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Title: Die drei Schlangenblätter: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: April 10 2012
Date last updated: April 10 2012
Faded Page ebook #20120405

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16.

Die drei Schlangenblätter.


Es war einmal ein armer Mann, der konnte seinen einzigen Sohn nicht mehr
ernähren. Da sprach der Sohn 'lieber Vater, es geht euch so kümmerlich,
ich falle euch zur Last, lieber will ich selbst fortgehen und sehen wie
ich mein Brot verdiene.' Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit
großer Trauer von ihm Abschied. Zu dieser Zeit führte der König eines
mächtigen Reichs Krieg, der Jüngling nahm Dienste bei ihm und zog mit
ins Feld. Und als er vor den Feind kam, so ward eine Schlacht geliefert,
und es war große Gefahr, und regnete blaue Bohnen, daß seine Kameraden
von allen Seiten niederfielen. Und als auch der Anführer blieb, so
wollten die übrigen die Flucht ergreifen, aber der Jüngling trat heraus,
sprach ihnen Muth zu und rief 'wir wollen unser Vaterland nicht zu
Grunde gehen lassen.' Da folgten ihm die andern, und er drang ein und
schlug den Feind. Der König, als er hörte daß er ihm allein den Sieg zu
danken habe, erhob ihn über alle andern, gab ihm große Schätze und
machte ihn zum ersten in seinem Reich.

Der König hatte eine Tochter, die war sehr schön, aber sie war auch sehr
wunderlich. Sie hatte das Gelübde gethan, keinen zum Herrn und Gemahl zu
nehmen, der nicht verspräche, wenn sie zuerst stürbe, sich lebendig mit
ihr begraben zu lassen. 'Hat er mich von Herzen lieb,' sagte sie, 'wozu
dient ihm dann noch das Leben?' Dagegen wollte sie ein Gleiches thun,
und wenn er zuerst stürbe, mit ihm in das Grab steigen. Dieses seltsame
Gelübde hatte bis jetzt alle Freier abgeschreckt, aber der Jüngling
wurde von ihrer Schönheit so eingenommen, daß er auf nichts achtete,
sondern bei ihrem Vater um sie anhielt. 'Weißt du auch,' sprach der
König, 'was du versprechen mußt?' 'Ich muß mit ihr in das Grab gehen,'
antwortete er, 'wenn ich sie überlebe, aber meine Liebe ist so groß, daß
ich der Gefahr nicht achte.' Da willigte der König ein, und die Hochzeit
ward mit großer Pracht gefeiert.

Nun lebten sie eine Zeitlang glücklich und vergnügt mit einander, da
geschah es, daß die junge Königin in eine schwere Krankheit fiel, und
kein Arzt ihr helfen konnte. Und als sie todt da lag, da erinnerte sich
der junge König was er hatte versprechen müssen, und es grauste ihm
davor, sich lebendig in das Grab zu legen, aber es war kein Ausweg: der
König hatte alle Thore mit Wachen besetzen lassen, und es war nicht
möglich dem Schicksal zu entgehen. Als der Tag kam, wo die Leiche in das
königliche Gewölbe beigesetzt wurde, da ward er mit hinabgeführt, und
dann das Thor verriegelt und verschlossen.

Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot
und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vorrath zu Ende gieng, mußte er
verschmachten. Nun saß er da voll Schmerz und Trauer, aß jeden Tag nur
ein Bißlein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch wie der Tod
immer näher rückte. Indem er so vor sich hinstarrte, sah er aus der Ecke
des Gewölbes eine Schlange hervor kriechen, die sich der Leiche näherte.
Und weil er dachte sie käme um daran zu nagen, zog er sein Schwert und
sprach 'so lange ich lebe sollst du sie nicht anrühren,' und hieb sie in
drei Stücke. Über ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke
hervor, als sie aber die andere todt und zerstückt liegen sah, gieng
sie zurück, kam bald wieder und hatte drei grüne Blätter im Munde. Dann
nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie, wie sie zusammen
gehörten, und that auf jede Wunde eins von den Blättern. Alsbald fügte
sich das Getrennte an einander, die Schlange regte sich und ward wieder
lebendig, und beide eilten mit einander fort. Die Blätter blieben auf
der Erde liegen, und dem Unglücklichen, der alles mit angesehen hatte,
kam es in die Gedanken, ob nicht die wunderbare Kraft der Blätter,
welche die Schlange wieder lebendig gemacht hatte, auch einem Menschen
helfen könnte. Er hob also die Blätter auf und legte eins davon auf
den Mund der Todten, die beiden andern auf ihre Augen. Und kaum war es
geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das bleiche
Angesicht und röthete es wieder. Da zog sie Athem, schlug die Augen
auf und sprach 'ach, Gott, wo bin ich?' 'Du bist bei mir, liebe Frau,'
antwortete er, und erzählte ihr wie alles gekommen war und er sie wieder
ins Leben erweckt hatte. Dann reichte er ihr etwas Wein und Brot, und
als sie wieder zu Kräften gekommen war, erhob sie sich, und sie giengen
zu der Thüre, und klopften und riefen so laut daß es die Wachen hörten
und dem König meldeten. Der König kam selbst herab und öffnete die
Thüre, da fand er beide frisch und gesund, und freute sich mit ihnen
daß nun alle Noth überstanden war. Die drei Schlangenblätter aber nahm
der junge König mit, gab sie einem Diener und sprach 'verwahr sie mir
sorgfältig, und trag sie zu jeder Zeit bei dir, wer weiß in welcher Noth
sie uns noch helfen können.'

Es war aber in der Frau, nachdem sie wieder ins Leben war erweckt
worden, eine Veränderung vorgegangen: es war als ob alle Liebe zu ihrem
Manne aus ihrem Herzen gewichen wäre. Als er nach einiger Zeit eine
Fahrt zu seinem alten Vater über das Meer machen wollte und sie auf ein
Schiff gestiegen waren, so vergaß sie die große Liebe und Treue, die er
ihr bewiesen und womit er sie vom Tode gerettet hatte, und faßte eine
böse Neigung zu dem Schiffer. Und als der junge König einmal da lag und
schlief, rief sie den Schiffer herbei, und faßte den schlafenden am
Kopfe, und der Schiffer mußte ihn an den Füßen fassen, und so warfen sie
ihn hinab ins Meer. Als die Schandthat vollbracht war, sprach sie zu ihm
'nun laß uns heimkehren und sagen er sei unterwegs gestorben. Ich will
dich schon bei meinem Vater so herausstreichen und rühmen, daß er mich
mit dir vermählt und dich zum Erben seiner Krone einsetzt.' Aber der
treue Diener, der alles mit angesehen hatte, machte unbemerkt ein
kleines Schifflein von dem großen los, setzte sich hinein, schiffte
seinem Herrn nach, und ließ die Verräther fortfahren. Er fischte den
Todten wieder auf, und mit Hilfe der drei Schlangenblätter, die er
bei sich trug, und auf die Augen und den Mund legte, brachte er ihn
glücklich wieder ins Leben.

Sie ruderten beide aus allen Kräften Tag und Nacht, und ihr kleines
Schiff flog so schnell dahin daß sie früher als das andere bei dem
alten Könige anlangten. Er verwunderte sich als er sie allein kommen
sah und fragte was ihnen begegnet wäre. Als er die Bosheit seiner
Tochter vernahm, sprach er 'ich kanns nicht glauben, daß sie so schlecht
gehandelt hat, aber die Wahrheit wird bald an den Tag kommen,' und hieß
beide in eine verborgene Kammer gehen und sich vor jedermann heimlich
halten. Bald hernach kam das große Schiff herangefahren, und die
gottlose Frau erschien vor ihrem Vater mit einer betrübten Miene. Er
sprach 'warum kehrst du allein zurück? wo ist dein Mann?' 'Ach, lieber
Vater,' antwortete sie, 'ich komme in großer Trauer wieder heim, mein
Mann ist während der Fahrt plötzlich erkrankt und gestorben, und wenn
der gute Schiffer mir nicht Beistand geleistet hätte, so wäre es mir
schlimm ergangen; er ist bei seinem Tode zugegen gewesen und kann euch
alles erzählen.' Der König sprach 'ich will den Todten wieder lebendig
machen' und öffnete die Kammer, und hieß die beiden heraus gehen. Die
Frau, als sie ihren Mann erblickte, war wie vom Donner gerührt, sank
auf die Knie und bat um Gnade. Der König sprach 'da ist keine Gnade, er
war bereit mit dir zu sterben und hat dir dein Leben wieder gegeben, du
aber hast ihn im Schlaf umgebracht, und sollst deinen verdienten Lohn
empfangen.' Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchlöchertes
Schiff gesetzt und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen
versanken.


[The end of _Die drei Schlangenblätter_ by The Brothers Grimm]
