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Title: Rapunzel: from "Kinder- und Hausmärchen"
Date of first publication: 1812
Author: Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863)
Author: Wilhelm Carl Grimm (1786-1859)
Date first posted: May 7 2012
Date last updated: May 7 2012
Faded Page eBook #20120107

This ebook was produced by: Delphine Lettau, David T. Jones
& the Online Distributed Proofreading Canada Team at http://www.pgdpcanada.net

(This book was produced from scanned images of public
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12.

Rapunzel.


Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange
vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe
Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus
ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen,
der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer
hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer
Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet
ward. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten
hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln
bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern
ward und das größte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das
Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon
bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da
erschrack der Mann und fragte 'was fehlt dir, liebe Frau?' 'Ach,'
antwortete sie, 'wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter
unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.' Der Mann, der sie lieb
hatte, dachte 'eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den
Rapunzeln, es mag kosten was es will.' In der Abenddämmerung stieg er
also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile
eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich
sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr
aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal so
viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal
in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder
hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrack er gewaltig,
denn er sah die Zauberin vor sich stehen. 'Wie kannst du es wagen,'
sprach sie mit zornigem Blick, 'in meinen Garten zu steigen und wie ein
Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? das soll dir schlecht bekommen.'
'Ach,' antwortete er, 'laßt Gnade für Recht ergehen, ich habe mich
nur aus Noth dazu entschlossen: meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem
Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, daß sie sterben
würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.' Da ließ die Zauberin in
ihrem Zorne nach und sprach zu ihm 'verhält es sich so, wie du sagst, so
will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen so viel du willst, allein
ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur
Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie
eine Mutter.' Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in
Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen
=Rapunzel= und nahm es mit sich fort.

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt
war, schloß es die Zauberin in einen Thurm, der in einem Walde lag, und
weder Treppe noch Thüre hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen.
Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin, und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 laß mir dein Haar herunter.'

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn
sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los,
wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare
zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch den
Wald ritt und an dem Thurm vorüber kam. Da hörte er einen Gesang, der
war so lieblich, daß er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die
in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme
erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinauf steigen und
suchte nach einer Thüre des Thurms, aber es war keine zu finden. Er ritt
heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß er jeden
Tag hinaus in den Wald gieng und zuhörte. Als er einmal so hinter einem
Baum stand, sah er daß eine Zauberin heran kam und hörte wie sie hinauf
rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 laß dein Haar herunter.'

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr
hinauf. 'Ist das die Leiter, auf welcher man hinauf kommt, so will ich
auch einmal mein Glück versuchen.' Und den folgenden Tag, als es anfieng
dunkel zu werden, gieng er zu dem Thurme und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 laß dein Haar herunter.'

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie
ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an
ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr daß von ihrem Gesang
sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und
er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als
er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah daß er
jung und schön war, so dachte sie 'der wird mich lieber haben als die
alte Frau Gothel,' und sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand. Sie
sprach 'ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herab
kommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit,
daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige
ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.' Sie verabredeten daß er
bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte.
Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfieng und
zu ihr sagte 'sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird
mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Königssohn, der ist in
einem Augenblick bei mir.' 'Ach du gottloses Kind,' rief die Zauberin,
'was muß ich von dir hören, ich dachte ich hätte dich von aller Welt
geschieden, und du hast mich doch betrogen!' In ihrem Zorne packte sie
die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke
Hand, griff eine Scheere mit der rechten, und ritsch, ratsch, waren sie
abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war
so unbarmherzig daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo
sie in großem Jammer und Elend leben mußte.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte Abends die
Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als
der Königssohn kam und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 laß dein Haar herunter,'

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand
oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit
bösen und giftigen Blicken ansah. 'Aha,' rief sie höhnisch, 'du willst
die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest
und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch
die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie
wieder erblicken.' Der Königssohn gerieth außer sich vor Schmerz, und in
der Verzweiflung sprang er den Thurm herab: das Leben brachte er davon,
aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte
er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und that
nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau.
So wanderte er einige Jahre im Elend umher und gerieth endlich in die
Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem
Knaben und einem Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und
sie däuchte ihn so bekannt: da gieng er darauf zu, und wie er heran kam,
erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von
ihren Thränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und
er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit
Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.




TRANSCRIBER'S NOTE / HINWEIS


The first occurrence of the name "Rapunzel" appears as spaced Text
(gesperrt) in the original and has been emphasised =thus= here.

Three changes have been made to the text and are listed below, with the
original followed by the altered version.


Bei der ersten Nennung wird der Name "Rapunzel" im Original durch
Sperrung hervorgehoben; hier wurde diese Hervorhebung =so= nachempfunden.

Am Text wurden drei Änderungen vorgenommen, die unten aufgelistet sind;
dabei folgt die geänderte Fassung dem Original.


    Sie hatten ihr aber so gut (...) geschmeckt, das sie (...)
    dreimal so viel Lust bekam.
      Sie hatten ihr aber so gut (...) geschmeckt, daß sie (...)
      dreimal so viel Lust bekam.

    meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt
      meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt

    (...) den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und
    Mädchen
      (...) den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und
      einem Mädchen


[The end of _Rapunzel_ by The Brothers Grimm]
