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Title: Die drei Männlein im Walde: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: May 3 2012
Date last updated: May 3 2012
Distributed Proofreaders Canada eBook #20120301

This ebook was produced by: Delphine Lettau, David T. Jones
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13.

Die drei Männlein im Walde.


Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr
Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine
Tochter. Die Mädchen waren mit einander bekannt und giengen zusammen
spazieren und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des
Mannes Tochter 'hör, sage deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann
sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine
Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.' Das
Mädchen gieng nach Haus und erzählte seinem Vater was die Frau gesagt
hatte. Der Mann sprach 'was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude
und ist auch eine Qual.' Endlich, weil er keinen Entschluß fassen
konnte, zog er seinen Stiefel aus und sagte 'nimm diesen Stiefel, der
hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, häng ihn an den
großen Nagel und gieß dann Wasser hinein. Hält er das Wasser, so will
ich wieder eine Frau nehmen, läufts aber durch, so will ich nicht.' Das
Mädchen that wie ihm geheißen war: aber das Wasser zog das Loch zusammen,
und der Stiefel ward voll bis obenhin. Es verkündigte seinem Vater wies
ausgefallen war. Da stieg er selbst hinauf, und als er sah daß es seine
Richtigkeit hatte, gieng er zu der Wittwe und freite sie, und die
Hochzeit ward gehalten.

Am andern Morgen, als die beiden Mädchen sich aufmachten, da stand vor
des Mannes Tochter Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, vor der Frau
Tochter aber stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken. Am zweiten
Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken so gut vor des
Mannes Tochter als vor der Frau Tochter. Und am dritten Morgen stand
Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken vor des Mannes Tochter, und
Milch zum Waschen und Wein zum Trinken vor der Frau Tochter, und dabei
bliebs. Die Frau ward ihrer Stieftochter spinnefeind und wußte nicht wie
sie es ihr von einem Tag zum andern schlimmer machen sollte. Auch war
sie neidisch, weil ihre Stieftochter schön und lieblich war, ihre rechte
Tochter aber häßlich und widerlich.

Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte und Berg und Thal
vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier, rief das
Mädchen und sprach 'da zieh das Kleid an, geh hinaus in den Wald und hol
mir ein Körbchen voll Erdbeeren; ich habe Verlangen danach.' 'Du lieber
Gott,' sagte das Mädchen, 'im Winter wachsen ja keine Erdbeeren, die
Erde ist gefroren, und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Und warum
soll ich in dem Papierkleide gehen? es ist draußen so kalt, daß einem
der Athem friert: da weht ja der Wind hindurch und die Dornen reißen mirs
vom Leib.' 'Willst du mir noch widersprechen?' sagte die Stiefmutter,
'mach daß du fortkommst, und laß dich nicht eher wieder sehen als bis du
das Körbchen voll Erdbeeren hast.' Dann gab sie ihm noch ein Stückchen
hartes Brot und sprach 'davon kannst du den Tag über essen,' und dachte
'draußen wirds erfrieren und verhungern und mir nimmermehr wieder vor
die Augen kommen.'

Nun war das Mädchen gehorsam, that das Papierkleid an und gieng mit
dem Körbchen hinaus. Da war nichts als Schnee die Weite und Breite,
und war kein grünes Hälmchen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es
ein kleines Häuschen, daraus guckten drei kleine Haulemännerchen. Es
wünschte ihnen die Tageszeit und klopfte bescheidenlich an die Thür.
Sie riefen herein, und es trat in die Stube und setzte sich auf die
Bank am Ofen, da wollte es sich wärmen und sein Frühstück essen. Die
Haulemännerchen sprachen 'gib uns auch etwas davon.' 'Gerne' sprach
es, theilte sein Stückchen Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte. Sie
fragten 'was willst du zur Winterzeit in deinem dünnen Kleidchen hier
im Wald?' 'Ach,' antwortete es, 'ich soll ein Körbchen voll Erdbeeren
suchen, und darf nicht eher nach Hause kommen als bis ich es mitbringe.'
Als es sein Brot gegessen hatte, gaben sie ihm einen Besen und sprachen
'kehre damit an der Hinterthüre den Schnee weg.' Wie es aber draußen
war, sprachen die drei Männerchen untereinander 'was sollen wir ihm
schenken, weil es so artig und gut ist und sein Brot mit uns getheilt
hat?' Da sagte der erste 'ich schenk ihm daß es jeden Tag schöner wird.'
Der zweite sprach 'ich schenk ihm daß Goldstücke ihm aus dem Mund
fallen, so oft es ein Wort spricht.' Der dritte sprach 'ich schenk ihm
daß ein König kommt und es zu seiner Gemahlin nimmt.'

Das Mädchen aber that wie die Haulemännerchen gesagt hatten, kehrte mit
dem Besen den Schnee hinter dem kleinen Hause weg, und was glaubt ihr
wohl daß es gefunden hat? lauter reife Erdbeeren, die ganz dunkelroth
aus dem Schnee hervor kamen. Da raffte es in seiner Freude sein Körbchen
voll, dankte den kleinen Männern, gab jedem die Hand und lief nach Haus,
und wollte der Stiefmutter das Verlangte bringen. Wie es eintrat und
'guten Abend' sagte, fiel ihm gleich ein Goldstück aus dem Mund. Darauf
erzählte es was ihm im Walde begegnet war, aber bei jedem Worte, das es
sprach, fielen ihm die Goldstücke aus dem Mund, so daß bald die ganze
Stube damit bedeckt ward. 'Nun sehe einer den Übermuth,' rief die
Stiefschwester, 'das Geld so hinzuwerfen,' aber heimlich war sie
neidisch darüber und wollte auch hinaus in den Wald und Erdbeeren
suchen. Die Mutter: 'nein, mein liebes Töchterchen, es ist zu kalt, du
könntest mir erfrieren.' Weil sie ihr aber keine Ruhe ließ, gab sie
endlich nach, nähte ihm einen prächtigen Pelzrock, den es anziehen
mußte, und gab ihm Butterbrot und Kuchen mit auf den Weg.

Das Mädchen gieng in den Wald und gerade auf das kleine Häuschen zu. Die
drei kleinen Haulemänner guckten wieder, aber es grüßte sie nicht, und,
ohne sich nach ihnen umzusehen und ohne sie zu grüßen, stolperte es in
die Stube hinein, setzte sich an den Ofen und fieng an sein Butterbrot
und seinen Kuchen zu essen. 'Gib uns etwas davon,' riefen die Kleinen,
aber es antwortete 'es schickt mir selber nicht, wie kann ich andern
noch davon abgeben?' Als es nun fertig war mit dem Essen, sprachen sie
'da hast du einen Besen, kehr uns draußen vor der Hinterthür rein.' 'Ei,
kehrt euch selber,' antwortete es, 'ich bin eure Magd nicht.' Wie es
sah daß sie ihm nichts schenken wollten, gieng es zur Thüre hinaus. Da
sprachen die kleinen Männer untereinander 'was sollen wir ihm schenken,
weil es so unartig ist und ein böses neidisches Herz hat, das niemand
etwas gönnt?' Der erste sprach 'ich schenk ihm daß es jeden Tag
häßlicher wird.' Der zweite sprach 'ich schenk ihm daß ihm bei jedem
Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Munde springt.' Der dritte
sprach 'ich schenk ihm daß es eines unglücklichen Todes stirbt.' Das
Mädchen suchte draußen nach Erdbeeren, als es aber keine fand, gieng es
verdrießlich nach Haus. Und wie es den Mund aufthat und seiner Mutter
erzählen wollte was ihm im Walde begegnet war, da sprang ihm bei jedem
Wort eine Kröte aus dem Mund, so daß alle einen Abscheu vor ihm bekamen.

Nun ärgerte sich die Stiefmutter noch viel mehr und dachte nur darauf
wie sie der Tochter des Mannes alles Herzeleid anthun wollte, deren
Schönheit doch alle Tage größer ward. Endlich nahm sie einen Kessel,
setzte ihn zum Feuer und sott Garn darin. Als es gesotten war, hieng sie
es dem armen Mädchen auf die Schulter, und gab ihm eine Axt dazu, damit
sollte es auf den gefrornen Fluß gehen, ein Eisloch hauen und das Garn
schlittern. Es war gehorsam, gieng hin und hackte ein Loch in das Eis,
und als es mitten im Hacken war, kam ein prächtiger Wagen hergefahren,
worin der König saß. Der Wagen hielt still und der König fragte 'mein
Kind, wer bist du und was machst du da?' 'Ich bin ein armes Mädchen und
schlittere Garn.' Da fühlte der König Mitleiden, und als er sah wie es
so gar schön war, sprach er 'willst du mit mir fahren?' 'Ach ja, von
Herzen gern,' antwortete es, denn es war froh daß es der Mutter und
Schwester aus den Augen kommen sollte.

Also stieg es in den Wagen und fuhr mit dem König fort, und als sie
auf sein Schloß gekommen waren, ward die Hochzeit mit großer Pracht
gefeiert, wie es die kleinen Männlein dem Mädchen geschenkt hatten. Über
ein Jahr gebar die junge Königin einen Sohn, und als die Stiefmutter
von dem großen Glücke gehört hatte, so kam sie mit ihrer Tochter in das
Schloß und that als wollte sie einen Besuch machen. Als aber der König
einmal hinausgegangen und sonst niemand zugegen war, packte das böse
Weib die Königin am Kopf, und ihre Tochter packte sie an den Füßen,
hoben sie aus dem Bett und warfen sie zum Fenster hinaus in den vorbei
fließenden Strom. Darauf legte sich ihre häßliche Tochter ins Bett, und
die Alte deckte sie zu bis über den Kopf. Als der König wieder zurück
kam und mit seiner Frau sprechen wollte, rief die Alte 'still, still,
jetzt geht das nicht, sie liegt in starkem Schweiß, ihr müßt sie heute
ruhen lassen.' Der König dachte nichts Böses dabei und kam erst den
andern Morgen wieder, und wie er mit seiner Frau sprach, und sie ihm
Antwort gab, sprang bei jedem Wort eine Kröte hervor, während sonst ein
Goldstück heraus gefallen war. Da fragte er was das wäre, aber die Alte
sprach das hätte sie von dem starken Schweiß gekriegt, und würde sich
schon wieder verlieren.

In der Nacht aber sah der Küchenjunge wie eine Ente durch die Gosse
geschwommen kam, die sprach

 'König, was machst du?
 schläfst du oder wachst du?'

Und als er keine Antwort gab, sprach sie

 'was machen meine Gäste?'

Da antwortete der Küchenjunge

 'sie schlafen feste.'

Fragte sie weiter

 'was macht mein Kindelein?'

Antwortete er

 'es schläft in der Wiege fein.'

Da gieng sie in der Königin Gestalt hinauf, gab ihm zu trinken, schüttelte
ihm sein Bettchen, deckte es zu und schwamm als Ente wieder durch die
Gosse fort. So kam sie zwei Nächte, in der dritten sprach sie zu dem
Küchenjungen 'geh und sage dem König daß er sein Schwert nimmt und auf
der Schwelle dreimal über mir schwingt.' Da lief der Küchenjunge und
sagte es dem König, der kam mit seinem Schwert und schwang es dreimal
über dem Geist: und beim drittenmal stand seine Gemahlin vor ihm,
frisch, lebendig und gesund, wie sie vorher gewesen war.

Nun war der König in großer Freude, er hielt aber die Königin in einer
Kammer verborgen bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden sollte.
Und als es getauft war, sprach er 'was gehört einem Menschen, der den
andern aus dem Bett trägt und ins Wasser wirft?' 'Nichts besseres,'
antwortete die Alte, 'als daß man den Bösewicht in ein Faß steckt, das
mit Nägeln ausgeschlagen ist, und den Berg hinab ins Wasser rollt.' Da
sagte der König 'du hast dein Urtheil gesprochen,' ließ ein solches Faß
holen und die Alte mit ihrer Tochter hineinstecken, dann ward der Boden
zugehämmert und das Faß bergab gekullert, bis es in den Fluß rollte.




TRANSCRIBER'S NOTE / HINWEIS


A single change has been made to the text and appears below; the
original is followed by the changed version.

Die folgende Änderung wurde vorgenommen; die Originalfassung geht der
geänderten Fassung voraus.

  'mein Kind, wer bist du und was magst du da?'
   'mein Kind, wer bist du und was machst du da?'


[The end of _Die drei Männlein im Walde_ by The Brothers Grimm]
