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Title: Strohhalm, Kohle und Bohne: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: April 2 2012
Date last updated: April 2 2012
Faded Page eBook #20120403

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18.

Strohhalm, Kohle und Bohne.


In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen
zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd
ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete
sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf
schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen
Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom
Herd zu den beiden herab. Da fieng der Strohhalm an und sprach 'liebe
Freunde, von wannen kommt ihr her?' Die Kohle antwortete 'ich bin zu
gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt
durchgesetzt, so war mir der Tod gewiß: ich wäre zu Asche verbrannt.'
Die Bohne sagte 'ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber
hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit
zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.' 'Wäre mir denn ein besser
Schicksal zu Theil geworden?' sprach das Stroh, 'alle meine Brüder hat
die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal
gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen
den Fingern durchgeschlüpft.' 'Was sollen wir aber nun anfangen?' sprach
die Kohle. 'Ich meine,' antwortete die Bohne, 'weil wir so glücklich
dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen
halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt,
gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.'

Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander
auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine
Brücke oder Steg da war, so wußten sie nicht wie sie hinüber kommen
sollten. Der Strohhalm fand guten Rath und sprach 'ich will mich quer
über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.'
Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die
Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die
neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr
das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen und
getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fieng an zu brennen,
zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach,
zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf. Die Bohne, die
vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, mußte über die
Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig daß sie
zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem
Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach
ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel
und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm
aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit
der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.


[The end of _Strohhalm, Kohle und Bohne_ by The Brothers Grimm]
