
und dem weichen Fell seines Sandes, das große Wasser, das zornen kann
wie ein Krieger und lächeln wie eine Taopou, das große blaue Gewölbe,
das sich wandelt zu jeder Stunde und große Blüten trägt, die uns
goldenes und silbernes Licht bringen. -- Was sollen wir töricht sein und
noch viele Dinge zu diesen Dingen machen, neben diesen erhabenen Dingen
des großen Geistes? Wir können es ihm doch nie gleich tun, denn unser
Geist ist viel zu klein und schwach gegen die Macht des großen Geistes,
und auch unsere Hand ist viel zu schwach gegen seine mächtige, große
Hand. Alles, was wir machen können, ist nur gering und nicht viel wert
darüber zu sprechen. Wir können unseren Arm verlängern durch eine Keule,
wir können unsere hohle Hand vergrößern durch eine Tanoa[26]; aber noch
kein Samoaner und auch kein Papalagi hat je eine Palme gemacht oder den
Strunk einer Kava.

Der Papalagi glaubt freilich, er könne solche Dinge bereiten, er sei
stark wie der große Geist. Und tausend und tausend Hände tun darum
nichts anderes vom Sonnenaufgang bis zum Untergang als Dinge bereiten.
Menschendinge, deren Zweck wir nicht kennen, und deren Schönheit wir
nicht wissen. Und auf immer mehr und immer neue Dinge sinnt der
Papalagi. Seine Hände fiebern, sein Gesicht wird grau wie Asche und sein
Rücken gebogen; aber er leuchtet in Glück, wenn ihm ein neues Ding
gelingt. Und allsogleich wollen alle das neue Ding haben, und sie beten
es an, stellen es vor sich hin und besingen das Ding in ihrer Sprache.

O ihr Brüder, wenn ihr mir doch zu glauben vermöchtet: Ich bin hinter
die Gedanken des Papalagi gekommen und habe seinen Willen gesehen, als
beleuchte ihn die Sonne zur Mittagsstunde. Weil er des großen Geistes
Dinge zertrümmert, wo er hinkommt, will er das, was er tötet, wieder
lebendig machen aus eigener Kraft, und dabei macht er sich selber
glauben, er selbst sei der große Geist, weil er die vielen Dinge macht.

Brüder, denkt euch, in nächster Stunde käme der große Sturm und risse
den Urwald und seine Berge fort, mit allem Laub und Bäumen, er nähme mit
sich fort alle Muscheln und alles Getier der Lagune, und es gäbe nicht
eine Hibiskusblume mehr, mit der unsere Mädchen ihre Haare schmücken
könnten, -- alles, alles, was wir sehen, verschwände, und es bliebe
nichts als der Sand, und die Erde gliche einer flachen ausgestreckten
Hand oder einem Hügel, über den glühende Lava floß -- wie würden wir
wehklagen nach der Palme, der Muschel, dem Urwalde, nach allem. -- Wo
die vielen Hütten der Papalagi stehen, welche Stellen sie Städte nennen,
ist aber das Land so öde wie eine flache Hand, und darum auch ward der
Papalagi irre und spielt den großen Geist, damit er vergessen kann, was
er nicht hat. Weil er so arm ist und sein Land so traurig, greift er
nach den Dingen, sammelt sie, wie der Narr welke Blätter sammelt, und
überfüllt seine Hütte damit. Darum aber beneidet er auch uns und
wünscht, daß auch wir arm würden wie er selber.

Es ist eine große Armut, wenn der Mensch viele Dinge braucht; denn er
beweist damit, daß er arm ist an Dingen des großen Geistes. Der Papalagi
ist arm; denn er ist besessen auf das Ding. Er kann ohne das Ding nicht
mehr leben. Wenn er sich aus dem Rücken der Schildkröte ein Werkzeug
macht, seine Haare zu glätten, wenn er Öl aufgetragen hat, macht er noch
eine Haut für das Werkzeug, für die Haut eine kleine Truhe, für die
kleine Truhe noch eine große Truhe. Er tut alles in Häute und Truhen. Es
gibt Truhen für Lendentücher, für Obertücher und Untertücher, für
Waschtücher, Mundtücher und andere Tücher, Truhen für die Handhäute und
Fußhäute, für das runde Metall und schwere Papier, für die Essensvorräte
und für das heilige Buch, für alles und alles. Er macht aus allen
Dingen, wo eines genügt, viele Dinge. Gehst du in ein europäisches
Kochhaus, so siehst du so viele Essensschalen und Kochwerkzeuge, wie nie
gebraucht werden. Und für jedes Essen gibt es eine andere Tanoa, für das
Wasser eine andere als für die europäische Kava, für die Kokosnuß eine
andere als für die Taube.

Eine europäische Hütte hat so viele Dinge, daß, wenn auch jeder Mann
eines Samoadorfes seine Hände und Arme beladen würde, doch nicht das
ganze Dorf genüge, sie alle davonzutragen. In einer einzigen Hütte sind
so viele Dinge, daß viele weiße Häuptlinge viele Männer und Frauen
brauchen, die nichts tun, als diese Dinge dahin zu stellen, wohin sie
gehören und sie vom Sande zu reinigen. Und selbst die höchste Taopou
gibt viele Zeit daran, alle ihre vielen Dinge zu zählen, zu rücken und
zu reinigen.

Brüder, ihr wißt, ich lüge nicht und sage euch alles, wie ich es in
Wahrheit erschaut, ohne daß ich hinzutue oder abnehme. So glaubt mir,
daß es in Europa Menschen gibt, die sich das Feuerrohr an die eigene
Stirne halten und sich töten, weil sie lieber nicht leben wollen als
ohne Dinge. Denn der Papalagi berauscht auf vielfache Weise seinen
Geist, und so redet er sich auch ein, er könne nicht ohne die Dinge
sein, wie kein Mensch sein kann ohne ein Essen.

Ich habe darum auch nie in Europa eine Hütte gefunden, wo ich gut auf
der Matte lagern konnte, wo nichts meine Glieder beim Ausstrecken
störte. Alle Dinge sandten Blitze oder schrien laut mit dem Munde ihrer
Farbe, so daß ich meine Augen nicht schließen konnte. Nie konnte ich
rechte Ruhe finden, und nie sehnte ich mich mehr nach meiner Hütte in
Samoa, worin keine Dinge sind als meine Matten und die Schlafrolle, wo
nichts zu mir kommt als der milde Passat des Meeres.

Wer wenig Dinge hat, nennt sich arm und trauert. Es gibt keinen
Papalagi, der singt und frohe Augen macht, wenn er auch nichts als seine
Matte und Essensschüssel hat wie jeder von uns. Die Männer und Frauen
der weißen Welt würden in unseren Hütten wehklagen, sie würden eilen,
Holz aus dem Walde zu holen und das Gehäuse der Schildkröte, Glas, Draht
und bunte Steine und noch viel mehr und würden vom Morgen bis zur Nacht
ihre Hände bewegen, so lange, bis ihr Samoahaus sich gefüllt hätte mit
kleinen und großen Dingen. Dinge, die alle leicht zerfallen, die jedes
Feuer und jeder große Tropenregen zerstören kann, daß immer neue gemacht
werden müssen.

Je mehr einer ein rechter Europäer ist, desto mehr Dinge gebraucht er.
Darum ruhen die Hände des Papalagi nie im Machen von Dingen. Deshalb
sind die Gesichter der Weißen oft so müde und traurig, und darum kommen
auch nur die wenigsten unter ihnen dazu, die Dinge des großen Geistes zu
sehen, auf dem Dorfplatze zu spielen, frohe Lieder zu dichten und zu
singen oder an den Sonntagen im Lichte zu tanzen und sich vielfach ihrer
Glieder zu freuen, wie uns allen bestimmt ist.[27] Sie müssen Dinge
machen. Sie müssen ihre Dinge behüten. Die Dinge hangen sich an sie und
bekriechen sie wie die kleine Sandameise. Sie begehen kalten Herzens
alle Verbrechen, um zu den Dingen zu kommen. Sie bekriegen einander,
nicht um der Mannesehre halber, oder um ihre wirkliche Kraft zu messen,
allein um der Dinge willen.

Trotzdem -- sie alle wissen die große Armut ihres Lebens, sonst würde es
nicht so viele Papalagi geben, die große Ehren genießen, weil sie ihr
Leben mit nichts anderem zubringen, als Haare in bunte Säfte zu tauchen
und damit schöne Spiegelbilder auf weiße Matten zu werfen. Sie schreiben
alle schönen Gottesdinge auf, so bunt und herzlich froh, als sie es nur
vermögen. Sie formen auch Menschen aus weicher Erde, ohne Lendentücher,
Mädchen mit der schönen, freien Bewegung der Taopou von Matautu[28] oder
Männergestalten, die Keulen schwingen, den Bogen spannen oder der wilden
Taube im Walde nachspähen. Menschen aus Erde, denen der Papalagi
besondere große Festhütten baut, wohin die Leute von weither kommen, um
ihre Heiligkeit und Schönheit zu genießen. Sie stehen davor, dicht in
ihre vielen Lendentücher gehüllt, und erschauern. Ich habe den Papalagi
weinen sehen vor Freude an solcher Schönheit, die er selber verloren
hat.

Nun möchten die weißen Menschen uns ihre Schätze bringen, damit auch wir
reich sein sollen -- ihre Dinge. Aber diese Dinge sind nichts als giftige
Pfeile, an denen der stirbt, in dessen Brust sie hangen. »Wir müssen
ihnen Bedürfnisse aufzwingen« hörte ich einen Mann sagen, der unser Land
gut kennt. Bedürfnisse -- das sind Dinge. »Dann werden sie
arbeitswilliger sein« sagte der kluge Mann weiter. Und er meinte, wir
sollten auch die Kräfte unserer Hände dazu geben, Dinge zu machen,
Dinge für uns, in erster Linie aber für den Papalagi. Auch wir sollen
müde, grau und gebeugt werden.

Brüder der vielen Inseln, wir müssen wach sein und helle Sinne haben,
denn die Worte des Papalagi scheinen süße Bananen, aber sie sind voll
heimlicher Speere, die alles Licht und alle Freude in uns töten möchten.
Vergessen wir nie, daß wir nur wenige Dinge brauchen außer den Dingen
des großen Geistes. Er hat uns die Augen gegeben, seine Dinge zu sehen.
Und es gehört mehr als ein Menschenleben dazu, sie alle zu sehen. Und es
ist nie eine größere Unwahrheit aus dem Munde des weißen Mannes
gekommen, als die: des großen Geistes Dinge seien ohne Nutzen und seine
eigenen Dinge hätten viel Nutzen, hätten mehr Nutzen. -- Ihre eigenen
Dinge, die so groß sind an Zahl, die blitzen und funkeln und vielfach
liebäugeln und für sich werben, haben noch keinen Papalagi schöner von
Leib gemacht, seine Augen nicht leuchtender und seine Sinne nicht
stärker. Also nützen seine Dinge auch nichts, und also ist das, was er
sagt und uns aufdrängen will, schlechten Geistes und sein Denken mit
Gift getränkt.


[Fussnote 26: Eine vielbeinige Holzschale, in der das Nationalgetränk
bereitet wird.]

[Fussnote 27: Die Dorfschaften Samoas kommen sehr oft zusammen, um
gemeinsam zu spielen oder sich am Tanze zu erfreuen. Der Tanz wird von
Jugend auf gepflegt. Jedes Dorf hat seine Lieder und seinen Dichter. Am
Abend ertönt in jeder Hütte Gesang. Er ist wohltönend durch die
vokalreiche Sprache, aber auch durch das selten feine Klangempfinden des
Insulaners.]

[Fussnote 28: Dorf auf Upolu.]




  Der Papalagi hat keine Zeit


Der Papalagi liebt das runde Metall und das schwere Papier, er liebt es,
viel Flüssigkeiten von getöteter Frucht und Fleisch von Schwein und Rind
und anderen schrecklichen Tieren in seinen Bauch zu tun, er liebt vor
allem aber auch das, was sich nicht greifen läßt und das doch da ist --
die Zeit. Er macht viel Wesens und alberne Rederei darum. Obwohl nie
mehr davon vorhanden ist, als zwischen Sonnenaufgang und Untergang
hineingeht, ist es ihm doch nie genug.

Der Papalagi ist immer unzufrieden mit seiner Zeit, und er klagt den
großen Geist dafür an, daß er nicht mehr gegeben hat. Ja, er lästert
Gott und seine große Weisheit, indem er jeden neuen Tag nach einem ganz
gewissen Plane teilt und zerteilt. Er zerschneidet ihn geradeso, als
führe man kreuzweise mit einem Buschmesser durch eine weiche Kokosnuß.
Alle Teile haben ihren Namen: Sekunde, Minute, Stunde. Die Sekunde ist
kleiner als die Minute, diese kleiner als die Stunde; alle zusammen
machen die Stunden, und man muß sechzig Minuten und noch vielmehr
Sekunden haben, ehe man soviel hat wie eine Stunde.

Das ist eine verschlungene Sache, die ich nie ganz verstanden habe, weil
es mich übel anmacht, länger als nötig über solcherlei kindische Sachen
nachzusinnen. Doch der Papalagi macht ein großes Wissen daraus. Die
Männer, die Frauen und selbst Kinder, die kaum auf den Beinen stehen
können, tragen im Lendentuch, an dicke metallene Ketten gebunden und
über den Nacken hangend oder mit Lederstreifen ums Handgelenk geschnürt,
eine kleine, platte, runde Maschine, von der sie die Zeit ablesen
können. Dieses Ablesen ist nicht leicht. Man übt es mit den Kindern,
indem man ihnen die Maschine ans Ohr hält, um ihnen Lust zu machen.

Solche Maschine, die sich leicht auf zwei flachen Fingern tragen läßt,
sieht in ihrem Bauche aus wie die Maschinen im Bauche der großen
Schiffe, die ihr ja alle kennt. Es gibt aber auch große und schwere
Zeitmaschinen, die stehen im Innern der Hütten oder hängen auf den
höchsten Hausgiebeln, damit sie weithin gesehen werden können. Wenn nun
ein Teil der Zeit herum ist, zeigen kleine Finger auf der Außenseite der
Maschine dies an, zugleich schreit sie auf, ein Geist schlägt gegen das
Eisen in ihrem Herzen. Ja, es entsteht ein gewaltiges Tosen und Lärmen
in einer europäischen Stadt, wenn ein Teil der Zeit herum ist.

Wenn dieses Zeitlärmen ertönt, klagt der Papalagi: »Es ist eine schwere
Last, daß wieder eine Stunde herum ist.« Er macht zumeist ein trauriges
Gesicht dabei, wie ein Mensch, der ein großes Leid zu tragen hat; obwohl
gleich eine ganz frische Stunde herbeikommt.

Ich habe dies nie begriffen, als daß ich eben denke, daß dies eine
schwere Krankheit ist. »Die Zeit meidet mich!« -- »Die Zeit läuft wie
ein Roß!« -- »Gib mir doch etwas Zeit!« -- Das sind die Klagerufe des
weißen Mannes.

Ich sage, dies möchte eine Art Krankheit sein; denn angenommen, der
Weiße hat Lust, irgend etwas zu tun, sein Herz verlangt danach, er
möchte vielleicht in die Sonne gehen oder auf dem Flusse im Canoe fahren
oder sein Mädchen lieb haben, so verdirbt er sich zumeist seine Lust,
indem er an dem Gedanken haftet: Mir ward keine Zeit, fröhlich zu sein.
Die Zeit wäre da, doch er sieht sie beim besten Willen nicht. Er nennt
tausend Dinge, die ihm die Zeit nehmen, hockt sich mürrisch und klagend
über eine Arbeit, zu der er keine Lust, an der er keine Freude hat, zu
der ihn auch niemand zwingt, als er sich selbst. Sieht er dann aber
plötzlich, daß er Zeit hat, daß sie doch da ist, oder gibt ihm ein
anderer Zeit -- die Papalagi geben sich vielfach gegenseitig Zeit, ja
nichts wird so hoch geschätzt als dieses Tun -- so fehlt ihm wieder die
Lust, oder er ist müde von der Arbeit ohne Freude. Und regelmäßig will
er morgen tun, wozu er heute Zeit hat.

Es gibt Papalagi, die behaupten, sie hätten nie Zeit. Sie lausen kopflos
umher, wie vom Aitu[29] Besessene, und wohin sie kommen, machen sie
Unheil und Schrecken, weil sie ihre Zeit verloren haben. Diese
Besessenheit ist ein schrecklicher Zustand, eine Krankheit, die kein
Medizinmann heilen kann, die viele Menschen ansteckt und ins Elend
bringt.

Weil jeder Papalagi besessen ist von der Angst um seine Zeit, weiß er
auch ganz genau, und nicht nur jeder Mann, sondern auch jede Frau und
jedes kleine Kind, wieviele Mond- und Sonnenaufgänge verronnen sind,
seit er selber zum ersten Male das große Licht erblickte. Ja, dieses
spielt eine so ernste Rolle, daß es in gewissen, gleichen Zeitabständen
gefeiert wird mit Blumen und großen Essensgelagen. Wie oft habe ich
verspürt, wie man sich für mich zu schämen müssen glaubte, wenn man mich
fragte, wie alt ich sei, und wenn ich lachte und dies nicht wußte. »Du
mußt doch wissen, wie alt du bist.« Ich schwieg und dachte: Es ist
besser, ich weiß es nicht.

Wie alt sein, heißt, wieviele Monde gelebt haben. Dieses Zählen und
Nachforschen ist voller Gefahr, denn dabei ist erkannt worden, wieviele
Monde der meisten Menschen Leben dauert. Ein jeder paßt nun ganz genau
auf, und wenn recht viele Monde herum sind, sagt er: »Nun muß ich bald
sterben.« Er hat keine Freude mehr und stirbt auch wirklich bald.

Es gibt in Europa nur wenige Menschen, die wirklich Zeit haben.
Vielleicht gar keine. Daher rennen auch die meisten durchs Leben, wie
ein geworfener Stein. Fast alle sehen im Gehen zu Boden und schleudern
die Arme weit von sich, um möglichst schnell voranzukommen. Wenn man sie
anhält, rufen sie unwillig: »Was mußt du mich stören; ich habe keine
Zeit, siehe zu, daß du die deine ausnützt.« Sie tun geradeso, als ob ein
Mensch, der schnell geht, mehr wert sei und tapferer, als der, welcher
langsam geht.

Ich habe einen Mann gesehen, dessen Kopf auseinander barst, der die
Augen rollte und das Maul sperrte wie ein sterbender Fisch, der rot und
grün wurde und mit Händen und Füßen um sich schlug, weil sein Diener
einen Atemzug später kam, als er zu kommen versprochen hatte. Der
Atemzug war für ihn ein großer Verlust, der nie zu sühnen war. Der
Diener mußte seine Hütte verlassen, der Papalagi verjagte und schalt
ihn: »Genug hast du mir Zeit gestohlen. Ein Mensch, der die Zeit nicht
achtet, ist ihrer nicht wert.«

Nur ein einziges Mal traf ich einen Menschen, der viele Zeit hatte, der
nie ihrer klagte; aber der war arm und schmutzig und verworfen. Die
Menschen gingen im weiten Bogen um ihn herum, und keiner achtete seiner.
Ich begriff solches Tun nicht, denn sein Gehen war ohne Hast, und seine
Augen hatten ein stilles, freundliches Lächeln. Als ich ihn fragte,
verzerrte sich sein Gesicht, und er sagte traurig: »Ich wußte nie, meine
Zeit zu nützen, daher bin ich ein armer, mißachteter Tropf.« Dieser
Mensch hatte Zeit, doch auch er war nicht glücklich.

Der Papalagi wendet seine ganze Kraft auf und gibt alle seine Gedanken
daran, wie er die Zeit möglichst dick machen könne. Er nutzt das Wasser
und Feuer, den Sturm, die Blitze des Himmels, um die Zeit aufzuhalten.
Er tut eiserne Räder unter seine Füße und gibt seinen Worten Flügel, um
mehr Zeit zu haben. -- Und wozu alle diese große Mühe? Was macht der
Papalagi mit seiner Zeit? -- Ich bin nie recht dahinter gekommen, obwohl
er immer Worte und Gebärden macht, als ob der große Geist ihn zum Fono
geladen hätte.

Ich glaube, die Zeit entschlüpft ihm wie eine Schlange in nasser Hand,
gerade weil er sie zu sehr festhält. Er läßt sie nicht zu sich kommen.
Er jagt immer mit ausgestreckten Händen hinter ihr her, er gönnt ihr die
Ruhe nicht, sich in der Sonne zu lagern. Sie soll immer ganz nahe sein,
soll etwas singen und sagen. Die Zeit ist aber still und friedfertig und
liebt die Ruhe und das breite Lagern auf der Matte. Der Papalagi hat die
Zeit nicht erkannt, er versteht sie nicht, und darum mißhandelt er sie
mit seinen rohen Sitten.

O ihr lieben Brüder! Wir haben nie geklagt über die Zeit, wir haben sie
geliebt, wie sie kam, sind ihr nie nachgerannt, haben sie nie
zusammen-noch auseinanderlegen wollen. Nie ward sie uns zur Not oder zum
Verdruß. Der unter uns trete vor, der da keine Zeit hat! Ein jeder von
uns hat Zeit die Menge; aber wir sind auch mit ihr zufrieden, wir
brauchen nicht mehr Zeit, als wir haben und haben doch Zeit genug. Wir
wissen, daß wir immer noch früh genug zu unserm Ziele kommen und daß uns
der große Geist nach seinem Willen abberuft, auch wenn wir die Zahl
unserer Monde nicht wissen. Wir müssen den armen, verirrten Papalagi vom
Wahn befreien, müssen ihm seine Zeit wiedergeben. Wir müssen ihm seine
kleine runde Zeitenmaschine zerschlagen und ihm verkünden, daß von
Sonnenaufgang bis Untergang viel mehr Zeit da ist, als ein Mensch
gebrauchen kann.


[Fussnote 29: Teufel.]




  Der Papalagi hat Gott arm gemacht


Der Papalagi hat eine besondere und höchst verschlungene Art zu denken.
Er denkt immer, wie etwas ihm selbst zu Nutzen ist und ihm Recht gibt.
Er denkt zumeist nur für einen und nicht für alle Menschen. Und dieser
eine ist er selbst.

Wenn ein Mann sagt: »Mein Kopf ist mein und er gehört niemandem anders
als mir,« so ist dem so, ist dem wirklich so, und keiner kann einen
Einwand dagegen haben. Niemand hat mehr Recht auf seine eigene Hand, als
der, welcher die Hand hat. Bis hierher gebe ich dem Papalagi recht. Er
sagt nun aber auch: die Palme ist mein. Weil sie gerade vor seiner Hütte
steht. Geradeso, als habe er sie selber wachsen lassen. Die Palme ist
aber niemals sein. Niemals. Sie ist Gottes Hand, die er aus der Erde uns
entgegenstreckt. Gott hat sehr viele Hände. Jeder Baum, jede Blume,
jedes Gras, das Meer, der Himmel, die Wolken daran, alles dies sind
Hände Gottes. Wir dürfen danach greifen und uns freuen; aber wir dürfen
doch nicht sagen: Gottes Hand ist meine Hand. Das tut aber der Papalagi.

»Lau« heißt in unserer Sprache mein und auch dein; es ist fast ein und
dasselbe. In der Sprache des Papalagi gibt es aber kaum ein Wort, das
mehr zweierlei bedeutet, als dieses Mein und Dein. Mein ist, was nur
und alleine mir gehört. Dein ist, was nur und alleine dir gehört. Darum
sagt der Papalagi für alles, was im Bereiche seiner Hütte steht: es ist
mein. Niemand hat ein Recht darüber, außer er selbst. Wo du zum Papalagi
kommst, und wo du etwas bei ihm siehst, sei es eine Frucht, ein Baum,
ein Wasser, ein Wald, ein Häuflein Erde -- immer ist irgend jemand nahe,
der sagt: »Dies ist mein! Hüte dich, nach dem zu greifen, was mein ist!«
Greifst du aber dennoch danach, so schreit er, nennt dich einen Dieb,
welches Wort eine große Schande bedeutet, und dies, nur weil du wagtest,
ein Mein deines Nächsten zu berühren. Seine Freunde und die Diener der
höchsten Häuptlinge eilen herbei, legen dir Ketten an und bringen dich
ins Fale pui pui,[30] und du bist geächtet für dein ganzes Leben.

Damit nun nicht einer nach des andern Dingen greift, die er als die
seinen erklärt hat, wird dieses, was einem gehört und nicht gehört,
genau festgelegt durch besondere Gesetze. Und es gibt in Europa
Menschen, die nichts tun, als darauf achten, daß niemand diese Gesetze
übertritt, daß dem Papalagi nichts von dem genommen wird, was er sich
selbst genommen hat. Der Papalagi will sich durch dies den Anschein
geben, er habe wirklich ein Recht erwirkt, als habe Gott ihm sein
Besitztum wirklich für alle Zeiten abgetreten. Als gehöre ihm nun
wirklich die Palme, der Baum, die Blume, das Meer, der Himmel und seine
Wolken darüber.

Der Papalagi muß solche Gesetze machen und solche Hüter für sein vieles
Mein haben, damit diejenigen, welche nur wenig oder gar kein Mein haben,
ihm nichts von seinem Mein nehmen. Denn wo viele viel an sich nehmen,
gibt es viele, die nichts in Händen haben. Nicht jeder weiß die Schliche
und geheimen Zeichen, zu vielem Mein zu kommen, und es gehört eine
besondere Art Tapferkeit dazu, die sich nicht immer mit dem, was wir
Ehre nennen, verträgt. Und es mag wohl sein, daß diejenigen, welche
wenig in Händen haben, weil sie Gott nicht kränken und ihm nichts nehmen
mögen, die allerbesten der Papalagi sind. Doch es gibt deren sicherlich
nicht viele.

Die meisten berauben Gott ohne Scham. Sie kennen es nicht anders. Sie
wissen oft gar nicht, daß sie etwas Schlechtes tun; eben weil alle so
tun und sich nichts dabei denken und keine Scham empfinden. Mancher
bekommt auch sein vieles Mein aus den Händen seines Vaters, zu der Zeit,
als er geboren wurde. -- Jedenfalls hat Gott fast nichts mehr, die
Menschen haben ihm fast alles genommen und zu ihrem Mein und Dein
gemacht. Er kann seine Sonne, die für alle bestimmt ist, nicht mehr
allen gleich geben, weil einzelne mehr beanspruchen als die anderen. Auf
den schönen, großen Sonnenplätzen sitzen oft nur wenige, während die
vielen im Schatten kümmerliche Strahlen fangen. Gott kann keine rechte
Freude mehr haben, weil er nicht mehr der höchste Alii sili[31] in
seinem großen Hause ist. Der Papalagi verleugnet ihn, dadurch, daß er
dies sagt: alles ist mein. Doch so weit denkt er nicht; wenngleich er
auch noch so viel denkt. Im Gegenteil, er erklärt sein Tun für ehrlich
und rechtlich. Es ist aber unehrlich und unrechtlich vor Gott.

Würde er richtig denken, so müßte er auch wissen, daß uns nichts gehört,
was wir nicht festhalten können. Daß wir im Grunde nichts festhalten
können. Dann würde er auch einsehen, daß Gott sein großes Haus gab,
damit alle darin Platz und Freude haben. Und es wäre wohl auch groß
genug und hätte wohl für jeden ein Sonnenfleckchen und eine kleine
Freude, und für jeden Menschen wäre wohl ein kleiner Palmenstand da und
ganz sicherlich ein Plätzchen für seine Füße, darauf zu stehen. Wie Gott
es will und bestimmt hat. Wie könnte Gott auch nur eines seiner Kinder
vergessen haben! Und doch suchen so viele nach dem kleinen Örtchen, das
Gott für sie freigelassen hat.

Weil der Papalagi das Gebot Gottes nicht hört und sich seine eigenen
Gesetze macht, schickt ihm Gott viele Feinde seines Eigentums. Er
schickt ihm die Nässe und Hitze, sein Mein zu zerstören, das Altwerden
und das Zerbröckeln und Faulen. Er gibt auch dem Feuer Macht über seine
Schätze und dem Sturm. Vor allem aber legt er in die Seele des Papalagi
die Furcht. Das Angsthaben um das, was er sich genommen hat. Des
Papalagi Schlaf ist nie ganz tief, denn er muß wach sein, damit ihm zur
Nacht nicht fortgetragen wird, was er selber am Tage zusammengetragen
hat. Er muß seine Hände und Sinne immer an allen Enden seines Meins
haben. Und wie plagt alles Mein ihn stetig und spottet seiner und sagt:
weil du mich von Gott nahmst, deshalb peinige ich dich und mache dir
viele Schmerzen.

Aber viel schlimmere Strafe hat Gott dem Papalagi gegeben als seine
Furcht. -- Er gab ihm den Kampf zwischen denen, die nur ein kleines oder
gar kein Mein haben und denen, die ein großes Mein sich nehmen. Dieser
Kampf ist heiß und schwer und geht Tag und Nacht. Es ist der Kampf, den
alle leiden; der allen die Freude am Leben zernagt. Die haben, sollen
geben, wollen aber nichts geben. Die nichts haben, wollen selber haben,
bekommen aber nichts. Auch diese sind selten Gottesstreiter. Sie kamen
zunächst nur zu spät zum Raub oder waren zu ungeschickt oder die
Gelegenheit fehlte ihnen. Daß Gott der Beraubte ist, daran denken die
allerwenigsten. Und nur ganz selten hört man den Ruf eines gerechten
Mannes, alles in Gottes Hände wieder zurückzugeben.

O Brüder, wie denkt ihr über einen Mann, der da eine Hütte hat, groß
genug für ein ganzes Samoadorf und gibt nicht dem Wanderer sein Dach für
eine Nacht? Wie denkt ihr über einen Mann, der eine Traube Bananen in
Händen hält und gibt dem nicht eine einzige Frucht, der da hungernd
darum bittet? -- Ich sehe den Zorn in euern Augen und die große
Verachtung auf euern Lippen. So denkt: Dies ist das Tun des Papalagi zu
jeder Stunde. Und wenn er auch hundert Matten hat, er gibt nicht eine
dem, der keine hat. Er macht dem anderen eher noch eine Schuld und einen
Vorwurf daraus, daß dieser keine hat. Er mag seine Hütte bis unter die
höchste Spitze seines Daches voller Essensvorräte haben, viel mehr als
er und seine Aiga[32] in Jahren essen kann, er wird nicht suchen gehen
nach denen, die nichts zu essen haben, die bleich und hungrig sind. Und
es gibt viele Papalagi, die da bleich und hungrig sind.

Die Palme wirft ihre Blätter und Früchte ab, wenn sie reif sind. Der
Papalagi lebt so, wie wenn die Palme ihre Blätter und Früchte festhalten
wollte: Es sind meine! Ihr dürft sie nicht haben und nichts davon essen!
-- Wie sollte die Palme neue Früchte tragen können? Die Palme hat viel
mehr Weisheit als ein Papalagi.

Auch unter uns gibt es viele, die mehr haben als die anderen, und wir
erweisen dem Häuptling Ehre, der da viele Matten und viele Schweine hat.
Diese Ehre gilt aber nur ihm alleine und nicht den Matten und Schweinen.
Denn diese gaben wir ihm selber zum Alofa[33], um unsere Freude zu
zeigen und seine große Tapferkeit und Klugheit zu loben. Der Papalagi
verehrt aber an seinem Bruder die vielen Matten und Schweine, ihn
kümmert wenig dessen Tapferkeit und Klugheit. Ein Bruder ohne Matten und
ohne Schweine hat nur ganz geringe Ehre oder gar keine.

Da nun die Matten und Schweine nicht selber zu den Armen und Hungrigen
kommen können, sieht auch der Papalagi keinen Grund, sie seinen Brüdern
zu bringen. Denn er ehrt ja nicht sie, sondern nur ihre Matten und
Schweine, und darum behält er sie auch für sich. Würde er seine Brüder
lieben und ehren und nicht mit ihnen im Kampf um das Mein und Dein
stehen, so würde er ihnen die Matten bringen, damit sie teilhätten an
seinem großen Mein. Er würde seine eigene Matte mit ihnen teilen,
anstatt sie in die dunkle Nacht hinauszustoßen.

Aber der Papalagi weiß nicht, daß Gott uns die Palme, Banane, den
köstlichen Taro, alle Vögel des Waldes und alle Fische des Meeres gab,
daß wir alle uns daran freuen und glücklich sein sollen. Nicht aber für
nur wenige unter uns, während die anderen darben und Not leiden müssen.
Wem Gott viel in seine Hand gab, muß seinem Bruder abgeben, damit nicht
die Frucht in seiner Hand faule. Denn Gott reicht allen Menschen seine
vielen Hände; er will nicht, daß einer ungleich mehr hat als der andere,
oder daß einer sagt: Ich stehe in der Sonne, du gehörst in den Schatten.
Wir alle gehören in die Sonne.

Wo Gott alles in seiner gerechten Hand behält, da ist kein Kampf und
keine Not. Der listige Papalagi möchte nun auch uns aufschwätzen: Gott
gehört nichts! Dir gehört, was du mit Händen halten kannst! -- Laßt uns
unsere Ohren verschließen vor solcher schwachen Rede und festhalten an
dem guten Wissen: Gott gehört alles.


[Fussnote 30: Gefängnis.]

[Fussnote 31: Herrscher.]

[Fussnote 32: Familie.]

[Fussnote 33: Geschenk.]

[Fussnote: A n m e r k.  d e s  H e r a u s g e b e r s. Die
verächtlichen Worte Tuiaviis über unsere Eigentumsbegriffe müssen jedem
verständlich sein, der weiß, daß die Eingeborenen Samoas in völliger
Gütergemeinschaft leben. Den Begriff von mein und dein in unserem Sinne
gibt es tatsächlich nicht. Auf allen meinen Reisen hat der Eingeborene
stets sein Dach, seine Matte, sein Essen, alles in
Selbstverständlichkeit mit mir geteilt. Und oft bekam ich von einem
Häuptling als seinen ersten Gruß die Worte: »Was mein ist, ist auch
dein.« Der Begriff »stehlen« ist dem Insulaner fremd. Alles gehört
allen. Alles gehört Gott.]




  Der große Geist ist stärker als die Maschine


Der Papalagi macht viele Dinge, die wir nicht machen können, die wir nie
begreifen werden, die für unseren Kopf nichts sind als schwere Steine.
Dinge, nach denen wir wenig Begehren haben, die den Schwachen unter uns
wohl in Erstarren bringen können und in falsche Demut. Darum laßt uns
ohne Scheu die wunderbaren Künste des Papalagi betrachten.

Der Papalagi hat die Kraft, alles zu seinem Speere und zu seiner Keule
zu machen. Er nimmt sich den wilden Blitz, das heiße Feuer und das
schnelle Wasser und macht sie seinem Willen gefügig. Er sperrt sie ein
und gibt ihnen seine Befehle. Sie gehorchen. Sie sind seine stärksten
Krieger. Er weiß das große Geheimnis, den wilden Blitz noch schneller
und leuchtender zu machen, das heiße Feuer noch heißer, das schnelle
Wasser noch schneller.

Der Papalagi scheint wirklich der Himmelsdurchbrecher[34] zu sein, der
Bote Gottes; denn er beherrscht den Himmel und die Erde nach seiner
Freude. Er ist Fisch und Vogel und Wurm und Roß zugleich. Er bohrt sich
in die Erde. Durch die Erde. Unter den breitesten Süßwasserflüssen
hindurch. Er schlüpft durch Berge und Felsen. Er bindet sich eiserne
Räder unter die Füße und jagt schneller als das schnellste Roß. Er
steigt in die Lüfte. Er kann fliegen. Ich sah ihn am Himmel gleiten wie
die Seemöve. Er hat ein großes Canoe, damit auf dem Wasser zu fahren, er
hat ein Canoe, um unter dem Meere zu fahren. Er fährt mit einem Canoe
von Wolke zu Wolke.

Liebe Brüder, ich lege ein Zeugnis der Wahrheit ab mit meinen Worten,
und ihr müßt euerm Knechte glauben, auch wenn eure Sinne Zweifel geben
an dem, was ich verkünde. Denn groß und sehr bewundernswert sind die
Dinge des Papalagi, und ich fürchte, es möchte viele unter uns geben,
die da schwach werden vor solcher Kraft. Und wo sollte ich anfangen,
wollte ich euch alles berichten, was mein Auge mit Staunen sah.

Ihr alle kennt das große Canoe, das der Weiße den Dampfer nennt. Ist er
nicht wie ein großer, ein gewaltiger Fisch? -- Wie ist es nur möglich,
daß er schneller von Insel zu Insel fährt als die stärksten Jünglinge
unter uns ein Canoe zu rudern vermögen? Saht ihr die große Schwanzflosse
am Ende im Fortbewegen? Sie schlägt und bewegt sich genau wie bei den
Fischen in der Lagune. Diese große Flosse treibt das große Canoe weiter.
Daß dies möglich ist, ist das große Geheimnis des Papalagi. Dieses
Geheimnis ruht im Leibe des großen Fisches. Dort ist die Maschine, die
der großen Flosse die große Kraft gibt. Die Maschine, sie ist es, welche
die große Kraft in sich birgt. Dies zu sagen, was eine Maschine ist,
dazu reicht die Kraft meines Kopfes nicht. Ich weiß nur dies: sie frißt
schwarze Steine und gibt dafür ihre Kraft. Eine Kraft, die nie ein
Mensch haben kann.

Die Maschine ist die stärkste Keule des Papalagi. Gib ihm den stärksten
Ifibaum des Urwaldes -- die Hand der Maschine zerschlägt den Stamm, wie
eine Mutter ihren Kindern die Tarofrucht bricht. Die Maschine ist der
große Zauberer Europas. Ihre Hand ist stark und nie müde. Wenn sie will,
schneidet sie hundert ja tausend Tanoen an einem Tage. Ich sah sie
Lendentücher weben, so fein, so zierlich, wie von den zierlichsten
Händen einer Jungfrau gewoben. Sie flocht vom Morgen bis zur Nacht. Sie
spie Lendentücher, wohl einen großen Hügel voll. Schmachvoll und
ärmlich ist unsere Kraft gegen die gewaltige Kraft der Maschine.

Der Papalagi ist ein Zauberer. Singe ein Lied -- er fängt deinen Gesang
auf und gibt ihn dir wieder, zu jeder Stunde da du ihn haben willst. Er
hält dir eine Glasplatte entgegen und fängt dein Spiegelbild darauf. Und
tausendmal hebt er dein Bild davon ab, so viel du nur davon haben magst.

Doch größere Wunder sah ich als diese. Ich sagte euch, daß der Papalagi
die Blitze des Himmels fängt. Dem ist wahrhaftig so. Er fängt sie ein,
die Maschine muß sie fressen, zerfressen, und zur Nacht speit sie sie
wieder aus in tausend Sternchen, Glühwürmchen und kleinen Monden. Es
wäre ihm ein leichtes, unsere Inseln zur Nacht mit Licht zu
überschütten, daß sie hell und leuchtend wären wie am Tage.

Oft sendet er die Blitze wieder aus zu seinem Nutzen, er befiehlt ihnen
den Weg und gibt ihnen Kunde mit für seine fernen Brüder. Und die Blitze
gehorchen und nehmen die Kunde mit sich.

Der Papalagi hat alle seine Glieder stärker gemacht. Seine Hände reichen
über Meere und bis zu den Sternen, und seine Füße überholen Wind und
Wellen. Sein Ohr hört jedes Flüstern in Savaii, und seine Stimme hat
Flügel wie ein Vogel. Sein Auge ist sehend zur Nacht. Er sieht durch
dich selber hindurch, als sei dein Fleisch klar wie Wasser, und er sieht
jeden Unrat auf dem Grund dieses Wassers.

Dies alles, wovon ich Zeuge war und was ich euch verkünde, ist nur ein
kleiner Teil von dem, was mein Auge mit Bewunderung sehen durfte. Und
glaubt mir, der Ehrgeiz des Weißen ist groß, immer neue und stärkere
Wunder zu vollbringen, und Tausende sitzen eifrig in den Nächten und
sinnen, wie sie Gott einen Sieg abringen können. Denn das ist es: der
Papalagi strebt zu Gott. Er möchte den großen Geist zerschlagen und
seine Kräfte selber an sich nehmen. Aber noch ist Gott größer und
mächtiger als der größte Papalagi und seine Maschine, und noch immer
bestimmt er, wer von uns und wann wir sterben sollen. Noch dient die
Sonne, das Wasser und Feuer in erster Linie ihm. Und noch hat kein
Weißer je den Aufgang des Mondes und die Richtung der Winde nach seinem
Willen bestimmt.

Solange dies ist, bedeuten jene Wunder nur wenig. Und schwach ist der
unter uns, liebe Brüder, der diesen Wundern des Papalagi unterliegt, der
den Weißen anbetet um seiner Werke willen und sich selbst als arm und
unwürdig erklärt, weil seine Hand und sein Geist nicht ein Gleiches
vermögen. Denn so sehr alle Wunder und Fertigkeiten des Papalagi unsere
Augen staunend machen können -- im klarsten Sonnenlichte betrachtet,
bedeuten sie wenig mehr als das Schnitzen einer Keule und das Flechten
einer Matte, und alles Tun gleicht nur dem Spielen eines Kindes im
Sande. Denn es gibt nichts, das der Weiße gemacht hat und nur im
entferntesten den Wundern des großen Geistes gleichkäme.

Herrlich und gewaltig und geschmückt sind die Hütten der hohen Alii, die
man Paläste nennt und schöner noch die hohen Hütten, die Gott zu Ehren
errichtet wurden, die oft höher sind als der Gipfel des Tofua.[35]
Trotzdem -- grob und roh und ohne das warme Blut des Lebens ist dies
alles gegen einen jeden Hibiskusstrauch mit seinen feuerbrandigen
Blüten, gegen jeden Wipfel einer Palme oder den farben- und
formentrunkenen Wald der Korallen. Nie noch spann der Papalagi ein
Lendentuch so fein, wie Gott in jeder Spinne spinnt, und nicht eine
Maschine ist so fein und kunstvoll, wie die kleine Sandameise, die in
unserer Hütte lebt.

Der Weiße fliegt zu den Wolken wie ein Vogel, sagte ich euch. Aber die
große Seemöve fliegt doch höher und schneller als der Mensch und bei
allen Stürmen, und die Flügel kommen aus ihrem Leibe, während die
Flügel des Papalagi nur eine Täuschung sind und leicht brechen und
abfallen können.

So haben alle seine Wunder doch eine heimliche unvollkommene Stelle, und
es gibt keine Maschine, die nicht ihren Wächter braucht und ihren
Antreiber. Und jede birgt in sich einen heimlichen Fluch. Denn wenn auch
die starke Hand der Maschine alles macht, sie frißt bei ihrer Arbeit
auch die Liebe mit, die ein jedes Ding in sich birgt, das unsere eigenen
Hände bereiteten. Was gälte mir ein Canoe und eine Keule von der
Maschine geschnitzt, einem blutlosen, kalten Wesen, das nicht von seiner
Arbeit sprechen kann, nicht lächeln, wenn sie vollendet und sie nicht
der Mutter und dem Vater bringen kann, damit auch sie sich freuen. Wie
soll ich meine Tanoa lieb haben, wie ich sie lieb habe, wenn eine
Maschine sie mir jeden Augenblick wieder machen könnte ohne mein Zutun?
-- Dies ist der große Fluch der Maschine, daß der Papalagi nichts mehr
lieb hat, weil sie ihm alles allsogleich wiedermachen kann. Er muß sie
von seinem eigenen Herzen speisen, um ihre liebeleeren Wunder zu
empfangen.

Der große Geist will selber die Kräfte des Himmels und der Erde
bestimmen und sie nach seinem Ermessen verteilen. Dies steht niemals den
Menschen zu. Nicht ungestraft versucht der Weiße, sich selber zum Fisch
und Vogel, zum Roß und Wurm zu machen. Und viel kleiner ist sein Gewinn,
als er sich selber zu gestehen wagt. Wenn ich durch ein Dorf reite,
komme ich wohl schnell von der Stelle, aber wenn ich wandere, sehe ich
mehr und die Freunde rufen mich in ihre Hütten. Schnell an ein Ziel
kommen ist selten ein rechter Gewinn. Der Papalagi will immer schnell
ans Ziel. Die meisten seiner Maschinen dienen alleine dem Zwecke,
schnell an ein Ziel zu kommen. Ist er am Ziel, so ruft ihn ein neues. So
jagt der Papalagi durch sein Leben ohne Ruhe, verlernt immer mehr das
Gehen und Wandeln und das fröhliche Sichbewegen auf das Ziel, das uns
entgegenkommt, das wir nicht suchen.

Ich sage euch darum: die Maschine ist ein schönes Spielzeug der weißen
großen Kinder, und alle seine Künste dürfen uns nicht schrecken. Noch
hat der Papalagi keine Maschine gebaut, die ihn vor dem Tode bewahrt. Er
hat noch nichts getan oder gemacht, was größer ist als das, was Gott zu
jeder Stunde tut und macht. Alle Maschinen und anderen Künste und
Zaubereien haben noch keines Menschen Leben verlängert, haben ihn auch
nicht froher und glücklicher gemacht. Halten wir uns darum an die
wunderbaren Maschinen und hohen Künste Gottes und verachten wir, wenn
der Weiße Gott spielt.

[Fussnote 34: Papalagi heißt der Weiße, der Fremde, wörtlich übersetzt
aber der Himmelsdurchbrecher. Der erste weiße Missionar, der in Samoa
landete, kam in einem Segelboot. Die Eingeborenen hielten das weiße
Segelboot aus der Ferne für ein Loch im Himmel, durch das der Weiße zu
ihnen kam. -- Er durchbrach den Himmel.]


[Fussnote 35: Ein hoher Berg auf Upolu.]




  Vom Berufe des Papalagi und wie er sich darin verirrt


Jeder Papalagi hat einen Beruf. Es ist schwer zu sagen, was dies ist. Es
ist etwas, wozu man viele Lust haben sollte, aber zumeist wenig Lust
hat. Einen Beruf haben, das ist: immer ein und dasselbe tun. Etwas so
oft tun, daß man es mit geschlossenen Augen und ohne alle Anstrengung
tun kann. Wenn ich mit meinen Händen nichts tue als Hütten bauen oder
Matten flechten -- so ist das Hüttenbauen oder Mattenflechten mein
Beruf.

Es gibt männliche und weibliche Berufe. Wäsche in der Lagune waschen und
Fußhäute blank machen ist Frauenberuf, ein Schiff über das Meer fahren
oder Tauben im Busch schießen ist Mannesberuf. Die Frau gibt ihren Beruf
zumeist auf, sobald sie heiratet, der Mann beginnt dann erst, ihn
tüchtig zu betreiben. Jeder Alii gibt seine Tochter nur, wenn der Freier
einen geübten Beruf hat. Ein berufsloser Papalagi kann nicht heiraten.
Jeder weiße Mann soll und muß einen Beruf haben.

Aus diesem Grunde muß jeder Papalagi, lange vor der Zeit, da ein
Jüngling sich tätowieren läßt, entscheiden, welche Arbeit er sein Leben
lang tun will. Man heißt das: seinen Beruf nehmen. Dies ist eine sehr
wichtige Sache, und die Aiga spricht ebensoviel davon, als was sie am
anderen Tage essen möchte. Nimmt er nun den Beruf des Mattenflechtens,
so bringt der alte Alii den jungen Alii zu einem Manne, der auch nichts
tut als Mattenflechten. Dieser Mann muß dem Jüngling zeigen, wie man
eine Matte flicht. Er muß ihn lehren, eine Matte so zu machen, daß er
sie macht, ohne hinzuschauen. Dies geht oft eine lange Zeit, sobald er
das aber kann, geht er von dem Manne wieder fort, und man sagt nun: er
hat einen Beruf.

Wenn nun der Papalagi später einsieht, daß er lieber Hütten bauen als
Matten flechten würde, sagt man: er hat seinen Beruf verfehlt; das heißt
so viel wie: er hat vorbeigeschossen. Dies ist ein großer Schmerz; denn
es ist gegen die Sitte, nun einfach einen anderen Beruf zu nehmen. Es
ist gegen die Ehre eines rechten Papalagi zu sagen: ich kann dies nicht
-- ich habe keine Lust dazu; oder: meine Hände wollen mir dazu nicht
gehorchen.

Der Papalagi hat so viele Berufe, wie Steine in der Lagune liegen. Aus
allem Tun macht er einen Beruf. Wenn jemand die welken Blätter des
Brotfruchtbaumes aufsammelt, so pflegt er einen Beruf. Wenn einer
Eßgeschirre reinigt, so ist auch dies ein Beruf. Alles ist ein Beruf, wo
etwas getan wird. Mit den Händen oder dem Kopfe. Es ist auch ein Beruf,
Gedanken zu haben oder nach den Sternen zu schauen. Es gibt eigentlich
nichts, das ein Mann tun könnte, aus dem der Papalagi nicht einen Beruf
macht.

Wenn also ein Weißer sagt: ich bin ein Tussi-tussi[36] -- so ist dies
sein Beruf, so tut er eben nichts, als einen Brief nach dem andern
schreiben. Er rollt seine Schlafmatte nicht aufs Gebälk, er geht nicht
ins Kochhaus, sich eine Frucht zu braten, er säubert sein Eßgeschirr
nicht. Er ißt Fische, geht aber nicht zum Fischen, er ißt Früchte,
bricht aber nie eine Frucht vom Baume. Er schreibt einen Tussi nach dem
andern; denn Tussi-tussi ist ein Beruf. Gerade so wie dieses alles aus
sich schon ein Beruf ist: das Schlafmatten-aufs-Gebälk-tun, das
Früchte-braten, Eßgeschirre-säubern, das Fische-fangen oder das
Früchte-brechen. Erst der Beruf gibt jedem eine rechte Vollmacht zu
seinem Tun.

So kommt es denn, daß die meisten Papalagi nur das tun können, was ihr
Beruf ist, und der höchste Häuptling, der viel Weisheit im Kopfe hat und
viel Kraft im Arm, nicht fähig ist, seine Schlafrolle aufs Gebälk zu
legen oder sein Eßgeschirr zu reinigen. Und so kommt es auch, daß der,
welcher einen farbenbunten Tussi schreiben kann, doch nicht fähig sein
muß, ein Canoe über die Lagune hinauszufahren und umgekehrt. Beruf
haben heißt: nur laufen, nur schmecken, nur riechen, nur kämpfen können,
immer nur eines können.

In diesem Nur-eines-können liegt ein großer Mangel und eine große
Gefahr; denn ein jeder kann wohl einmal in die Lage kommen, ein Canoe
durch die Lagune zu fahren.

Der große Geist gab uns unsere Hände, daß wir die Frucht vom Baume
brechen, die Taroknolle aus dem Sumpfe heben können. Er gab sie uns,
unseren Leib zu schützen gegen alle Feinde, und er gab sie uns zur
Freude bei Tanz und Spiel und allen Lustbarkeiten. Er gab sie uns aber
sicher nicht, daß wir nur Hütten bauen, nur Früchte brechen oder Knollen
heben, sondern sie sollen unsere Diener und Krieger sein zu allen Zeiten
und bei allen Gelegenheiten.

Dies begreift aber der Papalagi nicht. Daß sein Tun aber falsch ist,
grundfalsch und gegen alle Gebote des großen Geistes, erkennen wir
daran, daß es Weiße gibt, die nicht mehr laufen können, die viel Fett
ansetzen am Unterleib wie ein Puaa[37], weil sie stets rasten müssen,
von berufswegen, die keinen Speer mehr heben und werfen können, weil
ihre Hand nur den Schreibknochen hält, sie im Schatten sitzen und nichts
tun als Tussi schreiben, die kein wildes Roß mehr lenken können, weil
sie nach den Sternen sehen oder Gedanken aus sich selber ausgraben.

Selten kann ein Papalagi noch springen und hüpfen wie ein Kind, wenn er
im Mannesalter ist. Er schleift beim Gehen seinen Leib an der Luft und
bewegt sich fort, als ob er dauernd gehemmt sei. Er beschönigt und
verleugnet diese Schwäche und sagt, daß Laufen, Springen und Hüpfen
nicht wohlanständig für einen Mann von Würde sei. Aber dies ist dennoch
ein Heuchelgrund; denn seine Knochen sind hart und unbeweglich geworden,
und alle seine Muskeln verließ ihre Freude, weil der Beruf sie zu Schlaf
und Tod verbannte. Auch der Beruf ist ein Aitu, der das Leben
vernichtet. Ein Aitu, der dem Menschen schöne Einflüsterungen macht, ihm
aber das Blut aus dem Leibe trinkt.

Doch der Beruf schadet dem Papalagi noch in anderer Weise und gibt sich
noch nach anderer Seite hin als ein Aitu zu erkennen.

Es ist eine Freude, eine Hütte zu bauen, die Bäume im Walde zu fällen
und sie zu Pfosten zu behauen, die Pfosten dann aufzurichten, das Dach
darüber zu wölben und am Ende, wenn Pfosten und Träger und alles andere
gut mit Kokosfaden verbunden ist, es mit dem trockenen Laube des
Zuckerrohres zu decken. Ich brauche euch nicht zu sagen, wie groß eine
Freude ist, wenn eine Dorfschaft das Häuptlingshaus errichtet und selbst
die Kinder und Frauen an der großen Feier mit teilnehmen.

Was würdet ihr nun sagen, wenn nur wenige Männer aus dem Dorfe in den
Wald dürften, um die Bäume zu fällen und sie zu Pfosten zu schlagen? Und
diese wenigen dürften nicht helfen, die Pfosten aufzurichten, denn ihr
Beruf wäre es, nur Bäume zu fällen und Pfosten zu schlagen? Und die,
welche die Pfosten aufrichten, dürften nicht das Dachgesparre flechten,
denn ihr Beruf wäre es, nur Pfosten aufzurichten? Und die, welche das
Dachgesparre flechten, dürften nicht helfen, es mit Zuckerrohrlaub zu
decken, denn ihr Beruf wäre es, nur Sparren zu flechten? Alle aber
dürften nicht helfen, den runden Kiesel vom Strande zu holen zum Belag
des Bodens, denn dieses dürften nur tun, die, deren Beruf dies ist? Und
nur die dürften die Hütte befeiern und einweihen, die darin wohnen,
nicht aber sie alle, welche die Hütte erbauen? --

Ihr lacht, und so würdet ihr auch sicherlich sagen: Wenn wir nur eines
und nicht alles mittun dürfen und nicht bei allem helfen sollen, wozu
Manneskraft dient, so ist unsere Freude nur halb -- sie ist gar nicht.
Und ihr würdet sicher als einen Narren erklären, jeden, welcher von
euch derweise forderte, eure Hand nur zu einem Zwecke zu benutzen,
geradeso als seien alle anderen Glieder und Sinne eures Leibes lahm und
tot.

Hieraus wird denn auch dem Papalagi seine höchste Not. Es ist schön,
einmal am Bache Wasser zu schöpfen, auch mehrere Male am Tage; aber wer
da von Sonnenaufgang bis zur Nacht schöpfen muß und jeden Tag wieder und
alle Stunden, soweit seine Kraft nur reicht und immer wieder schöpfen
muß -- der wird schließlich den Schöpfer in Zorn von sich schleudern in
Empörung über die Fessel an seinem Leibe. Denn nichts fällt jedem
Menschen so schwer, als immer genau das Gleiche zu tun.

Es gibt aber Papalagi, die schöpfen nicht etwa Tag um Tag an gleicher
Quelle -- dies möchte ihnen noch eine hohe Freude sein, -- nein, die nur
ihre Hand heben oder senken oder gegen einen Stab stoßen und dies in
einem schmutzigen Raume, ohne Licht und ohne Sonne, die nichts tun, bei
dem eine Kraftmühe ist oder irgend eine Freude, deren Heben oder Senken
oder Gegen-einen-Steinstoßen dennoch vonnöten ist nach dem Denken des
Papalagi, weil damit vielleicht eine Maschine angetrieben oder geregelt
wird, die da Kalkringe schneidet oder Brustschilder, Hosenmuscheln oder
sonst was. Es gibt in Europa wohl mehr Menschen als Palmen auf unseren
Inseln sind, deren Gesicht aschgrau ist, weil sie keine Freude an ihrer
Arbeit kennen, weil ihr Beruf ihnen alle Lust verzehrt, weil aus ihrer
Arbeit keine Frucht, nicht einmal ein Blatt wird, sich daran zu freuen.

Und darum lebt ein glühender Haß in den Menschen der Berufe. Sie alle
haben in ihrem Herzen ein Etwas wie ein Tier, das eine Fessel festhält,
das sich aufbäumt und das doch nicht los kann. Und alle messen ihre
Berufe aneinander voll Neid und Mißgunst, man spricht von höheren und
niederen Berufen, obgleich doch alle Berufe nur ein Halbtun sind. Denn
der Mensch ist nicht nur Hand oder nur Fuß oder nur Kopf; er ist alles
vereint. Hand, Fuß und Kopf wollen gemeinsam sein. Wenn alle Glieder und
Sinne zusammentun, nur dann kann sich ein Menschenherz gesund freuen,
nie aber wenn nur ein Teil des Menschen Leben hat und alle anderen tot
sein sollen. Dies bringt den Menschen in Wirrnis, Verzweiflung oder
Krankheit.

Der Papalagi lebt in Wirrnis durch seinen Beruf. Er will dies zwar nie
wissen, und sicherlich, so er mich dies alles reden hörte, möchte er
mich als den Narren erklären, der da Richter sein will und der doch nie
zu urteilen vermag, weil er selber nie einen Beruf gehabt und auch nie
wie ein Europäer gearbeitet hat.

Aber der Papalagi hat uns nie die Wahrheit und die Einsicht gebracht,
warum wir arbeiten sollen, mehr als Gott es von uns verlangt, um satt zu
werden, ein Dach über dem Haupte zu haben und eine Freude am Feste auf
dem Dorfplatze. Wenig mag diese Arbeit erscheinen und arm unser Dasein
an Berufen. Aber was ein rechter Mann und Bruder der vielen Inseln ist,
der macht seine Arbeit mit Freude, nie mit Pein. Lieber macht er sie gar
nicht. Und dies ist es, was uns von den Weißen scheidet. Der Papalagi
seufzt, wenn er von seiner Arbeit spricht, als erdrücke ihn eine Bürde;
singend ziehen die Jünglinge Samoas ins Tarofeld, singend reinigen die
Jungfrauen die Lendentücher am strömenden Bache. Der große Geist will
sicher nicht, daß wir grau werden sollen in Berufen und schleichen wie
die Kröten und kleinen Kriechtiere in der Lagune. Er will, daß wir stolz
und aufrecht bleiben in allem Tun und immer ein Mensch mit fröhlichen
Augen und fließenden Gliedern.


[Fussnote 36: Tussi = der Brief, Tussi-tussi = der Briefschreiber.]

[Fussnote 37: Schwein.]




  Von dem Orte des falschen Lebens und von den vielen Papieren


Viel hätte euch, liebe Brüder des großen Meeres, euer demütiger Diener
zu sagen, um euch die Wahrheit über Europa zu geben. Dazu müßte meine
Rede sein wie ein Sturzbach, der vom Morgen bis zum Abend fließt, und
dennoch würde eure Wahrheit unvollkommen sein, denn das Leben des
Papalagi ist wie das Meer, dessen Anfang und Ende man auch nie genau
abschauen kann. Es hat ebensoviele Wellen, wie das große Wasser; es
stürmt und brandet, es lächelt und träumt. Wie dieses nie ein Mensch mit
hohler Hand ausschöpfen kann, so kann ich auch nicht das große Meer
Europas zu euch tragen mit meinem kleinen Geiste.

Aber davon will ich nicht säumen, euch zu berichten, denn wie das Meer
nicht ohne Wasser sein kann, so das Leben Europas nicht ohne den Ort des
falschen Lebens und nicht ohne die vielen Papiere. Nimmst du dies beides
dem Papalagi, so gliche er wohl dem Fische, den die Brandung aufs Land
geworfen hat: er kann nur mit den Gliedern zucken, aber nicht mehr
schwimmen und sich tummeln, wie er es liebt.

Der Ort des falschen Lebens. Es ist nicht leicht, euch diesen Ort, den
der Weiße Kino nennt, zu schildern, so, daß ihr ihn mit euren Augen klar
erkennet. In jeder Dorfschaft überall in Europa gibt es diesen
geheimnisvollen Ort, den die Menschen lieben, mehr wie ein Missionshaus.
Von dem schon die Kinder träumen und mit dem ihre Gedanken sich liebend
gerne beschäftigen.

Das Kino ist eine Hütte, größer wie die größte Häuptlingshütte von
Upolu, ja viel größer noch. Sie ist dunkel auch am hellsten Tage, so
dunkel, daß niemand den anderen erkennen kann. Daß man geblendet ist,
wenn man hineinkommt, noch geblendeter, wenn man wieder hinausgeht. Hier
schleichen sich die Menschen hinein, tasten an den Wänden entlang, bis
eine Jungfrau mit einem Feuerfunken kommt und sie dahin führt, wo noch
Platz ist. Ganz dicht hockt ein Papalagi neben dem anderen in der
Dunkelheit, keiner sieht den anderen, der dunkle Raum ist mit
schweigenden Menschen gefüllt. Jeder einzelne sitzt auf einem schmalen
Brettchen; alle Brettchen stehen in Richtung nach der einen gleichen
Wand hin.

Vom Grunde dieser Wand, wie aus einer tiefen Schlucht, dringt lautes
Getön und Gesumme hervor, und sobald die Augen sich an die Dunkelheit
gewöhnt haben, erkennt man einen Papalagi, der sitzend mit einer Truhe
kämpft. Er schlägt mit ausgespreizten Händen auf sie ein, auf viele
kleine weiße und schwarze Zungen, die die große Truhe hervorstreckt, und
jede Zunge kreischt laut auf und jede mit einer anderen Stimme bei jeder
Berührung, daß es ein wildes und irres Gekreisch verursacht wie bei
einem großen Dorfstreit.

Dieses Getöse soll unsere Sinne ablenken und schwach machen, daß wir
glauben, was wir sehen und nicht daran zweifeln, daß es wirklich ist.
Geradevor an der Wand erstrahlt ein Lichtschein, als ob ein starkes
Mondlicht darauf schiene, und in dem Scheine sind Menschen, wirkliche
Menschen, die aussehen und gekleidet sind wie richtige Papalagi, die
sich bewegen und hin- und hergehen, die laufen, lachen, springen,
geradeso wie man es in Europa allerorten sieht. Es ist wie das
Spiegelbild des Mondes in der Lagune. Es ist der Mond, und er ist es
doch nicht. So auch ist dies nur ein Abbild. Jeder bewegt den Mund, man
zweifelt nicht, daß sie sprechen, und doch hört man keinen Laut und kein
Wort, so genau man auch hinhorcht und so quälend es auch ist, daß man
nichts hört. Und dies ist auch der Hauptgrund, weshalb jener Papalagi
die Truhe so schlägt: er soll damit den Anschein erwecken, als könne man
die Menschen nur nicht hören in seinem Getöse. Und deshalb erscheinen
auch zuweilen Schriftzeichen an der Wand, die da künden, was der
Papalagi gesagt hat oder noch sagen wird.

Trotzdem -- diese Menschen sind Scheinmenschen und keine wirklichen
Menschen. Wenn man sie anfassen würde, würde man erkennen, daß sie nur
aus Licht sind und sich nicht greifen lassen. Sie sind nur dazu da, dem
Papalagi alle seine Freuden und Leiden, seine Torheiten und Schwächen zu
zeigen. Er sieht die schönsten Frauen und Männer ganz in seiner Nähe.
Wenn sie auch stumm sind, so sieht er doch ihre Bewegungen und das
Leuchten der Augen. Sie scheinen ihn selber anzuleuchten und mit ihm zu
sprechen. Er sieht die höchsten Häuptlinge, mit denen er nie
zusammenkommen kann, ungestört und nahe wie seinesgleichen. Er nimmt an
großen Essenshuldigungen, Fonos und anderen Festen teil, er scheint
selber immer dabei zu sein und mitzuessen und mitzufeiern. Aber er sieht
auch, wie der Papalagi das Mädchen einer Aiga raubt. Oder wie ein
Mädchen seinem Jüngling untreu wird. Er sieht wie ein wilder Mann einen
reichen Alii an die Gurgel packt, wie seine Finger sich tief in das
Fleisch des Halses drücken, die Augen des Alii hervorquellen, wie er tot
ist und ihm der wilde Mann sein rundes Metall und schweres Papier aus
dem Lendentuche reißt.

Währenddem nun das Auge des Papalagi solche Freuden und
Schrecklichkeiten sieht, muß er ganz stille sitzen; er darf das untreue
Mädchen nicht schelten, darf dem reichen Alii nicht beispringen, um ihn
zu retten. Aber dies macht dem Papalagi keinen Schmerz; er sieht dies
alles mit großer Wollust an, als ob er gar kein Herz habe. Er empfindet
keinen Schrecken und keinen Abscheu. Er beobachtet alles, als sei er
selber ein anderes Wesen. Denn der, welcher zusieht, ist immer der
festen Meinung, er sei besser als die Menschen, welche er im Lichtschein
sieht und er selber umginge alle die Torheiten, die ihm gezeigt werden.
Still und ohne Luftnehmen hangen seine Augen an der Wand, und sobald er
ein starkes Herz und ein edles Abbild sieht, zieht er es in sein Herz
und denkt: dies ist mein Abbild. Er sitzt völlig unbewegt auf seinem
Holzsitz und starrt auf die steile, glatte Wand, auf der nichts lebt als
ein täuschender Lichtschein, den ein Zauberer durch einen schmalen Spalt
der Rückwand hereinwirft und auf dem doch so vieles lebt als falsches
Leben.

Diese falschen Abbilder, die kein wirkliches Leben haben, in sich
hineinziehen, das ist es, was dem Papalagi so hohen Genuß bereitet. In
diesem dunklen Raum kann er ohne Scham und ohne daß die anderen
Menschen seine Augen dabei sehen, sich in ein falsches Leben hineintun.
Der Arme kann den Reichen spielen, der Reiche den Armen, der Kranke kann
sich gesunddenken, der Schwache stark. Jeder kann hier im Dunkeln an
sich nehmen und im falschen Leben erleben, was er im wirklichen Leben
nicht erlebt und nie erleben wird.

Sich diesem falschen Leben hinzugeben ist eine große Leidenschaft des
Papalagi geworden, sie ist oft so groß, daß er sein wirkliches Leben
darüber vergißt. Diese Leidenschaft ist krank, denn ein rechter Mann
will nicht in einem dunklen Raum ein Scheinleben haben, sondern ein
warmes wirkliches in der hellen Sonne. Die Folge dieser Leidenschaft
ist, daß viele Papalagi, die da aus dem Orte des falschen Lebens treten,
dieses nicht mehr vom wirklichen Leben unterscheiden können und wirr
geworden, sich reich glauben, wenn sie arm, oder schön, wenn sie häßlich
sind. Oder Untaten tun, die sie in ihrem wirklichen Leben nie getan
hätten, die sie aber tun, weil sie das nicht mehr unterscheiden können,
was wirklich ist und was nicht ist. Es ist ein ganz ähnlicher Zustand
wie ihr alle ihn an dem Europäer kennt, wenn er zuviel europäische Kava
getrunken hat und glaubt auf Wellen zu gehen.

Auch die vielen Papiere erwirken eine Art Rausch und Taumel über den
Papalagi. -- Was dies ist, die vielen Papiere? -- -- Denkt euch eine
Tapamatte, dünn, weiß, zusammengefaltet, geteilt und nochmals gefaltet,
alle Seiten eng beschrieben, ganz eng -- das ist die vielen Papiere,
oder wie es der Papalagi nennt, die Zeitung.

In diesen Papieren liegt die große Klugheit des Papalagi. Er muß jeden
Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen
und ihn satt zu machen, damit er besser denkt und viel in sich hat; wie
das Pferd auch besser läuft, wenn es viele Bananen gefressen hat und
sein Leib ordentlich voll ist. Wenn der Alii noch auf der Matte liegt,
eilen schon Boten durchs Land und verteilen die vielen Papiere. Es ist
das erste, wonach der Papalagi greift, nachdem er den Schlaf von sich
stieß. Er liest. Er bohrt seine Augen in das, was die vielen Papiere
erzählen. Und alle Papalagi tun das Gleiche -- auch sie lesen. Sie
lesen, was die höchsten Häuptlinge und Sprecher Europas auf ihren Fonos
gesagt haben. Dies steht genau auf der Matte aufgezeichnet, selbst wenn
es etwas ganz Törichtes ist. Auch ihre Lendentücher, die sie anhatten,
sind genau beschrieben, was jene Alii gegessen haben, wie ihr Pferd
heißt, ob sie selber Elephantiasis[38] oder schwache Gedanken haben.

Dies, was sie erzählen, würde in unserm Lande folgendermaßen lauten: Der
Pule nuu[39] von Matautu hat heute morgen nach gutem Schlafe zunächst
einen Rest Taro vom Abend vorher gegessen, danach ging er zum Fischen,
kehrte um Mittag wieder in seine Hütte zurück, lagerte auf seiner
Hausmatte und sang und las in der Bibel bis zum Abend. Seine Frau Sina
hat zuerst ihr Kind gesäugt, ist dann zum Bade gegangen und fand auf dem
Heimwege eine schöne Puablume, mit der sie ihr Haar schmückte und wieder
in ihre Hütte zurückkehrte. Und so fort.

Alles, was geschieht und was die Menschen tun und nicht tun, wird
mitgeteilt; ihre schlechten und guten Gedanken ebenso wie wenn sie ein
Huhn oder Schwein schlachteten oder sich ein neues Canoe gebaut haben.
Es geschieht und gibt nichts im weiten Lande, das diese Matte nicht
gewissenhaft erzählt. Der Papalagi nennt dies: »über alles gut
unterrichtet sein.« Er will unterrichtet sein über alles, was von einem
Sonnenuntergang zum anderen in seinem Lande geschieht. Er ist empört,
wenn ihm etwas entgeht. Er nimmt alles gierig in sich auf. Obwohl auch
alle Schrecklichkeiten mit verkündet werden und alles das, was ein
gesunder Menschenverstand am liebsten ganz schnell wieder vergißt. Ja
gerade dieses Schlechte und Wehtuende wird noch genauer mitgeteilt als
alles Gute, ja bis in alle Einzelheiten, als ob das Gute mitzuteilen
nicht viel wichtiger und fröhlicher wäre, als das Schlechte.

Wenn du die Zeitung liest, brauchst du nicht nach Apolima, Manono oder
Savaii zu reisen, um zu wissen, was deine Freunde tun, denken und
feiern. Du kannst ruhig auf deiner Matte liegen, die vielen Papiere
erzählen dir alles. Dies scheint sehr schön und angenehm, doch dies ist
nur ein Trugschluß. Denn wenn du nun deinem Bruder begegnest und jeder
von euch hielt schon den Kopf in die vielen Papiere, so wird einer dem
anderen nichts Neues oder Besonderes mehr mitzuteilen haben, da jeder
das Gleiche in seinem Kopfe trägt, ihr schweigt euch also an oder
wiederholt einander nur, was die Papiere sagten. Es bleibt aber immer
ein Stärkeres, ein Fest oder ein Leid mitzufeiern oder mitzutrauern, als
dies nur erzählt zu bekommen von fremdem Munde und es nicht mit seinen
Augen gesehen zu haben.

Aber dies ist es nicht, was die Zeitung für unseren Geist so schlecht
macht, daß sie uns erzählt, was geschieht, sondern, daß sie uns auch
sagt, was wir darüber denken sollen über dies Dies und das Das, über
unsere hohen Häuptlinge oder die Häuptlinge anderer Länder, über alle
Geschehnisse und alles Tun der Menschen. Die Zeitung möchte alle
Menschen zu einem Kopfe machen, sie bekämpft meinen Kopf und mein
Denken. Sie verlangt für jeden Menschen ihren Kopf und ihr Denken. Und
dies gelingt ihr auch. Wenn du am Morgen die vielen Papiere liest, weißt
du am Mittag, was jeder Papalagi in seinem Kopfe trägt und denkt.

Die Zeitung ist auch eine Art Maschine, sie macht täglich viele neue
Gedanken, viel mehr als ein einzelner Kopf machen kann. Aber die meisten
Gedanken sind schwache Gedanken ohne Stolz und Kraft, sie füllen wohl
unseren Kopf mit viel Nahrung, aber machen ihn nicht stark. Wir könnten
geradesogut unseren Kopf mit Sand füllen. Der Papalagi überfüllt seinen
Kopf mit solcher nutzlosen Papiernahrung. Ehe er die eine von sich
stoßen kann, nimmt er die neue schon wieder auf. Sein Kopf ist wie die
Mangrovesümpfe, die im eigenen Schlick ersticken, in denen nichts Grünes
und Fruchtbares mehr wächst, wo nur üble Dämpfe aufsteigen und stechende
Insekten sich tummeln.

Der Ort des falschen Lebens und die vielen Papiere haben den Papalagi zu
dem gemacht, was er ist: zu einem schwachen, irrenden Menschen, der das
liebt, was nicht wirklich ist und der das, was wirklich ist, nicht mehr
erkennen kann, der das Abbild des Mondes für den Mond selber hält und
eine beschriebene Matte für das Leben selber.


[Fussnote 38: Eine Krankheit, Wucherung der Gewebe, bei der die
Gliedmaßen unnatürlich anschwellen.]

[Fussnote 39: Der Richter.]




  Die schwere Krankheit des Denkens


Wenn das Wort »Geist« in den Mund des Papalagi kommt, so werden seine
Augen groß, rund und starr; er hebt seine Brust, atmet schwer und reckt
sich auf wie ein Krieger, der den Feind geschlagen hat. Denn dies
»Geist« ist etwas, worauf er besonders stolz ist. Es ist jetzt nicht die
Rede vom großen, gewaltigen Geiste, welchen der Missionar »Gott« nennt,
von dem wir alle nur ein kümmerliches Abbild sind, sondern vom kleinen
Geiste, der dem Menschen zugehört und seine Gedanken macht.

Wenn ich von hier aus den Mangobaum hinter der Missionskirche sehe, so
ist das nicht Geist, weil ich ihn nur sehe. Aber wenn ich erkenne, daß
er größer ist als die Missionskirche, so ist das Geist. Ich muß also
nicht nur etwas sehen, sondern auch etwas wissen. Dieses Wissen übt der
Papalagi nun von Sonnenaufgang bis zum Untergang. Sein Geist ist immer
wie ein gefülltes Feuerrohr oder wie eine ausgeworfene Angelrute. Er
bemitleidet darum uns Völker der vielen Inseln, weil wir kein Wissen
üben. Wir seien arm im Geiste und dumm wie das Tier der Wildnis.

Das ist wohl wahr, daß wir wenig das Wissen üben, was der Papalagi
»denken« nennt. Aber es fragt sich, ob der dumm ist, welcher nicht viel
oder der, welcher zuviel denkt. -- Der Papalagi denkt dauernd. Meine
Hütte ist kleiner als die Palme. Die Palme beugt sich im Sturme. Der
Sturm spricht mit großer Stimme. Derart denkt er; in seiner Weise
natürlich. Er denkt aber auch über sich selbst. Ich bin klein gewachsen.
Mein Herz ist immer fröhlich beim Anblick eines Mädchens. Ich liebe es
sehr, auf malaga[40] zu gehen. Und so fort.

Das ist nun fröhlich und gut und mag auch manchen versteckten Nutzen
haben für den, der dieses Spiel in seinem Kopfe liebt. Doch der Papalagi
denkt so viel, daß ihm das Denken zur Gewohnheit, Notwendigkeit, ja zu
einem Zwange wurde. Er muß immerzu denken. Er bringt es nur schwer
fertig, nicht zu denken und mit allen Gliedern zugleich zu leben. Er
lebt oft nur mit dem Kopfe, während alle seine Sinne tief im Schlafe
liegen. Obwohl er dabei aufrecht geht, spricht, ißt und lacht. Das
Denken, die Gedanken -- dies sind die Früchte des Denkens -- halten ihn
gefangen. Es ist eine Art Rausch an seinen eigenen Gedanken. Wenn die
Sonne schön scheint, denkt er sofort: wie schön scheint sie jetzt! Er
denkt immerzu: wie schön scheint sie jetzt! Das ist falsch.
Grundfalsch. Töricht. Denn es ist besser, gar nicht zu denken, wenn sie
scheint. Ein kluger Samoaner dehnt seine Glieder im warmen Lichte und
denkt nichts dabei. Er nimmt die Sonne nicht nur mit dem Kopfe an sich,
sondern auch mit den Händen, Füßen, Schenkeln, dem Bauche, mit allen
Gliedern. Er läßt seine Haut und Glieder für sich denken. Und sie denken
sicher auch, wenn auch in anderer Weise als der Kopf. Dem Papalagi ist
aber das Denken vielfach im Wege wie ein großer Lavablock, den er nicht
forträumen kann. Er denkt wohl fröhlich, aber lacht dabei nicht; er
denkt wohl traurig, aber weint dabei nicht. Er ist hungrig, aber greift
nicht zum Taro oder Palusami.[41] Er ist zumeist ein Mensch, dessen
Sinne in Feindschaft leben mit seinem Geiste; ein Mensch, der in zwei
Teile zerfällt.

Das Leben des Papalagi gleicht vielfach einem Manne, der eine Bootsfahrt
nach Savaii macht und der, kaum daß er vom Ufer abstößt, denkt: Wie
lange mag ich wohl brauchen, bis ich nach Savaii komme? Er denkt, aber
sieht nicht die freundliche Landschaft, durch die seine Reise geht. Bald
schiebt sich am linken Ufer ein Bergrücken vor. Kaum daß sein Auge ihn
nimmt, so kann er davon nicht lassen. Was mag wohl hinter dem Berge
sein? Ob es wohl eine tiefe oder enge Bucht ist? Er vergißt über solchem
Denken, die Bootsgesänge der Jünglinge mitzusingen; er hört auch die
fröhlichen Scherze der Jungfrauen nicht. Kaum liegt die Bucht und der
Bergrücken hinter ihm, so plagt ihn ein neuer Gedanke: ob wohl bis zum
Abend Sturm komme. Ja, ob wohl Sturm komme. Er sucht am hellen Himmel
nach finsteren Wolken. Er denkt immer an den Sturm, der wohl kommen
könne. Der Sturm kommt nicht, und er erreicht Savaii am Abend ohne
Schaden. Doch nun ist ihm, als ob er die Reise gar nicht gemacht habe,
denn immer waren seine Gedanken weit von seinem Leibe und außerhalb des
Bootes. Er hätte ebenso gut in seiner Hütte in Upolu bleiben können.

Ein Geist aber, der uns derart plagt, ist ein Aitu, und ich begreife
nicht, warum ich ihn viel lieben soll. Der Papalagi liebt und verehrt
seinen Geist und nährt ihn mit Gedanken aus seinem Kopfe. Er läßt ihn
nie hungern, aber es macht ihm auch wenig Beschwer, wenn die Gedanken
sich gegenseitig verspeisen. Er macht viel Geräusch mit seinen Gedanken
und läßt sie laut werden wie unerzogene Kinder. Er gebart sich, als
wären seine Gedanken ebenso köstlich wie Blüten, Berge und Wälder. Er
spricht von seinen Gedanken, als sei dagegen nicht wert, wenn ein Mann
tapfer und ein Mädchen fröhlichen Sinnes ist. Er gehabt sich geradeso,
als ob es irgendwo ein Gebot gäbe, daß der Mensch viel denken müsse. Ja,
daß dieses Gebot von Gott sei. Wenn die Palmen und Berge denken, machen
sie doch auch nicht viel Lärm dabei. Und sicherlich, würden die Palmen
so laut und wild denken wie die Papalagi, so hätten sie keine schönen
grünen Blätter und keine goldenen Früchte. (Denn es ist eine feste
Erfahrung, daß Denken schnell alt und häßlich macht.) Sie würden
abfallen, ehe sie reif sind. Es ist aber wahrscheinlicher, daß sie sehr
wenig denken.

Es gibt zudem gar vielerlei Art und Weise zu denken und mannigfache
Ziele für den Pfeil des Geistes. Traurig ist das Los der Denker, die in
die Ferne denken. Wie wird dies sein, wenn die nächste Morgenröte kommt?
Was wird der große Geist mit mir vorhaben, wenn ich in das Salefe'e[42]
komme? Wo war ich, ehe mir die Booten des Tagaloa[43] die Agaga[44]
schenkten? Dieses Denken ist so unnütz, wie wenn einer die Sonne mit
geschlossenen Augen sehen will. Es geht nicht. So ist es auch nicht
möglich, in die Ferne und in den Anfang zu Ende zu denken. Das verspüren
die, welche es versuchen. Sie hocken von ihren Jünglingsjahren bis zum
Mannesalter wie die Eisvögel an einer Stelle. Sehen die Sonne nicht
mehr, das weite Meer, das liebe Mädchen, keine Freude, kein Nichts, kein
Garnichts. Selbst die Kava schmeckt ihnen nicht mehr, und beim Tanz auf
dem Dorfplatze sehen sie vor sich nieder auf die Erde. Sie leben nicht,
obwohl sie auch nicht tot sind. Die schwere Krankheit des Denkens hat
sie überfallen.

Dieses Denken soll den Kopf groß und hoch machen. Wenn einer viel und
schnell denkt, sagt man in Europa, er sei ein großer Kopf. Statt mit
diesen großen Köpfen Mitleid zu haben, werden sie besonders verehrt. Die
Dörfer machen sie zu ihren Häuptlingen, und wohin ein großer Kopf kommt,
da muß er öffentlich vor den Menschen denken, was allen viele Wollust
bereitet und viel bewundert wird. Wenn ein großer Kopf stirbt, dann ist
Trauer im ganzen Land und viel Wehklagen um das, was verloren ist. Man
macht ein Spiegelbild des großen toten Kopfes in Felsgestein und stellt
es vor aller Augen auf dem Marktplatze auf. Ja man macht diese
steinernen Köpfe noch viel größer, als sie im Leben waren, damit das
Volk sie ja recht bewundere und sich demütig auf den eigenen kleinen
Kopf besinnen kann.

Wenn man nun einen Papalagi fragt: warum denkst du soviel? antwortet er:
weil ich nicht dumm bleiben will und mag. Es gilt als valea[45], jeder
Papalagi, welcher nicht denkt; wenngleich er doch eigentlich klug ist,
der nicht viel denkt und seinen Weg doch findet.

Ich glaube aber, daß dies nur ein Vorwand ist und der Papalagi einem
schlechten Triebe nachgeht. Daß der eigentliche Zweck seines Denkens
ist, hinter die Kräfte des großen Geistes zu kommen. Ein Tun, das er
selber mit dem wohlklingenden Titel: »erkennen« bezeichnet. Erkennen,
das heißt, ein Ding so nahe vor Augen haben, daß man mit der Nase daran,
ja hindurch stößt. Dieses Durchstoßen und Durchwühlen aller Dinge ist
eine geschmacklose und verächtliche Begierde des Papalagi. Er ergreift
den Skolopender[46], durchstößt ihn mit einem kleinen Speere, reißt ihm
ein Bein aus. Wie sieht so ein Bein getrennt von seinem Leibe aus? Wie
war es am Leibe festgemacht? Er zerbricht das Bein, um die Dicke zu
prüfen. Das ist wichtig, ist wesentlich. Er stößt einen sandkorngroßen
Splitter vom Beine ab und legt ihn unter ein langes Rohr, das eine
geheime Kraft hat und die Augen viel schärfer sehen läßt. Mit diesem
großen und starken Auge durchsucht er alles, deine Träne, einen Fetzen
deiner Haut, ein Haar, alles, alles. Er zerteilt alle diese Dinge, bis
er an einen Punkt kommt, wo sich nichts mehr zerbrechen und zerteilen
läßt. Obwohl dieser Punkt allemal der kleinste ist, so ist er doch
zumeist der allerwesentlichste, denn er ist der Eingang zur höchsten
Erkenntnis, die nur der große Geist besitzt.

Dieser Eingang ist auch dem Papalagi verwehrt, und seine besten
Zauberaugen haben noch nicht hineingeschaut. Der große Geist läßt sich
seine Geheimnisse nie nehmen. Nie. Es ist noch niemand höher geklettert,
als die Palme hoch war, die seine Beine umschlungen hielten. Bei der
Krone mußte er umkehren; es fehlte ihm der Stamm, um höher hinauf zu
klimmen. Der große Geist liebt auch die Neugierde der Menschen nicht,
deshalb hat er über alle Dinge große Lianen gezogen, die ohne Anfang und
Ende sind. Deshalb wird jeder, der allem Denken genau nachspürt,
sicherlich herausfinden, daß er am Ende immer dumm bleibt und dem großen
Geiste die Antworten lassen muß, die er sich selber nicht geben kann.
Die klügsten und tapfersten der Papalagi geben dies auch zu. Trotzdem
lassen die meisten Denkkranken nicht von ihrer Wollust ab, und daher
kommt es, daß das Denken den Menschen auf seinem Wege so vielfach in
die Irre führt, geradeso als ginge er im Urwald, wo noch kein Pfad
getreten ist. Sie verdenken sich, und ihre Sinne können, wie es
tatsächlich vorgekommen ist, plötzlich Mensch und Tier nicht mehr
unterscheiden. Sie behaupten, der Mensch sei ein Tier und das Tier
menschlich.

Schlimm und verhängnisvoll ist es darum, daß alle Gedanken, einerlei ob
sie gut oder schlecht sind, allsogleich auf dünne weiße Matten
geschleudert werden. »Sie werden gedruckt,« sagt der Papalagi. Das
heißt: was jene Kranken denken, wird nun auch noch mit einer Maschine,
die höchst geheimnisvoll und wunderreich ist, die tausend Hände und den
starken Willen von vielen großen Häuptlingen hat, aufgeschrieben. Aber
nicht einmal oder nur zweimal, sondern viele Male, unendlich viele Male,
immer dieselben Gedanken. Viele Gedankenmatten werden dann in Bündeln
zusammengepreßt -- »Bücher« nennt sie der Papalagi -- und in alle Teile
des großen Landes verschickt. Alle werden bald angesteckt, die diese
Gedanken in sich einnehmen. Und man verschlingt diese Gedankenmatten wie
süße Bananen, sie liegen in jeder Hütte, man häuft ganze Truhen voll und
jung und alt nagen daran, wie die Ratten am Zuckerrohr. Daher kommt es,
daß so wenige noch vernünftig denken können, in natürlichen Gedanken,
wie sie ein jeder aufrechter Samoaner hat.

Auf gleiche Weise werden auch den Kindern soviele Gedanken in den Kopf
geschoben, als nur hineingehen wollen. Sie müssen zwangsweise jeden Tag
ihr Quantum Gedankenmatten zernagen. Nur die Gesundesten stoßen diese
Gedanken ab oder lassen sie durch ihren Geist fallen wie durch ein Netz.
Die meisten aber überladen ihren Kopf mit sovielen Gedanken, daß kein
Raum mehr darin ist und kein Licht mehr hineinfällt. Man nennt dies:
»den Geist bilden« und den bleibenden Zustand solcher Wirrnis:
»Bildung«, die allgemein verbreitet ist.

Bildung heißt: seinen Kopf bis zum äußersten Rande mit Wissen füllen.
Der Gebildete weiß die Länge der Palme, das Gewicht der Kokosnuß, die
Namen aller seiner großen Häuptlinge und die Zeit ihrer Kriege. Er weiß
die Größe des Mondes, der Sterne und aller Länder. Er kennt jeden Fluß
bei Namen, jedes Tier und jede Pflanze. Er weiß alles, alles. Stelle
einem Gebildeten eine Frage, er schießt dir die Antwort entgegen, noch
ehe du deinen Mund schließt. Sein Kopf ist immer mit Munition geladen,
ist immer schußbereit. Jeder Europäer gibt die schönste Zeit seines
Lebens daran, seinen Kopf zum schnellsten Feuerrohr zu machen. Wer sich
ausschließen will, wird gezwungen. Jeder Papalagi muß wissen, muß
denken.

Das einzige, was nun alle jene Denkkranken heilen könnte, das Vergessen,
das Fortschleudern der Gedanken, wird nicht geübt; daher können es die
wenigsten. Die meisten tragen eine Last in ihrem Kopfe herum, daß ihr
Leib müde ist vom schweren Tragen und kraftlos und welk wird vor der
Zeit.

Sollen wir nun, ihr lieben nichtdenkenden Brüder, nach alledem, was ich
euch hier in treuer Wahrheit verkündet habe, wirklich dem Papalagi
nacheifern und auch denken lernen wie er? Ich sage: nein! Denn wir
sollen und dürfen nichts tun, das uns nicht stärker an Leib und unsere
Sinne nicht fröhlicher und besser macht. Wir müssen uns hüten vor allem,
was uns die Freude am Leben rauben möchte, vor allem, was unsern Geist
verdunkelt und ihm sein helles Licht nimmt, vor allem, was unseren Kopf
in Streit mit unserem Leibe bringt. Der Papalagi beweist uns durch sich
selbst, daß das Denken eine schwere Krankheit ist und den Wert eines
Menschen um vieles kleiner macht.


[Fussnote 40: Auf Reisen gehen.]

[Fussnote 41: Ein Lieblingsgericht des Samoaners.]

[Fussnote 42: Die samoanische Unterwelt.]

[Fussnote 43: Der höchste Gott in der Sage.]

[Fussnote 44: Die Seele.]

[Fussnote 45: Dumm.]

[Fussnote 46: Eine Art Tausendfüßer.]




  Der Papalagi will uns in seine Dunkelheit hineinziehen


Liebe Brüder, es gab eine Zeit, da wir alle in der Dunkelheit saßen und
keiner von uns das strahlende Licht des Evangeliums kannte, da wir
umherirrten wie Kinder, die ihre Hütte nicht finden können, da unser
Herz keine große Liebe kannte und unsere Ohren noch taub waren für das
Wort Gottes.

Der Papalagi hat uns das Licht gebracht. Er kam zu uns, uns aus unserer
Dunkelheit zu befreien. Er führte uns zu Gott und lehrte uns ihn lieben.
Wir verehrten ihn darum als den Bringer des Lichtes, als den Sprecher
des großen Geistes, den der Weiße Gott nennt. Wir erkannten und
anerkannten den Papalagi als unseren Bruder und wehrten ihm nicht unser
Land, sondern teilten alle Frucht und alles Eßbare redlich mit ihm als
eines gleichen Vaters Kinder.

Keine Mühe ließ sich der weiße Mann verdrießen, uns das Evangelium zu
bringen, auch wenn wir uns wie störrische Kinder seiner Lehre
widersetzten. Für diese Mühe und für alles dies, was er unseretwegen
erduldet, wollen wir ihm dankbar sein und ihn für alle Zeiten feiern und
ihm huldigen als unserem Lichtbringer.

Der Missionar des Papalagi lehrte uns als erster, was Gott sei, und er
führte uns von unseren alten Göttern fort, die er irre Götzen nannte,
weil sie den wahren Gott nicht in sich hatten. So hörten wir denn auf,
die Sterne der Nacht anzubeten, die Kraft des Feuers und des Windes und
wandten uns seinem Gotte zu, dem großen Gotte im Himmel.

Das Erste, was Gott tat, war, daß er uns durch den Papalagi alle
Feuerrohre und Waffen nehmen ließ, damit wir friedlich untereinander
lebten als gute Christen. Denn ihr wißt die Worte Gottes, daß wir alle
einander lieben, aber nicht töten sollen, welches sein höchstes Gebot
ist. Wir haben unsere Waffen gegeben, und keine Kriege verheeren seitdem
mehr unsere Inseln, und einer achtet den anderen als seinen Bruder. Wir
erfuhren, daß Gott recht hatte mit seinem Befehle, denn friedlich lebt
heute Dorf bei Dorf, wo einst große Unruhe herrschte und die Schrecken
kein Ende nehmen wollten. Und wenn auch noch nicht in jedem von uns der
große Gott ist und ihn mit seiner Liebe ausfüllt, so erkennen wir alle
doch in Dankbarkeit, daß unsere Sinne größer und stärker geworden sind,
seit wir Gott als den großen, den größten Häuptling und Herrscher der
Erde verehren. Ehrfürchtig und dankbar vernehmen wir seine klugen und
großen Worte, die uns immer stärker in der Liebe machen, die uns immer
mehr mit seinem großen Geiste füllen.

Der Papalagi, sagte ich, brachte uns das Licht, das herrliche Licht, das
in unser Herz hineinflammte und unsere Sinne mit Fröhlichkeit und
Dankbarkeit erfüllte. -- Er hatte das Licht früher als wir. Der Papalagi
stand schon im Lichte, als die ältesten von uns noch nicht geboren
waren. Aber er hält das Licht nur in ausgestreckter Hand, um anderen zu
leuchten, er selber, sein Leib steht in der Finsternis, und sein Herz
ist weit von Gott, obwohl sein Mund Gott ruft, weil er das Licht in
Händen hält.

Nichts ist mir schwerer und nichts erfüllt mein Herz mehr mit Trauer,
ihr lieben Kinder der vielen Inseln, als euch dies zu künden. Aber wir
dürfen und wollen uns nicht täuschen über den Papalagi, damit er uns
nicht mit in seine Finsternis hineinzieht. Er hat uns Gottes Wort
gebracht. Ja. Aber er selber hat Gottes Wort und seine Lehre nicht
verstanden. Er hat sie mit dem Munde und seinem Kopfe verstanden, aber
nicht mit seinem Leibe. Das Licht ist nicht in ihn eingedrungen, daß er
es widerstrahle und, wohin er kommt, alles in Licht leuchte aus seinem
Herzen. Dieses Licht, das man auch Liebe nennen kann.

Er fühlt zwar diese Falschheit zwischen seinem Worte und Leibe nicht
mehr. Aber du kannst es daran erkennen, daß kein Papalagi mehr das Wort
Gott aussprechen kann aus seinem Herzen. Er verzieht das Gesicht dabei,
als sei er müde oder als ginge ihn dieses Wort nichts an. Alle Weißen
geben sich zwar den Namen Gotteskinder und lassen sich ihren Glauben von
den weltlichen Häuptlingen auf Matten geschrieben bestätigen. Aber Gott
ist ihnen dennoch fremd, und wenn auch jeder die große Lehre empfangen
hat und jeder von Gott weiß. Selbst diejenigen, welche bestimmt sind,
von Gott zu sprechen in den großen herrlichen Hütten, die ihm zu Ehren
erbaut wurden, haben Gott nicht in sich, und ihr Sprechen nimmt der Wind
und die große Leere. Die Gottessprecher erfüllen ihre Rede nicht mit
Gott, sie sprechen wie die Wellen, die aufs Riff schlagen -- keiner hört
sie mehr und wenn sie auch ununterbrochen tosen.

Ich darf dies sagen, ohne daß Gott mir zürnt: Wir Kinder der Inseln
waren nicht schlechter, da wir die Sterne anbeteten und das Feuer, als
der Papalagi jetzt ist. Denn wir waren schlecht und in der Dunkelheit,
weil wir das Licht nicht kannten. Der Papalagi kennt aber das Licht und
lebt dennoch in der Dunkelheit und ist schlecht. Das Schlechteste aber
ist es, daß er sich Gotteskind und Christ nennt, uns glauben machen
will, er sei das Feuer, weil er eine Flamme in Händen trägt.

Der Papalagi besinnt sich selten auf Gott. Erst wenn ein Sturm ihn packt
oder seine Lebensflamme erlöschen will, denkt er daran, daß es Mächte
gibt, die über ihm sind und höhere Häuptlinge als er selber. Am Tage
stört ihn Gott und hält ihn nur ab von seinen seltsamen Genüssen und
Freuden. Er weiß, daß sie Gott nie gefallen können, und er weiß auch,
daß, wenn Gottes Licht wirklich in ihm wäre, er sich in den Sand werfen
müßte vor Scham. Denn nichts als Haß und Gier und Feindschaft erfüllt
ihn. Sein Herz ist ein großer, spitzer Haken geworden, ein Haken nur für
den Raub bestimmt, statt ein Licht zu sein, das die Dunkelheit forttut
und alles erleuchtet und erwärmt.

Christ nennt sich der Papalagi. Ein Wort wie ein schönster Sang. Christ.
O könnten wir uns für alle Zeiten Christen nennen. Christ sein das
heißt: Liebe zu dem großen Gotte und zu seinen Brüdern und dann erst zu
sich selbst haben. Die Liebe -- das ist das Gute tun -- muß wie unser
Blut in uns und ganz eins mit uns sein wie Kopf und Hand. Der Papalagi
trägt das Wort Christ und Gott und Liebe nur in seinem Munde. Er schlägt
mit seiner Zunge daran und macht viel Lärm damit. Aber sein Herz und
seine Liebe beugt sich nicht vor Gott, sondern nur vor den Dingen, dem
runden Metall und schweren Papier, vor dem Lustdenken, vor der Maschine,
und kein Licht erfüllt ihn, sondern ein wilder Geiz um seine Zeit und
die Narrheiten seines Berufes. Zehnmal eher geht er in den Ort des
falschen Lebens als einmal zu Gott, der weit weit ist.

Liebe Brüder, der Papalagi hat heute mehr Götzen, als wir je gehabt
haben, wenn dies ein Götze ist, was wir neben Gott anbeten und verehren
und als Liebstes in unserm Herzen tragen. Gott ist nicht das Liebste im
Herzen des Papalagi. Und deshalb tut er auch nicht seinen Willen,
sondern den Willen des Aitu. Ich sage dies aus meinem Denken, daß der
Papalagi uns das Evangelium gebracht hat als eine Art Tauschware, um
dafür unsere Früchte und den größten und schönsten Teil unseres Landes
an sich zu nehmen. Ich traue ihm dies wohl zu, denn ich habe viel
Schmutz und viel Sünde im Herzen des Papalagi entdeckt und weiß, daß
Gott uns mehr liebt als ihn, der uns den Wilden nennt, das heißt soviel
wie den Menschen, der die Zähne des Tieres und kein Herz im Leibe hat.

Aber Gott fährt in seine Augen und reißt sie auseinander, um ihn sehend
zu machen. Er hat dem Papalagi gesagt: Sei du, was du sein willst. Ich
mache dir keine Gebote mehr. Und da ging der Weiße und gab sich zu
erkennen. O, Schande! O Schrecken! -- Mit schallender Zunge und stolzem
Wort nahm er uns die Waffen, sprach mit Gott: Liebet einander. Und nun?
-- O Brüder, ihr hörtet die Schreckenskunde, das gott-, lieb- und
lichtlose Geschehen: Europa ermordet sich. Der Papalagi ist rasend
geworden. Einer tötet den anderen. Alles ist Blut und Schrecken und
Verderben. Der Papalagi gesteht endlich: ich habe keinen Gott in mir.
Das Licht in seiner Hand ist am Erlöschen. Finsternis liegt auf seinem
Wege, man hört nur das erschreckende Flügelschlagen der fliegenden Hunde
und das Schreien der Eulen.

Brüder, die Liebe Gottes erfüllt mich und die Liebe zu euch, darum gab
Gott mir meine kleine Stimme, euch dies alles zu sagen, was ich euch
gesagt habe. Damit wir stark bleiben in uns selber und nicht der
schnellen und listigen Zunge des Papalagi unterliegen. Laßt uns fortan
unsere Hände vorstrecken, wenn er uns naht und ihm zurufen: Schweige mit
deiner lauten Stimme, deine Worte sind uns Brandungslärm und
Palmenrauschen, aber nicht mehr, solange du selbst nicht ein frohes,
starkes Gesicht und blanke Augen trägst, solange das Gottesbild nicht
aus dir strahlt wie eine Sonne.

Und wir wollen uns ferner schwören und ihm zurufen: Bleibe von uns mit
deinen Freuden und Lüsten, deinem wilden Raffen nach Reichtum in den
Händen oder nach Reichtum in dem Kopfe, deiner Gier mehr zu sein als
dein Bruder, deinem vielen sinnlosen Tun, dem wirren Machen deiner
Hände, deinem neugierigen Denken und Wissen, das doch nichts weiß. Allen
deinen Narrheiten, die selbst deinen Schlaf auf der Matte ruhelos
machen. Wir brauchen dies alles nicht und begnügen uns mit den edlen und
schönen Freuden, die Gott uns in großer Zahl gab. Gott möge helfen, daß
uns sein Licht nicht blendet und in die Irre führt, sondern daß es alle
Wege klarmacht und wir in seinem Lichte gehen können und sein herrliches
Licht in uns aufnehmen, das ist: uns untereinander lieben und viel
Talofa im Herzen machen.




  Dr. F. Weinhandl, München,
  schreibt in der »Südmark« (März 1921)
  über die Felsenbücher:

»Der Felsen-Verlag gibt eine Reihe von Werken heraus, die zu den
wichtigsten und wesentlichsten gehören. Diese Bücher wollen durch
unmittelbare Tat verwirklichen, was tausend andere in schönen Worten
preisen und anempfehlen, ohne je den Durchbruch zu Verwirklichung und
Wirklichkeit erzwingen zu können. Der Felsen-Verlag geht von der
Voraussetzung aus, daß in Dingen des Lebens endlich mit dem bloßen
Gerede gebrochen werden muß. / Da ist zunächst Dr. B. Christiansens
deutsche Prosaschule »Die Kunst des Schreibens«. Christiansen begnügt
sich nicht mit Gerede und Stilproben, er bildet von innen heraus durch
streng gewählte Übungen in stets fesselnder Weise das Sprachvermögen
seines Lesers. Darin liegt auch der Unterschied zwischen Christiansen
und Eduard Engel, der die bislang beste Stilschule geschrieben hat:
Engel zeigt nur, wie es nicht gemacht werden soll, Christiansen körpert
seinem Schüler das gute Deutsch ein. Er macht ihn nicht nur zu einem
Kritiker, sondern auch zu einem Könner. / Ähnliches erstrebt Uve Jens
Kruse in seinen Willensbüchern: »Lebenskunst«, »Ich will! ich kann!« und
»Krusetag«. Diese prachtvoll kernigen Schriften wollen nicht gelesen,
sondern gelebt werden. Nun gibt es freilich heute eine Unzahl
Willensbücher: sie taugen alle nichts im Vergleich mit Kruses
Felsenbüchern. Und warum? Sie raten, aber sie erzwingen nicht die
Ausdauer, dem Rate freudig zu folgen. Das fällt dem Willensschwachen am
schwersten; und diese Schwierigkeit mit einer mannigfachen
Wechselgliederung der Willensübungen überwunden zu haben, das ist ein
Hauptvorzug Kruses. Wer einmal mit den Übungen begonnen, der wird mit
Staunen das ungeahnte Wachsen innerer und äußerer Kräfte fühlen.«

[Illustration]

  Felsen-Verlag / Buchenbach-Baden




  Die Felsenbücher:

  Uve Jens Kruse »Lebenskunst«

  Uve Jens Kruse »Ich will! ich kann!« (Willensschule)

  Uve Jens Kruse »Redeschule«

  Uve Jens Kruse »Das Buch zum guten Schlaf«

  Uve Jens Kruse »Gedächtnisschule«

  Uve Jens Kruse »Krusetag«

  Dr. B. Christiansen »Die Kunst des Schreibens«

  Kurt Bock »Der große Pan«

  Feldkeller »Vaterland«

  Feldkeller »Der Patriotismus«

  Brigitte Lossen »Mutterseele«

  E. Scheurmann »Erwachen«

  »Der Papalagi«

  H. G. Lindner »Der Primus«

  Englert »Geliebte Erde«

  R. Vogel »Sonnenuntergang«

  E. Scheurmann »Adam«

  Kurt Kauffmann »Der Kopfarbeiter«

  E. Baer »Jahresgedanken einer Frau«

  Erich Scheurmann »Neue Kasperstücke«

  Gerstner »Graphologie«

  Wilh. Gotthold »Epikuräer in Hemdsärmeln«


  =Transcriber's Notes:=
  hyphenation, spelling and grammar have been preserved as in the original
  minor punctuation changes made without notification
  Page  9, großes, dunkles von dichten ==> großes, dunkles, von dichten
  Page 15, Die Glieder, auf denen ==> Die Glieder, aus denen
  Page 16, die Lagune zu Regenzeit ==> die Lagune zur Regenzeit
  Page 23, die von Innen kommt ==> die von innen kommt
  Page 50, die europäische Kawa ==> die europäische Kava
  Page 50, Mann eines Somoadorfes seine ==> Mann eines Samoadorfes seine
  Page 61, Sonnenaufgang bis -Untergang ==> Sonnenaufgang bis Untergang
  Page 72, footnote, im Himmel. Durch das ==> im Himmel, durch das
  Page 74, Glieder stärker gegemacht ==> Glieder stärker gemacht
  Page 78, die ihm vor dem ==> die ihn vor dem
  Page 81, footnote, Tussi=tussi der Briefschreiber ==> Tussi-tussi = der
           Briefschreiber
  Page 101, garnicht zu denken ==> gar nicht zu denken
  Page 103, Anfang zuende zu denken ==> Anfang zu Ende zu denken
  Page 108, schnellsten Feurrohr zu machen ==> schnellsten Feuerrohr zu
            machen
  Page after 117, Der Felsen-Verlag ==> »Der Felsen-Verlag


[The end of _Der Papalagi_ by Erich Scheurmann]
