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Title: Die drei Spinnerinnen: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: April 11 2012
Date last updated: April 11 2012
Faded Page ebook #20120407

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14.

Die drei Spinnerinnen.


Es war ein Mädchen faul und wollte nicht spinnen, und die Mutter mochte
sagen was sie wollte, sie konnte es nicht dazu bringen. Endlich übernahm
die Mutter einmal Zorn und Ungeduld, daß sie ihm Schläge gab, worüber es
laut zu weinen anfieng. Nun fuhr gerade die Königin vorbei, und als sie
das Weinen hörte, ließ sie anhalten, trat in das Haus und fragte die
Mutter, warum sie ihre Tochter schlüge, daß man draußen auf der Straße
das Schreien hörte. Da schämte sich die Frau daß sie die Faulheit ihrer
Tochter offenbaren sollte und sprach 'ich kann sie nicht vom Spinnen
abbringen, sie will immer und ewig spinnen, und ich bin arm und kann
den Flachs nicht herbeischaffen.' Da antwortete die Königin 'ich höre
nichts lieber als spinnen, und bin nicht vergnügter als wenn die Räder
schnurren: gebt mir eure Tochter mit ins Schloß, ich habe Flachs genug,
da soll sie spinnen so viel sie Lust hat.' Die Mutter wars von Herzen
gerne zufrieden und die Königin nahm das Mädchen mit. Als sie ins Schloß
gekommen waren, führte sie es hinauf zu drei Kammern, die lagen von
unten bis oben voll vom schönsten Flachs. 'Nun spinn mir diesen Flachs,'
sprach sie, 'und wenn du es fertig bringst, so sollst du meinen ältesten
Sohn zum Gemahl haben; bist du gleich arm, so acht ich nicht darauf,
dein unverdroßner Fleiß ist Ausstattung genug.' Das Mädchen erschrack
innerlich, denn es konnte den Flachs nicht spinnen, und wärs dreihundert
Jahr alt geworden, und hätte jeden Tag vom Morgen bis Abend dabei
gesessen. Als es nun allein war, fieng es an zu weinen und saß so drei
Tage ohne die Hand zu rühren. Am dritten Tage kam die Königin und als
sie sah daß noch nichts gesponnen war, verwunderte sie sich, aber das
Mädchen entschuldigte sich damit, daß es vor großer Betrübnis über die
Entfernung aus seiner Mutter Hause noch nicht hätte anfangen können. Das
ließ sich die Königin gefallen, sagte aber beim Weggehen 'morgen mußt du
mir anfangen zu arbeiten.'

Als das Mädchen wieder allein war, wußte es sich nicht mehr zu rathen
und zu helfen, und trat in seiner Betrübnis vor das Fenster. Da sah es
drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß,
die zweite hatte eine so große Unterlippe, daß sie über das Kinn
herunterhieng, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben
vor dem Fenster stehen, schauten hinauf und fragten das Mädchen was ihm
fehlte. Es klagte ihnen seine Noth, da trugen sie ihm ihre Hülfe an und
sprachen 'willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schämen
und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir
dir den Flachs wegspinnen und das in kurzer Zeit.' 'Von Herzen gern,'
antwortete es, 'kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an.' Da
ließ es die drei seltsamen Weiber herein und machte in der ersten Kammer
eine Lücke, wo sie sich hin setzten und ihr Spinnen anhuben. Die eine
zog den Faden und trat das Rad, die andere netzte den Faden, die dritte
drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und so oft sie
schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde, und das war aufs feinste gesponnen.
Vor der Königin verbarg sie die drei Spinnerinnen und zeigte ihr, so oft
sie kam, die Menge des gesponnenen Garns, daß diese des Lobes kein Ende
fand. Als die erste Kammer leer war, giengs an die zweite, endlich an
die dritte, und die war auch bald aufgeräumt. Nun nahmen die drei Weiber
Abschied und sagten zum Mädchen 'vergiß nicht, was du uns versprochen
hast, es wird dein Glück sein.'

Als das Mädchen der Königin die leeren Kammern und den großen Haufen
Garn zeigte, richtete sie die Hochzeit aus, und der Bräutigam freute
sich daß er eine so geschickte und fleißige Frau bekäme und lobte sie
gewaltig. 'Ich habe drei Basen,' sprach das Mädchen, 'und da sie mir
viel Gutes gethan haben, so wollte ich sie nicht gern in meinem Glück
vergessen: erlaubt doch daß ich sie zu der Hochzeit einlade und daß sie
mit an dem Tisch sitzen.' Die Königin und der Bräutigam sprachen 'warum
sollen wir das nicht erlauben?' Als nun das Fest anhub, traten die drei
Jungfern in wunderlicher Tracht herein, und die Braut sprach 'seid
willkommen, liebe Basen.' 'Ach,' sagte der Bräutigam, 'wie kommst du
zu der garstigen Freundschaft?' Darauf gieng er zu der einen mit dem
breiten Platschfuß und fragte 'wovon habt ihr einen solchen breiten
Fuß?' 'Vom Treten,' antwortete sie, 'vom Treten.' Da gieng der Bräutigam
zur zweiten und sprach 'wovon habt ihr nur die herunterhängende Lippe?'
'Vom Lecken,' antwortete sie, 'vom Lecken.' Da fragte er die dritte
'wovon habt ihr den breiten Daumen?' 'Vom Faden drehen,' antwortete sie,
'vom Faden drehen.' Da erschrack der Königssohn und sprach 'so soll mir
nun und nimmermehr meine schöne Braut ein Spinnrad anrühren.' Damit war
sie das böse Flachsspinnen los.


[The end of _Die drei Spinnerinnen_ by The Brothers Grimm]
